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Flaschenpost zum Mittelpunkt der Welt

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Schillers Brief an Wolzogen fand nun seinen Weg ins Literaturarchiv Marbach. Man sieht es ihm an, dass er im empörten Bauch von Paris eine Zeit lang gelegen hat. © Deutsches Literaturarchiv Marbach

Wiederaufgetaucht und nun in Marbach zu Hause: Ein Brief Schillers von 1790 an Wilhelm von Wolzogen ins revolutionäre Paris.

Christoph von Wolzogen01.06.2021

Briefe haben, wie Bücher auch, ihr Schicksal. So die Briefe Schillers. Manche von ihnen erschienen an eher entlegenem Ort, um dann im Orkus der Geschichte zu verschwinden. Jetzt ist aus französischem Privatbesitz ein Brief Schillers vom 8. März 1790 wiederaufgetaucht, der 1848 in Karl Hase Sammlung aus dem „Literarischen Nachlaß der Frau Caroline von Wolzogen“ erschienen und seitdem verschollen war. Schon dies ist eine kleine Sensation, aber der Adressat ist auch nicht irgendwer: Wilhelm von Wolzogen, Schillers Jugendfreund und späterer Schwager – und nicht zuletzt Schillers erster Rezensent. Schon 1781 hatte er in sein Tagebuch über die Räuber notiert, Schiller könne „noch einer von den schönsten Geistern Deutschlands werden, wenn er es nicht schon ist“.

Wie Schiller war er auf der Hohen Karlsschule erzogen worden, wo spitzen Zungen zufolge der Herzog Carl Eugen seine illegitimen Söhne erziehen ließ. Das war damals eine der fortschrittlichsten Erziehungsanstalten Europas, mit erstklassigen Lehrern und wöchentlichem Bad mit heißem und kaltem Wasser. Der Preis dafür war, dass der Herzog den künftigen Beruf festlegte. Wolzogen war für das Baufach bestimmt und sollte sich in Paris in Architektur fortbilden. So lernte er die damalige Avantgarde der Architektur kennen, und er war vielleicht der einzige Architekt in Deutschland, der die Zeichnungen von Étienne-Louis Boullée im Original sah. Daneben hatte er aber auch „Kommissionen“ für den Herzog zu besorgen, womit die zahllosen Kunstkäufe des Herzogs gemeint waren, die er bei Sèvre, Daguerre und anderen Häusern vermittelte.

Der Herzog und Schiller hatten da einen erstklassigen Mann in Paris, der sie über die Vorgänge im revolutionären Frankreich unterrichtete: über Girondisten, die er kannte, und über die Jakobiner, die er hasste. Mit Jacques-Louis David allerdings, dem Erzjakobiner, sitzt er gemütlich am Kamin, und von morgens bis spät abends ist er unterwegs. Nicht zufällig gelten seine Tagebücher seines Aufenthaltes von 1788 bis 1791 und dann Ende 1792 bis 1793 heute jedenfalls bei französischen Kunsthistorikern als Pflichtlektüre. Wolzogens politisches Tagebuch ist noch zu entdecken: seine Verhandlungen mit dem Außenminister Le Brun wegen Mömpelgard, das unter französischem Sequester stand, und sein diplomatischer Briefwechsel mit dem Herzog. Wolzogen hielt, als sich der Württembergische Geschäftsträger Rieger längst feige nach London verzogen hatte, tapfer die Stellung. Zweimal war er verhaftet worden. Wenn man also wissen will, was Schiller von der Französischen Revolution wusste und wie er sie beurteilte, muss man diese Tagebücher lesen.

Hochzeitsschock

Was schreibt nun Schiller unter dem 8. März 1790 an Wilhelm von Wolzogen als Antwort auf dessen Brief, der wie andere aus Paris verschollen ist? Wolzogen scheint mit seiner Lage etwas unzufrieden gewesen zu sein, jedenfalls deutet Schillers Warnung – „daß Du mit dem Herzog von W. einen raschen Schritt tätest“ – darauf hin. Aber Schiller kannte seinen „lieben Alten“, der ein wenig zum Nörgeln neigte, zu gut, um daraus eine Staatsaffäre zu machen. So belässt er es mit Kalendersprüchen, auf die sich der Briefschreiber Schiller gut verstand, und ermuntert Wolzogen zu „Standhaftigkeit und Beharrlichkeit“. Dass damit eine stoische Naturseligkeit gemeint sein könnte, die einem freiheitlichen Erziehungsideal widerspräche, kann man nicht recht glauben, wenn man liest, was Wolzogen in seiner Antwort auf Lottes parallelen Brief schreibt: „Die Natur ist in diesem Paris so uninteressant, und wird noch uninteressanter durch die Menschen.“

