Buch der Woche - Vom letzten Silvester vor dem Ersten Weltkrieg

20.12.2013

Buch der Woche

Vom letzten Silvester vor dem Ersten Weltkrieg

1914 – dieses Jahr hat sich tief in das Bewusstsein der Menschheit eingeprägt. Damals brach innerhalb weniger Tage der Erste Weltkrieg aus. Wie es dazu kommen konnte, ist in unzähligen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten, Memoiren, Biografien etc. von allen Seiten beleuchtet und analysiert worden. Edgar Haider hat sich für »Wien 1914« auf Spurensuche gemacht, um den Alltag in Wien – der Stadt, von der aus das Verhängnis seinen Lauf nahm – wieder lebendig zu machen. Mit welchen Erwartungen sind die Menschen hier ins Jahr 1914 gegangen, von dem niemand wissen konnte, welch tiefen Einschnitt es in das Leben jedes Einzelnen bringen würde?

Mittwoch, 31. Dezember 1913: Arktische Kaltluft steuert von der Ostsee her über Südrussland auf Mitteleuropa zu und sorgt in der Millionenmetropole Wien für Frost und Glatteis. »Von den Schneeresten auf den Dächern riß der starke Wind Eiskristalle los , die wie Demantsplitter in der Sonne glitzerten und, wenn sie ins Gesicht getrieben wurden , wie Nadelstiche wirkten.«1 Die angesagten Schneefälle bleiben vorerst aus , sodass es eine »herrliche , klare , sanft-frostige und windstille Winternacht « wird , »die diesmal den Silvesterrummel in höherem Grad , als es seit vielen Jahren der Fall war« , begünstigt. Es herrschen somit ideale Bedingungen, um in der dunkelsten Jahreszeit in ausgelassener Stimmung ein neues Jahr zu begrüßen. Bevor es mit dem Feiern so richtig losgeht, besuchen die Kirchenfrommen die Jahresabschlussgottesdienste in ihren jeweiligen Gemeinden. Auch in der Hofburgkapelle und in der Schönbrunner Schlosskapelle danken Mitglieder des Kaiserhauses und Hofbedienstete aller Chargen Gott für ein Jahr, für das es recht wenig zu danken gibt; außer dem Umstand, dass die Monarchie einem großen Krieg im Gefolge der Balkankriege entgangen ist. Alle Hoffnungen auf eine Wende zum Besseren richten sich somit auf 1914.

Wer nicht zu Hause feiern will und das nötige Geld hat, auf den wartet ein reiches Angebot an Veranstaltungen. Schon seit Tagen werben Kaffeehäuser, Tanz- und Nachtlokale, Kabaretts, Varietés und Kinos mit vielversprechenden Programmen um Gäste. Wer nicht reserviert, hat wenige Chancen, noch Plätze zu bekommen. Schon zu den Weihnachtsfeiertagen herrschte ein enormer Trubel. Eine zum Jahresabschluss des Krisenjahres 1913 nicht erwartete Kauf- und Feierlaune sorgt für mehr Zuversicht als erwartet – vielleicht ein gutes Zeichen für 1914.

Die Theater Wiens haben durchwegs Heiteres auf dem Programm: Das Deutsche Volkstheater spielt »Der reizende Adrian« ( Lustspiel in drei Akten von Hans Müller ), das Johann-Strauß-Theater »Der Nachtschnellzug « ( Operettenschwank von Victor Léon und Leo Stein, Musik von Leo Fall ), die Wiener Volksoper bringt zum ersten Mal »Orpheus in der Unterwelt« von Jacques Offenbach, das Theater in der Josefstadt »Liebling der Frauen« ( Lustspiel von Alfredo Testoni ). Im Hofburgtheater gibt man den »Verschwender« von Ferdinand Raimund, im Intimen Theater ( 2. , Praterstraße 34 ) drei Einakter der besonders leichten Art: »Eine verrückte Person«, »Bussi geben – brav sein«, »Aber – Herr Hauptmann!« Prädestiniert für Spaß zu Silvester sind naturgemäß Kabaretts wie die »Hölle« am Naschmarkt , wo Fritz Grünbaum auftritt oder der »Simplicissimus« ( Simpl ) in der Wollzeile.

