Rotary Aktuell - Unser Ziel - Eine Welt ohne Polio

Rotary ist ein wichtiger Partner der WHO in der Bekämpfung von Polio. © Rajesh Kumar Singh/Rotary International

01.10.2017

Rotary Aktuell 

Unser Ziel - Eine Welt ohne Polio

Jay Wenger

Der Direktor des Polioeradikationsprogramms der Gates Foundation über seine Arbeit als Epidemiologe und die Gründe, warum die weltweite Ausrottung der Kinderlähmung so wichtig ist

Schon als Kind wollte ich Arzt werden, hatte aber mehr daran gedacht, als Landarzt oder Allgemeinmediziner zu arbeiten. Diese Vorstellung änderte sich, als ich während meines Medizinstudiums einige Monate in einem Missionskrankenhaus tätig war.

Damals erlebte ich, wie man mit relativ wenig Geld viele Menschen gesundheitlich versorgen und jede Menge Krankheiten verhindern kann.  Später begann ich, mich für Infektionskrankheiten zu interessieren. Mir gefiel es, mich auf ein ganz spezielles Gebiet konzentrieren zu können. Das kam mir machbarer vor, als über alles Bescheid zu wissen, wie das in der Allgemeinmedizin üblich zu sein schien.

An den Centers for Disease Control and Prevention (CDC), der US-Bundesbehörde, die für Krankheitskontrolle und Prävention zuständig ist, machte ich eine Zusatzausbildung in der Epidemiologie von Infektionskrankheiten.
Das Fachgebiet der Epidemiologie untersucht Krankheiten einer gesamten Bevölkerungsgruppe: wer erkrankt, wie sich die Krankheit ausbreitet und wie sie verhütet werden kann. Auch der Ausbruch von Krankheiten wird studiert; das lässt sich mit einem Krankheitsrätsel vergleichen, das unter großem Zeitdruck gelöst werden muss. Während meiner Zeit am CDC untersuchten wir den Ausbruch einer Hautinfektion, an der ungefähr ein Dutzend Menschen aus demselben Gebiet litten.

Ich fuhr in das betroffene Gebiet und überlegte, was diese Menschen gemeinsam hatten. Es stellte sich heraus, dass sie alle Patienten einer bestimmten Klinik waren – und das war der erste Hinweis. Das eingehende Studium ihrer Krankenakten zeigte, dass sich alle der gleichen Operation unterzogen hatten. Am Ende fanden wir heraus, dass alle Krankheitsfälle auf eine Flasche mit Flüssigkeit unter einem Waschbecken der Klinik zurückzuführen waren, die die OP-Instrumente verunreinigt hatte.

Impfen wirkt
Dieses Beispielt stellt einen Großteil der Arbeit von Epidemiologen dar: Wir verfolgen Infektionskrankheiten, versuchen herauszufinden, wie sie verbreitet werden, und finden dann hoffentlich eine Möglichkeit, um ihre Ausbreitung zu verhindern.Im CDC arbeitete ich in einer Gruppe, die sich hauptsächlich mit bakterieller Meningitis beschäftigte, einer Krankheit, bei der Gehirn und Rückenmark infiziert werden.

Hauptursache war das Bakterium Haemophilus influenzae Typ B (Hib), das jährlich bis zu 15.000 Kinder in den USA infizierte. Der Hib-Impfstoff war gerade erst entwickelt worden. Ich untersuchte, wie viele Menschen erkrankten und wie der Impfstoff wirkte. Das Ergebnis war überwältigend. Mit der flächendeckenden Impfung von Kindern sank die Zahl der Krankheitsfälle von Tausenden und Abertausenden auf einige Dutzend pro Jahr.


„Medizinisches Wunder“
Die mächtige Wirkung eines Impfprogramms mitzuerleben hatte großen Einfluss auf meine Entscheidung, bei der Polioausrottung mitzuarbeiten.

