31.01.2016

Europäische Kulturgeschichte 

Eine Schatzkammer des Geistes

Klaus Garber

In Zeiten, in denen die polnische Regierung einen nationalkonservativen Kurs fährt, hat es einen besonderen Reiz, wenn eine der größten Städte des Landes Europäische Kulturhauptstadt ist. Die Beiträge dieses Titelthemas widmen sich einer Metropole, die auch jenseits der Feierlichkeiten eine Erkundung wert ist.

Wir kamen erstmals im Herbst 1979 nach Breslau. Und das auf Einladung eines in der Welt berühmten Literaturwissenschaftlers – Marian Szyrockis. Er hatte Tramkarten in der Hand und ein Privatquartier aufgetan. Gemeinsam spazierten wir sogleich los. Ich wusste, wohin es als erstes gehen sollte: zum alten Roßmarkt. Denn dort stand die alte Breslauer Stadtbibliothek. Das Militär hatte in den letzten Kriegsmonaten in ihr gehaust. Doch wie durch ein Wunder war das neugotische Haus der Zerstörung entgangen. Es war ein Schatzhaus des Geistes und fungierte praktisch als schlesische Landesbibliothek. Seine Handschriften waren weltberühmt. Und seine Bücher dokumentierten die Blütezeit der schlesischen Literatur aus der Zeit des Späthumanismus um 1600 und des anschließenden Barockzeitalters, da Schlesien einzig dastand im alten deutschen Sprachraum, der sich vom Baltikum bis in die Schweiz und von Siebenbürgen bis in das Elsass erstreckte.

War man Barockforscher, zeigten die Wegweiser also automatisch nach Breslau. Aber der Gang zum Roßmarkt führte über den mächtigen Ring, der heute Rynek heißt, und vorbei an dem alten spätgotischen Rathaus, wo mehr als einmal die Fäden der mitteleuropäischen Politik zusammenliefen. Wie sehr aber erstaunte der Besucher. Breslau – wie Danzig, wie Königsberg im Osten zur Festung erklärt – war in den letzten Kriegswochen gleich den beiden anderen Metropolen des deutschen Ostens zerstört worden. Nun aber war im Herzen der Stadt – und eben ganz anders als im sowjetischen Königsberg/Kaliningrad – ein mächtiges Ensemble aus dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit aus Schutt und Asche wiedererstanden.

Kunst des Erinnerns und Bewahrens

Eine deutsche Stadt hatte in Polen ihr Herz zurückerhalten. Nirgendwo im Nachkriegsdeutschland war Vergleichbares geschehen. Das Volk, das zwischen den Machtblöcken im Osten und Westen immer wieder in seiner Existenz bedroht war, wusste um den unverzichtbaren Beitrag beredter Silhouetten für die Orientierung in Vergangenheit und Gegenwart. Wie in Warschau, wie in Danzig war in Breslau die Rückgewinnung historischer Quartiere gelungen. Eine Kultur des Gedenkens war zu erfahren, und erfüllt von Glück wie von Scham dachte der Gast herüber in seine Heimat, wo erst Jahrzehnte später ein Besinnen auf dem Sektor der Baukunst einsetzte.

Auf dem Sande bezog er Quartier. Dort hatte die alte Breslauer Staats- und Universitätsbibliothek gestanden. Sie war eine der reichsten im alten Deutschland und wurde im Krieg schwer getroffen. Die Polen bauten auch dieses Gebäude, das ehemalige Augustinerstift, wieder auf und quartierten die alten Bücher und Handschriften in ihm ein. Aus ganz Schlesien waren sie nach dem Krieg in Breslau zusammengeströmt.

Und nun wiederholte sich das bauliche Wunder auf dem Felde des Buch- und Bibliothekswesens. Die Herkunft der Bücher wurde, wo immer möglich, bei der Aufstellung bewahrt. Noch heute ist es möglich, Bücher aus der alten Stadtbibliothek mit den alten deutschen Signaturen zu bestellen, und sie werden einem umstandslos gebracht. Neuerlich hatte sich eine Kunst des Erinnerns und Bewahrens bewährt. Die Kulturhauptstadt Breslau ist heute wieder ein Hort kostbarster und wertvollster Zeugnisse in Handschrift und Druck. Und das ungeachtet herbster Kriegsverluste vor allem unter den Handschriften.