Wer den Jahreswechsel im Kino feiern möchte, hat auch hier reiche Auswahl: »Sensationsprogramm. Überschäumend lustige Filme« wirbt das Kärntner-Kino, Beginn ¼ 11 Uhr nachts. Im Grabenkino wird »Die blaue Maus«, ein Film-Operetten-Schwank mit Magda Lessing gespielt. »Neues lustiges Programm. Normale Preise« bietet das Burgkino, als Höhepunkt ist »Sommernachtstraum« angekündigt.

Mit einem besonderen Besucherandrang können die Tuchlauben-Lichtspiele rechnen, denn sie sind Wiens erstes Kinetophon-Theater. Mit dieser Erfindung Edisons ist es seit Kurzem möglich, einen zur Handlung auf der Leinwand synchronen Ton zu reproduzieren. Der Einsatz eines Pianisten ist damit überflüssig geworden. Diese Neuerung erregt auch Interesse bei Mitgliedern des Kaiserhauses. Am Vortag von Silvester besuchen Erzherzog Leopold Salvator und seine Frau Blanka mit »höchstihren« vier Kindern das Tuchlauben-Kino. »Direktor A. Spitzer wurde die Ehre zu Teil, den Herrschaften vorgestellt zu werden. Die hohen Besucher sprachen ihre Anerkennung über das Gesehene aus und spendeten auch den mustergültigen Einrichtungen dieser Filmstätte volles Lob.«3 Wiens Kaffeehäuser warten zu Silvester mit besonderen Attraktionen auf, so etwa das Ringstraßencafé »Prückel«: »Das Ganze Parterre wurde in einen herrlichen Blumengarten prachtvollster exotischer Gewächse und lebender Blumen umgewandelt. Man wird den täuschenden Eindruck haben, in der Silvesternacht in den Süden versetzt zu sein, und es lohnt sich der Mühe, daß sich die Silvesterbummler diese entzückende Neuheit ansehen.« In den Sophiensälen auf der Landstraße ( 2001 abgebrannt ) ist »Große Silvesterakademie« mit Ball angesagt. Der größte Teil der nummerierten Plätze ist bereits vergriffen. »Logen für 6 Personen zu 30 Kronen, Logensitze zu 5 Kronen, 10 Heller sind noch erhältlich. Ballbeginn 1 Uhr. Entree nach Mitternacht 2 Kronen.«

Will man dem Silvesterrummel in der Stadt entfliehen und doch nicht weit wegfahren, entscheidet man sich gerne für das Schlosshotel am Cobenzl (1966 abgerissen) im Wienerwald, mit »Konzert der Kapelle Par, Neujahrsgruß lustiger Uebergang ins neue Jahr. Herrlicher Aufenthalt. Jeder Komfort. Zimmer von K.6 aufwärts, Chambres Particuliérs.« Gäste, die nicht dort übernachten wollen, können beruhigt sein: »Autobus- und Straßenbahnverkehr die ganze Nacht.« Die Großstadtmüden unter den Wohlbetuchten, speziell die wintersportbegeisterte Jeunesse dorée, zieht es in die dicht verschneite Bergwelt, bevorzugt auf den Semmering. Schon zu den Weihnachtsfeiertagen waren dort sämtliche Hotels und Pensionen restlos ausgebucht. Groß ist die Faszination, die der junge Skisport ausübt – auch auf Damen. Es herrscht enorme Nachfrage nach Skikursen des Österreichischen Wintersportklubs. Rennen auf der Bobeisbahn und Skispring-Wettbewerbe locken eine große Schar Neugieriger an. Bei Einbruch der Dunkelheit kehrt man in eines der eleganten Hotels wie dem »Südbahnhotel« oder »Panhans« zurück. Hier gibt es allen denkbaren Komfort und auch jede Menge Unterhaltung. Anderen beim Skifahren zuzusehen, ist nun auch im Film möglich. Im »Palace Hotel« am Semmering wird bei einem abendlichen Unterhaltungsprogramm »das prächtige Leben und Treiben der Wintersportler« gezeigt. »Man sieht da die bekanntesten Sportsmen des Österreichischen Wintersportklubs, aber auch eine äußerst gelungene Aufnahme des Weihnachtsskikurses, der wegen seiner heiteren Szenen wahre Lachstürme hervorrief.«