Ich kam 1955 zur Welt, in dem Jahr also, in dem der Polioimpfstoff nach Salk in den USA lizenziert und erstmalig eingesetzt wurde. Damals war die Kinderlähmung die gefürchtetste Infektionskrankheit im Land.
Um verstehen zu können, welche Bedeutung die Entwicklung des Polioimpfstoffs hatte, muss man wissen, wie groß die Angst vor Polio in den Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts war. Mit Beginn des Sommers hatten Eltern schreckliche Angst davor, dass ihre Kinder durch Polio gelähmt würden oder gar daran stürben. Deshalb wurde der erste Impfstoff 1955 als medizinisches Wunder gefeiert.

Selbst in der Zeit nach meiner Geburt ging das Gespenst „Kinderlähmung“ um. Werbekampagnen für den später entwickelten Schluckimpfstoff zeigten, wie der Impfstoff auf einen Zuckerwürfel geträufelt wurde, der dann gegessen wurde. Ich erinnere mich noch gut an die Zuckerwürfel in meiner Kindheit.

Polio wurde ein wichtiges Beispiel für den Erfolg von Impfstoffen, denn die Zahl der Erkrankungen ging von jährlich Hunderttausenden Fällen in der Welt auf null in den USA und anderen reichen Ländern zurück. In den Entwicklungsländern blieb die Kinderlähmung aber nach wie vor eine große Bedrohung. Das Poliovirus befällt ganz bestimmte Nervenzellen im Rückenmark. Nach dem Tod dieser Zellen kann das Gehirn keine Signale mehr an die Muskeln weiterleiten. Das Ergebnis ist die sogenannte akute schlaffe Lähmung (AFP), die dazu führt, dass sich der betroffene Muskel weder anspannen noch zusammenziehen kann. Oft sind Arme oder Beine betroffen, die mit der Zeit infolge der fehlenden Nutzung verkümmern. Eine Erkrankung der Brust- oder Zwerchfellmuskeln kann tödlich sein, da der Patient nicht mehr atmen kann.

Es ist möglich, das Virus vollständig zu vernichten, weil es sich nur im Menschen vermehren kann und nur wenige Wochen bis einen Monat im Körper überlebt. In dieser Zeit wird das Virus mit dem Stuhl ausgeschieden. Außerhalb des menschlichen Körpers kann es aber nur ein bis zwei Wochen überleben. Findet es in dieser Zeit niemanden, den es infizieren kann, stirbt das Virus. Wenn man also diese Übertragungskette durchbricht und das Virus durch Immunisierung von ausreichend vielen Menschen daran hindert, dass es sich auf andere überträgt, ist seine Ausrottung in der Tat möglich. Allerdings muss der Erreger dazu überall vernichtet werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass das Virus zurückkehrt und Menschen in einstmals erregerfreien Gebieten erneut infiziert.

Die Poliobekämpfung im Überblick

 Quelle: Rotary International

Rotary als Impulsgeber
Aus diesem Grund stimmte die Weltgesundheitsversammlung (WHA) 1988 für die Ausrottung der Kinderlähmung. Rotary kam damals eine unglaublich große Bedeutung zu. Von Anfang an machten sich die Rotarier dieses Anliegen zu eigen und halfen zahlreichen Ländern in den ersten Jahren dieser Bemühungen.

Ich sah, welche große Wirkung das Engagement von Rotary hatte. Als Epidemiologe begeisterte mich die Möglichkeit, eine Krankheit völlig auszulöschen, wenn wir nur entschlossen genug handelten.

2002 hatte ich die Gelegenheit, mit der WHO in Indien zu arbeiten. Ich leitete das Nationale Polio-Surveillance-Projekt und erlebte aus erster Hand, wie Rotary in diesem Land arbeitet.

Die Mittelbeschaffung macht natürlich einen Großteil der Unterstützung von Rotary aus. Für eine Aufgabe wie diese braucht man eine nicht versiegende Finanzierungsquelle. Rotary hat immer wieder deutlich gemacht, dass man diese Mission unbeirrbar und entschlossen zu Ende bringen wird. Am meisten beeindruckt mich aber, wie Rotarier an das Pflichtgefühl der Bürger und der Regierung in jedem Land appellieren. In den Vereinigten Staaten warben sie in jedem Bundeswahlkreis und in Washington D.C. für die Impfung. In einem Land wie Indien wurde mir schnell klar, wie unschätzbar das Engagement der Rotarier ist. So stießen wir zu Beginn bei führenden politischen Vertretern auf Ablehnung, konnten aber immer auf die Hilfe örtlicher Rotarier zählen, die sich mit den Politikern verständigten und diese schließlich doch für das Polio-Programm gewannen.

