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Klimawandel - was Rotary dagegen unternimmt

Serie - Klimawandel - was Rotary dagegen unternimmt
Stürme - hier ein Hurrikan - häufen sich in den letzten Jahren. © Pixabay.de

Rotary-Mitglieder sind Menschen der Tat. Präsentiert man ihnen ein Problem, überlegen sie sich Lösungen dafür. Ein globales Problem wie der Klimawandel mag aber selbst dem einfallsreichsten Rotarier unüberwindbar erscheinen.

05.01.2021

Rotarierinnen und Rotarier wissen um ihre persönliche Verantwortung für die Welt. Sie erleben die Auswirkung des Klimawandels in den Kommunen, die ihnen wichtig sind, und zögern nicht, etwas dagegen zu tun. Sie packen dieses Problem an, wie man es von ihnen kennt: mit wirksamen Projekten, mit ihren Kontakten für politische Änderungen und mit Plänen für die Zukunft.

Zerlegt man dieses komplexe Problem jedoch in kleinere Teile, lässt sich viel erreichen. Und genau das tun die Rotarierinnen und Rotarier mit Unterstützung der Rotary Foundation bereits. 

Eine Koalition aus Forschern und Wissenschaftlern unter Leitung des Umweltschützers und Bestseller-Autors Paul Hawken hat ein mathematisches Modell entwickelt, das zeigt, welche Auswirkungen auf Klima und Wirtschaft mögliche Lösungen haben und welche für Mensch und Planet am besten sind. Sie werden in dem 2017 veröffentlichten Buch „Drawdown: The Most Comprehensive Plan Ever Proposed to Reverse Global Warming“ (Titel der deutschen Version: "Drawdown – der Plan. Wie wir die Erderwärmung umkehren können") beschrieben. Einige Vorschläge sind durchaus überraschend, wie die Ausbildung von Mädchen, Familienplanung und Unterstützung der Landwirte. Die Parallelen mit den Schwerpunktbereichen von Rotary sind augenfällig. 

In Drawdown bewerteten die Forscher mögliche Lösungen auf einer Skala von 1 bis 80. Dabei beurteilten sie das Potential jeder Lösung, Treibgasemissionen zu vermeiden oder zu reduzieren. Wir haben diese Rangliste mit Global Grant Projekten verglichen, um zu zeigen, wie Rotary-Mitglieder schon jetzt den Klimawandel bekämpfen.

 

Familienplanung
Drawdown-Ranking: 7

214 Millionen Frauen, die mehr Kontrolle über ihre Schwangerschaft haben möchten, haben nach Aussage der Autoren keinen Zugang zu Verhütungsmitteln. Im Ergebnis werden jedes Jahr 74 Millionen Frauen ungewollt schwanger. Wenn Frauen die gewünschte und benötigte Gesundheitsfürsorge erhalten, kommt dies dem gesamten Planeten zugute: Das Bevölkerungswachstum wird gebremst und damit auch die Treibhausgasemissionen. 

In Gesprächen mit Rotary-Mitgliedern nannten Schwangere in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba Familienplanung als ihre Hauptpriorität. Diese Meinung wird von ihren Angehörigen und Ärzten geteilt.

Das brachte die Rotary Clubs in Finot (Äthiopien) und Darmstadt (Deutschland) auf die Idee, ein Global-Grant-Projekt zur Ausbildung von Geburtshelferinnen und Hebammen in der Familienplanung an drei Gesundheitszentren zu entwickeln. Neben der Hausberatung von 1.500 Frauen führte das klinische Personal einen ganztägigen Familienplanungs-Workshop für 90 Frauen durch, die Geburtsbegleitung erhielten.

 

Ausbildung für Mädchen
Drawdown-Ranking: 6

Eine Frau ohne Schulbildung bringt im Durchschnitt vier bis fünf Kinder mehr zur Welt als eine Frau, die 12 Jahre zur Schule gegangen ist. Daraus lässt sich ableiten, dass die Schulbildung für Mädchen eine enorme Auswirkung auf das Bevölkerungswachstum hat.