Was Schiller mit seinem Ratschlag überspielen möchte, steht gleich, wenngleich geschickt verpackt, am Anfang seines Briefes: „Du hättest auf Deinen Brief früher Antwort erhalten sollen, aber die Ursache der Verzögerung erfährst Du aus Lottchens Brief.“ Und Lottchens Brief vom 9. März 1790 ist deutlich: „(...) so mußt Du jetzt wissen, daß ich seit 14 Tagen Schillers Frau bin.“ Wie Wolzogen darauf reagierte, liest man in seinem Tagebuch unter dem 21. März 1790 (mit welchem Datum „le 21 mars“ er auch am linken oberen Rand Schillers Brief signiert): „Wie erstaunte ich nicht, als ich (...) die Heirat mit meiner Cousine lase (...). Jetzt ist für mich denn alles verloren, ich habe niemand mehr, von dem ich glauben könnte, er nähme ein ausschließendes Interesse an mir. (...) Diese und mehrere Gedanken stürmten schrecklich auf mich ein, ich stellte mich in mein Zimmer und weinte.“

Das war gut gesprochen – aber auch gefühlt? Wie immer man dies verstehen will, so ging doch etwas zu Ende, was Schiller immer wieder evozierte: die kleine Gemeinschaft mit Freunden. Wilhelm war unterdessen in seinem „größten Cursus, der je in der Politik gelesen worden ist“, zum Politiker geworden, während Schiller an Caroline von Beulwitz über Wolzogen schrieb, er habe „eine Elle mitgebracht um einen Coloß zu meßen“. Auch das war gut gesprochen – aber gefühlt? –, wenn Schiller hinzufügt: „Ich habe einen unendlichen Respekt für diesen großen drängenden Menschenocean, aber es ist mir auch wohl in meiner Haselnußschale.“

Leicht zerknittert und gebräunt

Einen Vorbegriff von Paris hatten sich beide, Schiller und Wolzogen, mit Merciers Tableaux de Paris erarbeitet, die Schiller in der schönen Formel zusammenfasste: „Der Frauen Paradies, der Männer Fegefeuer, Hölle der Pferde.“ Ihm fehlte nur die Erfahrung, aus welcher Wolzogens Ungeduld kam: „(...) wie glücklich, wenn ich unter euch leben könnte! Dann würde ich gewiß die Unruhe und den Trieb verlieren, den ich in mir spüre, alles um mich herum zu verwirren und es wieder in Ordnung zu bringen. (...) Aber ich wünschte bei denen Negociationen, die dabei vorfallen, geschäftige Hand zu haben.“ So im Brief an Lotte vom 2. August 1792, als er auf seinen Befehl zu seiner diplomatischen Mission zurück in Paris wartete.

Einen ebenso guten wie gestrengen Lehrer hatte er dafür in dem Württembergischen Geschäftsträger Rieger. Dass Wolzogen diplomatisches Geschick und Begabung hatte, zeigt schon sein kurzer Brief aus Paris vom 23. Juli 1789, als das Tagebuch schweigt, und von dem selbst die Schiller-Nationalausgabe nichts weiß: „Die Umstände erlauben mir vorerst nicht, ausführliche Nachricht zu geben. Vorsicht und Klugheit sind sehr nöthig. Nur das kann ich Dir sagen, daß zur Ehre der Menschheit die Bastille nicht mehr ist.“ Das war klug gesprochen, und dass dieses Lob in Wahrheit ein Skeptizismus war, konnte Schiller später in Wolzogens „Politischem Tagebuch“ nachlesen, das er sogar mit Vorwort herausgeben wollte.

Nun ist der Brief, in dem Schiller auch politische Aufsätze bestellte, die Wolzogen dann fleißig lieferte, auf wundersamen Wegen nach Marbach ins Literaturarchiv gekommen, wo er nun neben Wolzogens Pariser Nachlass seinen rechten Platz finden wird – leicht zerknittert und gebräunt. Man sieht es ihm schon an: dass er im empörten Bauch von Paris eine Zeit lang gelegen hat.

Christoph von Wolzogen

Prof. Dr. Christoph von Wolzogen ist außerplanmäßiger Professor für Philosophie am Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er bereitet eine biografische Dokumentation über den Adel im 20. Jahrhundert vor.

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