Gefühl der Hilflosigkeit
Im weiteren Sinne machten die Rotarier den Menschen deutlich, wie wichtig und dringend unser Anliegen ist. Als einflussreiche Vertreter ihrer Kommunen hörte man auf sie, wenn sie sich für die Polioeradikation aussprachen. Die Ausrottung von Polio in Indien war eine enorme Leistung. Ob in dicht besiedelten Städten wie Mumbai oder in den entlegensten Bergdörfern – überall mussten wir sicherstellen, dass jedes Kind geimpft wurde.

Der Großteil meiner Forschungsarbeit fand im Norden statt, denn dort wurden Fälle gemeldet. Als Leiter des Surveillance-Programms suchte ich poliokranke Kinder auf. Auf einer solchen Reise in den im Norden gelegenen Bundesstaat Uttar Pradesh besuchte ich eine winzige Hütte, die nur aus einem Raum bestand. Ein kleines Mädchen saß auf einer Schlafmatte und konnte sein Bein nicht mehr bewegen.

Seit einigen Monaten war ihr Bein gelähmt. Wir konnten ihr zwar Physiotherapie und Schienen verschreiben, für ihr gelähmtes Bein gab es aber keine Heilung. Die Mutter der Kleinen schaute mich erwartungsvoll an, und ich wusste genau, was sie dachte: „Hier ist dieser bedeutende Arzt aus dem Westen und er weiß, was zu tun ist. Er wird mein Kind wieder gesund machen.“

Dieses Gefühl der Hilflosigkeit, diese Momente, in denen man die Opfer mit eigenen Augen sieht – sind meine größte Motivation. Sie sind die Triebkraft für das Eradikationsprogramm, denn Polio lässt sich nicht besiegen, solange noch Menschen daran erkranken. Wir können jedoch dafür sorgen, dass dies nicht passiert.

2011 nahm ich meine Arbeit bei der Gates Foundation auf. Damals waren Rotary und die Gates Foundation bereits enge und wichtige Partner in der Polioeradikation, nachdem Rotary einige Jahre zuvor die Gates Foundation für das Programm gewonnen hatte. Ungefähr zur selben Zeit wurde der letzte Poliofall aus Indien gemeldet, was Anlass zur Hoffnung gab, dass die weltweite Ausrottung nun kurz bevorstünde. Rotary und die Gates Foundation reagierten unter Mitwirkung der anderen Partner der Global Polio Eradication Initiative – WHO, CDC und UNICEF – mit einem mehrjährigen strategischen Plan zur endgültigen Ausrottung von Polio.

Forscher in Nigeria setzen ihre Bemühungen fort, dass jedes Kind geimpft werden kann.
foto: Andrew Esiebo/Rotary International

 
2017 weltweit acht Poliofälle
Im Juni 2013 gab Rotary bekannt, dass es in den nächsten fünf Jahren 35 Millionen US-Dollar jährlich für die Polioeradikation bereitstellen würde. Die Gates Foundation würde diesen Betrag auf das
Dreifache aufstocken. Im Juni 2017 verkündete Rotary eine Erhöhung dieser Summe auf 50 Millionen Dollar jährlich in den nächsten drei Jahren, und die Gates Foundation sagte erneut die Verdreifachung des Betrages zu.

Die Menschen müssen verstehen, dass die Polioeradikation im Gegensatz zu vielen anderen Programmen der öffentlichen Gesundheit uns keine Wahl lässt, wo wir tätig werden. Wir müssen dort aktiv werden, wo die Krankheit auftritt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Polio-Wildvirus vermutlich nur noch in drei Ländern im Umlauf: in Afghanistan, Pakistan und Nigeria. Die Arbeit in diesen drei Ländern gestaltet sich unglaublich schwierig, denn die Menschen dort stehen weitaus größeren Problemen als Polio gegenüber.

