Interview - Warum gesunde Ernährung so wichtig ist

Gesunde Ernährung schmeckt gut: Tief in den Obstkorb griffen diese Besucher des Rotary-Kindertages in Berlin, bei dem das Thema gesunde Ernährung eine wichtige Rolle spielte. © Ricarda Spiegel

13.02.2014

Interview 

Warum gesunde Ernährung so wichtig ist

Rotary radelt vom 26. April bis zum 3. Mai für den Kampf gegen Kinderlähmung und für die Gesundheit unserer Kinder. Warum das letztere Thema immer wichtiger wird, erklärt Radaktion-Initiator und Governor Christof Hottenrott, der lange Zeit als Arzt praktiziert hat, im Interview.

Wieso ist die gesunde Ernährung der Kinder ein so wichtiges Thema geworden?
Christof Hottenrott: Weltweit steigt der Anteil übergewichtiger Menschen dramatisch an. Laut WHO (2013) ist die Übergewichtigkeit in Folge von Bewegungsmangel und Fehlernährung die größte Geisel, das am schnellsten zunehmende Gesundheitsrisiko, des heutigen Menschen. 1,7 Mrd sind bereits betroffen und bei uns bereits 12 % der Einschulkinder, obwohl das Problem in Deutschland vergleichsweise geringer ist als z.B. in den USA, Entwicklungs- und Schwellenländern. Experten gehen davon aus, dass 75 bis 80 Prozent der heute in der Medizin behandelten Erkrankungen dadurch bedingt sind. Die hierdurch entstehenden Kosten sprengen zunehmend Gesundheitskassen und sogar Staatshaushalte. Während große Teile der Welt hungern, "fressen sich die anderen zu Tode".

Was sind die medizinischen Risiken einer ungesunden Ernährung?
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen mit hoher Signifikanz, dass Eltern die Veranlagung zur Übergewichtigkeit nicht nur vererben, sondern Mütter, die während der Schwangerschaft sich nicht ausreichend bewegen, zu stark zunehmen und rauchen beziehungsweise Alkohol trinken, Kinder mit einer "praenatalen Programmierung zur Übergewichtigkeit" zur Welt bringen, also Kinder, die zum Dickwerden prädestiniert sind. Folgen des Bewegungsmangels und der Fehlernährung dieser Kinder und damit der späteren Erwachsenen sind das "Metabolische Syndrom" mit Bluthochdruck, Diabetes mellitus und einem rasanten Anstieg kardiovaskulärer und, wie sich in letzter Zeit immer mehr verdeutlicht, bösartiger Erkrankungen. Der häufig zu beobachtende vorzeitige Gelenkverschließ verstärkt die Immobilität und die Gewichtszunahme und führt seinerseits zur Verkürzung der Lebenserwartung.

Was sind die größten Fehler, die man bei der Ernährung machen kann?
Zu viel, zu schnell, zu fett, zu kalorisch. Zucker, Fett und Salz sind Suchtstoffe, was die Nahrungsmittelindustrie längst erkannt hat. In Fertiggerichten ist der Inhalt oft nicht mehr erkenntlich. Der Zuckeranteil in vielen Fertiggetränken ist horrend. Das Gleiche gilt für Fett und Salz in Chips und Frittiertem und vielen Nahrungsmittelprodukten.

Wie kann man diese Fehler umgehen? Was sind gute Alternativen?
Wasser trinken statt Softdrinks. Eigene Herstellung einer ausgewogenen Kost mit viel Gemüse und Obst, Fisch und wenig Fleisch. Nicht auf Quantität, sondern Qualität achten.

Sie arbeiten seit Langem als Arzt: Was sind Ihre konkreten Erfahrungen mit dem Thema?
Entscheidender als die Fehlernährung ist der Bewegungsmangel. Während Menschen vor 60 Jahren durchschnittlich pro Tag noch etwa 15 Kilometer liefen, sind es heute nur noch 1000 Schritte, entsprechend 500 Metern. Einer großen Kalorienaufnahme steht ein stark reduzierter Kalorienverbrauch gegenüber. Das führt zur Anlagerung von Fett und vielen Folgeerscheinungen mit frühem Verlust der Erwerbsfähigkeit und erhöhter Sterblichkeit. Die Betroffenen sind vielfach nicht mehr umzustimmen, bevorzugen "All inclusive"- oder "All you can eat"-Restaurants und Ferienhotels und landen zunehmend in Arztpraxen und Krankenhäusern, wo ihre Behandlung mit hohen Risiken behaftet ist.

Muss man sich bei der Umstellung der Ernährungsgewohnheiten auf Widerstände einstellen? Wenn ja, welche sind das? Welche Hürden kann es geben?
Bei jeder Änderung einer Gewohnheit sollte man immer verträglich vorgehen. Um ihre Gelenke zu schonen, fangen Übergewichtige idealer Weise mit Aquawalking, Schwimmsport, oder Radfahren an. Der Magen schrumpft nur langsam, so dass der Inhalt des Essens rasch geändert, aber die Menge langsam reduziert werden sollte. Auch Kinder brauchen sehr viel Beratung. Verbote haben oft einen gegenteiligen Effekt.

Wie kann Rotary helfen?
Mit dem Projekt gesundekids wurde durch Rotary in Wiesbaden eine effiziente Gegeninitiative entwickelt, die junge Eltern aufklärt und Kitas und Schulen gewinnt, um Kindern so früh wie möglich ein Umdenken zu ermöglichen. Neben Bewegungskonzepten werden Kitas und Schulen z.B. mit Obst beliefert, Kinder lernen Pausenbrote herzustellen und kochen unter Anleitung, oder es werden Trinkbrunnen in Schulen installiert. Zu dem Thema wird ein Kongress in Frankfurt am 8. April stattfinden und alle deutschsprachigen Distrikte, aber auch viele europäische Distrikte werden in der Zeit vom 26. April bis 3. Mai Radaktionen mit dem Ziel in Frankfurt für die Gesundheit unserer Kinder, aber auch für das Image von Rotary, durchführen.

Wie können Rotarier sich Ihrer Meinung nach noch für das Thema stark machen?
Alle Rotarier sind aufgefordert, über das Problem zu informieren, den Kindern und Schulen ihrer Region zu helfen und selbst durch Mitmachen, d.h. Mitradeln, zum Vorbild zu werden, aber auch für die Bevölkerung deutlich zu machen, was Rotary ist und leistet.

Christof Hottenrott (RC Frankfurt am Main- Städel); Studium der Medizin in Deutschland und Frankreich; Dissertation und Habilitation an der Univ. Heidelberg; Forschung an der Univ. of California/Los Angeles, in Heidelberg und Frankfurt (eigen. DFG-Projekt) sowie in der Dtsch. Krebsgesellschaft; Facharzt für Chirurgie, Unfall- und Viszeralchirurgie; Teaching Consultant Surgeon in zahlreichen Ländern; C3 Professur an der Univ. Frankfurt (Endokrine-, Onkologische, Transplantations- und Min. Inva - sive Chirurgie); Direktor des Dep. Chirurgie der K. Kasper-Kliniken in Frankfurt; verheiratet, 4 Kinder, 9 Enkel; Präs. 2001/02, PHF.

Rotary Magazin 9/2016

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