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Titelthema

Die Mutter der Gutmenschen

Titelthema - Die Mutter der Gutmenschen
Ist Angela Merkel ein Gutmensch? Erzieht sie die Deutschen zu Gutmenschen? © Pixabay.de

Zu den Gründen des Erfolgs der Kanzlerin gehört, ihren Landsleuten das Gefühl zugeben, auf der richtigen Seite zu stehen

Norbert Bolz01.08.2018

Angela Merkel hat vor allem eines nicht: Charisma. Und deshalb hat man sie von Anfang an unterschätzt. Am Beginn ihrer politischen Karriere war sie nicht nur eine uninteressante Erscheinung, sondern geradezu auffallend unauffällig. Ihr Image hatte deshalb nur zwei Entwicklungsdimensionen: Fleiß und Selbstbeherrschung.

Dass dies von den Deutschen als authentischer, überzeugender Auftritt empfunden wurde, kann man aber nur verstehen, wenn man sich daran erinnert, gegen wen sich das Pfarrhausmädchen aus der DDR durchgesetzt hat. Angela Merkel war die exakte Gegenfigur zu den Machos Schröder und Fischer. Nach den Rock‘n‘rollern und Streetfighting Men kam die Mutti eines neuen Biedermeier.

Grundlagen des Erfolgs
Sie ist fleißig und diszipliniert, kinderlos, geschieden und unattraktiv. Aber gerade das schützt sie vor der Eitelkeit, die Schröder und Fischer zu Fall gebracht hat. Unter der kommunistischen Diktatur war Merkel keine Widerstandskämpferin. Aber sie hat den Zusammenbruch des Kommunismus sofort entschlossen für einen Sprung in die Politik genutzt. Von Kindes Beinen an hat sie einen intelligenten Opportunismus im Verhältnis zur DDR eingeübt.

Man könnte auch sagen: die Kunst des Überlebens. Und deshalb ist ihr Machiavelli genau so nah wie die Bergpredigt. Ihre analytische Schärfe und ihre Durchsetzungskraft werden ja weltweit bewundert, aber sie gehen mit der autoritären Attitüde einher, stets die absolut richtige Entscheidung getroffen zu haben. Wer das in Zweifel zieht, wird aus dem Verkehr gezogen oder mundtot gemacht. Diese Rhetorik der Alternativlosigkeit hat für viele Menschen natürlich einen Entlastungseffekt.

Die Folgen der Flüchtlingskrise treffen nicht nur Deutschland. In Frankreich stranden ab dem Herbst 2015 tausende Menschen am Eingang des Euro-Tunnel in Calais (links). Von dort wollen sie weiter nach Großbritannien. Das Erschrecken über diese Zustände und das Bewusstwerden dafür, wie hilflos ihr Land gegenüber den Migrantenströmen ist, ist einer der Gründe dafür, dass eine Mehrzahl der Briten im Juni 2016 für den Austritt ihres Landes aus der EU votiert. © Rais G. Rouco/Photoshot/Prisma/www.prismaonline.ch

Mann muss nur Mutti folgen, dann ordnet sich die Welt. Aber diese Rhetorik hat eben auch den Effekt, dass sich innerhalb der CDU und der Regierung gar kein Alternativenbewusstsein mehr bilden kann. Deshalb war es gar nicht überraschend, dass sich angesichts der Euro-Krise und des Griechenland-Debakels, als Angela Merkel erstmals penetrant behauptete, es gäbe zu ihrer Politik keine Alternative, eine neue Partei bildete, in deren Namen schon das ganze Programm steckte: Alternative für Deutschland.

Regieren ohne Widerspruch
Alternativelos präsentiert sich aber nicht nur Merkels Politik, sondern auch ihre Person. Die seltenen Talkshows mit ihr, in denen sie natürlich der einzige Gast ist, verwandeln sich sofort in unterwürfige Hofberichterstattung. Niemand wagt es, gegen sie aufzustehen. Sie liebt es, Alpha-Tiere abzuservieren. Es kann deshalb nicht überraschen, dass es seit Jahren für sie keinen Herausforderer mehr gibt, weder in der Partei noch im Parlament. Es ist Merkels größte Stärke, ihre Schwächen in Stärken verwandeln zu können. Sie kann nicht gut reden. Doch wie kann man aus der Schwäche, nicht gut reden zu können, eine Stärke machen?

