14.11.2014

Heilbäder und Kurorte im demografischen Wandel 

Relikt oder Zukunftsmodell?

Heinz-Hermann Blome

Lange Jahre wurden von allen Fachleuten über den demographischen Wandel und seine Auswirkungen auf alle Lebensbereiche diskutiert und Prognosen erarbeitet. Es hat lange gedauert, bis tatsächliche Maßnahmen daraus abgeleitet wurden. Inzwischen sind die vorhergesagten Auswirkungen vielfach eingetreten und die Konsequenzen daraus spürbar, zum Beispiel in vielen Branchen ein zunehmender Fachkräftemangel. Insbesondere beklagen die älteren Mitbürger in vielen Gegenden den Ärzte- und Fachärztemangel, und Experten kündigen an, dies sei erst der Beginn einer unguten Entwicklung. Die Zeiten, in denen ältere Mitarbeiter Prämien erhielten, wenn sie vorzeitig in den Ruhestand gingen, erscheinen inzwischen als Maßnahmen aus einem vergangenen Jahrhundert.


Die Gesundheit von Mitarbeitern – und damit ihre Leistungsfähigkeit – rückt zunehmend in den Fokus des Managements. Gutes Fachpersonal zu haben, zu gewinnen und an sich zu binden wird eine wesentliche Herausforderung der nahen Zukunft sein und über wirtschaftliches Wachstum oder Rückgang entscheiden. Gesundheitswirtschaft, Kosten für Krankenkassen und Rentenversicherungen etc. galten bis vor kurzem als ungeliebte Ausprägungen der sogenannten Lohnnebenkosten, die angeblich unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigten. Nach der weltweiten Finanzkrise in 2008/09 stellte sich in Deutschland ein völliger Paradigmenwechsel ein. Die Gesundheitswirtschaft zeigte eine besondere Stabilität: krisensicher, exportunabhängig und personalintensiv. Die Statistiker wiesen auf die hohe Beschäftigtenzahl von zirka 5 Millionen und Jahresausgaben von ca. 300 Milliarden Euro hin. Kurz: ein trotz Krise prosperierender Wirtschaftszweig.
Dabei haben sich auch die Ansichten der nachwachsenden Generationen verändert. Begriffe wie „Work-Life-Balance“ setzten sich durch, gesunde Ernährung wurde für viele selbstverständlich, Bioprodukte erleben einen Boom, und auch natürliche Heilmittel und -verfahren tauchten aus dem Abseits wieder auf.


Prävention und Rehabilitation bekommen allmählich den ihnen zustehenden Stellenwert in der Gesundheitsversorgung wieder zuerkannt. Die wohl seit Jahrtausenden geltende Weisheit „Vorsorge ist besser als heilen“ gilt plötzlich wieder und wenn man die Definition des Begriffs „Kur“ im Internet nachschaut, erkennt man, dass es die Zusammenfassung von Vorsorge und Rehabilitation nach einem ganzheitlichen Ansatz meint, der Körper, Geist und Seele gleichwertig in den Mittelpunkt medizinischer und therapeutischer Sorge stellt. Das heißt, dieser traditionsreiche Ansatz ist wieder hochaktuell und in besonderer Weise geeignet, auf die ständig gestiegenen Anforderungen im Berufsleben zu reagieren und so zum Beispiel auch in der „Burn-out“-Prophylaxe eingesetzt zu werden.


Branche mit langer Tradition
In Deutschland sind unter dem Dach des Deutschen Heilbäderverbandes etwa 330 hochprädikatisierte Heilbäder und Kurorte organisiert, die zum Teil bereits über Jahrhunderte ausgezeichnete Einrichtungen zur Prävention und Rehabilitation aufgebaut haben. Diese wurden in der sogenannten „Gesundheitsreform“ von 1995/96 durch gesetzliche Regelungen in erheblichem Maße in ihren Fundamenten erschüttert mit der Folge von Insolvenzen von Rehakliniken, Hotels, Pensionen, Dienstleistern und Handwerksbetrieben. Die Einbußen an Übernachtungen waren vielfach über 50 Prozent. Wenn man es harmlos formulieren will, kann man von „Rosskur“ sprechen.


Die deutschen Kurorte und Heilbäder sind nach den jeweiligen Kurorte-Gesetzen der Länder in Moor-, Mineral-, Heil-, Seeheil- und Kneippheilbäder unterteilt. In regelmäßigen Abständen müssen zahlreiche Qualitätsmerkmale nachgewiesen und zertifiziert werden. Dies führt zu einer dauerhaft hohen Qualität, die in den Zertifikaten der jeweiligen Länder nachgewiesen werden.
Grundlage der Prädikatisierung sind die Qualitätsstandards des Deutschen Heilbäderverbandes in der jeweils aktuellen Ausgabe. In diesen Standards werden auch die infrastrukturellen Ausstattungen der einzelnen Bädersparten definiert, die Behandlungsdauer beim Einsatz der natürlichen Heilmittel vorgeschrieben sowie Menge und Art des Einsatzes von natürlichen Heilmitteln festgelegt. Es handelt sich um ein Regelwerk, das in jeder Hinsicht die Sicherung der Kurortqualitäten festlegt und sichert.


