Buch der Woche - Auf der Suche nach Gleichgewicht

© Siedler

20.03.2015

Buch der Woche

Auf der Suche nach Gleichgewicht

Basierend auf umfangreicher Forschung sowie einer Fülle von bislang nicht ausgewerteten Quellen erzählt Brigitte Roßbeck, Mitglied im Rotary Club Pensberg, von den Träumen und dem Leben eines der bedeutendsten Maler des Expressionismus, Franz Marc.

Nachdenken

»Ich war nie frühreif u. bin sicher, mit 40 u. 50 Jahren Lebendigeres zu leisten als mit 20 u. 30«, vermerkte Franz Marc im Januar 1916, wenige Tage vor seinem sechsunddreißigsten Geburtstag und wenige Wochen vor seinem Tod.1 Frei von Selbstzweifeln war der Maler zu keiner Zeit, frei von Geldnot nur gelegentlich. Unter dem Eindruck einer ihn besonders belastenden Schaffenskrise und doch in dem festen Willen, auch diese zu überwinden, hatte er Anfang 1914 an Marianne von Werefkin geschrieben: »Ich will mich nicht wiederholen, denn wozu Dinge zweimal sagen? Aber neue ›andere‹ Bilder malen heißt ein anderes Leben leben, neu denken, von vorne anfangen und das ist so unendlich schwer.« Von August Macke, kurz vor Kriegsbeginn, um einen »Kunstbrief« gebeten, antwortete Franz Marc dem Freund: Er fühle sich außerstande, etwas anderes zu sagen, als dass das Malen, mit jedem Schritt, den man mache, ein Mehr an Kraftanstrengung mit sich zu bringen scheine. Denn: »… ich bin noch mit nichts fertig in mir.« Das »schreckliche ›Verkaufenmüssen‹ « bedrückte ihn nicht minder. Sein größter Wunsch momentan: »Könnte ich es nur, ich würde jetzt mal fünf Jahre gar nichts ausstellen …!«

Derweil er noch von einer kreativen Pause träumte, rückte die bittere Realität eines »Großen Krieges« unaufhaltsam näher. Bereits 1916, unmittelbar nach Franz Marcs Tod, kam die Nachfrage nach seinen Werken in Gang. Ausstellungen im In- und Ausland taten ein Übriges. Die Preise für seine Bilder entwickelten sich konstant nach oben. Zu Lebzeiten fast ausschließlich von privaten Sammlern erworben, kauften jetzt vermehrt auch Museen Arbeiten von ihm. 1922 wurden, beispielsweise, achtzig Exponate in der Neuen Abteilung der Berliner Nationalgalerie im ehemaligen Kronprinzenpalais zusammengeführt und gezeigt. Das Hauptaugenmerk des Publikums lag jedoch auf dem Gemälde Der Turm der blauen Pferde. Ungezählte Male reproduziert, wurden ihm, und gern auch den Weidenden Pferden, Vorzugsplätze in Wohnstuben, Jugendzimmern und Studentenbuden zugewiesen. Von der insgesamt wohl hunderttausend-, wenn nicht millionenfachen Wiedergabe der beliebtesten Motive auf Kunstpostkarten ganz zu schweigen. Franz Marc war in seinem Heimatland sehr schnell sehr populär geworden, als Maler und: als ein »auf dem Felde der Ehre gefallener« Held.

Ab 1930 etwa wendete sich das Blatt. Angriffe, ja Hetzkampagnen aus den Kreisen der Nationalsozialisten gegen die Avantgarde zeigten allgemein Wirkung. Museumsleiter sahen sich gezwungen, moderne Kunst aus Schauräumen zu entfernen. Manche unabhängige Galerien und nichtstaatliche Institutionen ließen sich so schnell nicht einschüchtern. 1936 stellte anlässlich Franz Marcs zwanzigstem Todestag die Kestner-Gesellschaft in Hannover hundertfünfundsechzig seiner Werke aus. Über Mangel an Besuchern konnte der Veranstalter nicht klagen. Nur hielten Presseleute und Kunstkritiker es mittlerweile für angebracht, das vermeintlich spezifisch Deutsche, sprich Germanische, am OEuvre des Expressionisten besonders zu loben. Doch als die in Hannover präsentierten Werke, von den Galerien Nierendorf und von der Heyde übernommen, in Berlin gezeigt werden sollten, kam es zu einem Eklat: Unmittelbar bevor Alois Schardt, Museumsmann mit Schwerpunkt moderne Kunst, mit seiner Eröffnungsrede hatte beginnen wollen, untersagten Männer der Gestapo den Vortrag, ließen den voll besetzten Saal unverzüglich räumen und forderten die Entfernung der Exponate.