Die Antwort findet sich bei Sokrates. Er hat die Rhetorik der Antirhetorik erfunden: Ich kann nicht gut reden, ich kann nur die Wahrheit sagen. Und genau so präsentiert sich Angela Merkel. Zu ihrem Kult der Einfachheit gehört auch das Schweigen als Waffe. Es erstickt jede Debatte im Keim – ob innerparteilich, parlamentarisch oder kulturell. Viele empfinden dieses neue Biedermeier als durchaus angenehm. Mutti schwebt über den Parteien und behält mit der Raute das letzte Wort. Diese Souveränität zeigt sich in dem müden Blick, mit dem sie jedem Kritiker oder Gegner Langeweile und Verachtung zugleich signalisiert. Seither sind die konservativen Bürger in Deutschland heimatlos.

Durch eine konsequente Sozialdemokratisierung und Vergrünung hat Merkel die CDU entkernt. Machtpolitisch betrachtet war das ein genialer Schachzug. Da die SPD-Basis immer schon größte Reserven gegen Schröders Agenda 2010 gezeigt hat, war es für Merkel ein Leichtes, sich selbst als deren Verteidigerin zu positionieren. Dies – und nicht erst die Große Koalition – hat es der SPD fast unmöglich gemacht, sachliche Kritik an einer Kanzlerin zu artikulieren, die praktisch sozialdemokratische Politik exekutiert. Gleichzeitig hat Angela Merkel den Grünen alle wesentlichen Themen weggenommen.

Mit der Entscheidung, aus der Atomenergie auszusteigen, ist das jedem deutlich geworden. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Kanzlerin gerade unter Grünen-Politikern viele Fans hat. Und die „grünen“ Themen sind das Einfallstor für den Moralismus in der Politik. Ein derart radikaler Umbau einer Traditionspartei war nur möglich, weil Angela Merkel immer ein Fremdkörper in der CDU gewesen ist. Die bürgerlich-konservative Geschichte dieser Partei ist für sie unverbindlich. 

Traumata und Hysterie
Auf der Suche nach dem Erfolgsgeheimnis von Angela Merkel stoßen wir auf den Mythos von der nüchternen Naturwissenschaftlerin. Dass sie an der Karl-Marx-Universität in Leipzig zur Physikerin ausgebildet wurde und heute mit einem Physikochemiker verheiratet ist, weckt die Erwartung von Sachlichkeit und analytischer Intellektualität. Und tatsächlich stand sie zunächst für eine durchaus ideenfreie Politik des Opportunismus. Doch alles änderte sich am 11. März 2011 mit der Reaktorkatastrophe in Fukushima.

Fügen wir hier gleich hinzu, dass schon Ende des Jahres und verstärkt dann Anfang 2012 in Griechenland Merkel aufgrund ihrer Euro-Politik mit Hitler verglichen wurde. Beides muss sie traumatisiert haben. Denn von nun an startet sie ihre Alleingänge in Europa, ja in der Welt – ein Alleingehen, das natürlich als Vorausgehen interpretiert wird. Mit der „Energiewende“ nach Fukushima und der „Willkommenskultur“, die über eine Million Flüchtlinge nach Deutschland gebracht hat, sind zwei emotionale Großentscheidungen gefallen, die unser Land in unabsehbarer Weise verändern werden.

Wohlgemerkt: emotionale Großentscheidungen. Denn man kann nicht von Strategie, sondern nur von Hysterie sprechen, wenn ein Land aufgrund einer Havarie am anderen Ende der Welt plötzlich entscheidet, aus der Atomenergie auszusteigen, während alle Welt fröhlich weiter Atomkraftwerke betreibt, und zwar gerade auch an den Grenzen Deutschlands und eben auch nach wie vor in Japan. Dieser deutsche Alleingang zwingt uns zu der Interpretation, dass wir die einzig Vernünftigen in einer Welt von Verblendeten sind.

