Buch der Woche - Warum Helmut Kohl sich um Europa sorgt

© Droemer und Knaur

18.11.2014

Buch der Woche

Warum Helmut Kohl sich um Europa sorgt

In einem so leidenschaftlichen wie aufrüttelnden Appell kämpft Helmut Kohl für sein und unser Europa. Er macht deutlich, warum Europa für Frieden und Freiheit im 21. Jahrhundert existentiell bleibt und warum auch er voller Sorge ist.

Es ist ein lauer, ruhiger Sommerabend im August 2014. Ich sitze auf meiner Terrasse und denke – das Stück der Berliner Mauer, das in meinem Garten steht, immer im Blick – darüber nach, wie es weitergeht in Deutschland und Europa, denke nach über die aktuelle Lage, über unser Verhältnis zu Amerika auf der einen Seite und zu Russland auf der anderen Seite, über die Art und Weise, wie wir, die Deutschen und Europäer, miteinander und mit unseren Verbündeten und Partnern und Nachbarn umgehen und umgekehrt, und wie wir Verantwortung übernehmen oder auch nicht – für uns selbst und in der Welt.

Ich blicke zurück in die Geschichte und vollziehe die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte und Jahre gedanklich noch einmal nach. Wo kommen wir her, was haben wir erreicht, seit 1945 und auch in meiner Amtszeit von 1982 bis 1998, was ist seit meinem Ausscheiden aus dem Amt passiert, wo steht Europa heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wo steht Deutschland, wo stehen wir in der Welt, wo geht es hin, wo gehen wir hin, was ist zu tun?

Die gute Nachricht ist: Die Entwicklung seit 1945 bis heute ist, gemessen an Vergangenheit und Ausgangslage und dem Erreichten, trotz mancher Fehlentwicklungen, Versäumnisse und offener Fragen noch immer eine einzigartige Erfolgsgeschichte und muss Zuversicht geben für die Herausforderungen, die in Deutschland und Europa bestehen und die angepackt werden müssen.

Allerdings – das ist die weniger gute Nachricht – ist die Bilanz der letzten Jahre ausgesprochen ernüchternd. Sie lässt sich in wenigen Sätzen auf den Punkt bringen: Europa befindet sich seit dem Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert in keinem guten Zustand, um es sehr vorsichtig auszudrücken. Wir waren in Europa schon einmal sehr viel weiter. Wir waren Ende des 20. Jahrhunderts – bei allen Rückschlägen, die es auch gegeben hatte – weit vorangekommen und auf einem sehr guten Weg. Dagegen kann das Bild, das Europa oder besser gesagt die gesamte westliche Welt seit einigen Jahren in der multipolaren Welt bietet, nichts anderes als Sorge bereiten, und das tut es, auch mir.

Nationale Fragestellungen und europäische Fehlentwicklungen einschließlich einer mit voller Wucht auch Europa treffenden Finanz- und Wirtschaftskrise drohen zunehmend die eigentliche Idee Europas zu verdrängen. Das geschieht nicht selten zugunsten längst vergangen geglaubter nationalstaatlicher und regionalpolitischer Tendenzen und Egoismen und bisweilen auch zugunsten allzu durchsichtiger Einzelinteressen.

Zur Verdeutlichung muss man sich nur die Entwicklung der vergangenen Jahre und Wochen bis heute ansehen und die Berichte, Kommentare und Interviews Revue passieren lassen – zur allgemeinen Lage in Europa, zum Euro, zur Finanz- und Wirtschaftskrise, zu unserem Verhältnis zu unseren transatlantischen Bündnispartnern USA und Kanada, zum Konflikt um Russland und die Ukraine, zu Israel und der Region um Israel, zur Türkei, zur arabischen Welt, aber auch zu China und Asien insgesamt sowie zu Afrika. Es ist erstaunlich und erschreckend, mit welchem Kleinmut und fehlender Weitsicht, mit welch andauernder Krisendiktion, vor allem auch mit welcher Geschichtsvergessenheit und historischen Ignoranz seit Beginn des neuen Jahrhunderts und Jahrtausends in West wie Ost, in Deutschland wie in anderen Ländern über das Projekt Europa, miteingeschlossen die transatlantischen Beziehungen und die Beziehungen zu Russland, diskutiert und mit ihm umgegangen wird.

Es ist erstaunlich, wie wir im Klein-Klein verharren und mit welcher Leichtfertigkeit von allen Seiten mit diesem für uns alle und die ganze Welt existentiellen Projekt Europa umgegangen wird. Mit dem Projekt Europa, das vor dem Hintergrund einer unglaublichen, leidvollen Wegstrecke uns im 21. Jahrhundert eine einmalige Chance auf Frieden und Freiheit bietet – mit allem, was dazugehört: Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaat, soziale Stabilität und Wohlstand, und miteingeschlossen unsere Verantwortung über die Grenzen Europas hinaus für die Welt als Ganzes.

