14.05.2014

Die neue alte Freude am gedruckten Wort 

Refugien des Homo digitalis

René Nehring

Nach Jahrzehnten der nahezu vollständigen Digitalisierung des öffentlichen Lebens wächst vielerorts wieder die Sehnsucht nach bewehrten analogen Dingen. Zum Beispiel nach Büchern mit Leinen und Lesebändchen oder nach Schallplatten mit ihrem unverwechselbaren Klang. Die Beiträge des Mai-Titelthemas zeigen, dass dieser Trend keinsfalls nur in den Medien stattfindet, sondern in zahlreichen Bereichen unseres Alltags – bis hin zur Politik.

Jeder große Schritt in der Entwicklungsgeschichte der Technik rief irgendwann mindestens eine Gegenbewegung hervor. So begann vor mehr als zweihundert Jahren nicht nur das Zeitalter der Industriellen Revolution, sondern – als Reaktion darauf – auch das der Romantik. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als vormals beschauliche Residenzstädte zu großen Metropolen wuchsen, entstand die Jugendbewegung, deren Protagonisten die Enge der Mietskasernen flohen, um umgeben von Seen, Wiesen und Wäldern den Traum eines freien, natürlichen Daseins zu leben. Eine Generation später stieg parallel zur Ausbreitung des Automobils in den Straßen der Metropolen auch die Zahl der Flaneure, die lieber im Spaziergang über die Boulevards schlendern wollten, um das bunte Treiben zwischen illustren Fassaden möglichst hautnah betrachten zu können. Und als nach Jahrzehnten flächendeckender Modernisierung fast überall auch die letzten mit Kohle beheizten Kachelöfen herausgerissen und durch Öl-, Gas- oder Fernheizungen ersetzt worden waren, liefen die Hausbesitzer scharenweise zu den Baumärkten und Ofensetzern, um sich einen Kamin in ihre Wohnzimmer stellen zu lassen.

Voreilige Abgesänge

Auch der jüngste epochale Entwicklungsschritt der Technik – die nahezu vollständige Digitalisierung der zivilisierten Welt – erlebt gerade manch interessante Gegenbewegung. Besonders auffällig ist dies dort, wo die Digitalisierung am stärksten die bisherigen Gewohnheiten verändert hat – auf dem Gebiet der Medien und der Kommunikation: Das Internet generierte zahlreiche neue Formen der Informationsverbreitung wie Online-Foren, Blogs, Social-Media-Plattformen oder Podcasts, an denen jedermann ohne große Zugangshürden teilhaben konnte. Durch die Möglichkeit, das geschriebene Wort mit Bild und Ton zu verbinden, waren diese neuen Medien deutlich vielfältiger als die bisherigen Formen. Und nicht zuletzt waren sie merklich schneller, da sie jede Information in Echtzeit verarbeiten konnten, während etwa die gute alte Zeitung noch immer einen Tag brauchte, um nach einem Ereignis bei den Lesern zu sein.

So ging mit dem globalen Siegeszug des Internets bald schon der weltweite Rückgang gedruckter Medien (vor allem der Zeitung) einher. Ein wirkliches Gegenmittel fanden die Verleger, Geschäftsführer und Chefredakteure meistens nicht: „Mit Zeitung lässt sich heute kein Geld mehr verdienen“, lautete das oft zu hörende Urteil.  

Um so mehr staunte die Öffentlichkeit, als Ende 2013 Jeff Bezos, der mit dem Online-Buchhandel Amazon und seinem e-Reader Kindle zum Milliardär geworden war und zusammen mit Google und Facebook zu den Schreckgespenstern traditioneller Medien gehört, die krisengeschüttelte Washington Post erwarb. Obwohl bis heute immer noch nicht ganz klar ist, was Bezos mit der altehrwürdigen „Post“ vorhat, bleibt es ein starkes Zeichen, dass ausgerechnet ein Unternehmer, der bisher nicht nur den Ruf des Zerstörers der alten Medienlandschaft hatte, sondern auch den eines knallharten Kapitalisten, auf ein Produkt setzt, von dem die bisherigen Eigentümer glaubten, dass es keine Zukunft mehr habe.

Ein eindeutiges Bekenntnis zu traditionellen, analogen Medien gab ein Jahr zuvor auch der amerikanische Starinvestor Warren Buffet ab, der noch viel stärker als Bezos im Rufe steht, sein Geld nur in wirklich lohnenswerte Projekte zu stecken. Im Mai 2012 erwarb Buffet gleich 63 lokale Tages- und Wochenzeitungen im Süden der USA und gründete damit ein kleines Verlagsimperium. Gefragt, warum er in Zeitungen investiere, wo diese doch ständig Leser an das Internet verlieren, antworte Buffet: „In Städten und Orten mit einem starken Gemeinschaftsgefühl gibt es keine wichtigere Einrichtung als die Lokalzeitung.“

Auch in Deutschland gibt es noch Bekenntnisse zum gedruckten Wort. So waren zwar viele Zeitungsliebhaber im vergangenen Jahr zunächst geschockt, als sich der Marktführer Axel Springer von zahlreichen traditionellen Print-Titeln trennte, um sich stärker auf das digitale Geschäft konzentrieren zu können. Auf der anderen Seite ist es jedoch interessant, dass mit der Funke-Gruppe (deren wichtigster Titel bisher die Westdeutsche Allgemeine Zeitung war) ein Unternehmen zugriff, das bis dato gemeinhin für eine „hohe Wirtschaftlichkeit“, sprich: erfolgsorientierten Geschäftssinn steht. Funke sieht in dem Erwerb zahlreicher Zeitungen und Zeitschriften immerhin die Chance, „die Entwicklung zu einem führenden nationalen Medienhaus zu beschleunigen“. Ganz abgeschrieben scheint das Geschäft mit dem gedruckten Wort also noch nicht.

