Forum - Die Wurzel der Gewaltenteilung

Der Messias als Teil der Welt: „Die heilige Familie“ von Dosso Dossi (1527/28) © Foto in Comune/ Olio su tela/ Dosso Dossi /foto@museiincomuneroma.it

01.02.2018

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Die Wurzel der Gewaltenteilung

Über eine Kernforderung unserer Gesellschaft, ihre religiösen und kulturellen Ursprünge – und was daraus geworden ist

Dr. Eckhard Nordhofen ist Philosoph, Theologe und Publizist. Er leitete die Zentralstelle Bildung der Deutschen Bischofskonferenz und ist Honorarprofessor für katholische Theologie an der Universität Gießen.

katheologie.uni-giessen.de


Macht ist zentripetal. Sie gravitiert auf einen Punkt. Wer sie einmal erobert hat, setzt alles daran, sie zu behalten. Teilen will er sie freiwillig um keinen Preis. So ist klar, dass Gewaltenteilung keine Erfindung von Alphatieren ist. Eigentlich ist sie instinktwidrig. Klar ist auch, dass Häuptlinge, Pharaonen, Großkönige und Kaiser, wenn es um die Sicherung ihrer Macht ging, alle mentalen Ressourcen nützen mussten. Da wurden mythische Loyalitäten geschaffen, Treueide geschworen und mit „Hurra“ und „Es lebe…“ Feste der Inthronisation gefeiert.

Stütze der Macht
In allen alten Kulturen ist vor allem die Religion eine Stütze der Macht gewesen. Mit ihrer Hilfe konnte der Regent seine Herrschaft bis in die Köpfe und Herzen verlängern. Von den präkolumbianischen Hochkulturen bis zu den alten Reichen Asiens amalgamierten sich daher Religion und Regiment. Wo der Herrscher nicht zugleich der oberste Priester oder eine göttliche Reinkarnation war, stammte er doch, wie Nippons Tenno, von der Sonne ab, und das Reich der Mitte wurde vom „Sohn des Himmels“ regiert. Die klassische Karriere eines römischen Kaisers, wenn er nicht unterwegs ermordet wurde, endete in einem Tempel, wo ihm als neuem Gott Weihrauch gespendet wurde.

So ist die Teilung und Begrenzung der Macht höchst unnatürlich, aber sie ist das Wesen einer Demokratie. Weil sie dem Instinkt des Machterhalts zuwiderläuft, musste sie erfunden und erkämpft werden. Das Patent halten neuzeitlich John Locke und vor allem Charles de Secondat, Baron de Montesqieu, der in seinem „Geist der Gesetze“ von 1748 die staatliche Gewalt auseinanderdachte und auf die Legislative, Exekutive und Judikative verteilte. Die Kernidee, nämlich Gewalt überhaupt zu teilen und einem absoluten Herrscher das Machtmonopol streitig zu machen, ist allerdings älter. Sie ist biblisch. Eigentlich ist sie ganz einfach. Sie ergibt sich aus der religionsgeschichtlichen Premiere des Monotheismus im alten Israel.

Der hatte beim Pharao Echnaton (1351–1334 v. Chr.) ein Vorspiel. Dieser verehrte als einzige Gottheit den Strahlenaton , die Sonne. Sie war die spektakulärste Singularität des Kosmos, blieb aber doch ein Teil der sinnlich erfahrbaren Welt. Das macht den Unterschied zu Israels JHWH. Es ist ein Unterscheid ums Ganze. Erst im biblischen Monotheismus treffen wir auf die große Emergenz der Religionsgeschichte. Erstmals war der eine und einzige Gott kein Teil des Kosmos, sondern sein Schöpfer. Erstmals hatte die Welt ein Gegenüber, eine Wirklichkeit hinter allem Sichtbaren, das positive Vorzeichen vor der Klammer, die die Welt bedeutet. In der Genesiserzählung (1,16f) heftet der Schöpfer Sonne und Mond als Leuchten an das Himmelgewölbe.

