Expertenanalyse - Präsentationen, die mitreißen

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14.11.2014

Expertenanalyse

Präsentationen, die mitreißen

Ein Leitfaden zum Thema öffentliche Auftritte

Auf einer Reise nach Nairobi trafen ein paar meiner Kollegen und ich den zwölfjährigen Massai-Jungen Richard Turere, der uns eine faszinierende Geschichte erzählte. Seine Familie züchtet Vieh am Rand eines riesigen Nationalparks, und eine der größten Herausforderungen ist es, die Tiere vor Löwen zu schützen – insbesondere nachts. Richard fand heraus, dass es nichts nützte, Lampen aufzustellen, doch als er mit einer Fackel durch das Feld lief, blieben die Löwen weg. Seit seiner frühesten Kindheit war er interessiert an Elektronik und nahm unter anderem das Radio seiner Eltern auseinander, um mehr darüber zu erfahren. Das Gelernte nutzte er, um aus Solarzellen, einer Autobatterie und einem Teil von einem Motorrad ein Lichtersystem zu entwickeln, das sich ein- und ausschaltete, um die Löwen fernzuhalten. Er installierte die Lichter – und die Löwenangriffe hörten auf. Bald begannen Dörfer überall in Kenia, Richards „Löwen-Lichter“ zu installieren.


Die Geschichte war inspirierend und für ein breiteres Publikum interessant, ein Publikum, wie es unsere TED-Konferenz bieten konnte, doch schien Richard auf den ersten Blick ein schlechter Kandidat, um einen TED Talk zu geben. Er war extrem schüchtern. Sein Englisch war stockend. Als er versuchte, seine Erfindung zu beschreiben, kamen unzusammenhängende Sätze heraus. Und ganz ehrlich war es ziemlich schwer, sich ein so junges Kind vorzustellen, das vor 1400 Menschen sprechen sollte.


Doch Richards Geschichte war so spannend, dass wir ihn trotzdem einluden zu sprechen. In den Monaten vor seinem Talk arbeiteten wir mit ihm daran, seiner Geschichte einen Rahmen zu geben – ihr einen guten Ausgangspunkt zu geben und einen prägnanten und logischen Erzählbogen. Dank seiner Erfindung erhielt Richard ein Stipendium zu einer der besten Schulen Kenias. Dort hatte er die Gelegenheit, seine Rede mehrere Male vor einem Live-Publikum zu üben. Es war sehr wichtig, dass sein Selbstvertrauen aufgebaut wurde, damit seine wahre Persönlichkeit durchscheinen konnte. Als er auf der TED-Konferenz 2013 in Long Beach, Kalifornien, endlich seinen Talk hielt, merkte man, dass er nervös war, doch das machte ihn nur noch gewinnender – die Zuhörer hingen an seinen Lippen. Sein Vertrauen stieg schließlich, und jedes Mal, wenn Richard lächelte, schmolz das Publikum dahin. Als er schloss, brach das Publikums in tosenden Applaus aus.


Seit der ersten TED-Konferenz vor 30 Jahren sahen wir Präsentationen von Politikern, Musikern und Prominenten aus dem Fernsehen, Sprecher, denen es sehr leicht fällt, vor einem Publikum zu sprechen. Aber auch weniger bekannte Akademiker, Wissenschaftler und Schriftsteller, die sich sehr unwohl dabei fühlen, Präsentationen zu halten. Über die Jahre entwickelten wir daher ein Verfahren, um unerfahrenen Rednern zu helfen, ihre Reden in einen Rahmen zu fassen, zu üben und so vorzutragen, dass sie für die Zuhörer spannend waren. Auf Grundlage dieser Erfahrungen bin ich überzeugt davon, dass es durchaus erlernbar ist, einen guten Vortrag zu halten. In nur wenigen Stunden kann der Inhalt und die Vortragsweise eines Redners von einem konfusen in einen faszinierenden Beitrag verwandelt werden. Und auch wenn mein Team sich auf das „18-Minuten-oder-kürzer“-Format von TED konzentriert, so sind die Lektionen, die wir gesammelt haben, durchaus auch für andere Vortragende hilfreich.

Den richtigen Rahmen setzen
Sie können keinen guten Vortrag halten, wenn Sie nichts Interessantes zu erzählen haben. Ein Konzept und ein Rahmen zu dem, was Sie erzählen wollen, ist ein wichtiger Teil der Vorbereitung. Wenn ich an gute Vorträge denke, dann denke ich daran, dass das Publikum mit auf eine Reise genommen wird.


Wenn Sie den Vortrag wie eine Reise gestalten, dann ist die wichtigste Frage, wo Sie beginnen und wo Sie enden wollen. Um den richtigen Ausgangspunkt zu finden, überlegen Sie sich, was das Publikum bereits über Ihr Thema weiß – und wie sehr es die Zuhörer interessiert. Wenn Sie annehmen, dass sie mehr Wissen und Interesse daran haben, als tatsächlich der Fall ist, wenn Sie Jargon verwenden oder zu technisch werden, dann verlieren Sie Ihr Publikum. Die interessantesten Sprecher sind sehr gut darin, ein Thema schnell vorzustellen, zu erläutern, warum es ihnen so wichtig ist, und die Zuhörer davon zu überzeugen, dass es ihnen ebenfalls wichtig sein sollte.
Den größten Fehler, den ich bei ersten Entwürfen für Präsentationen sehe, ist, dass sie versuchen, zu viel zu behandeln. Beschränken Sie den Umfang Ihres Vortrags darauf, was in der gegebenen Zeit gut erklärt werden kann – und erwecken Sie ihn mit Beispielen zum Leben. Um tiefer zu gehen und mehr Details zu geben, erzählen Sie uns nicht über Ihr gesamtes Studienfeld, sondern erzählen Sie von Ihrem einzigartigen Beitrag.