Wir dürfen aber diese Länder nicht einfach ignorieren oder auf später vertrösten, denn das käme einem Rückschlag im Kampf gegen Polio gleich. Wenn das Virus irgendwo überlebt, kann es sich jederzeit wieder dort ausbreiten, wo es bereits ausgerottet wurde. Wir müssen unsere Bemühungen an den schwierigsten Orten der Welt fortsetzen und die Kinder impfen, die sich am schwersten erreichen lassen.

Ich werde immer wieder gefragt, wann wir denn endlich erklären können, dass Polio überall auf der Welt besiegt ist. Meine Antwort lautet, dass wir alles dafür tun und fast am Ziel angekommen sind.

Ende Juli letzten Jahres wurden weltweit  19 Poliofälle gemeldet. In diesem Jahr waren es nur noch acht. Wir können uns aber nur dann wirklich sicher sein, dass Polio endgültig ausgerottet ist, wenn mindestens drei Jahre lang keine neuen Fälle auftreten. Ich bin optimistisch, dass wir dieses Ziel bald erreichen werden.

In meiner Tätigkeit als Epidemiologe habe ich gesehen, dass die Ausmerzung von Krankheiten möglich ist. Die Pocken sind ein Beispiel dafür. Wir haben nicht einfach nur die Zahl der Pockenerkrankungen stark reduziert, wir haben sie auf null gebracht.

Konzentration auf die Arbeit
Wenn ich romantischer veranlagt wäre, würde ich vielleicht öfter von einer polio-freien Welt träumen. Ich bin aber eher ein Arbeitstier und konzentriere mich voll und ganz auf das, was getan werden muss, um das Ziel zu erreichen.

Ich versuche, mir die menschliche Seite vor Augen zu halten, und Rotary und die Gates Foundation helfen mir dabei. Die Angst der Menschen vor Polio ist mir im Gedächtnis geblieben. Und auf meinen Forschungsreisen habe ich mit eigenen Augen erlebt, was die Krankheit den Opfern und ihren Familien antut.
Diese Erfahrungen spornen mich an, weiterzuarbeiten.


Milliarden Dollar Für die Ausrottung von Polio

Die Ausrottung der Kinderlähmung steht kurz bevor. Jeder neu entdeckte Fall könnte der letzte auf der Welt sein. Auf der Rotary International Convention im Juni sicherten Nationen aus aller Welt und wichtige Geldgeber insgesamt 1,2 Milliarden Dollar zu, um dem Kampf gegen die Krankheit neue Schubkraft zu verleihen. Im August schloss sich Großbritannien mit einer eigenen Spendenzusage von 130 Millionen Dollar an.

Um die Zahl der Polioerkrankungen weltweit auf null zu bringen, muss nach Prognosen der Global Polio Eradication Initiative eine Finanzierungslücke von 1,5 Milliarden Dollar geschlossen werden. Mit den neuen Fördermitteln werden Surveillance-Aktivitäten, die Bekämpfung von Ausbrüchen und die Impfung von jährlich mehr als 400 Millionen Kindern finanziert werden. Rotary muss 50 Millionen Dollar jährlich aufbringen, um das Angebot der Gates Foundation voll nutzen zu können und Regierungen zur Einhaltung ihrer Versprechen zu zwingen.


Der Rotary Live-Stream zum Welt-Polio-Tag

Am 24. Oktober wird es um 23.30 Uhr MEZ einen Livestream zum Thema aus der Gates Foundation in Seattle geben. Der aktuelle Link dazu wird eine Woche vorher auf endpolio.org/de veröffentlicht.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2017

Jay Wenger
Dr. Jay Wenger ist als Direktor für die Anstrengungen der Bill & Melinda Gates Stiftung zur Ausrottung von Polio im Rahmen des Programms Globale Entwicklung verantwortlich. gatesfoundation.org

Rotary Magazin 12/2017

Rotary Magazin Heft 12/2017

Titelthema

Heilige Räume

Jetzt ist wieder die Zeit der Adventskonzerte, Krippenspiele, Fest-Gottesdienste. Doch auch sonst erfreuen sich Kirchen zunehmenden Interesses – als Stätten prachtvoller Kunst und als Orte der Einkehr.

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