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Allein um die Welt

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Schon bei wenig Wind enorm schnell: dank der roten Tragflächen seitlich, die das Schiff aus dem Wasser heben. © Jean-Marie Liot/Malizia

Am 8. November startete die Vendée Globe, das härteste Rennen der Sportwelt: allein und nonstop um den Globus. Die Regatta bedeutet elf Wochen Einsamkeit, Hitze und beißende Kälte, haushohe Wellen und für Boris Herrmann die Erfüllung eines Lebenstraums. Mit ihm nimmt zum ersten Mal ein Deutscher teil.

Andreas Wolfers01.11.2020

Irgendjemand hatte das Rennen mal den „Everest der Ozeane“ genannt, rasch wurde daraus eine Art Zweitname der Vendée Globe. Der Vergleich ist griffig, aber falsch. Mehr als 10.000 Menschen standen bisher auf dem Mount Everest, nur knapp 100 gelangten bis ins Ziel dieser Regatta.

Die Vendée Globe ist das härteste Rennen der Sportwelt: allein und nonstop einmal rund um den Erdball. Mit einer hochgezüchteten Rennyacht, auf einer Route, die durch die kältesten und sturmreichsten Zonen der Ozeane führt. Es ist das längste Rennen der Welt, mit 45.000 Kilometern in 70 bis 80 Tagen. Und es ist wohl auch das anspruchsvollste Rennen der Welt; wer teilnehmen will, muss zu den Besten in Seemannschaft und Navigation gehören, er muss jedes Detail der hochkomplexen Elektronik und Technik an Bord verstehen und allein reparieren können. Er muss mental gerüstet sein für die Einsamkeit auf See, für die Orkane und haushohen Wellen des Südpolarmeers, für Schlafphasen, die selten länger als 45 Minuten dauern dürfen.

Zum ersten Mal allein um die Erde

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Bloß kein Corona! Herrmann wird sich wie alle Skipper eine Woche vor dem Start isolieren. © Andreas Lindlahr/Malizia 

Alle vier Jahre findet die Vendée Globe statt, acht Rennen gab es seit 1989. Die meisten Teilnehmer und alle acht Sieger kamen aus Frankreich. Erstmals in der Geschichte der Vendée startet jetzt ein Segler aus Deutschland, der Hamburger Boris Herrmann. Herrmann, 39, gilt als Deutschlands bester Regattasegler auf hoher See. Bereits dreimal hat er die Erde auf einer Rennyacht umrundet, allerdings noch nie allein.

Am 8. November werden die Segler in Les Sables-d’Olonne starten, einer französischen Hafenstadt am Atlantik. Ein paar Wochen zuvor sitzt Herrmann am Küchentisch seiner Wohnung in Hamburg und schreibt auf, was er mitnehmen will, um sich zwischendurch zu entspannen.

Musik natürlich, je nach Stimmung und Wellengang, er hat sich Playlists zusammengestellt. Er will lesen, hat E-Books für sein Tablet ausgewählt. All das wiegt nichts, also darf er es mitnehmen auf ein Boot, das wie alle Rennyachten kompromisslos getrimmt ist auf maximale Schnelligkeit bei minimalem Gewicht.

Ein richtiges Buch, also gedruckt und zum Blättern, wäre da purer Luxus. Genau deshalb will Herrmann auch zwei, drei Bücher mitnehmen. Und noch eine Idee hat er, die asketische Strenge an Bord zu mildern: Er will sich eine kleine Wandhalterung aus Holz zimmern, für eine gute Flasche Wein und ein Weinglas. Reserviert für Weihnachten und Silvester auf See, vielleicht auch noch für Kap Hoorn querab. Die Schatulle ist aus Holz, weil „auf jede anständige Yacht irgendetwas aus Holz gehört“, sagt Herrmann.

Inneneinrichtung? Fehlanzeige

Es wäre das einzige Stück Holz auf der „Seaexplorer“. Der 18 Meter lange Rumpf ist aus Karbon gefertigt, es gibt so gut wie keine Inneneinrichtung, nur die blanke, tiefschwarze Bordwand und massive, kreuz und quer angebrachte Stützstreben, die es schon im Hafen schwierig machen, im Rumpf nach vorne zu klettern. Erst recht auf See, wenn die Yacht über die Wellenkämme hinausschießt, mitunter fast vollständig in der Luft schwebt, ehe sie zurück aufs Wasser kracht. Dann erzittert das ganze Schiff, es bockt und springt, der Lärm unter Deck ist enorm. Hinzu kommt ein durchdringendes Summen, mit immer höherer Frequenz, je schneller die „Seaexplorer“ segelt: Die Foils summen, die seitlich aus dem Rumpf ragenden Flügel. Aerodynamisch geformt heben sie schon bei mittlerem Wind die vordere Bootshälfte aus dem Wasser, der Reibungswiderstand verringert sich und das Schiff beschleunigt spürbar.

Seit vier Jahren trainiert Boris Herrmann mit der Rennyacht. Er hat sie mehrfach über den Atlantik und zurück gesegelt, kennt ihr Verhalten im Sturm und bei Flaute, inzwischen „spüre ich im Halbschlaf unten in meiner Koje, wenn irgendetwas nicht optimal eingestellt ist“. Herrmann hat geübt, allein die schweren Vorsegel zu wechseln, allein hoch in den Mast zu steigen, allein unter das Boot zu tauchen, um verhedderte Fischernetze vom Kiel zu schneiden. Weil er alles Material ständig an die Grenzen der Belastbarkeit treiben wird, hat er das Boot mit einem komplexen Frühwarnsystem überzogen, mit 32 verschiedenen Alarmsignalen. Sie schrillen und piepen, wenn irgendwo die Bruchlast zu groß wird, etwa in einem Segel oder in den Foils beim Abheben.