Planen Sie Ihre Vortragsweise
Nachdem Sie den Rahmen gesetzt haben, können Sie sich auf Ihre Vortragsweise konzentrieren. Es gibt drei Hauptarten, einen Vortrag zu halten: Sie können ihn direkt von einem Skript ablesen. Sie können ein paar Aufzählungspunkte festhalten, die aufzeigen, was Sie in jedem Abschnitt sagen wollen, anstatt alles Wort für Wort auszuformulieren. Oder Sie können Ihren Vortrag auswendig lernen, was Üben bedeutet, bis Sie jedes Wort verinnerlicht haben.


Mein Rat: Lesen Sie nicht ab. Sobald die Leute merken, dass Sie lesen, ändert sich auch, wie sie Ihren Vortrag wahrnehmen. Eine persönliche Beziehung verschwindet und alles fühlt sich gleich sehr viel formeller an.
Zum Glück ist es leicht, über diesen Punkt hinwegzukommen. Man muss einfach oft genug üben, sodass die Worte ganz natürlich fließen. Dann können Sie sich darauf konzentrieren, den Vortrag bedeutungsvoll und authentisch zu halten.


Sollten Sie jedoch keine Zeit haben, eine Rede gut auswendig zu lernen und aus dem Tal der Unbeholfenheit herauszukommen, dann versuchen Sie es bitte nicht mit dem freien Vortrag. Verwenden Sie Aufzählungspunkte auf Karteikarten. So lange Sie wissen, was Sie zu jedem Punkt sagen wollen, klappt das auch. Konzentrieren Sie sich auf die Übergänge von einem Punkt zum nächsten.

Entwickeln Sie Bühnenpräsenz
Bei der Bühnenpräsenz kann etwas Training wahre Wunder bewirken. Der häufigste Fehler, den wir bei frühen Proben beobachten, ist, dass die Vortragenden sich zu viel bewegen. Sie wiegen sich von Seite zu Seite oder verlagern ihr Gewicht von einem Bein aufs andere. Eine Person dazu zu bringen, den unteren Teil ihres Körpers nicht zu bewegen, kann die Bühnenpräsenz dramatisch verbessern. Manche gehen während einer Präsentation auf einer Bühne gerne umher, und das ist in Ordnung, wenn es natürlich geschieht. Die Mehrheit jedoch sollte lieber still stehen bleiben und sich auf Handgesten verlassen, um etwas zu unterstreichen. Der vielleicht wichtigste physische Akt auf der Bühne ist der Augenkontakt. Suchen Sie sich fünf oder sechs freundliche Gesichter in verschiedenen Teilen des Publikums aus und sehen Sie sie beim Sprechen an. Stellen sie sich als Freunde vor, die Sie seit einem Jahr nicht gesehen haben und die Sie auf den neuesten Stand Ihrer Arbeit bringen wollen. Augenkontakt hat eine unglaubliche Wirkung und trägt mehr bei zu einem erfolgreichen Vortrag als alles andere.
Allgemein sorgen sich Menschen zu sehr um die Nervosität. Nerven sind keine Katastrophe. Das Publikum erwartet, dass Sie nervös sind. Es ist eine natürliche Reaktion, die Ihren Vortrag sogar noch verbessern kann: sie gibt Ihnen Energie und steigert die Konzentration. Einfach schön durchatmen und es klappt schon alles.

Planen Sie den Multimedia-Aspekt
Mit all der Technologie, die uns zur Verfügung steht, scheint es fast eine Pflicht, sie auch zu nutzen, zumindest Präsentationsfolien. Die meisten haben die Ratschläge zu PowerPoint bereits vernommen: Immer schön einfach halten! Weniger ist mehr! Nutzen Sie eine Folie nicht als Ersatz für Ihre Notizen (zum Beispiel für die Aufzählungspunkte, über die Sie sprechen werden – die gehören am besten auf Karteikarten); und wiederholen Sie nicht laut Worte, die auf der Folie stehen. Diese Ratschläge sollten mittlerweile universell gelten, doch gehen Sie in irgendein Unternehmen – und Sie werden sehen, dass diese täglich missachtet werden.
Einige der besten TED-Sprecher nutzen überhaupt keine Folien, und für viele Talks braucht man sie auch nicht. Sollten Sie Fotos, Illustrationen oder Videos haben, die das Thema schön unterstreichen, dann ja, zeigen Sie sie. Falls nicht, ziehen Sie in Erwägung, auf diese zu verzichten, zumindest für Teile der Präsentation. Und falls Sie Folien verwenden, lohnt es sich, Alternativen zu PowerPoint zu erforschen.

Alles zusammen
Letztlich stehen und fallen Präsentationen mit der Qualität der Idee, dem Vortrag und der Leidenschaft des Sprechers. Es geht um Substanz, nicht um einen besonderen Stil oder multimediale Pyrotechnik. Es ist relativ einfach, bestimmte Probleme in einem Vortrag „wegzutrainieren“, doch ist es unmöglich, eine gute Story, die die Grundlage bildet, „anzutrainieren“ – der Vortragende muss sein Rohmaterial mitbringen. Wenn Sie etwas zu erzählen haben, dann können Sie auch einen großartigen Vortrag darum bauen.


Eine ausführliche Version dieses Artikels erschien in der Ausgabe Juni 2013 des „Harvard Business Review“.

Erschienen in Rotary Magazin 11/2014

Rotary Magazin 12/2016

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