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The Rotarian

Die Sache mit dem Rotary-Rad

The Rotarian - Die Sache mit dem Rotary-Rad
© Illustrationen Greg Clarke (alle Illus)

Ein 92 Jahre alter Rotary Club inden USA war einst "The place to be". Aber die Zahl der Mitglieder schrumpfte. Deshalb wurde ein neuer Ansatz gewählt, um neue Mitglieder zu werben. Es begann mit dem Bürgermeister.

26.07.2019

"Braucht jemand ein poliertes Abzeichen?" Der Bürgermeister sah mich komisch an. "Du willst was genau von mir?" "Ich möchte ein paar Lücken füllen, Sir. Ich will beweisen, dass unser Rotary Club nicht nur Gerede ist."
Bürgermeister David Narkewicz und ich saßen in seinem Büro in der City Hall in Northampton, Massachusetts. Ich sagte ihm, dass ich im Gegenzug Müll mit einer dieser Greifstangen sammeln könnte. Ich schwor, niemanden und nichts dabei zu verletzten.

"Das ist eine nette Geste, aber es ist wirklich nicht nötig", sagte er. Sein Telefon klingelte; er hatte ein Meeting. Aber ich gab noch nicht auf. Ich versuchte ja ausnahmsweise mal, nicht gegen die Leute im Rathaus zu kämpfen, sondern sie einzubeziehen. "Wenn du mir etwas zu tun gibst", erklärte ich, "hast du einen weiteren Grund, einen Stadtvertreter zu unseren Rotary-Treffen zu schicken. Wir gewinnen beide." Er schüttelte mir die Hand. "Ich ruf dich einfach an."

Nicht mehr das, was es früher mal war

Ich gehöre einem kleinen Club in Northampton an, einer geschäftigen Universitätsstadt mit über 28.000 Einwohnern. Hier befand sich einst ein blühender Rotary Club mit 92 Mitgliedern: Ärzte, Anwälte, Bankpräsidenten und sogar der Besitzer von Northampton Cutlery, der die US-Armee mit Messern versorgte, waren hier aktiv. Aber im Laufe der Zeit verlor der Club Mitglieder und Einfluss. Der Bürgermeister hält einen jährlichen Vortrag bei einem unserer Montagsgespräche, ist aber kein Mitglied. Die lokalen Bankpräsidenten auch nicht, vor allem weil lokale Banken aussterben - von globalen Banken aufgefressen. Heute gehören zu unseren Mitgliedern ein Bankmanager, ein paar Anwälte und ein Chiropraktiker. Aber Rotary-Meetings - einst im luxuriösen Hotel Northampton - waren nicht mehr das, was sie früher mal waren.

Phil Sullivan, mit seinen 74 Jahren sechsmaliger Clubpräsident und 45-jähriger Rotarier, erinnert sich noch an die Zeiten, in denen alle Bürgermeister von Northampton Mitglieder des Clubs waren. "Aber die Zeiten haben sich geändert", sagt Sullivan. "Wir wurden älter. Ich war der Jüngste bei den Treffen, als ich 1967 mit meinem Vater zum Club dazukam, und als ich 2011 dann 67 Jahre alt wurde, war ich immer noch einer der Jüngsten!"

Heute hat unser 92-jähriger Club 30 Mitglieder, immerhin mehr als auf dem absoluten Tiefpunkt mit 19 Mitgliedern. "Neue Rotarier zu gewinnen beginnt mit einem Meeting", sagte Sullivan. "Zuerst musst du die Leute in einen Raum mit deinen Mitgliedern bringen. Vielleicht machen sie mit, vielleicht auch nicht, vielleicht erzählen sie es ihren Freunden. Auf die eine oder andere Weise gibst du ihnen einen Eindruck von Rotary."

Ein Grund zum Meeting zu kommen

Dank Sullivan sind unsere Meetings heute definitiv besser als früher. Nach jahrelangen Treffen mit Dampfgeplauder an irgendwelchen Orten verlegte Sullivan die Meetings in ein italienisches High-End-Restaurant. Das "Spoleto" war zum Mittagessen nicht geöffnet, und der Besitzer Claudio Guerra konnte nicht 20 oder 30 Rotarier für die 20 Dollar pro Person versorgen, die der Club ausgeben konnte. Aber er und Sullivan einigten sich: Das Restaurant öffnet nun am Montagmorgen exklusiv für den Rotary Club, mit einer begrenzten Speisekarte, die es für beide Seiten erschwinglich macht - ein Salat, ein Dessert und eine Auswahl aus vier Vorspeisen, darunter ein gutes Lachsstück. Die Verlegung der Meetings ins "Spoleto" erhöhte auf jeden Fall die Teilnahme und die Mitgliedschaft.