Auch wenn die Regionen mit steigenden Bevölkerungszahlen oft die niedrigsten Pro-Kopf-CO2-Emissionen verursachen, bringt eine Senkung der Geburtsraten große Vorteile – nicht nur für den Planeten, sondern auch für die Minderung der generationenübergreifenden Armut. Eine Studie habe gezeigt, so die Autoren von Drawdown, dass die Ausbildung von Mädchen der wichtigste Faktor sei, um die Gefährdung durch Extremwetter-bedingte Katastrophen zu reduzieren, die durch den Klimawandel immer häufiger auftreten. 

Nahezu 90 Prozent der Roma-Frauen in Bosnien-Herzegowina sind Analphabeten, und weniger als 15 Prozent der Roma-Kinder gehen in die Schule. Dadurch sind sie besonders gefährdet, Menschenhändlern zum Opfer zu fallen.

Die Rotary Clubs in Mostar (Bosnien-Herzegovina) und Denver (Colorado, USA) betreuen im Rahmen eines Global-Grant-Projekts zusammen mit einer örtlichen gemeinnützigen Organisation 80 Familien mit gefährdeten Mädchen. 20 Studierende der Universität Bosnien kümmerten sich ehrenamtlich um die Roma-Mädchen, von denen jetzt 15 die Schule besuchen. Nach Schätzungen der Organisatoren wurden mindestens 1.000 Eltern, Lehrer und Mädchen in 20 Gemeinden in Broschüren und Workshops über die Bedeutung der Geschlechtergleichstellung in Schulen informiert.

 

Regenerative Landwirtschaft
Drawdown-Ranking: 11

Regenerative Landwirtschaft verzichtet auf das Pflügen des Ackerbodens, setzt auf die Aussaat von unterschiedlichen Zwischenfrüchten und schränkt die Verwendung von Pestiziden und synthetischen Düngemitteln stark ein oder lehnt diese ganz ab. Diese Methoden erhöhen die Menge des im Boden vorhandenen Kohlenstoffs und fördern damit die Gesundheit der darin wachsenden Pflanzen.

Nach Ansicht der Drawdown-Autoren erhöht die regenerative Landwirtschaft die organische Bodensubstanz im Laufe von zehn Jahren um vier bis sieben Prozent. Dies entspricht zusätzlichen zehn bis 24 Tonnen Kohlenstoff, die in jedem Hektar Boden organisch gebunden sind. Es muss weniger gedüngt werden, was wiederum bedeutet, dass die regenerative Landwirtschaft dazu beitragen kann, Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu binden, während die Erträge der Landwirte steigen. 

40 Einwohner aus dem Dorf Meihua in Taiwan wurden in ökologischen Anbaumethoden ausgebildet. Finanziert wurde das Projekt mit einem Global Grant der Rotary Clubs Taipei Lungmen (Taiwan) und Patumwan (Thailand).

Gemeinsam mit dem Bioverband Taiwans richteten die Rotarier ein Schulungszentrum ein und organisierten Praktika bei Biobauern. Nach den Erwartungen der Organisatoren werde der Landbau ohne Pestizide die landwirtschaftlichen Kosten senken und können die Dorfbewohner durch den Verkauf von Biogemüse zu Premiumpreisen mehr Einkommen erwirtschaften.

 

Weniger Lebensmittelabfälle
Drawdown-Ranking: 3

Ein Drittel der weltweit produzierten Obst-, Gemüse-, Fleisch- und anderen Lebensmittelprodukte kommen nicht auf den Tisch. Stattdessen verrotten sie ungeerntet auf Feldern, verderben in Lagerstätten oder bleiben in der hintersten Ecke des Kühlschranks vergessen, bis sie im Abfall landen.

Die Produktion von unverzehrten Lebensmitteln verschwendet Energie, Land und Düngemittel. Auf Mülldeponien verrottende Lebensmittel produzieren das Treibhausgas Methan. Weggeworfene Lebensmittel setzen von der Herstellung bis zur Entsorgung jährlich 4,4 Millionen Gigatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre frei, schreiben die Autoren von Drawdown.

Der Lebensmittelgroßhändler Centroabastos in Bucaramanga, Kolumbien, erzeugt jeden Tag rund 20 Tonnen organische Feststoffabfälle. Die Rotary Clubs Bucaramanga Nuevo Milenio (Kolumbien) und Woodland Hills (Kalifornien, USA) richten jetzt zusammen mit dem gemeinnützigen Arm des Unternehmens ein Zentrum ein, das die Lebensmittelüberschüsse zur Aufklärung über den sicheren Umgang mit Lebensmitteln nutzen wird. Es wird erwartet, dass dieses Projekt Lebensmittelabfälle um 15 Prozent senken und gleichzeitig Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen wird.