Das gleiche gilt für die Flüchtlingskrise. Kein anderes europäisches Land denkt auch nur im Traum daran, Flüchtlinge in ähnlicher Zahl wie Deutschland aufzunehmen. Müssen wir daraus schließen, dass wir die einzig Guten sind, der Rest der Europäer aber herzlos ist? Man müsste tief in der deutschen Nachkriegsseele loten, um zu erklären, warum diese emotionalen Großentscheidungen fast widerstandslos akzeptiert wurden. Was sie Angela Merkel politisch gebracht haben, ist allerdings leicht zu sagen.

Mit der „Energiewende“ hat sie das stärkste grüne Oppositionssymbol „Atomkraft nein danke“ aus der Welt geschafft. Und mit der Willkommenskultur“ hat sie sich an die Spitze der Gutmenschenbewegung gesetzt. Die asexuelle Physikerin entpuppt sich als Mutter Theresa. Und dass sie genau das kommunizieren will, machen die berühmten Selfies mit Flüchtlingen klar.

Wer ist „Wir“?
Mit ihren emotionalen Großentscheidungen hat Angela Merkel den Deutschen das größte Selbstopfer seit dem Zweiten Weltkrieg zugemutet. Wer nach den Gründen fragt, wird zwangsläufig zum Hobbypsychologen. Hat sie der Vergleich mit Hitler in Griechenland getroffen? Haben sie die Bilder der weinenden syrischen Kinder erweicht? Man kann aber auch etwas härter und zynischer fragen: Spekuliert sie auf den Friedensnobelpreis? Es ist ja leicht erkennbar, dass der Spruch, mit dem sie in die Geschichte eingehen wird, eine deutsche Kopie von Barak Obamas Wahlkampf-Slogan war.

Aus dem „Yes, we can“, das dem neuen amerikanischen Präsidenten schon kurz nach Amtsantritt, also ohne dass er schon etwas geleistet haben konnte, den Friedensnobelpreis einbrachte, wurde das „Wir schaffen das“. Diese Formel war erfolgreich, weil zwei Fragen nicht gestellt wurden. Erstens: Wer ist das „Wir“? Ist es der Pluralis Majestatis der Kanzlerin, die diese einsame Entscheidung getroffen hat? Oder ist die politische Verantwortung der Großen Koalition gemeint? Oder ist es das Wir des deutschen Volkes, dem seine Kanzlerin gut zuredet, dass es die Folgelasten schon tragen wird?

Und die zweite Frage, die durch das „Wir schaffen das“ verdeckt wird, lautet: Wollen wir das überhaupt schaffen? Der Merkel-Slogan möchte suggerieren, dass nicht die Kanzlerin allein, sondern wir alle diese Jahrhundertentscheidung getroffen haben, eine Million Flüchtlinge weitgehend unkontrolliert ins Land zu lassen. „Wir schaffen das“ ist das Spitzenprodukt einer Rhetorik der Alternativlosigkeit.

Weltmeister im Guten
So haben wir uns längst an eine Politik ohne Alternative und ohne Obergrenze gewöhnt, die durchgezogen wird - „whatever it takes“ (Mario Draghi). Ernsthafte Kritik muss Angela Merkel nicht fürchten, denn sie repräsentiert die humanitaristischen Positionen der meisten Journalisten. Dafür gibt es weltweit Beifall, der allerdings von Heuchelei kaum zu unterscheiden ist. Wer hierzulande naiv genug ist, sonnt sich seither in den Wohlgefühl: Wir sind Weltmeister im Guten.

Norbert Bolz
Pro. Dr. Norbert Bolz ist Professor für Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin. Er ist regelmäßiger Autor in Zeitungen und Magazinen sowie Gast in Talkshows. Zu seinen Büchern gehört unter anderem "Zurück zu Luther" (2016) und "Das richtige Leben" (2014, beide Wilhelm Fink Verlag). www.medienwissenschaft.tu-berlin.de