Luther-Kolumne - Maler der Reformation

Marienretabel von Lucas Cranach dem Älteren, um 1513/14 © Stefan Arendt, LVR-ZMB

01.06.2017

Luther-Kolumne

Maler der Reformation

Daniel Görres

Die Kunst von Lucas Cranach dem Älteren prägt unser Bild von Luther bis heute. Der Kurator der Düsseldorfer Ausstellung, Daniel Görres über Cranachs Werk

So steigen auf und sind aufgestiegen allerlei Künste, Malen, Sticken, Graben, wie es seit Christi Geburt nicht dergleichen gab. Dazu sind jetzt solche verständigen Leute mit scharfem Geist, die nichts verborgen lassen. […] Es ist vorher solcher Witz, Vernunft und Verstand in der Christenheit nicht gewesen auf und in zeitlichen und leiblichen Sachen; geschweige denn der neuen Funde wie dem Buchdrucken […].“

Dieser Auszug der Predigt Martin Lu­thers zum zweiten Sonntag des Advents 1522 erweist sich als eine treffende Charakterisierung der geistigen Tendenzen seiner Zeit. Die Reformation ist Bestandteil und Phänomen eines allgemeinen Kulturwandels, der nicht nur das geistig-reli­giöse, sondern auch das wirtschaftlich-­soziale – und damit auch das politische – Leben veränderte und daher nicht allein eine kirchliche Bedeutung hatte. Ihr entspricht die Überwindung der Uniformität mittelalterlichen Glaubens und Denkens hin zu einer Pluralität, die sich in der ­öffentlichen Meinungsäußerung niederschlägt. Luther hebt die Bedeutung der Künste und des Buchdrucks hervor und umreißt damit wichtige Aspekte dessen, was die kommunikationsgeschichtliche Forschung mit dem Begriff der „Medienrevolution“ verknüpft.

Über Wien nach Wittenberg
Durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern setzt eine Entwicklung ein, die im frühen 16. Jahrhundert eine maßgebliche Erweiterung erfährt, denn dass nun nicht nur Nachrichten verbreitet und Bücher vervielfältigt wurden, sondern auch die Agitation von Meinungen möglich war, lässt sich an der Vielzahl von Flugschriften dieser Zeit ablesen. Obwohl sich die reformatorische Bewegung auf die Schrift konzentriert, kommt dem Bild bei der Vermittlung des neuen Glaubens eine zumindest gleichwertige Rolle zu. Zweifel­los dachte Luther bei seinen Worten daher vor allem an einen seiner engsten Vertrauten – jenen Künstler, den unsere Ausstellung ehrt: Lucas Cranach den Älte­ren. Cra­nach wählte seine Heimatstadt Kro­nach zum Namen, eine fränkische Gemeinde im Bistum Bamberg, wo er 1472 als Sohn des Hans Moller geboren wurde.

Wie der Familienname nahelegt, übte bereits sein Vater den Beruf des Malers aus; von ihm wird der junge Lucas in der Zeichenkunst unterwiesen. Leider enden die erhaltenen Quellen zu Cranachs Ausbildung bereits an diesem Punkt. Der Kro­nacher Zunftordnung entsprechend muss seine Lehre zwei bis drei Jahre gedauert haben; es folgte die Gesellenzeit, die von der obligatorischen Gesellenwanderschaft abgeschlossen wurde. Über Zeitpunkt, Dauer und Stationen dieser Wanderschaft ist heute wenig bekannt.

Als Künstler greifbar wird Cranach erstmals in Wien, wo seine Anwesenheit ab 1502 nachgewiesen ist. Wien war um 1500 nicht nur die größte Stadt, sondern auch das politische und kulturelle Zentrum des Reichs. Vor allem die Impulse, die von Kaiser Maximilian I. (1459–1519) für die Wissenschaften und Künste ausgingen, zogen auswärtige Intellektuelle und Künst­ler in die Stadt. Cranach pflegte Kontakt zu den Humanisten der Wiener Universität, aus deren Kreis sich seine wichtigsten Auftraggeber rekrutierten. Spätestens dort muss Cranach Einblick in humanistisches Gedankengut gewonnen haben, was sich in den Werken der Wiener Jahre niederschlägt.

