14.03.2014

Expertenanalyse 

Ein Gespräch mit dem Epidemiologen Ciro de Quadros

Der Epidemiologe und Executive Vice President des Sabin Vaccine Institute ist einer weltweit anerkanntesten Experten im Bereich Öffentliche Gesundheit. Mit dem Magazin „Brasil Rotário“ sprach er über die letzte Phase der Ausrottung von Polio

Ciro de Quadros ist einer der weltweit anerkanntesten Experten im Bereich Öffentliche Gesundheit. Er ist Epidemiologe und leitete die Initiativen zur Ausrottung der Pocken in Äthiopien sowie die Initiative zur Ausrottung von Polio, Masern und Röteln auf dem amerikanischen Kontinent. Er lebt in Washington, D.C., wo er unter anderem als Mitglied im unabhängigen Überwachungsgremium der Global Polio Eradication Initiative sowie als Professor an der Johns Hopkins University und der George Washington University tätig ist. In diesem Ausschnitt eines Interviews, das ursprünglich in dem Magazin „Brasil Rotário“ veröffentlicht wurde, spricht er über die letzte Phase der Ausrottung von Polio, Rotarys Rolle dabei – und wie die gesammelten Erfahrungen helfen werden, andere Krankheiten zu beseitigen.
 
Was sind die größten Herausforderungen, die das Poliovirus in Ländern, in denen es noch endemisch vorkommt, verursacht?
Derzeit beobachten wir die größten Herausforderungen bei der Verwaltung der Programme in Nigeria, Pakistan und Afghanistan, sowie beim Schutz von Impfhelfern in Gebieten mit sozialen Konflikten in diesen drei Ländern. Insbesondere im Nordosten Nigerias und Nordwesten Pakistans. Seit der letzten Wahl in Pakistan ist nicht sicher, wie die neue Regierung diese Probleme lösen wird.

In den 80er Jahren waren Sie im Zuge des Impfprogramms der Pan American Health Organization (PAHO) verantwortlich für die Ausrottung von Polio.
Warum entschieden Sie sich damals für die Ausrottung von Polio und nicht für die Ausrottung der Masern?
Wir entschieden uns für Polio, da unter den Regierungen bereits Interesse bestand, diese Krankheit unter Kontrolle zu bringen. Zudem war in einigen Ländern die Übertragung bereits gestoppt. Aus diesen Gründen machte es mehr Sinn, sich Polio zuzuwenden. Und wir hatten recht. Nach Ausrottung der Krankheit auf dem gesamten amerikanischen Kontinent begannen die Regierungen, sich der Ausrottung der Masern und Röteln in der Region zu widmen.

Wie kam Rotary mit ins Spiel?
Die Entscheidung der PAHO, die Ausrottung von Polio vorzuschlagen, überschnitt sich zufällig mit Rotarys Interesse an dem gleichen Ziel. Wir diskutierten mit Rotary, wie wir dabei zusammenarbeiten können.

Sie haben gesagt, dass Polio auf dem amerikanischen Kontinent und in der Westpazifikregion schnell ausgerottet werden konnte, da dort ausreichend Ressourcen zur Verfügug standen. Sie haben auch gesagt, dass der Mangel an diesen Ressourcen in den vergangenen Jahren Änderungen in der Strategie notwendig machten und die Ausrottung von Polio verzögerten. Könnte jedoch auch das Gegenteil der Fall sein – dass die ständigen Verzögerungen Spender demotivieren und es dadurch zu einem Ressourcenmangel kommt?
Hier ist das Problem. Auf der einen Seite haben wir einen ständigen Mangel an Ressourcen, der für das Programm schon immer ein Hindernis darstellte; auf der anderen Seite haben wir verfehlte Ziele, die die Förderer des Programms beunruhigen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Programms konnten jetzt durch das von Bill Gates veranstaltete Treffen in Abu Dhabi (für den größten Teil der Ressourcen) Zusicherungen gewonnen werden. Diese Ressourcen werden benötigt, um die Initiative erfolgreich zu Ende zu führen. Die Ausrede, dass keine Ressourcen zur Verfügung stünden, gibt es also nicht mehr. Und wenn die oben genannten Probleme richtig angegangen werden, dann können wir das Programm wie gewünscht abschließen.

Seit 1988 wurden durch das Polio-Ausrottungsprogramm 10 Milliarden US-Dollar vergeben. Bis zur Zertifizierung einer Ausrottung der Krankheit, die für 2018 angestrebt wird, werden weitere 5,5 Milliarden US-Dollar benötigt. Das ist mehr als die Hälfte aller bisher ausgegebenen Mittel. Warum ist die Endphase, das Endgame, so viel teurer als die Phasen zuvor?
Es ist üblich, dass man bei derartigen Programmen die Ressourcen zum Ende hin erhöhen muss, da die Endphase stets auch die schwierigste ist. Probleme mit Sicherheit, Logistik, Zugang zu entlegenen Gebieten und Bevölkerungsgruppen, die eine Zusammenarbeit verweigern, müssen überwunden werden.

Welche Lektionen konnten während der weltweiten Bekämpfung der Krankheit gelernt werden und wie können uns diese helfen, in Zukunft ähnliche Probleme anzugehen?
Eine wichtige Lektion ist, dass ein Programm diesen Ausmaßes nicht begonnen werden kann, ohne genügend Ressourcen zur Verfügung zu haben. Die Strategien müssen immer wieder neu bewertet werden, um notwendige Änderungen vornehmen zu können, ohne die Ergebnisse zu kompromitieren.

Während des Global Vaccine Summit in Abu Dhabi 2013 gaben Sie bekannt, dass wir die Vier-Milliarden-Dollar-Marke erreicht hätten. Sie sagten damals: „Die Ausrottung von Polio ist nicht länger ein Problem des öffentlichen Gesundheitsbereichs, sondern der Diplomatie.“ Können Sie uns erklären, was Sie damit meinen?
Wir haben Ressourcen, einen guten Plan und hervorragende wissenschaftliche und technische Unterstützung für die Ausrottung von Polio. Die Stolpersteine auf dem Weg sind unzureichende Sicherheit, Terrorismus und soziale Hürden. Um unsere Ziele erreichen zu können, müssen wir all unsere diplomatische Expertise einsetzen, um einen Dialog mit jenen zu starten, die das Ausrottungsprogramm ablehnen.
 
Gibt es nach dem Ende von Polio eine andere Krankheit, die ausgerottet werden kann?
Nach Polio könnten die Masern und Röteln angegangen werden. Beide Krankheiten wurden auf dem amerikanischen Kontinent bereits ausgerottet.

Wie bewerten Sie Rotarys Rolle in der Global Polio Eradication Initiative?
Rotary ist ein sehr wichtiger Partner bei dieser Initiative. Nicht nur aufgrund der enormen finanziellen Beiträge, sondern auch wegen der Fürsprache bei Regierungen und wegen der aktiven Einsätze von Rotariern während der Impfkampagnen.

Für viele ist Polio etwas aus der Vergangenheit, das keine weitere Bedrohung darstellt. Was sagen Sie zu diesen Leuten?
Die Welt heutzutage ist ein kleines Dorf. Solange Polio irgendwo auf diesem Planeten weiter vorkommt, selbst in weit entfernten Ländern, ist kein Land der Welt wirklich frei von dieser Krankheit.

Erschienen in Rotary Magazin 3/2014

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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