Vendée Globe: Mehr geht nicht

Einen Monat vor dem Start segelte Herrmann das Schiff von seiner Basis in der Bretagne nach Les Sables-d’Olonnes. Sein Team und er verstauten Proviant für elf Wochen an Bord, dann fuhr Herrmann nach Hause, nach Hamburg. In seinem alten VW-Bus, in dem er wochenlang geschlafen hat, wie immer, wenn er bei seinem Boot in dem bretonischen Hafen war.

Jetzt nur noch Ruhe und Rückzug in seine Familie. Seit ein paar Monaten sind sie zu dritt, seine Frau und er haben eine Tochter bekommen. „Die Coronazwänge kamen für uns zur richtigen Zeit“, sagt er, „viele Termine fanden nicht statt und ich konnte zu Hause bleiben.“ Während des Rennens wird er täglich mit Frau und Tochter sprechen können, beim Videochat über Satellit. Zum Start kommen sie allerdings nicht nach Frankreich. „An dem Tag wird es besser sein, wenn ich beides klar voneinander trenne“, sagt Herrmann. „Ich bin dann sowieso im Tunnel.“

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Anders als beim Rennen 2016 dürfen nur wenige Menschen die Rennyachten bestaunen. © Andreas Lindlahr/Malizia

Die Vendée Globe ist sein Lebenstraum, seit er als 16-Jähriger ein Buch darüber in die Finger bekam. Schon damals segelte er viel, von seiner friesischen Geburtsstadt Oldenburg war es nicht weit bis zur Nordsee, wo er mit dem Vater, einem Lehrer, lange Touren auf einem kleinen Holzboot unternahm. Anders als die meisten deutschen Regattasegler fand er Ostsee und Binnenreviere nur mäßig spannend, ihn faszinierte die Deutsche Bucht mit Ebbe und Flut, mit Herbststürmen und Kreuzseen und anspruchsvoller Navigation. „Die Nordsee hat mich zum Seemann gemacht“, sagt Herrmann.

Mit 20 Jahren nahm er an einem Atlantikrennen nach Brasilien teil, allein auf einem 6,50 Meter langen Boot, es war sein Debüt auf dem Ozean. Er studierte BWL, entschied aber früh, Profisegler zu werden.

Die Eigner großer Regattayachten heuerten Herrmann oft an, er galt als begnadeter Navigator, zudem stand er im Ruf, nie die Ruhe zu verlieren. 2008 startete er mit einem Freund aus Hamburg zum Portimão Global Race, einer Regatta um die Welt in fünf Etappen. Die beiden gewannen das Rennen, als jüngstes Team im ältesten Boot. 2010 umrundete er, zusammen mit einem US-Segler, beim Barcelona World Race ohne Zwischenstopp erneut die Erde. Ein paar Jahre später kämpfte er auf einem Trimaran um die legendäre Jules-Verne-Trophy, den Preis für die schnellste Weltumsegelung unter Segeln – man könnte behaupten, Herrmanns Leben als Regattasegler sei ein einziges Training für seinen Lebenstraum gewesen. Für eine Teilnahme an der Vendée Globe. Mehr geht nicht.

Die Route ist simpel: von Frankreich hinunter zur Antarktis, an den Südspitzen von Afrika, Australien und Südamerika vorbei und dann den Atlantik wieder hinauf. Die eisigen Stürme im Südpolarmeer kommen meist von hinten und jagen die Boote durch die Wellenberge nahe der Antarktis. Herrmann wird sich dann unter Deck in einem bequemen Schalensitz festschnallen, vor sich Monitore mit Wetterkarten, Bildschirme für die Außenkameras, Schalter und Warnlampen, drei Satellitentelefone, ein Radarschirm. Wie in einer Pilotenkanzel kann er dort unten alles überwachen, auch den Autopiloten, der das Boot durch die aufgewühlte See steuert. Manchmal muss er nach draußen, für einen Segelwechsel etwa, und sich durch die Brecher, die über das Deck fegen, nach vorne kämpfen. Elf Wochen geht das so, Tag und Nacht, bei höchster Geschwindigkeit.

Ziel: ein Platz unter den besten Zehn

Seit 1989 starteten 167 Männer und Frauen zu dem Einhandrennen durch die Weltmeere. Nur 89 erreichten das Ziel, die anderen gaben auf, nach Mastbruch, Kenterung, Kollision mit einem Wal oder Container. Schon das Durchhalten ist ein enormer Erfolg. Herrmann scheut sich nicht zu verraten, dass er mehr will: einen Platz unter den besten Zehn.

Am 8. November werden 33 Rennyachten aus dem Hafen von Les Sables-d’Olonnes auslaufen. Herrmann wird einen Co-Skipper an Bord haben, um ungefährdet durch das Gewühl von hunderten Begleitbooten zu gelangen. Fünf Minuten vor dem Start wird der Co-Skipper bei voller Fahrt von Bord springen, ein Schlauchboot wird ihn auffischen. Ab dann ist Boris Herrmann allein.