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Buch der Woche

Eine Kulturgeschichte des Christentums

Buch der Woche - Eine Kulturgeschichte des Christentums
© C.H. Beck

Die christliche Kultur ist der Schlüssel zum Verständnis des Abendlands. Jörg Lauster zeigt, wie sie seit der Antike nicht nur die Künste, sondern auch das Zusammenleben,

11.12.2014

3. Die Erfindung des Romans aus dem Geist der Puritaner

Literatur wurde im Zeitalter der Auf klärung zu einem beherrschenden Kultur faktor. Dem ging die «Leserevolution»der Auf klärung voraus. Alphabetisie rungskampagnen sowie Verbesserungen in der Drucktechnik machten den neu entstehenden Buchmarkt zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. David Hume zählte zu den ersten Autoren, die mit dem Handwerk des Schreibens ein Vermögen machen konnten. Seine History of England wurde ein solcher Erfolg, dass seine philosophischen Schriften in der öffentlichen Aufmerksamkeit dahinter zurückfielen und Hume in Großbritannien lange als Historiker bekannter war denn als Philosoph. England eilte in diesen Entwicklungen den anderen europäischen Ländern voraus, und England war auch der Ort, an dem die lite rarische Gattung des Romans einen bahnbrechend neuen Impuls erhielt. Die Genialität William Shakespeares und vor ihm schon die Werke Christopher Marlowes hatten die englische Literatur auf eine spektakuläre Kulturhöhe ge führt.

Pilgrim’s Progress

Von diesen Vorbildern ließen sich die englischen Puritaner inspirieren. Sie nah men die reformatorische Verehrung des Wortes ernst und nutzten die Möglich keiten des neuen Buchmarkts. Es waren die Puritaner, die die Bedeutung des Buches in der Kulturgeschichte des Christentums auf die Spitze trieben: «Puritanism was an intrinsically bookish movement», bilanziert ein führender Purita nismus Forscher. 135 Lewis Bayly verfasste 1612 mit seiner Practice of Piety eines der erfolgreichsten Erbauungsbücher in der Geschichte des Christentums, John Milton schuf mit Paradise Lost und Paradise Regained die wirkungsvollsten epi schen Bearbeitungen des Stoffes der biblischen Heilsgeschichte. Ein Jahrzehnt nach Milton war es ebenfalls ein Puritaner, der die Gattung des Romans zur Verbreitung religiöser Wahrheiten in Dienst nahm. Das war etwas Neues und auch Überraschendes. Der baptistische Prediger John Bunyan (1628–1688) veröffentlichte 1678 den Roman The Pilgrim’s Progress . Das Buch wurde noch zu seinen Lebzeiten ein großer Erfolg, auch seine postume Wirkungsgeschichte war enorm.

Pilgrim’s Process ist beides zugleich, ein Wendepunkt in der Geschichte der modernen Literatur und eines der wirkungsvollsten christlichen Erbauungsbücher der Neuzeit. Bunyan wuchs im englischen Revolutionszeitalter auf. Nach einer schweren Glaubenskrise wandte er sich dem Puritanismus zu und schloss sich einer Baptistengemeinde an. Bunyan wirkte als Prediger und veröffentlichte theologische Traktate, in denen er sowohl den episkopalen Anglikanismus als auch das f reikirchliche Quäkertum auf der Grundlage calvinistischer Theologie attackierte. Auch in die Debatten seiner eigenen baptistischen Glaubensgenos sen griff er literarisch ein, indem er dafür plädierte, die Erwachsenentaufe nicht zum ausschließlichen Aufnahmekriterium zu machen. Bunyan zeigte sich in die sen Schriften als ein überzeugter Anhänger des Puritanismus, viele Jahre saß er dafür in Haft. The Pilgrim’s Progress ist zu größten Teilen in einer Gefängniszelle geschrieben. Seine religiöse Überzeugung ist für die Wahl der Gattung des Romans erheblich, offensichtlich erhoffte sich Bunyan eine größere Verbreitung puritanischer Ideen. Dieses Zutrauen in die Macht des Wortes war bestes reformatorisches Erbe, die Entscheidung für die Gattung des Romans hingegen war ein unerhörtes und kühnes Experiment. Denn anders als das Epos, das der literarischen Darstellung überzeitlicher Begebenheiten dient, lebt der Roman von der fiktiven Erzählung individueller Lebensgeschichten. Er versucht nicht we­niger, als mit der Kraft von Worten zwischen biblischen Wahrheiten und den Lebenserfahrungen der Leser zu vermitteln.