Cranachs Kunst wird schon bald zu einem der maßgeblichen Impulsgeber für jene Form des Expressiven in Malerei, Grafik und Skulptur, die die ältere Kunstgeschichte mit dem Begriff „Donaustil“ umschrieb. Bemerkenswert ist, dass dieser wichtige Vertreter der deutschen Re­naissance erst nach dem Jahr 1500 künstlerisch eigenständig in Erscheinung tritt und somit zu einem Zeitpunkt, als er bereits auf die 30 zuging – ein Lebensalter, in dem Zeitgenossen wie Dürer bereits auf Hauptwerke ihres Schaffens zurückblicken konnten. Cranach verlässt Wien 1504/05 und folgt der Berufung als Hofmaler Friedrichs III. (1463–1525), genannt der Weise, nach Wittenberg. Friedrich zählte zu den bedeutendsten Kunstförderern im deutschen Sprachraum. Die Liste der Künstler, bei denen er Werke in Auftrag gab, ist ebenso lang wie klangvoll, doch es war Cranach, dem der Kurfürst eine Anstellung als Hofmaler anbot. Im Jahr 1508 verlieh Friedrich ihm ein Wappen, das fortan zum charakteristischen Signet des Malers und seiner Werkstatt werden sollte: die geflügelte, bekrönte und einen Ring im Maul tragende Schlange.

Mit seiner Anstellung in Wittenberg lässt Cranach die expressiven Formen der Wiener Jahre hinter sich und findet zu einem Malstil, der es ihm erlaubt, den Ansprüchen des Hofes ebenso gerecht zu werden wie denen des „freien Marktes“. Seine Werke zeugen gleichsam von einem künstlerischen Selbstbewusstsein, das den krea­tiven Wettstreit mit anderen Künstlern nicht scheut, sondern ihn sogar zu suchen scheint. Seine innovativen Bildlösungen sind ohne künstlerischen Austausch im Alten Reich nicht denkbar. Die Ausstellung verfolgt daher das Ziel, Cranachs Wechselbeziehungen zu anderen Künstlern seiner Zeit aufzuzeigen und sein pointenreiches und kreatives Spiel mit Rezeption, Aneignung und Überbietung an konkreten Beispielen nachzuzeichnen. Cranach verstand es, innerhalb dieses künstlerischen Wettstreits auf bemerkenswerte Weise künstlerische Themen aufzugreifen und so stark zu prägen, dass sie heute untrennbar mit ihm verknüpft sind.

Wettstreit in der Druckgrafik
Einen produktiven Wettstreit verfolgte Cra­nach nicht nur in der Malerei, sondern auch in jener Kunstgattung, die Luther als das „Graben“ bezeichnete: der Druckgrafik. Bereits in Wien mit großformatigen Holzschnitten beginnend, sind insbesondere die ersten vier Jahre als neuer Hofkünstler des Kurfürsten eine Phase höchster Krea­tivität im Feld der Holzschnitte und Kupfer­stiche. Ihnen sucht die Ausstellung ebenso prominent Rechnung zu tragen wie den Werken der Reformation, die eine zweite Hochphase innerhalb des druckgrafischen Œuvres des Künstlers einleitet. Neben sei­nen Flugschriften und Titelholzschnitten für die Sache Luthers begründet Cranach mit seinen druckgrafischen und gemalten Porträts des Reformators eine Bildnisoffen­sive, die sein Abbild nicht nur im ge­samten damaligen Reich bekannt machte, son­­dern unser Bild Luthers bis zum heutigen Tag prägt.