Eine Welt, die ein Gegenüber hat, war schlagartig eine andere geworden. Die Propheten im alten Israel hatten dieses Widerlager sofort genutzt. Wir dürfen hier Archimedes von ferne grüßen, der sich im Gedankenexperiment anheischig gemacht hatte, die Erde aus den Angeln zu heben, wenn man ihm nur einen festen Punkt außerhalb und einen ausreichend langen Hebel gebe. Das Potential der prophetischen Kritik ergibt sich aus der puren Existenz von JHWH, dem „Ich bin, der ich bin“, dessen Anwesenheit nur in seinem „Namen“ ausgerufen wurde. Er war nicht zu besichtigen. Von ihm durfte es kein Kultbild geben. Diese Vorenthaltung ist seine Pointe und seine eigentliche Stärke. Unsichtbar, aber anwesend war die höchste Macht für ihn reserviert und damit jedem weltlichen Herrscher vorenthalten.

Die höhere Macht
Auf diese Macht konnte sich zum Beispiel der Prophet Natan berufen. Vor einen orientalischen Potentaten zu treten und ihm seine Sünden vorzuhalten, wäre sonst höchst riskant, wahrscheinlich tödlich gewesen. Doch der König David hatte die Instanz, auf die sich der Prophet berief, schon anerkannt. In Israels neuer Welt des Monotheismus hatte jeder Herrscher schon akzeptiert, dass er seine Gewalt teilen musste. In der eschatologischen Gewaltenteilung hatte die Teilbarkeit der Macht Premiere. Im Wirkungsbereich des biblischen Monotheismus gibt es bei Licht besehen, keine absolute Herrschaft. Sobald der eine Gott kein Teil des Kosmos mehr war, sondern sein großes Gegenüber und Schöpfer, konnten die Propheten als Anwälte und Sprecher Gottes auftreten und ihre Stimme gegen die Könige Israels erheben.

Ihre machtkritischen Stimmen sind immer wieder zu hören: „Aber auch ein König – was könnte er für uns tun? Sprüche machen, Meineide schwören, Bündnisse schließen, und die Rechtsprechung wuchert, wie in den Ackerfurchen das giftige Unkraut.“ (Hosea, 750–722 v. Chr., 10, 3f.) Der Antagonismus zwischen Königen und Propheten zieht sich wie ein roter Faden durch das Alte Testament. JHWH steht für einen Monotheismus der Entmächtigung. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“, so wird es dann in Marias Lobgesang, dem Magnificat heißen. Die höchste absolute Macht bleibt jedem weltlichen Herrscher vorenthalten. Woher hatten Locke und Montesquieu die instinktwidrige Idee, die Macht zu teilen?

Wofür brauchte Voltaire, der Held des Antiklerikalismus noch einen Gott? „Si Dieu n`existait pas, il faudrait l`inventer.“ – „Wenn es ihn nicht schon gäbe, müsste man ihn erfinden.“ Ohne Witz und Scharfsinn keine Erkenntnis, nicht bei Voltaire. Das Oxymoron knüpft an den religionskritischen Ursprung des Monotheismus an. Die Götter des Polytheismus waren als erfundene, als selbstgemachte Götzen entlarvt worden. Ein Gott, der wirklich existieren soll, der darf nun einmal nicht erfunden sein. Es gibt das Gerücht, dass Madame Pompadour die Idee hatte, Voltaire zum Kardinal erheben zu lassen. Se non e vero, ben trovato: Wenn es nicht stimmt, so ist es doch gut erfunden.