Dem strengen Calvinismus der Puritaner musste jedoch alles Fiktive verdächtig erscheinen, weil es im Ruf stand, bloß erfunden und darum nicht wahr zu sein. The Pilgrim’s Progress beginnt mit einem Traum des Protagonisten, der wie alle Gestalten des Buches einen allegorischen Namen trägt. Christ träumt von der Begegnung mit dem Mann Evangelist, der ihm kundtut, dass er sich um seines Heiles willen aufmachen muss aus dieser Welt in die himmlische Stadt. 138 Er verlässt seine Familie und macht sich auf die Pilgerreise. Der zweite Teil des Werkes erzählt, wie seine Frau und Kinder ihm nachreisen und ähnliche Aben teuer zu bestehen haben. Auf dem Weg begegnet Christ Gefährten, als seine treuesten erweisen sich Hope (Hoffnung) und Faithful (Hoffnungsvoll), andere wie Obstinate (Stur), Worldly Wiseman (Weltklug), Formalist (Formalist), Hypocrisy (Heuchler) oder Talkative (Schwätzer) sind weniger hilf reich oder behindern gar die Pilgerreise durch die Charakterzüge, die ihre Namen versinnbildlichen.

Christ und seine Begleiter müssen furchterregende Landschaften durchqueren, Kämpfe mit Ungeheuern wie Apollyon 139 und dem Riesen Verzweiflung 140 bestehen sowie den Nachstellungen böser und lasterhafter Menschen in der Stadt Vanity Fair (Markt der Eitelkeiten) entkommen. Dass sich heute ein Lifestyle Magazin nach dieser Stadt benennt, gehört ebenfalls in die Wirkungsgeschichte des Buches. Nicht alles glückt den Gefährten, Hope wird in Vanity Fair hingerichtet, allerdings nach seinem grausamen Tod sofort in den Himmel entrückt. Christ übersteht die Gefahren seiner Pilgerreise durch die Festigkeit seines Glaubens, seine Bibeltreue und die Kraft des Gebets. Am Ende gelangt Christ an das Ziel seiner Pilgerschaft und erreicht die Himm lische Stadt. Da Bunyan die Pilgerreise als einen Traum darstellte, konnte er den Verdacht abwenden, eine Phantasiegeschichte als Tatsachenerzählung auszugeben. Das milderte die kritische Haltung der Puritaner gegenüber der Fiktion und ermög lichte ihm den Einsatz üppiger literarischer Mittel. Bunyan verband die allegori sche Darstellung menschlicher Laster und christlicher Tugenden mit dem Span nungsbogen des Abenteuerromans. Darüber hinaus baute er Elemente der – wie man heute sagen würde – Fantasy Literatur ein.

Der Roman The Pilgrim’s Progress erscheint in vielem wie eine Art Herr der Ringe für Puritaner im 17. Jahrhundert. Die großen religiösen Interpretationsschwierigkeiten, die der fiktive Charakter dieser Art der Fantasy Literatur aufwerfen könnte, umgeht der Roman geschickt durch die allegorische Gesamtausrichtung. Bunyan setzte die Imaginationskraft seiner Leser f rei und produzierte einen spannungsgeladenen, die Phantasie auf und anregenden Film im Kopf kino seiner Rezipienten. Diese besondere Leis tungskraft der Literatur entfaltete einen enormen religiösen Nutzen. Bunyan vermittelte seinen Leserinnen und Lesern Heilsgewissheit mit der Macht der Vorstellungskraft. Spätestens seit Herbert Schöfflers Arbeiten zur Literaturgeschichte Englands in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts war das Augenmerk auf diese religiöse Leistungskraft des modernen Romans gelenkt. Er nahm Anregungen Max Webers und Ernst Troeltschs auf und präzisierte die kulturgeschichtliche Be deutung des angelsächsischen Protestantismus auf dem Feld der Literatur. Schriftsteller begannen im 17. Jahrhundert damit, die besonderen Möglichkeiten ihres Mediums für die Religion zu nutzen. Mit den Mitteln der Fiktion brachten sie die «innere Wahrheit» 143 ihrer Überzeugung stärker zum Ausdruck, als dies mit den bislang üblichen Darstellungsmethoden wie dem Epos oder dem Erbau ungstraktat möglich gewesen wäre. An diese Einsicht knüpfte einer der bedeutendsten Literaturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts an und entwickelte daraus eine der interessantesten Literaturtheorien der Gegenwart.

