Forum - Eine Stadt wie keine andere

Die Himmelsreise Mohammeds von Sayyid Arab Teheran gibt es in der Berliner Ausstellung zu sehen. © Sammlung Puin/Jüdisches Museum Berlin

01.01.2018

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Eine Stadt wie keine andere

Die Entscheidung Donald Trumps, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, rief weltweit heftige Reaktionen hervor. Eine Berliner Ausstellung zeigt die historischen Hintergründe eines scheinbar unlösbaren Konflikts.

Das Problem mit Jerusalem, so erklärte ein palästinensischer Taxifahrer vor vielen Jahren, läge an zu vielen Juden, Moslems und Christen, die diese Stadt als Vorhof des Himmels sähen und bereits zu Lebzeiten dort Eintritt begehrten. Und, so könnte man ergänzen, daran, dass sie von Zeit zu Zeit ihren jeweiligen Weg ins Ewige Leben mit einem rücksichtslosen Wahrheitsanspruch verbinden, der das Leben in dieser Stadt nicht gerade einfacher macht. Der heilige Charakter, der Jerusalem zugeschrieben wird, ist Segen und Fluch zugleich: Er bedeutet Ruhm und Einkommen, aber auch Kampf, Besatzung und Zerstörung. Wie keine andere Stadt steht Jerusalem daher gleichzeitig und widersprüchlich für Frieden und Erlösung wie für Hass und Gewalt.

In der ummauerten Altstadt und darüber hinaus befinden sich heute an die 255 Kirchen und christliche Stätten, etwa 160 Moscheen und muslimische Gebetsplätze sowie zwischen 80 und 110 Synagogen und Betstuben, je nach Quelle. Die genaue Anzahl von Gotteshäusern ist nicht dokumentiert, aber vermutlich weist Jerusalem die höchste Dichte an Sakralbauten weltweit auf. Die einmal in dieser Stadt durch den Tempel Salomos verankerte Heiligkeit, die von den nachfolgenden Machthabern immer wieder mit neuen Glaubenssystemen und Bauten überschrieben wurde, definiert Jerusalems fünftausendjährige Geschichte.

Zentrum des Judentums
Der Tempel mit dem Allerheiligsten, dem Aufbewahrungsort der Bundeslade, wird nach jüdischer Tradition als Wohnung Gottes aufgefasst, in der sich die Schechina, die immerwährende Gegenwart Gottes, befindet. Beide Tempel, der Erste Tempel Salomos und der Zweite, herodianische, Tempel, befanden sich auf einem Hügel, auf den ein künstliches Plateau aufgeschüttet worden war. Die westliche Seite des Tempelbergs ist heute im erweiterten Sinn einer der heiligen Orte des Judentums: die Klagemauer. Auf Arabisch wird der Berg als Haram asch-Scharif bezeichnet, das edle Heiligtum, mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee. Der Tempelberg umfasst heute die am heftigsten umkämpften Quadratmeter Jerusalems.

Zu biblischen Zeiten waren Juden drei Wallfahrten nach Jerusalem vorgeschrieben, Erntedankfeste, die mit einem Opferdienst im Tempel verbunden waren. Nach seiner Zerstörung durch Rom und dem damit verbundenen Ende des Opferrituals im Jahr 70 n. u. Z. entwickelten sich in der Diaspora zahlreiche Formen der Erinnerung an den verlorenen Tempel und die besiegte Stadt: Jerusalem lebte weiter als Zentrum von Eretz Jisrael, des „Landes Israel“. im Sinne einer metaphysischen Heimat im Heiligen Land.

Auf diese Heimat wird das Gebet ausgerichtet; visuelle Zitate des Tempels finden sich auf den Schmuckobjekten, mit denen Tora-Rollen verziert werden; bei Hausbauten oder Renovierungen bleibt als Erinnerung an den zerstörten Tempel ein Stück Mauerwerk oder ein kleiner Teil einer Wand unbearbeitet oder unbemalt. Am 9. Tag des Monats Aw – dem Tischa be-Aw – wird in tiefer Trauer der Zerstörung des Tempels gedacht und Psalm 137 rezitiert, in dem es heißt: „An den Strömen von Babel saßen wir und weinten …“ und „wenn ich dein vergesse, Jerusalem, soll meine Rechte ebenfalls vergessen sein.“ Andere historische Ereignisse innerhalb der jüdischen Geschichte werden mit Tischa be-Aw verbunden und in Beziehung zur Urkatastrophe, der Zerstörung des Tempels, gesetzt. Der Ausspruch „Nächstes Jahr in Jerusalem“, wird von Jüdinnen und Juden in und außerhalb Jerusalems am Ende des Sederabends und am Versöhnungstag, Jom Kippur, gesprochen: Er ist Ausdruck der Hoffnung auf messianische Rückkehr und Erlösung.