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Auch beim Bürgermeister sprach der Club vor.

Nach Bürgermeister Narkewicz war Polizeichefin Jody Kasper die nächste auf meiner Liste. Seit 1998 ist sie Polizistin in Northampton und seit 2015 die Leiterin der Abteilung - die erste Frau, die diese Funktion innehat. Wir sprachen über die Herausforderungen, mit denen ein Chief in einer Stadt wie der unseren konfrontiert ist: der zunehmende Drogenmissbrauch, die Abwanderung von Beamten in Richtung Staatspolizei, weil dort besser gezahlt wird, gelegentlicher Sexismus. Kasper sagte, dass sie sich gefreut habe, vor einigen Monaten mit unserem Club zu sprechen, und hoffe, dass wir ihre Abteilung unterstützen würden, zum Beispiel indem wir die Facebook-Seite des Departments liken und Polizisten ehren, die Gutes tun oder auch mal einen Brief zur Unterstützung schicken.

"Demnächst gibt es einen Polizeitag", sagte sie. "Da laden wir die Bevölkerung in den Bahnhof ein. Kinder können da mal eine Uniform anprobieren und erfahren, was wir tun. Bürgerinitiativen stellen sich vor, sprechen mit den Menschen und informieren über ihr Anliegen. Auch ihr könnt einen Tisch haben, wenn ihr wollt."

"Wir werden da sein", sagte ich. "Und außerdem: Hat der Bürgermeister mal erwähnt, dass er jemanden zu unseren wöchentlichen Treffen schicken wird? Du könntest einer der Vertreter der Stadt bei unseren Treffen sein."
"Jede Woche?" "Nein, auf einer rotierenden Basis.." - "Davon habe ich noch nichts gehört", sagte sie. "Klingt das machbar? Würde es helfen, wenn ich nach Verbrechern Ausschau halte?" Kasper sagte, wenn ich etwas sähe, sollte ich mich melden. In der Zwischenzeit würden ihre Beamten die Polizeiarbeit übernehmen. Und wegen der Teilnahme an unseren Meetings: "Dein Plan klingt praktikabel." Sie war an Bord, wenn der Bürgermeister es war.

Spenden und Aktionen als Anknüpfungspunkt

Das Gleiche galt für Feuerwehrchef Duane Nichols, der sich selbst als Fan von Rotary bezeichnete. "Dein Club hat uns ein paar Rauchmelder und Defibrillatoren gekauft", sagte er, als ich in seinem Büro auftauchte. In Gesprächen mit Gruppen wie der unseren betont immer Nichols drei Schritte in Richtung Brandschutz: Jedes Haus sollte funktionierende Rauchmelder haben; jede Familie sollte einen Fluchtplan für den Fall eines Brandes haben; und jeder in der Familie sollte wissen, wo er sich treffen muss, wenn er das Haus verlassen muss. Der letzte Schritt wäre mir nicht in den Sinn gekommen, aber er ist wichtig. "Das Letzte, was du willst, ist, dass jemand in ein brennendes Haus rennt, um jemanden zu retten, der bereits draußen ist", sagte er.

Nichols bot an, noch mal in den Club zu kommen und mit uns zu sprechen. "Das würde uns gefallen, aber hier geht es darum, dich als zukünftiges Mitglied zu einem Treffen zu bringen", sagte ich. "Du, der Bürgermeister, andere Stadtvertreter - nicht nur, weil du wichtig bist, sondern weil du gut vernetzt bist." Er hatte 68 Feuerwehrleute, die für ihn arbeiteten. Der Bürgermeister betreut Hunderte von Voll- und Teilzeitbeschäftigten. Wenn Menschen wie sie sich für Rotary engagieren, könnte dieses Engagement in unserer 365 Jahre alten Stadt ankommen. "Macht für mich Sinn", sagte er. "Ich komme zu einem Treffen."