Wolfgang Iser erklärte den Erfolg des Romans in der Neuzeit damit, «dass die Sinnkonstitution des Textes zu einer unver kennbaren Aktivität des Lesers wird». 144 Bunyan ist Isers erster Gewährsmann, der den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Literatur vom Epos hin zum Roman einleitete. Im Detail sah Iser diese Wende durch die be sondere Konstellation des Calvinismus vorbereitet. Nach dessen unverbrüch­ licher Überzeugung schloss die göttliche Gnadenwahl jede menschliche Mitwirkung an der eigenen Erlösung aus. Anders als der mittelalterliche Ritter kann sich der «Puritan Hero» nicht durch Taten Verdienste erwerben, sondern der Welt allein durch sein inneres Vertrauen in die göttliche Gnadenwahl trot zen, seine Taten können dann nur Folge dieser Heilsgewissheit sein. Im Roman ergeben sich dadurch zwei Spannungspole. Der Leser hat Anteil an der Allwis senheit des Autors und weiß um die göttliche Gnadenwahl des Pilgers, er steht aber auch im Bann des individuellen Schicksal, der Gefahren und Proben, die der Pilger zu bestehen hat. So wird der Leser innerlich hineingenommen in die stetige Vergewisserung des Heils. Mit den Mitteln des Romans ist die Heilsbot schaft kein abstraktes, überweltliches Diktum, sondern geht in die konkreten Lebenssituationen eines menschlichen Individuums ein. In dieser Aufwertung des Individuellen liegt die neue Leistungskraft des Romans. Dass ausgerechnet der Puritanismus diese Möglichkeiten des Romans entdeckte, ist kein Zufall. Iser sah darin eine sublime Selbstkorrektur, eine «Humanisierung des theologi schen Rigorismus», die die Grundüberzeugungen des calvinistischen Puritanismus lebenswerter machte.

Bunyans Roman brachte Gott und die Welt tief hinein in die Gemüter seiner Leser, und darum legte die Welt sich dem Roman zu Füßen. Robinson Crusoe Was sich aus den neuen Mitteln des Romans machen ließ, zeigte eine Genera tion nach Bunyan der Schriftsteller Daniel Defoe (1660–1731), der wie Bunyan in Bunhill Fields begraben ist, dem berühmten Londoner Dissenter Friedhof. Robinson Crusoe ist eines der berühmtesten Bücher der Weltliteratur, jedes Kind kennt Robinson, seinen Diener Freitag und die Kannibalen. Auch Defoe ent stammte der englischen Strömung der Nonkonformisten, auch er teilte die Ideale des Puritanismus, und auch er nutzte zu deren Verbreitung die Form des Romans. Defoes Welterfolg lässt sich zunächst einfach erklären. Sein Roman Robinson Crusoe findet bis heute so viele Leserinnen und Leser, weil er ein wunderbares Buch ist. Defoe nahm eine wahre historische Begebenheit zum Anlass, um eine Literaturgattung zu schaffen, die in unzähligen Robinsonaden Nachahmung gefunden hat. 146 Damit verschaffte er auch der einsamen Insel einen festen Platz in den europäischen Sehnsuchtslandschaften. Robinson Crusoe entführt seine Leser in ferne Welten, seine Geschichte ist spannend, sie ist anrührend, und sie ist voller edler Botschaften. Man erfährt aus dem Buch viel über die Kultur und Wirtschaftsgeschichte des f rühen 18. Jahrhunderts in all ihren globalen Verflech tungen, vor allem aber über die grandios zuversichtliche Haltung zur Welt, die aus der Verbindung von Puritanismus und Auf klärung hervorging. 147 Das Buch veranschaulicht die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Hochseeschifffahrt im 18. Jahrhundert, es versinnbildlicht die zeitgenössischen Vorstellungen und Phantasien von f remden Ländern, von Bewohnern, die als Wilde wahrge nommen wurden, und von exotischen Tieren. Man erfährt auch etwas von der abgrundtiefen Abscheu, mit der Engländer jener Zeit auf alles Katholische he­ rabsahen, die mit Argumenten der auf klärerischen Religionskritik gestützt wurde.