 

Solardächer
Drawdown-Ranking: 10

Die Sonne wird als Energiequelle bei weitem nicht ausgeschöpft: So schreiben die Drawdown-Autoren, dass weniger als zwei Prozent des weltweit erzeugten Stroms aus Photovoltaikanlagen gewonnen wird. Mit der Senkung der Kosten in den letzten 10 Jahren setzt sich diese Technologie jedoch immer stärker durch.

Immer mehr Eigenheimbesitzer und Stromversorger ersetzen oder ergänzen fossile Brennstoffe mit Solarmodulen für die Stromerzeugung. Mehr als eine Milliarde Menschen in Entwicklungsländern können jetzt diese saubere und erschwingliche Energiequelle anstelle von traditionellen Kerosinlampen und Dieselgeneratoren nutzen. Die Sonnenenergie hat nicht nur ein gewaltiges Potenzial für die Beseitigung der Armut, sondern reduziert gleichzeitig in großem Maße den Ausstoß von Treibhausgasen. 

Das Stromnetz in Gressier (Haiti) nahe der christlichen Schule Respire Haiti ist so störungsanfällig, dass die Schule für Waisen- und benachteiligte Kinder mit einem Dieselgenerator Wasser aus dem Brunnen pumpen muss.

Mit den Mitteln aus einem Global Grant installierten die Rotary Clubs Leogane (Haiti) und Parker (Colorado, USA) ein Hybrid-System, das Solarstrom, Dieselstrom und das örtliche Stromnetz nutzt. Dadurch sparte die Schule jährlich 4.000 Dollar an Treibstoffkosten und reduzierte gleichzeitig die Luftverschmutzung und Lärmbelastung. Das Hybrid-System versorgt die Innen- und Außenbeleuchtung, Computer, Ventilatoren und Unterrichtsmittel mit Strom. Ferner finanzierte das Projekt ein neues Wasserversorgungssystem und ein Alphabetisierungsprogramm.

 

Tropenwälder
Drawdown-Ranking: 5

Vor vielen Jahren waren zwölf Prozent der Erdoberfläche von Tropenwäldern bedeckt, heute sind es nur noch fünf Prozent. Den Drawdown-Autoren zufolge ist dieser Rückgang für bis zu 19 Prozent der durch den Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Durch Wiederaufforstung dieser Wälder könnte mehr Kohlendioxid durch Fotosynthese gebunden werden. Gleichzeitig würden mehr Lebensräume für Tiere geschaffen, Überschwemmungen vorgebeugt und Boden und Wasser geschützt werden. Eine nachhaltige Wiederaufforstung, so die Autoren, muss jedoch einen sofortigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen erkennen lassen.  

Im Waldgebiet Maromizaha im Osten Madagaskars sind 13 Lemurenarten, 77 Vogelarten, 60 Amphibienarten sowie viele andere Tier- und Pflanzenarten beheimatet. Es wird jedoch bedroht von der Suche nach neuen Anbaugebieten und der Nachfrage nach Holzkohle, die den Menschen in benachbarten Ortschaften als Brennstoff dient.

Die Rotary Clubs Antananarivo-Tsimbaroa (Madagaskar), Torino Mole Antonelliana (Italien) und Annecy Tournette (Frankreich) forsteten gemeinsam mit einer örtlichen gemeinnützigen Organisation 50 Hektar Wald mit einheimischen Baumarten auf, die aus wilden Samen gewonnen wurden. Dabei wurden Jobs für örtliche Familien und eine Tourismus-Infrastruktur geschaffen. Die Rotary-Mitglieder brachten Frauen Gärtnertechniken bei, bauten Toiletten und stellten 500 umweltfreundliche Kochherde bereit, um die Abhängigkeit von Holzkohle zu verringern.

• Mitglieder der Rotarischen Aktionsgruppe Ökologische Nachhaltigkeit helfen Clubs und Distrikten bei der Planung von Umweltprojekten und machen diese publik. 

Diana Schoberg
The Rotarian, 2020