Wer in Gesellschaft geht, muss von Kopf bis Fuß entsprechend elegant gekleidet sein. Das kommt so manchen Ehemann ziemlich teuer, denn »eine Frau der vornehmen Welt trägt bei Abendbesuchen einen Wert von mehreren tausend Kronen auf ihrem Körper. Schuhe aus Goldlack, ein Kleid aus kostbarem Gewebe, Perlenschnüre um den Hals und Diamanten im Haar.« Ein Gutes hat die elegante Erscheinung seiner »Teuersten « für den zahlenden Ehemann immerhin. Ihr Glanz fällt auf ihn zurück, sie repräsentiert, wie weit nach oben er es in der Gesellschaft geschafft hat. Günstiger, aber keineswegs billig kommt die Ausstattung des Herrn von Welt, angefangen vom Frack, passendem Hemd mit Perlknöpfen, goldenen Manschettenknöpfen, gefütterter Pelerine, Zylinder oder Chapeau claque und feinsten Stiefeletten.

Feiern nur um des Feierns willen? Gerade zum vergnüglich begangenen Jahreswechsel soll auf die Bedürftigen in der Gesellschaft nicht vergessen werden. Der »Wiener Jubiläumsfrauenverein zur Bekleidung und Unterstützung armer alter Frauen« veranstaltet in den Sälen des Musikvereins »eine große Silvesterakademie mit Tanz. Tanzarrangement Prof. Rudolf Heimann. Auftritte haben unter anderem die populäre Operettensoubrette Mizzi Zwerenz und der Komiker Richard Waldemar.« Eine ähnliche Veranstaltung – wir würden heute Charity sagen – findet in den Sälen des Hotels Continental ( 2., Praterstraße ) an diesem Abend statt, organisiert vom Wohlfahrtsverein »Vereinte Kraft«. Es wirken mit das heitere Quartett des Wiener Männergesangsvereins und die Gebrüder Kleber ( »Praterspatzen« ). Die Tanzmusik liefert die Kapelle des Infanterieregiments Nr. 99. Karten ab 3 Kronen.

Je später der letzte Abend des Jahres 1913 wird, umso mehr steigt die Stimmung der Feiernden. In Wiens Nachtlokalen wird »champagnisiert«.

Natürlich wacht auch heute das Auge der Polizei diskret darüber, dass das offiziell geduldete Laster die Grenze des Schicklichen nicht gänzlich missachtet. Eigentlich widersprechen diese wenigen Nachtlokale im Umfeld der Kärntner Straße dem gutbürgerlichen Grundcharakter der Wiener, aber man ist es dem Ruf als Großstadt schuldig, wenigstens ein paar Etablissements dieser Art dem Nachtschwärmer anbieten zu können. Alle haben französische Namen wie »Tabarin«, »Chapeau Rouge«, »Maxim«, »Trocadero« etc., versuchen damit Pariser Flair auszustrahlen. Prickelnd verrucht soll es jedenfalls klingen. Hoch her geht es auch in den unzähligen Wirtshäusern der Vorstädte. In den von Zigarettenqualm und Bierdunst geschwängerten Lokalen hinter angelaufenen Fensterscheiben machen derbe Witze die Runde, dann und wann wird über Kapitalisten, Hausherren, Blutsauger, auf die schlechten Zeiten allgemein geschimpft. Ob es besser wird? – Man kann nur hoffen!

