Standpunkt - Nachdenken über Rotary

Herbert Taylor, RI-Präsident 1954-1955, rief die Vier-Fragen-Probe ins Leben

06.02.2012

Standpunkt

Nachdenken über Rotary

Am 23. Februar feiert Rotary International traditionell seinen Geburtstag. Das Ereignis gibt Anlass, sich wieder einmal bewusst mit der rotarischen Familie und ihren Kernaufgaben zu beschäftigen.

Die erste der vier Rotarischen Fragen „über Dinge, die wir sagen oder tun“, lautet: „Ist es wahr, bin ich aufrichtig?“ und wird dem ?Rotarier als Grundfrage mit auf den rotarischen Weg gegeben. Aber was ist der Gegenstand dieser Frage?


Das Philosophische Wörterbuch verweist beim Begriff Wahrheit auf das Adjektiv wahr und definiert wahr als ein Urteil, das die objektiven Verhältnisse richtig wiedergibt. Damit ist also keine Sache wahr, sondern Wahrheit ist ein Kriterium der Aussagenlogik: Die Wahrheitsfrage zielt auf eine Übereinstimmung des Denkens mit dem Gegenstand des Denkens. Wahr wird ein Urteil aber nur dann genannt, wenn es mit dem Urteil anderer Subjekte übereinstimmt. Damit ist die Feststellung der Wahrheit dem subjektiven Belieben des Einzelnen entzogen, sie ist nur möglich durch soziales Zusammenwirken möglichst aller. So können Wahrheiten nur einen gesellschaftlich relativen Wert beanspruchen; eine „festgestellte“ Wahrheit ist also immer nur eine durch Objekt und Subjekt bedingte Wahrheit.

 

Indem der Rotarier zuerst diese Frage stellt, bemüht er sich um eine Antwort, die jenseits subjektiver Voreinstellungen anderen gerecht wird. Nur dann wird man von einem aufrichtigen, wahrhaftigen Rotarier sprechen können.


Die zweite Rotarische Frage lautet: „Ist es fair für alle Beteiligten?“ Wenn man nun die zweite auf die erste rotarische Frage bezieht, könnte man diese zweite als eine gewisse Einschränkung der ersten Frage verstehen: Ist es fair, wo, wann und wem auch immer die Wahrheitsfrage zu stellen?

 

Ein Blick auf die Bedeutung des Begriffes „fair“ im Oxford Dictionary weist eine große ?Vielfalt auf: von beautiful über clean, clear, not bad, pretty good, ?gentle, without violence bis zu not so fast, was in unserem Sprachgebrauch der Bedeutung von „hart, aber fair“ nahekommt. Der Begriff „fair“ hat eine ethische Dimension. Der faire Handel etwa betrachtet es als eine moralische Pflicht, Produzenten in den Entwicklungsländern zu unterstützen, um ihnen durch gerechtere Handelsbedingungen eine menschenwürdige Existenz aus eigener Kraft zu ermöglichen. In der „European Sports Charta and Code of Ethics – Council of Europe 1983“ wird hervorgehoben, dass „fair play“ viel mehr als nur ein Spiel unter Beachtung der Spielregeln ist: Es beinhalte die Idee der Freundschaft, des Respekts vor anderen Menschen, was heißt, dass fair play letztlich auf die Beseitigung von Betrug, psychischem Druck, Doping, Gewalt, Ausbeutung, ungleichen Chancen und Korruption abziele.

Dem Freundschaftsbegriff ?auf der Spur

Nach der Wahrheitsfrage als der Frage nach der rechten Erkenntnis wird der Rotarier damit vor die Gerechtigkeitsfrage gestellt. Mit dieser zweiten rotarischen Frage fordert Rotary seine Mitglieder zum Respekt im Umgang miteinander auf, gleich welcher sozioökonomischen Klassifizierung, welcher Rasse, Religion oder welchen Geschlechts die ?Rotarischen Freunde sind.