Während sich das rabbinische Judentum mit einem transzendenten Bild von Jerusalem in der Diaspora neu zu erfinden hatte, wurde im zweiten nachchristlichen Jahrhundert die zerstörte Stadt durch Kaiser Hadrian als römische Kolonie Aelia Capitolina wieder aufgebaut. An der Stelle des Tempels wurde den Göttern Jupiter, Juno und Minerva ein Heiligtum errichtet sowie eine Hadrian-Statue aufgestellt und den Juden vorübergehend der Zutritt zur Stadt verboten. Mit der Durchsetzung des Christentums als offizieller Staatsreligion des Römischen Reiches ließ Kaiser Konstantin Memorialbauten in Jerusalem und Bethlehem über den Orten von Geburt, Tod und Auferstehung Christi errichten und etablierte das zwischenzeitlich vergessene, provinzielle Jerusalem als ein neues religiöses Zentrum.

Die Grabeskirche, die das vermutete Grab und den Golgatha-Felsen umschließt, wurde zum Zielpunkt von Pilgerreisen und zu einem der heiligsten Orte des Christentums. Nach ihrer Zerstörung durch schiitische Fatimiden, die Jerusalem 979 eroberten, wurde sie im 11. Jahrhundert wieder aufgebaut und erfuhr danach weitere An- und Umbauten. Trotz wiederkehrender interner Kompetenzstreitereien wird die Grabeskirche bis heute von sechs der ältesten christlichen Konfessionen gemeinsam verwaltet. Die Schlüsselgewalt über die Kirche, ein Relikt aus der Zeit der osmanischen Herrschaft, deren Ursprung nach der Überlieferung auf Saladin zurückgeht, haben nach wie vor zwei muslimische Familien, die die Kirche täglich auf- und abschließen. In der Stadt Jerusalem sind heute über 50 christliche Konfessionen ansässig.

Gipsabguss des sogenannten Beutereliefs vom Titusbogen in Rom
Foto: Antikenmuseum der Universität Leipzig/ Jüdisches Museum Berlin

 

Heiligtum des Islam
Im Jahr 635 begann die muslimische Herrschaft über Jerusalem, die – mit Ausnahme der Kreuzfahrerzeit – 1300 Jahre andauern sollte. Umayyaden, die die Stadt erobert hatten, später Abbasiden, Fatimiden, Seldschuken, Ayyubiden und Mamluken regierten Jerusalem, bis die osmanische Armee unter Führung von Sultan Selim I. im Jahr 1615 die Stadt einnahm. Das Osmanische Reich dauerte bis zum Beginn des Britischen Mandats 1920 an.

Die Bedeutung Jerusalems für den Islam ergibt sich aus der nächtlichen Reise Muhammads, der von dort aus in den Himmel aufstieg. Nach Jerusalem wurde – bevor Mekka diese Funktion einnahm – das Gebet ausgerichtet, und Jerusalem ist in der Hierarchie heiliger Orte nach Mekka und Medina die drittheiligste Stadt des Islam. Sie war das Ziel der kleinen Pilgerfahrt im Anschluss oder in Vorbereitung auf die große Pilgerfahrt nach Mekka. Die Umayyaden bebauten das verlassene Areal des zerstörten jüdischen Tempels mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee, die im 8. Jahrhundert Jerusalem als religiöses Zentrum des Islam festigten.