Der Katholizismus erscheint als dunkle Religion, in der die «Pfaffen mit Heimtücke regierten, indem sie ihre Religion mit einem Mysterium umhüll ten». 148 Ähnlich ist die Sicht auf den englischen Erzfeind Spanien, der unter Auf bietung der Schwarzen Legende für sein «gnadenloses Verhalten» 149 verurteilt und als fortwährender Hort der Inquisition kritisiert wird, in dem die «Häscher der Priester» 150 ihr Unwesen treiben. Defoes Buch spiegelt zentrale Debatten und Vorstellungen der Frühaufklärung rung wider. Er entwirft darin das Ideal des homo faber. Durch den Einsatz seiner Vernunft kann der Mensch Großes erreichen. Robinsons Taten auf der Insel wiederholen im Zeitraffer die Kulturgeschichte der Menschheit. Vom erfolgrei chen Ackerbau über die Viehzucht, die Erziehung des «wilden» Freitag bis hin zur Ausarbeitung einer Militärstrategie und den Auf bau eines kleinen Gemein wesens treibt er die Entwicklung auf der Insel voran und zeigt, was dem Men schen an Weltgestaltung möglich ist, wenn er mit Vernunft und Tatkraft zu Werke geht. In den Anfangskapiteln, vor allem aber beim glücklichen Ausgang am Schluss des Buches kommt auch eine besondere Variante des homo oeconomi cus in den Blick.

Robinson gelangt zu Reichtum, weil er überall auf ehrenwerte ehemalige Geschäftspartner und bis zur Aufopferung zuverlässige Treuhänder trifft. Noch nach siebenundzwanzig Jahren auf der einsamen Insel kann er in England von den Gewinnen seiner brasilianischen Plantage profitieren. Defoes eigene Biographie spricht eine ganz andere Sprache. Als Kaufmann erlebte er – vielleicht auch aufgrund eigenen Ungeschicks, vor allem aber wegen widriger Umstände – mindestens zweimal einen Bankrott. Sein Roman hingegen liefert die Vision eines f reien Handels unter fairen Ehrenmännern. Dies ist der vielleicht märchenhafteste Teil des Romans, und doch schuf Defoe damit die Vision einer Verbindung von sittlicher Redlichkeit und wirtschaftlichem Erfolg, die wesentlich die puritanisch aufgeklärte Auf bruchsstimmung in England und Amerika am Anfang der Moderne prägte. Das bekannteste Thema des Buches ist die Begegnung mit den «Wilden». Nach Jahren auf der Insel entdeckt Robinson eine Fußspur am Strand, schließ lich findet er heraus, dass Eingeborene in unregelmäßigen Abständen die Insel aufsuchen, um Kriegsgefangene zu schlachten und zu verspeisen. Robinson denkt nicht nur über die praktischen Möglichkeiten nach, wie er einen Angriff auf sie in die Wege leiten könnte, sondern überlegt auch, mit welcher Legitima tion er eine solche Intervention durchführen sollte. Im Nachdenken darüber ge lingt es ihm mehr und mehr, seine urwüchsigen «Rachegefühle» abzukühlen.

