Luther-Kolumne - Martin Luther als Hofnarr

Cover der Schmähschrift „Von dem großen lutherischen Narren“ von Dichter, Satiriker und Kontroverstheologe Thomas Murner (1475–1537) aus dem Jahr 1522 © H.-D. Falkenstein/ddp images

01.08.2017

Luther-Kolumne

Martin Luther als Hofnarr

Angela Rinn

Was ist das Erbe der Reformation heute – die Konfrontation mit der Wahrheit? Ein Plädoyer für Narren, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten

Luther als Hofnarr – ist das eine Karikatur seiner Gegner? Bekannterweise haben sich ja beide Seiten wenig geschenkt, was die wechselseitigen Titulierungen betraf. Teufelsdiener, Papstesel und Chef der Hurenkirche auf der einen, bübischer Nonnenfetzer, unedler Wechselbalg und lausiger ausgelaufener Mönch auf der anderen Seite. Zimperlich war man nicht. Aber in diesem Fall des Hofnarren ist es Luthers Selbstbeschreibung. Der Theologieprofessor und Reformator hat sich mehr als einmal mit dieser ungewöhnlichen Figur des Spaßvogels am Hof verglichen. 

In seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ etwa nimmt er für sich die Freiheit des Hofnarren in Anspruch, den Finger in die Wunde zu legen und die Wahrheit frei zu sagen: „Ich … sag das fur mein hoffrecht frey.“ Ja, es scheint, als schlüpfe er schreibend selbst in die Rolle des Hofnarren: „wil ich doch das narn spiel hynauß singen unnd sagen ßouil mein vorstand vormag.“ 

 

Tiefe Sehnsucht nach Wahrheit

Der Hofnarr war mehr als ein witziger Possenreißer. Im Gegenteil hatte er eine außergewöhnlich wichtige Rolle am Hof. In der höfischen Kultur, die ihre eigene Verlogenheit kultiviert hatte, war der Narr der Einzige, der ausnahmslos jedem die Wahrheit sagen durfte – das war sein Hofrecht. Und alle mussten seine Wahrheit anhören. 

Die Herrscher gönnten sich regelrecht in der Gestalt ihres Hofnarren eine direkte Konfrontation. Vielleicht waren sie ab und an sogar ein wenig neidisch auf ihren Spaßmacher. Schon an der Kleidung war deutlich, dass er eine besondere Rolle hatte. Er gehörte nicht dazu, war und blieb Fremdkörper, aber er war für alle  unentbehrlich. Der einzig freie Mensch am Hofe war – der Narr. Und er war unentbehrlich, weil die so perfekt in ihre Lüge verstrickten Menschen wenigstens im Spiegel des Narren erkennen wollten, wer sie wirklich sind. Sie waren sich ja durch ihre Verlogenheit selbst ganz fremd geworden. Sie waren sich selbst verlorengegangen, obwohl sie den ganzen Tag nur mit sich selbst beschäftigt waren. Der Narr war der Einzige, der nicht nur sich, sondern auch die anderen wirklich sah und wahrnahm. Hinter der aufgeblähten Fassade erkannte er die ängstliche, einsame Seele genauso wie die dümmliche Eitelkeit, die unbelehrbare Arroganz und die Sehnsucht nach ehrlicher Zuwendung. Wer dem Narren zuhörte, konnte sich selbst auf die Spur kommen – den anderen allerdings auch. 

Martin Luther als Hofnarr: Das ist eine von ihm sehr klug gewählte Rolle. Zwar war er auf die Unterstützung seines Fürsten angewiesen, zwar wusste er um seine mächtigen Gegner, die ihn töten wollten, doch er kannte auch die tiefgehende Sehnsucht aller Menschen nach Wahrheit. Denn die Menschen aller Zeiten hatten und haben zwar Angst vor der offenen Wahrheit, zugleich ist diese für jeden Menschen lebenswichtig. 

Selbst der abgebrühteste Lügner braucht wenigstens einen Funken Wahrheit zum Leben und Überleben. Deshalb, nicht wegen seiner derben Späße, gab es an den fürstlichen Höfen vergangener Zeiten immer einen Hofnarren. Als freier Hofnarr wollte Luther seine Wahrheit verkünden – und hoffte darauf, dass ihm die Menschen zuhören würden. Zu Recht! 

Das galt dann übrigens auch für die Menschen, die nicht am Hof lebten, für die Städter und Bauern. Ohne die Unterstützung der Städte hätte sich die Reformation wohl nicht so schnell durchsetzen können. Die gebildeten Bürger wollten sich selbst ein Bild machen, Luthers Schriften und seine Bibelübersetzung gaben ihnen die Möglichkeit, zu lesen und zu prüfen und zu einem eigenständigen Urteil zu finden.