Zu später Stunde strömen immer mehr Menschen Richtung Stephansplatz. Dort wollen sie beim zwölften Schlag der Turmuhr mit großem Hallo das neue Jahr begrüßen. (Das Läuten der Pummerin ist nicht üblich , Anm.) Für die Wiener Polizei bedeutet das Großeinsatz. 1400 Mann stehen bereit, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Ein heilloses Geschiebe auf den Gehsteigen soll vermieden werden. Deshalb gilt ab 22 Uhr die Order »Links gehen!«. »Die Mannschaft schloß bereits um halb 12 sämtliche zum Stephansplatz führende Verkehrsadern mit Kordons ab, um den Zugang zum Stephansplatz einigermaßen zu beschränken. Außerdem bildeten die Sicherheitswachleute Spalier vor den Trottoirs und zogen auch ambulante Ketten, um die Gehordnung aufrechtzuerhalten. Bis gegen Mitternacht bewährten sich die polizeilichen Maßnahmen vollständig. Je näher der große Zeiger der Turmuhr auf der Stephanskirche dem Zwölfer rückte, desto größer wurde der Andrang des Publikums und desto schwerer ließ es sich bewegen, die Standorte auf dem Stephansplatze zu verlassen. Kurz vor Mitternacht kam es daher auch zu den befürchteten tumultarischen Szenen. Ein Wachekordon, der den Stephansplatz gegen die Rotenturmstraße absperrte, wurde von der Menge durchbrochen, obwohl die Polizei mit größter Energie einschritt. In dem lebensgefährlichen Gedränge wurden viele Frauen gestoßen und die stürmischen Szenen erreichten ihren Höhepunkt, als die Springuhr 12 zeigte. Lauter Jubel ertönte, Taschentücher wurden geschwenkt und ›Prosit 1914 !‹ brauste über den Platz. Nachdem die Polizeikordons zurückgezogen worden waren, flutete die Menge ohne Hemmung durch die Gassen. Auch jetzt kam es wieder zu unliebsamen Szenen, Frauen wurden belästigt und halbwüchsige Burschen ergötzten sich damit, ruhige Passanten anzurempeln. Die Zahl der Verhaftungen war deshalb eine verhältnismäßig große. In den beiden Wachstuben auf dem Petersplatze und im Dorotheum wurden allein 23 Verhaftungen gezählt. Die meisten Fälle betrafen Widersetzlichkeit gegen die Wache. Auch auf dem Aspernplatze [heute Julius-Raab-Platz] hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, um den Neujahrsschuß zu erwarten. Er wurde mit Hoch- und Prositrufen begrüßt. Das Gebäude der Urania blieb durch 20 Minuten erhellt.«

Vergessen scheint, dass der Jubel nur für kurze Zeit das Elend in der Großstadt verdrängt. Auf diesen grellen Gegensatz weist die Arbeiterzeitung hin: »Die Uhren schlagen, das neue Jahr beginnt, 100.000 Jubelschreie gellen durch die Straßen. Fesselloser Übermut packt die Beglückten, sie schütteln einander die Hände, sie küssen einander, sie lachen, singen, johlen und tanzen. Bis zu den Sternen scheint der Jubel der Feiernden zu steigen. Aber tritt abseits, nur einen Schritt weit von der Flut der Begeisterung , und jählings hat sich das Bild verändert : du siehst keine leichtlebige Fröhlichkeit mehr, kein loses Scherzen, keine Munterkeit und keinen Witz mehr. Grauenvoll, entsetzlich klingt dem Fernerhorchenden der Neujahrsschrei der Großstadt. Angst hört er aufbrüllen, ein Bild wie von der Hand des Höllenbreugel sieht er voll düsterer Verzerrungen vor sich. Hilferufe, Rettungsschreie, das Vergurgeln Ertrinkender, das ziellose Flüchten Brennender, das Stöhnen der Gestürzten – all das hebt sich gräßlich aus dem nächtlichen Neujahrstaumel der großen Städte.«

Schlag Mitternacht setzen die Beamten des Wiener Haupttelegrafenamtes ein Neujahrsglückwunschtelegramm an ihre Kollegen im Inund Ausland ab:

Das alte Jahr , entschwunden endlich
betrauert niemand, selbstverständlich.
Wie hat es uns geplagt, gequält!
Es war dem Kriegsgott ja vermählt.
Der gab der ganzen Welt zu schaffen,
Besonders uns beim Telegraphen.
Was rackerten wir da zusammen
An Millionen Telegrammen!
Zu Haufen formten sich die Häufeln,
Wohin damit?’s war zum Verzweifeln!
Mit Grausen denken wir der Nächte,
Wenn angerückt die großen Mächte,
Mit den noch größeren Chiffernoten.
Das ging uns mörd’risch an die Pfoten!
Wir kamen nicht ins Kriegesfeuer,
Doch spürten wir es ungeheuer.
Wir mußten aller Sünden büßen,
Es war schon wirklich zum Erschießen!
Nun liegt der Kriegsgott im Schlummer,
Sein Weib tat auch den letzten Brummer.
Ein neues Jahr, noch Rätsel heut,
tritt auf den Plan, bringt’s Lust, bringt’s Leid?
Wohl bestenfalls gemischte Kost,
Um uns nicht zu verwöhnen!
Prost!