Keine biblische Gestalt steht so klar in der Tradition der eschatologischen Gewaltenteilung wie Jesus. Das Angebot der Menge, die in ihm den gesalbten Heilskö- nig sieht, der gegen die römischen Besatzer aufsteht, lehnt er ab: „…Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.“ (Joh 6,15)

Die Rolle des Messias
„Messias“, „der Gesalbte“, war eine Art Königstitel. Mit einer Salbung hatte Samuel David zum König gemacht. Jesus weist ihn nicht rundweg ab, er akzeptiert ihn durchaus, aber nur mit einer entscheidenden Modifizierung. Auch bei seinem Einzug in Jerusalem hatte das Volk wieder gerufen: „Hosanna! Gesegnet sei er, der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels“. (Joh 12,13) Doch das Johannesevangelium klärt dieses Missverständnis im Verhör des Pilatus (18, 33–38) auf. Dieser fragt direkt: „Bist du der König der Juden?“, darauf die berühmte Antwort Jesu: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt“. Eine politische Königsrolle weist er ausdrücklich von sich. Der Satz mit dem er die Fangfrage erledigt, ob man dem Kaiser Steuern zahlen soll, ist mit Recht ebenso berühmt: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört“ (Mk 12,17). Eine seltsame Konstellation: Der Messias will nicht König sein, aber er predigt den Anbruch des Königtums Gottes.

Man krönt ihn, aber mit Dornen. Auf dem Kreuz, an das man ihn schlägt, prangt ein Titulus, der ihn zum König ausruft, INRI: „Jesus Nazarenus Rex Iudeorum“. Die Juden protestieren, Pilatus aber besteht darauf. In INRI, als Spott gemeint, knistert noch die Spannung zwischen Religion und Macht. Die Entmächtigung faktischer Herrschaft gehört zum Kernbestand der biblischen Aufklärung und zu den beachtenswertesten Möglichkeiten des Monotheismus. Dass seit Konstantin dem Großen das Christentum der theokratischen Versuchung immer weniger Widerstand entgegensetzte, zeigt, wie stark auch für christliche Herrscher der Reiz war, die Religion als Machtverstärker zu nutzen.

Dass sie „von Gottes Gnaden“ zu herrschen meinten, hätte sie eigentlich auf die Bergpredigt verpflichten müssen. Davon war nicht allzuviel zu merken. Wieweit sie sich von Feindesliebe und Gewaltlosigkeit leiten ließen, mag am jüngsten Tag verhandelt werden. Deus lo vult!“, „Gott will es!“, riefen die Kreuzfahrer, und sie blieben nicht die letzten, die den eigenen Willen mit dem Willen Gottes verwechselten. Und noch in den großen Kriegen zwischen Deutschen und Franzosen betete man auf beiden Seiten für den Sieg – zu demselben Gott.

Auch hier wurde offensichtlich etwas verwechselt: „Ihr werdet sein wie Gott und erkennt Gut und Böse“ (Gen 3,5). Irgendwie hatte man vergessen, dass das Versprechen der Schlange falsch war. Merke: Usurpation führt zur Vertreibung aus dem Paradies. Immerhin hatte im lateinischen Westen ein langer Dualismus zwischen Regnum und Sacerdotium, zwischen Päpsten und Kaisern den Rückfall in die blanke Theokratie verhindert. Hier setzte sich wohl kaum zufällig die Trennung von Staat und Kirche durch. Sie ist gut für beide Seiten. Sie muss nicht laizistisch feindseelig sein. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland zeigt, dass es auch kooperativ geht.

Religion und Staat
Seine Väter und Mütter hatten 1949 den Schrecken des NS-Totalitarismus noch in den Knochen und den Stalinismus vor Augen. Viel lag ihnen daran, den Staat zu entmächtigen. So kam es in der Prä- ambel gleichsam als Totalitarismusbremse zum Gottesbezug. Ein Seitenblick auf den Islam lehrt, dass nicht jeder Monotheismus zur Gewaltenteilung führt. Zur eschatologischen Gewaltenteilung führt nur ein Monotheismus der Vorenthaltung. Er aber ist die Grundfigur aller Gewaltenteilung, eine tiefgründende Wurzel der Demokratie. 

Rotary Magazin 2/2018

Rotary Magazin Heft 2/2018

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