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Rotarische Kunst

Leuchtkraft und klare Kante

Rotarische Kunst - Leuchtkraft und klare Kante
Mit vehementem Strich und viel, viel ­Farbe entstehen die Werke von Mehmet ­Güler. Einige Großformate schuf er nur für diese Ausstellung. © Mehmet Güler (2)

Zwei Retrospektiven rotarischer Künstler sind derzeit zu erleben: Mehmet Gülers „Farbenrausch“ in Kassel und Manfred Sihle-Wissels „Ode an die Natur“ in Neumünster.

01.06.2019

Das Beste aus 50 Jahren

30 Meter hoch ist sie und ein Vielfaches lang, die Documenta-Halle in Kassel. Wo sonst alle fünf Jahre die Documenta stattfindet und gelegentlich Sammelausstellungen gezeigt werden, sind zum 30. Mai mehr als 100 Exponate des Kasseler Künstlers Mehmet Güler (RC Kassel) eingezogen. Unter dem Titel „Leuchtkraft“ werden bis zum 16. Juni Werke von 1969 bis 2019 gezeigt. „Das ist das Beste aus 50 Jahren“, freut sich Güler, der zu den wichtigsten türkischen Künstlern der Gegenwart zählt.
Mischtechniken, Holzschnitte, Radierungen, Zeichnungen, Skulpturen – ein Querschnitt seines gesamten Portfolios ist zu sehen, doch den Schwerpunkt bildet die Ölmalerei. Eigens für diese Ausstellung schuf der Künstler großformatige Werke, einige messen 2,5 mal sechs Meter, die in der riesigen Halle eine ganz besondere Wirkung entfalten. Unverkennbar ist Gülers Lust an Farben. Satte Rottöne verbindet er mit tiefem Blau und warmem Gelb zu kraftvollen, dynamischen Kompositionen mit einer ungeheuren Leuchtkraft. Wer genau hinsieht, erkennt in einigen Werken zarte Aktzeichnungen, persönliche Notizen und Textfragmente etwa von Goethe, Heine und Rilke, die wie verhüllt oder verschleiert und darum geheimnisvoll wirken.
Güler, 1944 in der Türkei geboren, lebt und wirkt seit 1977 in Kassel. Das Kulturdezernat der Stadt ermöglichte ihm zum 75. Geburtstag eine Einzelausstellung in der Documenta-Halle – seine neuen Werke sind hier und jetzt erstmals zu sehen.
Mehmet Güler, Leuchtkraft, Documenta-Halle Kassel, 30. Mai bis 16. Juni. Mittwoch bis Samstag: 14–18 Uhr, Sonn- und Feiertage: 11–18 Uhr, Eintritt frei

Schnörkellos

Sogar 62 Schaffensjahre deckt die Ausstellung „Ago Egi Actum“ ab, die noch bis zum 18. August in der Herbert-Gerisch-Stiftung in Neumünster zu sehen ist. Der Bildhauer Manfred Sihle- Wissel (RC Rendsburg) zeigt rund 220 seiner Arbeiten in der Villa Wachholtz, der Gerisch-Galerie und in der Parkanlage – zumeist Bronze- und Holzplastiken, die durch Porträts und Zeichnungen ergänzt werden.
Antike Städte griechischer und türkischer Prägung, ihre Architektur, ihre Größe und ihren Verfall erkannte Sihle-Wissel als Sinnbilder des menschlichen Lebens. Sie inspirierten ihn zu überraschenden Vergleichen mit dem menschlichen Körper. „Kunst“, so der Künstler, „ist nichts anderes als wiedergegebenes Leben.“ Manches Frühwerk entstand in einem Arbeitsgang, manch eindrucksvolle Plastik erst über die Jahre – aber damals wie heute schnörkellos und mit klarer Kante. „Die Vielfalt der Natur, die Möglichkeit der Formen – das kann man sich nicht ausdenken“, so der 85-Jährige. Und so zeigt die Retrospektive das Lebenswerk Sihle-Wissels als Dreiklang aus antiker Architektur, Mensch und Natur, in der deutlich wird, dass der Künstler in der Arbeit mit den Händen stets höchstes Glück fand.
Manfred Sihle-Wissel, Ago Egi Actum, Herbert-Gerisch-Stiftung, bis zum 18. August. Mittwoch bis Freitag: 11–18 Uhr, Samstag und Sonntag: 11–19 Uhr, Eintritt: 8 Euro (ermäßigt: 5 Euro)

Björn Lange