Die Antworten lassen nicht lange auf sich warten. Ähnlich dichterische Ergüsse langen aus Dresden, Leipzig, Frankfurt a. M., Innsbruck etc. ein:

Der Friede bleibe stets gewahrt –
auf weiter Erdenrunde
mit steter Einigkeit gepaart

wünschen die Leipziger Telegrafen-Beamten. Optimistisch gehen die Kollegen aus Eger in Böhmen das neue Jahr an:

Lasset uns fröhlich weiter schaffen,
endlich kommt doch wohl der Lohn,
daß die 14 möchte bringen
was in 13 noch nicht war.
Darauf laßt die Gläser klingen.
Darauf Heil! Prosit Neujahr!

Neujahrstag am Kaiserhof – das war seit jeher ein besonderer Festtag, ein Tag großen Spektakels. So ist es auch am 1. Jänner 1914 abends. Ein schier endloser Zug herrschaftlicher Karossen und Automobile bewegt sich Richtung Hofburg. Wagen um Wagen fährt in den Schweizerhof ein, die Wachen treten ins Gewehr, ein Spalier des Infanterieregiments Nr. 39 leistet die Ehrenbezeugung. Über die Botschafterstiege steigen Herren in reich bestickten Uniformen und Damen in großer Abendtoilette empor, durchschreiten eine Flucht von Gemächern, an deren Türen Mitglieder der Trabantenleibgarde und der Arcièren-Leibgarde postiert sind. Schließlich werden die Gäste in Audienz empfangen – nicht von Seiner Majestät, es ist traditionell der Erste Obersthofmeister Fürst Alfred Montenuovo , der die Glückwunschadressen für den Kaiser entgegennimmt. Alles, was Rang und Namen hat, ist in die Hofburg gekommen: die Chefs der Hofkanzleien, die Geheimen Räte und Kämmerer, die Minister, die Chefs der Verwaltungsbehörden, ausländische Botschafter und Gesandte, die hohe Geistlichkeit, die aktiven Generale der Garnison Wien etc. Die Sternkreuzordens- und Palastdamen sowie die hoffähigen Damen geben ihre Glückwunschadressen bei Obersthofmeisterin Fürstin Trauttmansdorff ab.

Zu gleicher Zeit findet in der Kleinen Galerie von Schloss Schönbrunn das Familiendiner des Herrscherhauses statt. Unter dem Deckenfresko Gregorio Guglielmis, die Macht des Hauses Habsburg glorifizierend, bietet die Tafel den gewohnten prächtigen Anblick: Damast, Kristall, Silbergedecke, das Besteck nach spanischem Hofzeremoniell einseitig rechts aufgelegt, kunstvoll gebrochene Servietten, dazu zauberhafte Blumendekorationen. Die 42 Teilnehmer wissen im Vorhinein, dass es kein gemütlicher Abend wird. Kaiser Franz Joseph bleibt auch im Familienkreis Majestät , man kann ihn nicht so einfach anreden , muss vielmehr warten , bis er an einen das Wort richtet. Politik ist tabu. Selbst die variantenreiche Menüfolge , die delikaten Weine und Liköre, die von geübten, lautlos agierenden Lakaien serviert werden, können nicht so recht genossen werden. Der Kaiser, weder Gourmet und schon gar nicht Gourmand, hat die unangenehme Eigenschaft, rasch zu essen. Ist er mit einem Gang fertig , wird allen anderen Tafelnden der Teller entzogen. Es würde sich nicht schicken, länger als Seine Majestät zu speisen. Frau Anna Sacher weiß, dass sie an solchen Tagen hohen Besuch in ihrem eleganten Hotel hinter der Oper erwarten kann.