Auf dieser Basis werden auch die Leistungsverträge mit den deutschen Sozialversicherungen abgeschlossen und über die Kennzeichnung von Heilmittelpositionsnummern die Abrechnungssysteme geordnet und definiert. Ein Ausschuss aus hochqualifizierten Fachleuten der deutschen Bädersparte wacht über die Begriffsbestimmungen, bearbeitet und modernisiert sie, auch unter der Auswertung neuester wissenschaftlicher Forschungsergebnisse. Nach diesen Begriffsbestimmungen ist der Kurort als ganzes ein „sehr differenziertes, gegliedertes Kursystem mit zum Teil eigenen, versicherungsrechtlichen Rahmenbedingungen für bestimmte Kurformen, die einen wesentlichen Einfluss auf die Prozessqualität der verschiedenen Kurformen leistungsrechtlich bedingen“.


Laut Begriffsbestimmungen des Deutschen Heilbäderverbandes ist die Kur eine Komplextherapie unter Einsatz von natürlichen Heilmitteln des Klimas, des Bodens und des Meeres. Aber auch die Heilfaktoren nach Kneipp, hierbei handelt es sich um eine Reiz-Reaktionsbehandlung, sind einzubeziehen. Eine Kur, die üblicherweise wohnortfern durchgeführt wird, berücksichtigt explizit auch den Milieuwechsel als Therapiefaktor. Auch die Kostenträger, die in den Kurorten eigene Rehabilitationskliniken unterhalten, bewerten die vorhandenen kurörtlichen Infrastrukturen und die natürlichen Heilmittel als hervorragende Ergänzung eigener Konzepte. Es hat sich gezeigt, dass gerade auch die sogenannten „weichen“ Standort-Vorteile von Kurorten und Heilbädern geeignet sind, Verstärkungen der sonstigen medizinisch-therapeutischen Maßnahmen zu erzielen. Inzwischen gibt es auch wissenschaftliche Forschungsansätze, die sich um die positive Wirkweise von gestalteter Natur und Kultur auf die menschliche Psyche befassen. Alle Kurorte und Heilbäder verfügen in diesem Segment über umfangreiche, zum Teil prämierte Einrichtungen und Parkanlagen. In der Arbeitsgemeinschaft Park im Kurort sind die Kurorte organisiert, die über besonders ausgezeichnete Anlagen verfügen. Vielfach werden diese Anlagen auch – wenn sie unter Denkmalschutz stehen – in verträglicher Weise als Fundament für Open Air-Veranstaltungen genutzt, um die kulturelle Attraktivität der Standorte zu erhöhen.


Zusammenspiel diverser Faktoren
Das konstruktive Zusammenwirken von Medizin, Therapie, Hotellerie, Gastronomie und Kultur in einem abgestimmten System hat gezeigt, dass davon Gäste und Patienten besonders profitieren. Inzwischen haben sich bei allen Kurorten die Strukturen verändert, es waren umfangreiche Reorganisationen und Rationalisierungen nötig. Die Produktpaletten wurden verändert, gestrafft und in Zusammenarbeit mit den Kostenträgern weiterentwickelt. Es hat auch viele Existenzen gekostet. Umso mehr stellen wir heute erfreut fest, dass die Branchenexperten mit ihren Prognosen Recht behalten haben, wenn sie darauf aufmerksam machten, „Vorsorge ist besser als heilen“. Deshalb wird die Nachfrage nach den Leistungen der Heilbäder und Kurorte als Kompetenzzentren für Prävention und Rehabilitation, also „Kur“, wieder steigen. Die Entwicklung der verbliebenen Rehakliniken, die sich inzwischen wieder in Richtung Kapazitätsauslastung bewegen, unterstreicht dies.


Eine Reihe von Kurorten hat sich außerdem der Entwicklung des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) gewidmet und erzielt beachtenswerte Erfolge. Sie helfen in besonderer Weise mit, die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten unserer Wirtschaft im ganzheitlichen Sinne zu sichern. Und wenn die Statistiken Recht behalten, wird die Anzahl der Hochbetagten am stärksten steigen. Dann wird auch der Leitsatz „Reha vor Pflege“ sicher eine Renaissance erleben.

Erschienen in Rotary Magazin 11/2014

Heinz-Hermann Blome
Dipl.-Kfm. Heinz-Hermann Blome (RC Bad Pyrmont) ist Kurdirektor von Bad Pyrmont und Geschäftsführer der Niedersächsischen Staatsbad Pyrmont Betriebsgesellschaft mbH.

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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