Porträts der Eliten
Lucas Cranach sollte bis zu seinem Tod im Dienst dreier Kurfürsten stehen. Als Friedrich III. 1525 starb, folgte ihm sein Bruder und Mitregent Johann I. (1468–1532), später als „der Beständige“ bekannt, als Kurfürst nach, konnte dieses Amt aber nur sieben Jahre lang führen. Johanns Sohn, Johann Friedrich I. (1503–1554), den Cra­nach schon als Sechsjährigen porträtiert hatte, nahm im Jahr 1532 seine Stelle ein. Die Aufgaben, mit denen Cranach am säch­sischen Hof betraut war, erschöpften sich keineswegs in der Lieferung von Gemälden, Holzschnitten und Kupferstichen: Cra­­nach fertigte Entwürfe für Glaser, Teppichknüpfer, Lampenmacher, Schlosser, Stempelschneider und Goldschmiede; er war zuständig für die Gestaltung der fürstlichen Schlösser und für das Verzieren von Gegenständen des höfischen ­Lebens. Seine Tätigkeit für den kursächsischen Hof bestimmte aber keineswegs die Grenzen seiner Produktivität und Schaffenskraft: Er lieferte Kunstwerke für Herrscher und (Kirchen-)Fürsten in ganz Europa, darunter Vertreter des kaiser­lichen Hauses Habsburg, der König von Dänemark Christian II. (1481–1559), der Mainzer Erzbischof und Kardinal Albrecht von Branden­burg (1490–1545) aus dem Hause Hohenzollern sowie Kirchenfürsten Böhmens und Mährens. Darüber hinaus porträtierte Cranach die bürgerlichen und geistigen Eliten seiner Zeit. Die Ausstellung präsentiert Cranach innerhalb dieses Gefüges von Auftrag­ge­bern verschiedenster politischer und kon­fessioneller Prägung, indem sie einerseits die besonderen Produktionsbedingun­gen von Cranachs Kunst, dem als zunftfreier Hofkünstler eine Sonderstellung zu­kam, erschließt und andererseits Cranachs ge­schicktes Agieren auf einem europäischen Kunstmarkt verdeutlicht.

Vielfältige Ausdrucksformen
Schon früh baut er in Wittenberg eine Werkstatt auf, deren Produktivität in die­ser Zeit ihresgleichen sucht. Als Qualitäts- und Markenzeichen fungiert das Schlangensignet. Die Ausstellung analysiert die vielfältigen Wechselbeziehungen ­zwischen Aufträgen, Materialien, Techniken, Werkstattorganisation und künstlerischen Ausdrucksformen. Veranschaulicht werden verschiedene Stadien des Werkprozesses, unter anderem die serielle Bildproduktion unter Nutzung von Standardformaten und die gegenseitige Beeinflussung von Malerei, Holzschnitt und Buchdruck.

Wir zeigen unter der Malschicht verbor­gene und mit infrarotreflektografischen Techniken visualisierte Unterzeichnungen und veranschaulichen neben einem enormen Reichtum an Malmaterialien und höchst effizienten künstlerischen Tech­ni­ken auch den Einfluss von Handel und öko­nomischen Bedingungen auf die Gestalt der Gemälde. Die Untersuchungsergebnisse liefern neue Antworten zu Fragen der Authentizität, der ­Arbeitsteilung, der ­Datierung sowie den ursprünglichen Funk­tionen und Zusammenhängen in der Ausstellung präsentierter Werke. Nicht zuletzt werden Veränderungen der Gemälde in den letzten 500 Jahren ­thematisiert und heute getrennte Werke ­wieder ­zusammengeführt.

Ökonomischer Erfolg
Mit Cranachs großem ökonomischem Er­folg – den er als Verleger, Holz- und Papier­händler, Apotheken- und Grundbesitzer ausbaute – ging sein schneller Aufstieg in der städtisch-ständischen Hierarchie einher: Zwischen 1519 und 1544/45 beklei­dete er das Amt eines Ratsherrn der Stadt Wit­tenberg, viele Jahre davon sogar als Kämmerer oder Bürgermeister.