Platz im Nobelhotel

Als nächstes ging ich zum Hotel Northampton, wo im Laufe der Jahre schon Gäste weilten wie die Präsidenten Coolidge, Kennedy und Nixon oder auch die Musiker David Bowie, Bob Dylan und John Mayer. Ich wollte den Besitzer Mansour Ghalibaf begrüßen, einen iranischen Einwanderer, der sich vom Buchhalter hier in seiner Wahlheimat nach oben gearbeitet hatte. Ghalibaf lebt eine Autostunde entfernt, aber er ist ein Mitglied unseres Clubs. Er lud uns ein, sein Nobelhotel "für alles" zu einem reduzierten Preis zu nutzen. Ein Paintballspiel mit Rotary-Thema in der Lobby? "Nun, fast alles." Ich gab ihm das Buch, das ich über Football geschrieben hatte, unterschrieben mit "Für einen Patriots-Fan und Patrioten".

Bei Stop & Shop, dem lokalen Supermarkt, gestand ich einen kleinen Ladendiebstahl. Die Feinkostabteilung ruft praktisch danach, indem sie heiße, würzige Pommes frites ganz frisch bereitstellt. Ich bin bekannt dafür, stets eine Fritte zu stehlen. Manager Mike Renkie vergab mir nicht nur, er versprach auch, zu einem Rotary-Meeting zu kommen. Er gab uns zudem einen Tisch beim jährlichen Kunden-Dankeschön-Tag des Ladens und dazu Platz im Schaufenster. Unser Chowderfest wurde dort gleich neben den Lachsfilets für 8,99 Dollar beworben.

Alle rekrutieren

Bei unserem Treffen am nächsten Montag hörte ich von den Rekrutierungsbemühungen anderer Mitglieder. Die Finanzberaterin Helen Blatz erzählt von einer verpassten Chance. "Erinnerst du dich an die Freundin, die ich zu einem Meeting mitgebracht habe? Ich dachte, sie würde mitmachen", sagt sie. "Sie hat sich stattdessen für das Business Network International (BNI) entschieden." Das ist einer der Nachteile in einer Stadt wie unserer: Neben Rotary gibt es weitere Service- und Wirtschaftsorganisationen, darunter Kiwanis, Lions, Handelskammer und in diesem Fall Business Network International. "Es gibt eine Menge Konkurrenz da draußen", sagte Blatz. "Du suchst nach dieser besonderen Verbindung, wenn du jemanden einlädst, aber es klappt nicht immer."

Sullivan, der sich noch an Zeiten erinnern kann, in denen Rotary ein reiner Männerclub war, hatte Blatz und mehrere andere weibliche Mitglieder mit rekrutiert. Er nickte zu Jenn Margolis, seinem Nachfolger als Präsident, hinüber und sagte: "Sie übernehmen die Macht. Gut für sie." Er begrüßte die Bemühungen zur Diversifizierung des Clubs und zur deutlichen Senkung des Durchschnittsalters der Mitglieder. "Jetzt haben wir Leute in den 30ern wie Jenn und Dan Shaver."

Auch online aktiv werden

Shaver, ein Chiropraktiker, wünschte sich, der Club würde Hilfe vom RI-Zentralbüro in Evanston erhalten, um die Website zu verbessern und junge Menschen online zu erreichen. Darüber hinaus hoffte er, dass Erica Olsen, Leiterin des Safety Net Project am National Network to End Domestic Violence, mitmachen würde. Sie ist seine Frau.

Bob Mahar, ein altersloser Mittneunziger, beschreibt unseren Club jede Woche in einem Lied. Er sagte, er sei dafür, jüngere Mitglieder zu gewinnen, "aber ich werde nicht rappen."

Schatzmeisterin Julee Clement berichtete, dass wir mehrere Mitglieder verloren hätten, obwohl sie deren Austritt nicht beklagt. "Es waren RINOs", sagt sie. "Rotarians in name only - Rotarier nur dem Namen nach. Sie nehmen nicht teil oder zahlen ihre Beiträge nicht, also haben wir sie von der Liste gestrichen."