Das andere Erlebnis

Einen Weg, wie das gedruckte Wort wieder interessant werden könnte, weist u.a. der Buchmarkt, obwohl auch dort digitale Medien seit Jahren kräftige Zuwächse erfahren haben und kaum noch ein Bestseller vertrieben wird, der nicht auch als e-Book erhältlich ist. Auch hier gibt es Klagen über Online-Riesen wie Amazon und Google. Einstmals starke Bereiche wie Sachbuch und Lexika gerieten durch Web-2.0-Plattformen wie Wikipedia gar in existentielle Nöte.

Gleichwohl können vor allem mittelständische Verlagshäuser in letzter Zeit wieder ein stärkeres Interesse an aufwendig produzierten Titeln verzeichnen. So ist in der Belletristik der edle Leineneinband wieder ebenso gefragt wie das Lesebändchen oder eine ästhetische Schriftgestaltung oder mitunter sogar der lange als Kitsch geltende Goldschnitt. Buchreihen wie die Andere Bibliothek (seit 2010 beim Aufbau-Verlag zuhause), Suhrkamps Insel-Bücherei oder Wagenbachs knallrote Salto-Bände begeistern ihre Leser seit Jahrzehnten mit immer wieder neuen Titeln – nicht nur durch originelle Inhalte, sondern auch mit einem kostbaren Äußeren.

Eine gewissermaßen doppelte Rückkehr zum Analogen ist die Reihe „Naturkunden“ des Verlags Matthes & Seitz. Dort erscheinen seit 2013 Bücher über Tiere und Pflanzen, Pilze und Menschen, Landschaften und Himmelskörper, die in unserer durchdigitalisierten und scheinbar allwissenden Welt in Form und Inhalt gleichermaßen anachronistisch erscheinen. Die bisherigen Titel heißen zum Beispiel „Äpfel und Birnen“, „Der Wanderfalke“, „Esel“, „Krähen“, „Heringe“ oder „Sprechende Blumen. Ein ABC der Pflanzensprache“. Die Bände sind jeweils hochwertig gedruckt, fadengeheftet und mit Frontispiz sowie farbigem Kopfschnitt versehen. Wer darin blättert, begegnet klassisch-schönen Bildtafeln wie in den „Sprechenden Blumen“ oder einer besonderen Fühlbarkeit des Einbands wie auf dem „Heringe“-Band, auf dem jede einzelne Schuppe der Fische geprägt ist. Was anfangs vielleicht schräg klingt, hat durchaus Erfolg. Inzwischen ist die vierte Staffel der „Naturkunden“ erschienen. Offenbar trifft diese Mischung aus analogem Inhalt und ebenso analoger Form einen Nerv unserer Zeit, gibt es über die Frage des Mediums hinaus noch ein paar Sehnsüchte, die durch die digitale Welt nicht gestillt werden. Auch der moderne Mensch geht nicht in Algorithmen auf.

Perspektiven

Es scheint, als habe das Buch, dessen Totenglöcklein schon mancher Skeptiker geläutet hat, vor allem dort eine Chance, wo es sich möglichst deutlich von digitalen Medien unterscheidet. Dass der beschriebene Mehraufwand für die Produktion die Kunden deutlich mehr kostet, hat diese bisher nicht gestört. Offenbar sind die Leser immer noch bereit, für analoge Bücher Geld auszugeben, während sie sich in den digitalen Medien an eine Gratiskultur gewöhnt haben, die für deren Produzenten mitunter zerstörerisch ist. Die Voraussetzung für die Bereitschaft zum Bezahlen ist freilich, dass der Unterschied zwischen „analog“ und „digital“ klar erkennbar ist. Die Erfahrungen aus dem Buchgeschäft könnten vielleicht auch für die Zeitungsbranche interessant sein. Ein paar gedruckte Papierbögen, die mehr oder weniger nur das wiedergeben, was die User am Tag zuvor schon online gelesen oder in der Tagesschau gesehen haben, braucht kein Mensch.

Natürlich bedeutet die Wiederentdeckung des Analogen keine Abkehr von allem Digitalen. Warum auch? Das digitale Zeitalter hat das moderne Leben auf wunderbare Weise vereinfacht – von den Annehmlichkeiten durch PC und Laptop im Berufsleben bis hin Steuerung von Alarmanlage oder Heizung im eigenen Heim, gern per App aus der Ferne. Nichts wird diese Entwicklung wieder rückgängig machen.

Gleichwohl ist die beschriebene Rückbesinnung auf das Analoge mehr als nur ein Retro-Spleen. Wo digitale Medien zwar einen schnellen und nahezu grenzenlosen Informationsfluss ermöglichen, andererseits jedoch äußerst flüchtig sind, stehen analoge Medien für eine konkrete, physisch festgehaltene Information. Wo im Internet digitale Kraken die persönlichen Daten von Milliarden Menschen speichern, wird die analoge Sphäre zum beschaulichen Refugium des Homo digitalis.

Im Grunde sind „analog“ und „digital“ längst keine Gegensätze mehr (wenn sie es denn jemals waren), was nicht nur daran liegt, dass fast alle analogen Endprodukte heutzutage auch mittels digitaler Fertigungsschritte hergestellt werden. Vielmehr steht „analog“ im allumfassenden Digitalzeitalter eher für den kleinen, feinen Unterschied zum Herdentrieb der digitalen Massen. Wo fast jedermann ein Smartphone besitzt, auf dem er seine Musik hört, WhatsApp-Nachrichten schreibt oder Online-Meldungen liest, werden klassische Tonträger, ein handgeschriebenes Notizbuch und die Zeitung im Lesesessel wieder zu etwas ganz besonderem.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2014

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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