 

Ganzjährig Leviten lesen

Der Hofnarr genoss einen gewissen Schutz. Shakespeares Yorick ist bezeichnenderweise nicht durch Gewalt ums Leben gekommen, obwohl das Schicksal seines Schädels nicht fröhlich stimmt. Luther als Hofnarr – das ist deshalb aber noch längst keine harmlose Rolle. Denn die Wahrheit freut nicht jeden. Die Wahrheit bleibt immer – wie der Narr – etwas Fremdes, Ungewöhnliches, Ausnahmehaftes. Menschen fühlen sich von ihr bedroht. 

Das weiß auch Martin Luther, der sein Narrenspiel hinaussingt: „was wol geschehen mocht und solt von weltlicher gewalt odder gemeinen Concilio“. Für das, was der Narr so frei heraussagt, landen Menschen am Galgen. Bis heute. Trotz allen Humors, oder gerade deshalb: Ungefährlich war und ist das Narrendasein nicht. Kaum eine Diktatur wollte ihre Narren ertragen, und Fanatiker ertragen keine Satire. 

In Nordkorea gibt es kein politisches Kabarett. Bis heute ist es lebensgefährlich, Menschen den Spiegel vorzuhalten. Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo ist nur ein Beispiel dafür. 

Zum Ausklang des Reformationsjubiläums stellt sich die Frage, was das Erbe der Reformation für die Menschen des 21. Jahrhunderts sein könnte. Neben vielen wichtigen Punkten, die hier genannt werden könnten, neben der Anerkennung der außerordentlichen, großartigen theologischen Leistung Martin Luthers, der kritischen Auseinandersetzung mit seinen Äußerungen zu den Juden und der Reflexion der Geschichte konfessioneller Trennungen und Gemeinsamkeiten, wäre es nicht das schlechteste Erbe der Reformation, die Rolle des Hofnarren zu achten. Es ist ein kleiner Punkt, doch keineswegs unwichtig. Möglicherweise ist es ein Fehler, die Narren auf die „fünfte Jahreszeit“ einzugrenzen und sich nur bei „Mainz bleibt Mainz“ aus der Rostra die Leviten lesen zu lassen. Meinetwegen können Luftschlangen nur von November bis Februar fliegen, die Hofnarren sollten auch das restliche Jahr über im Einsatz bleiben. Das ist ein ambitioniertes Vorhaben, denn immerhin gelang es den Narren, ihre Wahrheit unterhaltsam an Mann und Frau zu bringen, das ist Anspruch und Verpflichtung sowohl für Kabarettisten als auch für Pfarrerinnen und Pfarrer. 

Langweilige Narren hatten keine Perspektive am Hof, und ich bin mir sicher, dass unsere Gesellschaft mehr benötigt als einen Mario Barth, aber auch anderes als langweiliges Politiker-Bashing. Vielleicht erbarmt sich der Himmel und schenkt uns einen neuen Karl Valentin oder eine Liesl Karlstadt, gerne auch einen Hanns Dieter Hüsch oder eine Isa Vermehren. 

Aber auch Pfarrerinnen und Pfarrer sollten sich vor Augen halten, dass Predigten durchaus kritisch sein und den Finger in die Wunde legen dürfen. Es ist sehr zu begrüßen, dass die Praktische Theologie inzwischen die Relevanz der ethischen Predigt neu entdeckt. 

Jede Gesellschaft braucht die Konfrontation mit der Wahrheit. Eine Gesellschaft, die dieses Erbe der Reformation annimmt, steht für die Freiheit und den Mut, auch unbequeme Wahrheiten auszuhalten. 

 

Für Narrenfreiheit einstehen

Wir brauchen Narren, wir brauchen Menschen, die uns erkennen, die uns den Spiegel vorhalten. Wir brauchen Menschen, die uns die Angst vor der Wahrheit nehmen. Wir brauchen Menschen, die trotz aller Angst für die Narrenfreiheit einstehen. Menschen wie Martin Luther. „Ich … sag das fur mein hoffrecht frey.“ Auch im 21. Jahrhundert. 

Erschienen in Rotary Magazin 8/2017

Angela Rinn

Dr. Angela Rinn ist Gemeindepfarrerin in Mainz-Gonsenheim, Privatdozentin für Praktische Theologie an der Universität Heidelberg und Autorin des Buches "Die Kurze Form der Predigt" (Vandenhoeck & Ruprecht, 2016). 
Foto: epd-bild/Norbert Neetz

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Rotary Magazin Heft 8/2017

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Zitrusfrüchte sind Exoten in einheimischen Gärten und Küchen. Sie verfeinern geschmacklich und verkörpern die Sehnsucht nach dem schönen Leben, nach Licht und Wärme.

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