Sie weichen der Frage: «Was hatten sie mir denn angetan, und welches Recht hatte ich, mich in ihre blutigen Fehden einzumischen? [...] Welches Urteil hätte Gott wohl in diesem besonderen Fall gefällt? Diese Menschen betrachteten sich gewiss nicht als Verbrecher und handelten nach bestem Wissen und Gewissen. Sie kannten nicht unser Bewusstsein für sündhaftes Verhalten.» 152 Das schlichte Gewand der Fragestellung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Defoe damit die Legitimationsf rage der Intervention in der transkulturellen Kulturbegegnung vorweggenommen und eine Antwort versucht hat. Dem Konflikt mit den Kanni balen steht das Bild des edlen Wilden gegenüber, das Defoe mit der Gestalt des Freitag entwirft. Dieser, benannt nach dem Tag seiner Rettung, kommt als Ge

fangener der Kannibalen auf die Insel, Robinson bef reit ihn und findet in ihm fortan einen treuen und gutherzigen Gefährten «ohne jeden Fehl und Tadel», 153 der allerdings – und darin liegt aus heutiger Sicht das Problematische in Defoes Beschreibung dieser interkulturellen Begegnung – als Wilder den Engländer als Herrn anredet und ihn verehrt wie ein Kind seinen Vater. 154 Die Unterweisung im Christentum und gute Erziehung formen den guten Menschen. Die Erziehung Freitags besteht aus zweierlei: aus dem Erlernen der engli schen Sprache und der Einführung in das Christentum. Die religiöse Dimen sion ist eines der wichtigsten Motive des Buches. 155 Zu den Gütern, die Robinson von dem Wrack des Schiffes retten kann, mit dem er vor der Insel kenterte, ge hört neben Werkzeugen und Nahrungsmitteln eine Bibel. Er fängt an, täglich morgens und abends darin zu lesen, und die Lektüre zeigt ihre Wirkung: «Schon bald nachdem ich mich ernstlich dieser Aufgabe verschrieben hatte, empfand ich tiefste und auf richtigste Trauer über meinen f rüheren ruchlosen Lebens wandel.» 156 Ihn ergreifen die biblischen Worte, die er über die Vergebung der Sünden liest.

Die Bibellektüre ändert seine Lebensrichtung in der scheinbar aus weglosen Lage auf der Insel. «Meine Gedanken waren durch beständiges Lesen in der Bibel und das Gebet zu Gott auf höhere Dinge ausgerichtet. Ich empfand auf eine Weise Trost, wie es mir vorher nicht möglich gewesen war.» Immer wieder bewährt sich die Bibel in schwierigen Lagen als Quelle des Trostes, die regelmäßige Bibellektüre wird zum Ritus seines Inselchristentums, 158 die Aus richtung auf die Gebote Gottes zum Ethos. Im Prozess der Bekehrung fängt Robinson an, seine Lage neu zu beurteilen. 160 Sein f rüheres Leben erscheint ihm als Verfehlung, der Schiffbruch als Strafe und die einsame Insel letztlich als eine Gnade: «Hier war ich dem Übel der Welt entzogen und kannte weder Flei scheslust noch Hoffart und ließ mich auch von keinem anderen Reiz verführen. Ich verlangte nichts, denn ich hatte alles, was sich ein Mensch wünschen kann.» Mit Sorgfalt widmet sich der bekehrte Robinson der Missionierung Freitags. Der ehemalige Seemann und der einstige Kannibale führen theologische Debat ten, in denen Robinson die logischen Einwände Freitags als Herausforderung er lebt: «Aber wenn Gott sein viel stark und mehr Macht als Teufel, warum dann nicht töten Teufel? Er dann nicht mehr Böses tun.» Das klingt anders als in der hehren philosophischen Tradition, der Sache nach trägt Freitag hier jedoch das zentrale Argument aller Theodizee Debatten vor. Die dogmatische Unterwei sung ist jedoch nicht Robinsons Hauptanliegen, für Lehrstreitigkeiten hat er nichts übrig. «Aller Streit, der auf dieser Welt bis in unsere Zeit an der Religion entbrannte, war für uns gegenstandslos, wie er es meiner Meinung nach auch für die übrige Menschheit hätte sein sollen.»