 

In der Finanz- und Wirtschaftskrise sind alle Ressentiments in und gegen Europa wieder aufgebrochen. Die Medien, auch die Leitartikel, in Deutschland in den vergangenen Jahren sind voll mit Botschaften und Äußerungen bis hinein in die Politik wie: Der Euro habe »fatale Konstruktionsfehler«, EU-Europa und der Euro an sich seien bereits »Konstruktionsfehler« oder »sind viele der Widersprüche, Unterschiede und Interessengegensätze, die schon früher zu krisenhaften Zuspitzungen führten, nur an den Rand geschoben, übertüncht oder mit viel (deutschem) Geld zugeschüttet worden.« Oder auch: »Warnungen von Fachleuten wurden bestenfalls ignoriert, der Euro selbst zum Wunderheiler erklärt.« Und: »Es wird mittlerweile kaum noch ernsthaft bestritten, dass es ein Fehler war, eine Währungsunion zu gründen, ohne zuvor das Fundament einer gemeinsamen Haushalts-, Steuer- und Sozialpolitik gelegt zu haben.« Und schließlich: »Die EU ist eine Elitenveranstaltung.« Dazu hat sich ein Ton eingeschlichen und hat sich die Diktion in eine Richtung entwickelt, die mich einmal mehr aufhorchen lässt: »Wir sind besser als die anderen«, lese und höre ich wieder. Oder: Griechenland müsse nur raus aus dem Euro, oder überhaupt die Südländer müssten raus aus dem Euro oder gar, Deutschland müsse aus dem Euro aussteigen. Auch: »Der Frieden ist in diesem Teil der Erde wirklich selbstverständlich. Die Geißel des Krieges ist keine Drohung mehr.« Bis hin zu: »Das Friedensargument von Helmut Kohl taugt nicht mehr, um die Jugend für Europa zu begeistern.« Oder: Die Erzählung, auf der Ebene der hohen Politik sei Europa von Beginn an ein Friedensprojekt gewesen, sei eine Legende.

Diese Geschichtslosigkeit, diese Mutlosigkeit und dieser Kleinmut, diese Ängstlichkeit, auch Angst um lieb gewordene Besitzstände, diese Leichtfertigkeit, manche Übertreibung und Selbstgefälligkeit, diese Unkenntnis oder Verleugnung zum Teil der einfachsten Zusammenhänge, die aus solchen Äußerungen sprechen und die sich selbst in Leitartikeln seriöser Zeitungen und in Äußerungen der Politik niederschlagen und mit denen mal diese oder jene Forderung oder Option erwogen und durch den politischen Raum und Blätterwald gejagt wird, sind schlicht erschreckend.

Die ganze Debatte, die sich in den vergangenen Jahren bis an den aktuellen Rand in und um Europa offenbart, ist erschreckend – erschreckend mutlos, erschreckend rückwärtsgewandt, erschreckend unhistorisch. Sie läuft darauf hinaus, das Projekt Europa, das für uns alle so wichtig ist, kleinzureden und in seinen Grundfesten zu gefährden. Und das wäre nun wirklich existentiell.

Vor dem Hintergrund der letzten Jahre frage ich mich schon auch: Haben wir, die Deutschen und mit uns ganz Europa und auch unsere amerikanischen Freunde und Verbündeten, haben wir alle vergessen, dass wir es dem – mit amerikanischer Weitsicht und Hilfe – nach 1945 in der Stunde Null auf den Weg gebrachten europäischen Einigungsprozess zu verdanken haben, dass wir alle heute so dastehen, wie wir dastehen, und dass wir seit rund 70 Jahren im Westen Europas in Frieden und Freiheit mit Demokratie, Menschenrechten, Rechtsstaat und zum Teil erheblichem Wohlstand und sozialer Stabilität leben und seit rund 25 Jahren auch im Osten unseres Kontinents bereits vieles erreicht haben und auf gutem Wege sind? Haben wir vergessen, wo die Welt 1945 stand und wie viel Gutes und wie viel Glück wir in Deutschland und in Europa seitdem – natürlich auch, aber eben nicht nur durch eigene Anstrengung – erfahren haben? Haben wir vergessen, dass der Friede und die Freiheit – das ist die entscheidende Lektion der Geschichte – keine Selbstverständlichkeit sind? Haben wir vergessen, dass wir für das Erreichte dankbar sein müssen und uns aber zugleich nicht zurücklehnen und auf dem Erreichten ausruhen dürfen, sondern dass sich aus all dem für uns eine Verantwortung und Verpflichtung ergibt, Frieden und Freiheit zu erhalten und also alles zu tun, um auf dem Weg zum geeinten Europa voranzukommen?

Kurz gefragt: Sind wir alle verrückt geworden, haben wir den Verstand verloren – und unsere Verantwortung gleich mit?

Ich muss unwillkürlich an einen Satz Konrad Adenauers denken. Unser erster deutscher Bundeskanzler nach dem Zweiten Weltkrieg sagte in den 1950er Jahren einmal im kleinen Kreis: »Wir, die Deutschen, waren 50 Jahre die Hochstapler in Europa, jetzt müssen wir 50 Jahre die Tiefstapler sein.«

Diese 50 Jahre waren zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts um, und ich frage mich immer mal wieder, ob Adenauers Worte nicht nur Mahnendes für jene 50 Jahre der zweiten Hälfte des vergangenen 20. Jahrhunderts in sich trugen, sondern auch Prophetisches für die Jahre danach.

 

Helmut Kohl: Aus Sorge um Europa. Droemer und Knaur, München 2014. 120 Seiten, 12,99 Euro. Der Auszug stammt von den Seiten 7 bis 15.

Rotary Magazin 12/2016

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