Nach den ersten beiden Fragen ist die dritte Rotarische Frage die zentralste und wohl persönlichste: „Wird es Freundschaft und guten Willen fördern?“


Zunächst: Freundschaft ist die Eigenschaft, die einen Freund auszeichnet. Was aber ist ein Freund? Die Skala der Bewertung reicht von der bloßen Parole bis zum enthusiastischen Ausruf in Schillers „Ode an die Freude“: „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein?…“ Um der Bedeutung des Begriffes Freund auf den Grund zu gehen, lohnt sich ein Blick in Grimms Deutsches Wörterbuch: Freund, ahd. friunt, mhd. friunt, ist begrifflich mit dem Part. Präs.von freuen: freuend, freund ?verbunden. Unser nhd. freien und freuen findet sich in frei, froh und freundlich wieder. Freund bezeichnet in der Literatur auch den Geliebten und den studiosus rei, den Liebhaber einer Sache. Daneben wird Freund einfach als allgemeine höfliche Anrede oder Anrede Fremder, deren Name unbekannt ist, benutzt.

 

Wie verhält es sich nun mit der rotarischen Freundschaft, wenn die Anrede Freund nicht einfach eine Höflichkeitsfloskel sein soll? Der zweite Teil der dritten Rotarischen Frage kann hier weiterhelfen: Er verbindet die Freundschaftsfrage mit der moralischen Qualifikation des guten Willens. Der Fragende sieht sich vor die Frage gestellt, ob seine Entscheidungen der Realisierung von Freundschaft dienen und damit gut für den Freund sind. Aristoteles ordnet die Freundschaft als Zuneigung zwischen dem Eros (sinnliche Liebe) und der Agape (Nächstenliebe) ein, sie wird von ihm als eine Tugend betrachtet, die zum Notwendigsten des Lebens gehört (Nik. Ethik, 8. Buch, 1156 a 3 ff.):


„Denn keiner möchte ohne Freunde leben, auch wenn er alle übrigen Güter besäße. Auch der Reiche, der Regierende scheinen der Freunde ganz besonders zu bedürfen. Denn was nützt ihnen ein solcher Segen, wenn ihnen das Wohltun unmöglich ist, das am ehesten und am lobenswertesten Freunden gegenüber ausgeübt wird? Oder wie ließe sich ein solcher Segen ohne Freunde bewahren und verteidigen? In der Armut wiederum und im sonstigen Unglück hält man die Freunde für seine einzige Zuflucht. Dem jungen Menschen ist die Freundschaft eine Hilfe, damit er keine Fehler begeht, dem Greis verhilft sie zur Pflege und ergänzt, wo er aus Schwäche nicht zu handeln vermag, den Erwachsenen unterstützt sie bei edlen Taten; denn „zwei miteinander sind tauglicher zu denken und zu handeln“. Aristoteles warnt aber vor einer Instrumentalisierung der Freundschaft und sieht darin den Grund für ihre Beendigung: „Wer um des Nutzens willen liebt, tut es um seines eigenen Gewinns willen und nicht sofern der Freund ist, was er ist, sondern nur soweit er nützlich oder angenehm ist. Dies sind also zufällige Freundschaften. Dergleichen Freundschaften lösen sich bald auf.“

Das Wohl der anderen im ?Blick haben

Das rotarische Motto „Service Above Self“ erinnert den Rotarier daran, den Dienst am anderen über das Selbst zu stellen. So heißt Freundschaft für den Rotarier nichts anderes, als das Wohl des anderen beim Handeln im Blick zu haben und über den eigenen Nutzen zu stellen, wenn die Anrede „Freund“ nicht zur abgegriffenen Formel werden soll.

 

Die vierte und letzte der Rotarischen Fragen lautet: „Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?“.

 

Mit dieser Frage wird auf das gezielt, worauf es bei den vorausgehenden Fragen letztlich ankommt: Es geht bei der Vergewisserung der Wahrheit, der Fairness und der Freundschaft in den Äußerungen und im Handeln des Rotariers um das Wohl. Das Wohl aller ist das Kriterium rotarischer Bemühungen und Anstrengungen und somit wesentliches Interpretament für die Beantwortung der vorangestellten Fragen. So steht am Ende der vier Rotarischen Fragen eine Besinnung auf das eigentliche rotarische Wirken: segensreich dem Wohle der Allgemeinheit zu dienen.
?

Peter Jentzmik (RC Limburg a.?d. Lahn) widmete sich während seiner Präsidentschaft intensiv der Vier-Fragen-Probe

Erschienen in Rotary Magazin 2/2012

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