Zwar wurde der Schließungsbefehl bald darauf zurückgenommen, die von Alois Schardt gerade verfasste Marc-Monografie jedoch konfisziert. Kaum hatte der Autor seine Stimme erhoben, um während der nachgeholten Ausstellungseröffnung aus dem Buch zu lesen, sprangen zwei Kriminalbeamte von ihren Sitzen auf und rissen es ihm aus den Händen. Tags darauf wurde die »Säuberungsaktion« in dem Verlag fortgesetzt, der sein Werk herausgebracht hatte. Wenige hundert Buchexemplare konnten, weil rechtzeitig ausgelagert, vor ihrer Vernichtung gerettet werden. Dabei hatte Schardt, nationalsozialistisches Gedankengut persönlich durchaus akzeptierend, wann immer möglich, auf die seines Erachtens »völkischen« Elemente in der Kunst des Franz Marc hingewiesen. Im Juli 1937 wurde in den Münchner Hofgartenarkaden die Ausstellung »Entartete Kunst« eröffnet. Adolf Ziegler, Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, in seiner Einführungsrede: »Wir befinden uns in einer Schau, die aus ganz Deutschland nur einen Bruchteil dessen umfasst, was von einer großen Zahl von Museen für Spargroschen des deutschen Volkes gekauft und als Kunst ausgestellt worden war.

Sie sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtkönnertums … Uns allen verursacht das, was die Schau bietet, Erschütterung und Ekel. In Durchführung meines Auftrages, alle Dokumente des Kunstniederganges und der Kunstentartung zusammenzutragen, habe ich fast sämtliche deutsche Museen besucht.« Um sie, korrekt ausgedrückt, ihrer expressionistischen Schätze zu berauben! Gemälde von Franz Marc hingen im sechsten Raum des Obergeschosses – ohne diffamierende propagandistische Hinweise übrigens. Weder waren die Bilder mit dem Namen ihres Malers noch mit Titeln versehen. An Franz Marc nämlich schieden sich die Geister. Strikter Ablehnung seines Spätwerks stand die Akzeptanz seiner frühen Tierdarstellungen gegenüber. Heftige Proteste vonseiten des Deutschen Offiziersbundes sowie Franz Marcs bayerischem Traditionsregiment gegen die künstlerische Herabwürdigung des Frontkämpfers und Kameraden hatten zur Folge, dass zunächst Der Turm der blauen Pferde aus der Ausstellung »Entartete Kunst« verschwand. Als die »zur Abschreckung« zusammengestellte Gesamtkollektion ihre Reise in verschiedene Städte des Deutschen Reiches antrat, war Franz Marc mit keinem Werk mehr vertreten. Die Frage, weshalb seine jüdische Abkunft vom Vater her weitgehend unbeachtet blieb, währenddessen radikale Antisemiten die Einbeziehung von »jüdischen Mischlingen zweiten Grades« in das nationalsozialistische Deportations- und Vernichtungsprogramm forderten, muss offenbleiben. Fest steht, dass Franz Marcs Bruder Paul sich ab 1937 auffallend »still« verhielt und »ganz zurückgezogen « lebte.

Wurzeln

Franz Marcs Ururgroßvater, Jahrgang 1690, hielt es irgendwann für angebracht, das konfessionelle Identitätsmerkmal aus seinem Namen zu entfernen. Aus dem jüdischen Geschäftsmann Marcus Juda wurde ein Moritz Marcus. Zunächst lebte er in der thüringischen Residenzstadt Gotha, später dann in der hessischen Residenzstadt Arolsen. Die Familie war weitverzweigt und durch wohlüberlegtes Heiraten innerhalb der Verwandtschaft bestens vernetzt. Einem seiner Söhne, dem 1739 geborenen, ging die Umbenennung nicht weit genug. Mit siebenundzwanzig bestieg Franz Marcs Urgroßvater als Philipp Mark im Hafen von Portsmouth ein großes Segelschiff. Mag sein, er überquerte freiwillig den Atlantischen Ozean, mag sein, er wurde vom Landesherrn dazu gezwungen. Arolsen gehörte zum Herrschaftsgebiet Friedrich Karl Augusts von Waldeck- Pyrmont. Um seinen verschwenderischen Lebensstil beibehalten zu können, »vermietete« der hoch verschuldete Fürst männliche Landeskinder gegen bare Münze an das englische Militär. Drei Waldecker Regimenter kämpften im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, in dem mehr als die Hälfte der Soldaten für eine Sache starb, die nicht die ihre war. Philipp Mark hatte Glück und überlebte. Es gefiel ihm gut in der Neuen Wel, er baute in New York eine Handelsniederlassung auf und bekam 1789 die Bürgerrechte der Stadt sowie des Bundesstaats verliehen. Seit dem Inkrafttreten der Bill of Rights waren in den Vereinigten Staaten alle Menschen gleichberechtigt, egal welcher Herkunft sie waren, welche Hautfarbe oder Religion sie hatten. Erst im Alter von dreiundfünfzig Jahren trat Philipp Mark in den Stand der Ehe – und zwar in London.