In Jerusalem lehrten und studierten im Mittelalter Gelehrte aus der ganzen islamischen Welt, und in dieses geistige und theologische Zentrum mit seinen zahlreichen Schulen, Moscheen und Lehrhäusern zog es Scharen von muslimischen Pilgern. Die baulichen Zeichen muslimischer Präsenz wurden im Laufe der Jahrhunderte von den Herrschern immer wieder aufwendig restauriert. Felsendom und Al-Aksa-Moschee definieren noch heute das Erscheinungsbild der Stadt und unterstreichen den muslimischen Anspruch auf Jerusalem.

Doch auch diese Gebäude erfuhren Überschreibungen: Ende des 11. Jahrhunderts wurde durch die Kreuzfahrer die zuvor vor allem spirituelle Hinwendung zu Jerusalem mit einem territorialen Anspruch verbunden und durchgesetzt: Das muslimische heilige Areal des ehemaligen Tempelbergs wurde nach Einnahme im Jahr 1099 christlich umgewidmet, der Felsendom mit einem Kreuz versehen und ein Herrschersitz in der Moschee eingerichtet, bis Saladin im Jahr 1187 die Stadt rückeroberte. Nach Ende der Kreuzfahrerstaaten blieb die religiöse Bedeutung Jerusalems im Christentum bestehen.

Heilige Stätten der Christenheit
Die Stadt wurde als religiöser Mittelpunkt der Erde und als Nabel der Welt dargestellt, Pilgerreisen nahmen zu. Das Heilige Grab fand als Replik und Mitbringsel weite Verbreitung; es wurde auch von adligen oder vermögenden Pilgern als verkleinerter Nachbau angefertigt. Bis heute sind diese Heiligen Gräber an vielen Orten Europas erhalten und wurden selbst Ziel von österlichen Wallfahrten. Der Brauch, die Stätten der Passion liturgisch zu verbinden, etablierte sich als Via Dolorosa im 14. Jahrhundert und kam als Kreuzweg in die europäischen Kirchen. Jerusalem ist als religiöse Vorstellung in den Ländern des christlichen Europa überall präsent.

Auch der politische Anspruch der Kreuzfahrerstaaten war nicht ganz erloschen, und es waren die Nachfolgestaaten der Kreuzfahrer, die sich im 19. Jahrhundert, nun eher mit missionarischen denn territorialen Hintergedanken, zurückmeldeten. Schon zuvor hatten sich Frankreich und Russland zu Schutzmächten der lateinischen und der orthodoxen Christen deklariert.

Trotz unterschiedlicher Machthaber blieben die historischen Stätten des Juden- und Christentums sowie des Islam über Jahrhunderte hinweg, mit mehr oder weniger Restriktionen, für Gläubige aller Religionen zugänglich. Erst vor dem Hintergrund nationalstaatlicher Bestrebungen wurden sie zu umkämpften Territorien – vom jüdischen Tempel, von dem nur mehr die Westmauer des Tempelplateaus übrig blieb, über die Grabeskirche bis hin zum muslimischen Heiligtum.

„Rückkehr in die biblische Heimat“
Die zionistische Idee, mit einer nationalen Selbstverwirklichung und der „Rückkehr in die biblische Heimat“ einen Ausweg aus dem europäischen Antisemitismus zu finden, motivierte mehrere Einwanderungswellen nach Palästina, in erster Linie aus Ost- und Mitteleuropa. Zwischen dem späten 19. Jahrhundert und dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen an die 450.000 Juden ins Land, die von der ansässigen arabischen Bevölkerung zunächst mit Misstrauen betrachtet, später mit militärischer Gewalt bekämpft wurden. Die zur gleichen Zeit entstehende arabische Nationalbewegung gegen die Herrschaft der Osmanen kämpfte für ein unabhängiges, vereinigtes arabisches Königreich, in das auch Palästina integriert werden sollte. Sowohl die Zionisten als auch die Anhänger der arabischen Nationalbewegung setzten bei der Durchsetzung ihrer Ziele auf die Unterstützung Großbritanniens. Die geopolitischen Interessen der Siegermächte, die das Osmanische Reich mit neuen Grenzziehungen im Nahen Osten ablösten, führten jedoch zu einer Reihe von Konflikten, in die auch Palästina und Jerusalem verwickelt waren. Ihre Folgen sind bis heute spürbar.