Seine letzten Lebensjahre waren von den politischen Wirren des Schmalkaldischen Krieges bestimmt, in dem eine Al­lianz von protestantischen Fürsten, unter ihnen auch Cranachs Landesherr Johann Friedrich I., gegen die Truppen des Kaisers kämpfte. 1547 wird Johann Friedrich in der Schlacht bei Mühlberg von den Truppen Karls V. (1500–1558) gefangen genommen und verliert in der Folge seine Kurwürde sowie weite Teile seines Territoriums.

Auf Wunsch des Fürsten folgt Cranach ihm noch in hohem Alter in die Gefangen­schaft nach Augsburg und Innsbruck, kann aber 1552 zusammen mit Johann Friedrich in die neue ernestinische Residenzstadt Weimar zurückkehren, wo Cranach am 16. Oktober 1553 im Haus seiner Tochter Barbara stirbt. Die Inschrift seines Grabsteins lobt ihn als „pictor celerrimus“, den schnellsten Maler.

Nachdem Cranachs äl­tester Sohn Hans, geboren um 1513, bereits 1537 auf einer Ita­lienreise ums Leben gekommen war, führt der Zweitgeborene, Lucas der Jünge­re (1515–1586), den Werkstattbetrieb weiter. Der Sohn malt den Vater 1550 in einem eindrucksvollen Bildnis, dass das Antlitz des Vaters vor seinem Weggang ins Exil festhält. Von Lucas Cranach dem Älteren ist nur ein einziges autonomes Selbstbildnis aus dem Jahr 1531 überliefert, das sich heute auf Schloss Stolzenfels bei Koblenz befindet und den Prolog unserer Ausstellung bildet.

Es waren die Werke Lucas Cranachs, in de­nen sich erstmals Martin Luthers Po­sitio­nen zum Gebrauch der Bilder manifestierte und die sich von der althergebrachten Aufgabe befreiten, Gegenstand der Anbetung sein zu müssen. Die lutherische Reformation und mit ihr die Werke Cranachs machten den Weg frei für eine Kunst, die um ihrer selbst Willen, losgelöst von einem kultischen Zweck, agieren konnte.

Zahllose Adaptionen
Mit einigem Recht kann man somit festhal­ten, dass Luther und Cranach einer moder­nen Auffassung von Kunst den Weg bereiteten. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass führende Wegbereiter und­ Ver­treter der Moderne in einen ähnlichen Wettstreit mit Cranach einge­treten sind, wie dieser mit seinen Zeitgenossen. Zahllose Künstler adaptierten und ­interpretierten die Bildsprache und Motive Cranachs und kamen so zu konge­nialen Lösungen. Gerade in Düsseldorf als Stadt der Kunst der Moderne und Gegenwart scheint es nahe­zuliegen, dass die Ausstellung in einem abschließenden Kapitel diesem Aspekt nach­­spürt.

Schon seit 2009 widmet sich das Muse­um Kunstpalast zusammen mit der Technischen Hochschule Köln im Rahmen des Projektes Cranach Digital Archive (lucas­cranach.org) der Erforschung dieses Künst­lers. Das Portal erlaubt es, die ungemeine Produktivität Cranachs genauer nach­zuvollziehen, indem es die Forschung zu Werken Cranachs, seiner Werkstatt, seinen Söhnen und Nachfolgern frei zugänglich an einem zentralen Ort zusammen mit hochauflösenden Abbildungen erschließt. Wir freuen uns daher, auch einen Teil der Forschungsergebnisse dieses Projektes mit „Cranach. Meister – Marke – Moderne“ präsentieren zu können.

Erschienen in Rotary Magazin 6/2017

Rotary Magazin 1/2018

Rotary Magazin Heft 1/2018

Titelthema

Glück: Wenn alles läuft

Welche Bausteine gehören zu einem sinnvollen Dasein? Hängt es an materiellen Dingen? Was Glück bedeutet, ob man es messen kann - Definitionen und Antworten zu den Grundlagen geben führende Glücksforscher.…

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