Herz des Glaubens und des Humanismus

Vom Haus auf der Sandinsel aber blickte der Besucher während der täglichen Arbeit herüber auf die Dominsel und damit den ältesten Teil der Stadt. Natürlich wurde auch sie im Krieg massiv getroffen. Nun aber luden die Kirchen, Bischofssitze und Gärten dazu ein, in der Mittagspause über die kleine eiserne Dombrücke ein paar Schritte zu tun und sich wiederzufinden auf einem Eiland, da die Zeit still zu stehen schien. Die verwinkelte Gasse auf den Dom zu, das herrliche reich geschmückte spätmittelalterliche Eingangsportal im Blick, das mächtige Nationalmuseum von der anderen Oderseite herübergrüßend, wähnt man sich noch immer an den historischen Wurzeln der Stadt.

Hier schlug das Herz des alten Glaubens. Und als die Reformation sich ankündigte, waren es weise Bischöfe, die im Bunde mit umsichtigen Reformatoren den Übergang in eine neue Zeit bewerkstelligten. Nicht der Geist Luthers, sondern der des friedenstiftenden und den Ausgleich suchenden Melanchthon lebte in den Mauern der Stadt. Und ein kluges Stadtregiment im Rathaus inmitten des grandiosen Rings – der andere Pol der Stadt bis heute – zeigte sich des Erbes würdig.

Breslau blieb inmitten der Gegenreformation und des wiedererstarkten Katholizismus ein Hort des evangelischen Glaubens. Die Kirchen mit St. Elisabeth und St. Maria Magdalena an der Spitze zehrten davon ebenso wie die in ihrem Schatten liegenden berühmten Gymnasien, mit denen Breslau – wie sonst womöglich nur das evangelische Nürnberg – einzig dastand im alten Deutschland. Das Herz des Humanismus, um das Bild noch einmal anders zu wenden, schlug hier und im benachbarten Prag so lebendig wie sonst nur im Westen des alten deutschen Sprachraums in der Pfalz und am Oberrhein mit Heidelberg, Straßburg und Basel sowie – zeitversetzt ein wenig früher – in den oberdeutschen Reichsstädten mit Nürnberg, Augsburg und Ulm im Zentrum.

Und als die neue Zeit dann kam, die in die Moderne führte, da erfuhr auch Breslau eine zweite kulturelle Blüte. Jahrhunderte hatte die Stadt ohne eine Universität gelebt. Im 18. Jahrhundert erhielt sie die wenig geliebte katholische Leopoldina an den Ufern der Oder in einem splendiden spätbarocken Bau. Aber erst als im Gefolge der napoleonischen Kriege die Universität Frankfurt an der Oder aufgegeben und nach Breslau verlegt wurde, gewann die junge Alma Mater alsbald Ruhm. Hier lehrten zeitweilig die späteren Nobelpreisträger vom Schlage eines Theodor Mommsen und wie sie alle hießen.

Lebendiger Geist einer untergangenen Kultur

Und wie ein Jahrhundert später in Hamburg und in Frankfurt, so war schon in Breslau eine erhebliche Anzahl jüdischer Gelehrter auf dem Katheder. Heute erinnert uns ein Emigrant wie der Historiker Fritz Stern daran. Das alles wurde mit dem Einbruch des Nationalsozialismus dem Untergang preisgegeben. Der unendlich reiche kulturelle Einschlag jüdischer Geistigkeit Mitteleuropas existiert nicht mehr. Begegnen wir aber auf Vorträgen oder in Zeitung und Fernsehen etwa Fritz Stern, so wie ein wenig früher etwa einem Norbert Elias, dann ist immer auch das alte Breslau gegenwärtig.

Ein deutsch-polnisches, ein mitteleuropäisches, ein europäisches Erbe hat Breslau zu wahren, zu pflegen und fortzuentwickeln. In den Schulen und Universitäten, den Kunst- und Musikhochschulen, den Konzert-, Opern- und Schauspielhäusern, in den Museen, den Akademien und wo immer sonst sind überall Personen tätig, die um diese Verpflichtung wissen.

Wer je, ohne ein Wort polnisch zu verstehen, im kleinen Teatr Współczesny an der Oder gesessen hat und – gefesselt von der Mimik – dem polnischen Genius begegnete, der einer der Inspiration wie der Kunst der Verwandlung ist, der weiß sich bei einem jeden Besuch als ein Beschenkter. Inmitten einer alten deutschen Stadt, erfüllt nunmehr von polnischen Menschen, wird eine Symbiose erfahrbar, die ein Versprechen für Europa birgt. 

Erschienen in Rotary Magazin 2/2016

Klaus Garber
Prof. Dr. Klaus Garber ist em. Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Osnabrück und war Gründungsdirektor des dortigen Instituts für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit. Zuletzt erschien von ihm im Böhlau-Verlag
„Das alte Breslau. Kultur­geschichte einer geistigen Metropole“ (2014).

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