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8. Mai 1945

Liebe Leserin, lieber Leser,

16.02.2015

kaum ein Datum bewegt die Deutschen so sehr wie der 8. Mai 1945. Mit der Kapitulation der Wehrmacht ging nicht nur ein Krieg zu Ende, der mehr als 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Es war auch das Ende der NS-Diktatur sowie der Tag, an dem die Deutschen ihre Souveränität verloren. Ostdeutschland kam „unter polnische und sowjetische Verwaltung“; das Sudetenland fiel zurück an die Tschechoslowakei; Österreich wurde abgetrennt und der Rest in vier Besatzungszonen aufgeteilt.


Die Überlebenden rangen lange um die Deutung dieses Endes. Noch als Richard von Weizsäcker 1985 den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ vom „menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ bezeichnete, fand er keineswegs nur Zuspruch, obwohl er eigentlich nur Selbstverständliches aussprach. Dabei sagte Weizsäcker auch: „Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewußt erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, daß Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar waren andere Deutsche für den geschenkten neuen Anfang.“


Die Schrecken dieses Krieges ließen und lassen die Zeitgenossen nicht mehr los. Die Vergangenheit verging nicht; wer immer einen Schlusstrich unter sie ziehen wollte, scheiterte kläglich. Und doch wird 70 Jahre später allmählich bewusst, dass auch diese Zeit eines Tages Geschichte sein wird.


Womit sich die Frage stellt, was der 8. Mai in historischer Perspektive bedeutet.
Der Blick zu unseren Nachbarn zeigt, dass im Frühjahr 1945 nicht nur Deutschland eine „Stunde Null“ erlebte. Ganz Europa litt an Verwüstungen, Hunger und Rechtlosigkeit. Auch in globaler Sicht war der 8. Mai ein historischer Wendepunkt. Auf den Sieg über Deutschland folgte für viele europäische Länder – allen voran das Empire, das eben in Potsdam noch am Tisch der Sieger gesessen hatte – der allmähliche Verlust ihrer Kolonien in Übersee. Dem ausgebluteten Europa waren die Kräfte ausgegangen. Die Geschicke der Welt wurden fortan nicht mehr in Berlin, London oder Paris bestimmt, sondern in Washington und Moskau.


Darin liegt auch die Aktualität des 8. Mai im Jahre 2015. In Zeiten, in denen der Streit über die Lösung der Euro-Krise die europäischen Nationen entzweit und im Osten eine neue politische Eiszeit ausgebrochen ist, sollte ein Blick auf das Jahr 1945 nachdenklich stimmen: Damals stand ein ganzer Kontinent am Abgrund. Der folgende, zweifelsohne mühselige Weg der europäischen Einigung hingegen brachte Frieden, Rechtssicherheit und Wohlstand. Damit sollten die Europäer wissen, wo ihre Interessen liegen.