Dann ist da noch Tara Brewster, Vice President of Business Development bei der Greenfield Savings Bank. Brewster ist in vielerlei Hinsicht die ideale Kandidatin für eine Mitgliedschaft: jung, energisch, gemeinschaftsorientiert. Aber sie konnte die wöchentlichen Treffen nicht schaffen. "Ich habe das Gefühl, dass wir alle nicht genug Zeit haben", sagte sie. "Ich bin sehr engagiert in verschiedenen Komitees und Vorständen und mit sozialen Aufgaben betraut. Aber in einer Welt, die immer virtueller wird, sind echte Beziehungen wichtiger denn je, und das ist die Stärke von Rotary: persönliche Kontakte zwischen Rotariern mit der Gemeinde und anderen herzustellen. Die persönlichen Kontakte bedeuten so viel, nicht nur im Business, sondern auch wegen unserer Sehnsucht, irgendwo dazu zu gehören und sich gegenseitig besser kennenzulernen."

Ein paar Tage später gab es Neues von Brewster: Zusammen mit drei ihrer Kollegen in der Bank tritt sie in unseren Club ein. Ihre Geschäftsmitgliedschaft verpflichtet jeden von ihnen zur Teilnahme an einer Sitzung im Monat. Und nicht nur das, auch die Greenfield Savings Bank hat sich als Sponsor für das Chowderfest engagiert.

Einschließlich der ausgestoßenen RINOs hatte unser Club in den letzten sechs Monaten ein halbes Dutzend Mitglieder verloren und sieben gewonnen. Neun weitere, darunter der Bürgermeister, die Polizeichefin und der Feuerwehrchef, werden sich nun Geschäftsmitgliedschaften teilen. Das ist ein Anfang.

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Mehr Informationen unter: rotary.org/join oder nutzen Sie den Club Finder oder die Seite Refer a New Member - einfach anklicken.

Die Gegenleistung

"Mr. Cook? Hallo, hier ist Annie aus dem Büro von Bürgermeister Narkewicz..." Ja, der Bürgermeister hat sich bei mir gemeldet. Am nächsten Morgen meldete ich mich zum Dienst beim Northampton Department of Public Works, wo Richard C. Parasiliti Jr., Forstkommissar und außergewöhnlicher Baumpfleger der Forestry, Parks und Cemetery Division, mir eine gelbe Warnweste übergibt. Mein Job: eine Schicht mit einer seiner Arbeitscrews zu verbringen. 

Als nächstes fahre ich mit einem LKW mit einem 300-Gallonen-Wassertank durch die Stadt - zu einigen von Hunderten Bäumen, die die Stadt besitzt. Auf der Tour mit meinem Partner Jon Althoff lerne ich, dass der Grasstreifen zwischen einer Straße und dem Bürgersteig hier in Massachusetts  Baumgürtel genannt wird. Ich lerne, dass Bäume unter Käferbefall, Zigeunermotten-Attacken, Schäden durch aufprallende Autos oder LKWs, Unkrautvernichter und vulkanartigen Mulchhaufen leiden. "Dort ist ein Mulchvulkan", sagt Althoff und zeigt auf einen Hügel, der sich um einen Baumstamm bei Stop & Shop schichtet. "Das erstickt die Bäume." Der Mulch verhindert, dass das Wasser die Wurzeln erreicht. "Was man dagegen tatsächlich will, ist ein Ring aus Mulch um den Baum herum."

Wir parken an einer Grundschule. Althoff startet die Pumpe unseres LKWs und gibt mir einen Schlauch. Die neu gepflanzten Bäume der Stadt umgibt das Gegenteil von einem Mulchvulkan: ein großer grüner Beutel, der als Tree-gator - Baumwächter - bezeichnet wird. Diese nehmen 20 Gallonen Wasser auf, das langsam abgegeben wird, um den Baum perfekt zu bewässern.

Mein Baum ist eine Eiche, nicht viel größer als ich. Es dauert ein oder zwei Minuten, um den Tree-gator an seiner Basis zu füllen. Man kann fast hören, wie der Baum "Aaaahh..." sagt. Wenn alles gut geht, könnte der Baum in 50 Jahren mehr als 15 Meter hoch sein. Und ich hoffe, dass es im Jahr 2069 einen 200-köpfigen Rotary Club in Northampton geben wird, der unter diesem Baum ein Sommertreffen veranstaltet.

Kevin Cooks
Autor des Buches "Ten Innings at Wrigley" (2019 Henry Holt und Co.)

Aus dem Magazin "The Rotarian" (Juli 2019)
Lesen Sie den Text im Original HIER.