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Interview

» Wir improvisieren «

Interview - » Wir improvisieren «

Im Gespräch mit Rembert Vaerst, der die Flüchtlingsunterkünfte in Hamburg leitet und das Unplanbare steuern muss

Hermann Olbermann31.10.2015

Herr Vaerst, niemand weiß, wie viele Flüchtlinge noch nach Deutschland kommen. Wie planen Sie als Be­treiber der Hamburger Flüchtlings­unterkünfte?
Seit Mitte Juni ist die Zahl der Flüchtlinge stark angestiegen. Hatten wir bis dahin in Hamburg 50 neue Asylbegehren pro Tag, waren es danach 200. Momentan sind wir eher bei 400 bis 500 pro Tag. Dieser Anstieg hat dazu geführt, dass wir seit Juni improvisieren. Aber die Hamburger Verwaltung baut jetzt eine größere Projektorganisation auf. Dann werden auch andere Organisationen als Betreiber von Unterkünften mitmachen.


Rechnen Sie auch in den nächsten Monaten mit 400 bis 500 Neuankömmlingen in Hamburg pro Tag?
Momentan gehen wir von diesen Zahlen aus – bis ins Jahr 2016.


Wie managen Sie das?
Als Notstandorte bauen wir Zelte auf. Jetzt kauft und mietet die Stadt verstärkt leere Gewerbe­hallen.


Notfalls will Hamburg Gewerbehallen beschlagnahmen.
Bisher hat es die Stadt immer noch geschafft, rechtzeitig Hallen zu mieten oder zu kaufen.


Und die Preise für Hallen und Container steigen weiter?
Bei Containern sind Preissteigerungen von 20 bis 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr durchaus drin. Wir bauen ja aus mehreren Containern Modulhäuser. In einen Platz für einen Flüchtling haben wir dort in der Vergangenheit rund 21.000 Euro investiert, momentan haben wir hier gegenüber dem Vorjahr eine Preissteigerung von 20 bis 30 Prozent.


Wie reagieren die Bürger, wenn Sie in deren Nachbarschaft eine Unterkunft eröffnen?
In Deutschland ist die Einstellung der Bürger eher positiv, auch wenn es vereinzelt andere Stimmen gibt. Sobald wir einen Bauantrag stellen, machen wir eine Informationsveranstaltung für die Nachbarn. Generell ist es so, dass sich die Situation beruhigt, wenn die Einrichtung läuft.


Wer sagt, in welche Unterkunft ein Flüchtling in Hamburg kommt?
Unsere Mitarbeiter steuern die Belegung so, dass der soziale Frieden in den Einrichtungen gewahrt bleibt. Wir machen es nicht so, dass in eine Unterkunft die alleinstehenden Männer kommen und in eine andere alle Familien mit Kindern oder alle alleinstehenden Frauen. Wir mischen auch die Ethnien.


Finden Sie genug Mitarbeiter?
Bisher ja. Momentan stellen wir jede Woche 20 ein. Bis Ende des Jahres wollen wir insgesamt gut 200 Leute einstellen. Derzeit haben wir rund 600 Mitarbeiter in der Flüchtlingsbetreuung.

 

Wie lange bleiben die Flüchtlinge in der Erstaufnahme?
Das neue Bundesgesetz sieht bis zu maximal sechs Monate vor. Aber in Hamburg bleiben sie momentan sieben bis acht Monate, weil Hamburg nur 14.000 Plätze in der Folgeunterbringung hat. Dort leben die Flüchtlinge im Schnitt drei Jahre, manche nur wenige Wochen, andere mehr als zehn Jahre lang.


Und dann?
Es muss Wohnraum zur Verfügung gestellt werden. In Hamburg hat der Senat mittlerweile jeden Bezirk verpflichtet, eine Fläche von circa acht Hektar auszuweisen, wo Sozialwohnungen gebaut werden können.