Da es die Religion eben nicht nur mit Dogmen und Lehren zu tun hat, folgt für ihn daraus das Gebot der religiö sen Toleranz. Zu seiner Religionspolitik als Inselgouverneur merkt er daher lakonisch an: «Mein Freitag war Protestant, sein Vater ein Heide und Menschen f resser, und der Spanier glaubte an den Papst. Aber ich gewährte allen Religions f reiheit.» 164 Robinson identifiziert das Christentum nicht einfach mit dessen Lehren, seine Religion zeigt sich vielmehr in der inneren Haltung eines welt­ zugewandten, zuversichtlichen Gottvertrauens. Angeregt durch die Lektüre der Bibel sieht er seine eigene Lebensgeschichte wundersam von der Hand Gottes gelenkt. So wie sein eigenes Leben folgen auch die Abläufe der Welt der gött­ lichen Führung. Gottes Plan gibt der Geschichte und dem Leben des Einzelnen Sinn, aus dieser Gewissheit empfängt der Mensch die Zuversicht zur Lebens und Weltgestaltung. 165 Robinson Crusoe hat in der Weltliteratur einen festen Platz. Den hat er auch in der Kulturgeschichte des Christentums verdient. Es gibt wenige Beschreibun gen, die ergreifender und schöner darstellen, wie ein Leser die Worte der Bibel aufnimmt, als wären sie für ihn und in sein Leben hinein aufgeschrieben. Mit Robinson Crusoe als Bibelleser schuf Defoe der protestantischen Bibelf römmig keit ein literarisches Denkmal. Die zupackende optimistische Haltung Robinsons verkörpert die produktive Wechselwirkung zwischen Puritanismus und Auf klärung, die es analog auf dem europäischen Festland im Verhältnis von Pietismus und Auf klärung auch gab.

Diese puritanische Frömmigkeit war von individuellem Erwählungsglauben und sittlicher Entschlossenheit bestimmt, die im täglichen Handeln auf die Leis tungskraft menschlicher Vernunft vertraute. Sie war darin noch ganz f rei von den späteren dogmatischen Abschottungen und antimodernen Engführungen der Erben des Puritanismus und Pietismus. Robinson Crusoe ist ein Sinnbild für eine christlich fromme und doch auch aufgeklärte Haltung im 18. Jahrhundert, die sich selbst als Auf bruch in eine glorreiche Zukunft verstand und erlebte. Das Buch erinnert daran, was mit der Moderne einmal gemeint war und worin der Beitrag des Christentums zu diesem Projekt hätte bestehen können. Damit ist das vermeintliche Kinderbuch auch ein fortwährendes Gegenmittel gegen die Zynismen und Depressionen der Moderne.

Das Christentum griff mit Bunyan und Defoe seit dem späten 17. Jahrhundert auf die Gattung des Romans aus und verhalf ihm damit zu seinem rasanten Auf stieg. So wie es von Anfang an stets neue Kulturformen wie die Architektur, die Musik und die Kunst in den Dienst genommen und nachhaltig geprägt hat, hat es im 17. Jahrhundert den Roman als ein neues Medium entdeckt. Dieser Medi enwechsel ist eines der deutlichsten Sinnbilder für die Verwandlung des Christentums in der Moderne. Sie ist begründet in der enormen Aufwertung des Individuums. Der Roman eröffnete bislang nicht bekannte subjektive Beteili gungsmöglichkeiten, denn die Leserinnen und Leser konnten und mussten die angebotene Erzählung mit ihrer Vorstellungskraft in ihre eigene Lebenswirk lichkeit übertragen, um den Roman zu verstehen. Die Form der Erzählung rückte zudem durch die konkretere Darstellung von Raum und Zeit die Bot schaft näher an das Leben heran, als dies metaphysische oder dogmatische Be griffsabhandlungen konnten. Der Roman veranschaulichte, wie die mensch­ liche Weltwahrnehmung grundsätzlich «in Geschichten verstrickt» 166 ist, und darin lag seine Wirksamkeit als neues religiöses Medium.

Quelle: Jörg Lauster: Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums. C.H. Beck, München 2014. 734 Seiten, 34 Euro.

Der Auzug stammt von den Seiten 435 bis 443.