Widersprüchliche britische Zusicherungen nationaler Selbstständigkeit an die arabische wie an die zionistische Seite begründeten eine noch immer unüberbrückbar scheinende Kontroverse zwischen palästinensischem und jüdischem Anspruch auf dasselbe Territorium. Die stetige Zuwanderung von Jüdinnen und Juden nach Palästina war zwischen 1921 und 1929 Auslöser arabischer Ausschreitungen, die am 23. und 24. August 1929 mit einem Massaker an den jüdischen Einwohner*innen Hebrons einen Höhepunkt erreichten. In Jerusalem selbst initiierte Mohammed Amin al-Husseini, der Mufti von Jerusalem, der auch Hitler in seine Nationalisierungspläne einspannen wollte, einen Aufstand und Generalstreik, der von britischen Truppen niedergeschlagen wurde.

Paramilitärische jüdische Untergrund- organisationen, die für den Anschlag auf die britische Mandatsverwaltung im Jerusalemer King David Hotel am 22. Juli 1946 verantwortlich waren, bekämpften ihrerseits die britische Mandatsverwaltung. Die Gewalttätigkeiten von beiden Seiten ließen die Briten an eine Teilung Palästinas denken, die das erste Mal 1937 von einer Untersuchungskommission diskutiert wurde, die als Peel-Kommission in die Geschichte eingegangen ist.

Der UN-Teilungsplan, der am 29. November 1947 den Weg für die Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 frei machte, mündete jedoch nicht in einen israelischen und einen palästinensischen Staat, wie damals von der Völkergemeinschaft erhofft, sondern in den Israel-Palästina-Konflikt, in dessen Zentrum bis heute die Stadt Jerusalem steht.

Ein ungelöster Konflikt
Nach dem Ende des ersten israelisch-arabischen Kriegs, der unmittelbar nach der Erklärung der israelischen Unabhängigkeit in der Nacht vom 14. Mai 1948 begann, war Jerusalem in einen jüdischen und einen arabischen Teil getrennt: West-Jerusalem wurde am 4. Januar 1950 zur Hauptstadt des neuen Staates erklärt, während der Ostteil der Stadt sowie die Westbank von Jordanien annektiert wurden. Weder das israelische noch das jordanische Vorgehen wurde international anerkannt. Die im Zuge des 1948er Kriegs erfolgten Vertreibungen von Palästinenser*innen sowie Massaker, die von Teilen der israelischen Armee begangen wurden, waren Auslöser für die Flucht eines Großteils der arabischen Bevölkerung – Ereignisse, deren Konsequenzen bis heute den israelisch-arabischen Konflikt bestimmen, und die für die Palästinenser*innen die Nakba, die Katastrophe, wurde.

Die Eroberung Ost-Jerusalems im Sechstagekrieg 1967 und seine darauf folgende Annektion zementiert nach palästinensischer Auffassung die Trennung der Stadt in ein Ost- und ein West-Jerusalem. Die systematische Benachteiligung Ost-Jerusalems und die Diskriminierung seiner Bevölkerung bei gleichzeitigem Anspruch auf die Integration beider Stadtteile in den israelischen Staat, schaffen Misstrauen und Angst, die das vereinigte Jerusalem fast genau so radikal trennen wie die zugemauerten Straßen vor 1967. Der Tempelberg steht inzwischen im Zentrum dieser Konflikte. Doch entzünden sich an ihm nicht allein politische Streitigkeiten zwischen Palästina und Israel, sondern auch zwischen Mitgliedern unterschiedlicher religiöser Orientierungen innerhalb der jüdischen Gesellschaft.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Katalog zur Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum Berlin.
Autorinnen: Margret Kampmeyer und Cilly Kugelmann


 

Hintergründe

Detailliert und mit einer Vielfalt an Exponaten beschreibt die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum Berlin die historischen Zusammenhänge der Heiligen Stadt und erläutert so, warum Jerusalem von den drei monotheistischen Religionen als unverzichtbarer heiliger Ort gesehen wird. Bis zum 30. April 2019.

 

Der Katalog zur Ausstellung ist im Wienand-Verlag erschienen.
jmberlin.de

Erschienen in Rotary Magazin 1/2018

Rotary Magazin 1/2018

Rotary Magazin Heft 1/2018

Titelthema

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