Für die Sozialdemokraten ist dieser 1. Jänner 1914 ein Tag von historischer Bedeutung. Auf den Tag genau vor 25 Jahren wurde in einem Gasthaussaal in Hainfeld in Niederösterreich die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet. Die Arbeiterzeitung , Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie in Österreich , wie sich das Blatt offiziell nennt , geht zuerst auf die aktuelle Lage zu Jahresbeginn 1914 ein: »Die Arbeiterklasse lebt heute nicht in Festesstimmung. Wirtschaftskrise , Massenarbeitslosigkeit , Lohnkürzung durch Feierschichten , Enttäuschung der auf das Parlament des gleichen Wahlrechtes gesetzten Hoffnungen – all das läßt keinen Festesjubel aufkommen. Und doch, gerade weil wir heute härter denn je den Druck kapitalistischer Gewalt fühlen, gerade weil die Steigerung des Massenelends Kleinmut und Verzagtheit in unsere Reihen trägt , gedenken wir heute doppelt dankbar der geschichtlichen Tat …«, und, speziell an die Jungen in der Arbeiterbewegung gewandt , wird auf die Erfolgsgeschichte der Sozialdemokratie hingewiesen: »Aus dem Häuflein verfolgter , machtloser Männer, das in Hainfeld getagt , war die größte Partei Österreichs geworden , eine Partei mit einer Million Wählern, mit Hunderttausenden organisierter Parteimitglieder , mit einer weit verbreiteten Presse, mit einer starken parlamentarischen Vertretung … Und Hand in Hand mit diesem politischen Aufstieg ging das Wachstum der Gewerkschaften. Vor Hainfeld waren die Arbeiter machtlos der Willkür des Kapitalismus preisgegeben. Der Hainfelder Tag gab auch der gewerkschaftlichen Organisation den mächtigsten Anstoß. In den fünfundzwanzig Jahren, die seither vergangen sind, wurden die Gewerkschaften zur Großmacht im Wirtschaftsleben , wurden die Löhne erhöht , die Arbeitszeit verkürzt , wurde der Despotismus des Kapitals auch in der Fabrik Schritt für Schritt eingeschränkt … Auch wenn die Ungunst des Augenblicks unseren Vormarsch hemmt , so ist es doch Tatsache, daß wir in diesen fünfundzwanzig Jahren so stark geworden sind, daß die Furcht vor uns alle besitzenden Klassen zusammenschweißt, daß unser sieghafter Vormarsch sie mit bleicher Angst erfüllt vor dem drohenden Zusammenbruch ihrer Macht !«

Diese Bilanz ist ermutigend, doch die Bedrückung durch Teuerung und hohe Arbeitslosigkeit bestimmt den Alltag des Arbeiters. Auch das ungerechte Steuersystem macht ihm zu schaffen. Drei Viertel aller Staatseinnahmen werden durch indirekte Steuern und Abgaben erzielt. Am meisten trägt die Tabaksteuer ein , gefolgt von den Steuern auf Zucker, Bier, Wein, Branntwein, Salz, Fleisch, Petroleum und Lotto. Für seine Grundbedürfnisse muss ein Arbeiter durchschnittlich 20 Prozent seines Lohnes dem Fiskus abliefern. Millionäre zahlen hingegen kaum zehn Prozent Steuern. Die Einkommenssteuersätze betragen 1913 nur 0,5 bis 5 Prozent. Der Steuerbeitrag der »Oberen Zehntausend« macht knapp sieben Prozent der gesamten Staatseinnahmen aus. Von Steuergerechtigkeit kann in Österreich somit keine Rede sein. Auf die unverhältnismäßig schwere Bürde für die arbeitende Bevölkerung weist die Arbeiterzeitung in einer Karikatur hin:

Wir wünschen, lieber Herr Proletar
Ihnen a glücklich’s neues Jahr!
Bleiben S’ uns ferner recht gewogen
und denken S’ an uns beim Fatierungsbogen
Wenn Sie uns net täten subventionieren,
Könnt’ unsereins net existieren;
Das Steuerzahlen bringt uns um
Wenn nicht das Existenzminimum
auf sich nehmen tät die größten Lasten
Sie Liebster, Sie sind ja gewohnt zu
fasten.
Aber schaun S’ doch unsereiner an
Ob ihm man das Zahlen zumuten
kann
Wir plagen uns ohnedies ungeheuer
Für’s Vaterland, wenn wir kassieren
die Steuer
Bei Ihnen ein. Müßten wir selber noch
zahlen Wie Sie – dann müßten vom Fleisch
wir fallen In ein paar Tagen wir kläglich
verenden.
Drum müssen Sie spenden und
spenden und spenden
Im neuen wie im vergangenen Jahr
Sie große Wurzen, Herr Proletar.

Quelle: Edgard Haider, Wien 1914. Alltag am Rande des Abgrunds. Böhlau Verlag 2013. 300 Seiten. 140 s/w-Abb. Gb. € 24,90 €. ISBN 978-3-205-79465-3. Der Auzug stammt von den Seiten acht bis 19. Auf die Fußnoten wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit in dieser Darstellungsform verzichtet. Mehr zum Buch.

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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