Bis dorthin reiste er seiner, ebenfalls aus Arolsen stammenden, weitaus jüngeren Nichte und zukünftigen Ehefrau entgegen. Die Hochzeitszeremonie wurde von einem Rabbiner geleitet. Noch in England, unmittelbar nach der Trauung im jüdischen Ritus, vollzog das Paar seinen Übertritt vom ursprünglichen zum christlichen Glauben.Weshalb sich Philipp und Fanny Mark für eine Mitgliedschaft in der anglopresbyterianischen Kirche entschieden, ist unbekannt.

Zunächst lagen zwei gemeinsame Jahre in New York vor den Eheleuten. Obwohl der tüchtige Kaufmann Philipp Mark in den US A ein sehr hohes Ansehen genossen haben muss, zog es ihn und Fanny zurück nach Deutschland. Die Urkunde seiner Ernennung zum Konsul der Vereinigten Staaten in Franken ist vom Präsidenten George Washington persönlich unterzeichnet. 1794 erreichten die Heimkehrer Bamberg, wo zwei von Philipps Brüdern bedeutende Stellungen innehatten. Der eine als Leibarzt des amtierenden Fürstbischofs sowie als Direktor des ob seiner Fortschrittlichkeit weithin gerühmten Hospitals. Dem anderen war der Titel eines fürstbischöflichen Kommerzienrats verliehen worden. Beide hatten, wie die Neuankömmlinge um ein Höchstmaß an Assimilation bemüht, ihr Judentum gegen den Katholizismus eingetauscht. Aus dem Mediziner Israel Marcus war bei dieser Gelegenheit ein Adalbert Marcus geworden, aus dem Ökonomen Nathan Marcus ein Friedrich Marcus. Sowohl bei den älter eingesessenen Geschwistern als auch jetzt bei Konsul Philipp Mark gingen die Spitzenvertreter der Barmberger Gesellschaft ein und aus.

Anderswo in deutschen Landen war judenfeindliches Verhalten an der Tageordnung, gemäß der fundamental ignoranten Devise: »Einmal Jud, immer Jud!« Als einer von wenigen Regenten bestand Franz Ludwig von Erthal, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, prinzipiell auf der Gleichbehandlung aller seiner Untertanen, konnte Zuwiderhandlungen jedoch nicht gänzlich vermeiden. Regelmäßig tauchten auch in seinem Herrschaftsgebiet anonyme antisemitische Hetzschriften auf, wovon manche zu tätlichen Angriffen bis hin zu Mord aufriefen. Namentlich Dr. Adalbert Marcus musste aufgrund übelster Angriffe und Verleumdungen zeitweilig um sein Leben fürchten.

Egal ob Konvertit oder nicht. Philipp und Fanny Mark wurden Eltern von drei Kindern, allesamt in Bamberg geboren und ausnahmslos katholisch getauft. Nach Juliane Eleonore (Julia) und Wilhelmine Friederike kam im Jahr 1799 Moritz August auf die Welt. Franz Marcs Großvater besuchte das Gymnasium am Ort. Der damalige Lernstoff umfasste »Religions-, Welt- und Naturgeschichte, Erdbeschreibung, Rechenkunde, deutsche, lateinische, griechische Sprachen, Briefkunde, Beredsamkeit und Erfahrungsseelenlehre«.

Ergänzt um die Förderung künstlerischer Fähigkeiten. Ein Doppelbildnis seiner Schwestern, vom Heranwachsenden in Aquarelltechnik gemalt, lässt einiges Talent vermuten. An den Universitäten zu Würzburg und Erlangen studierte er Rechtswissenschaft, war aber am liebsten unterwegs, reiste beispielsweise nach St. Petersburg, wo Wilhelmine Friederike seit ihrer Heirat mit dem Kaufmann Ludwig Bohnstedt lebte. Das berufliches Ziel des fertigen Advokaten: höherer Staatsbeamter. Mit fünfundzwanzig wurde ihm in Bamberg die Stellung eines Landgerichtsassistenten angeboten, danach diejenige eines Fiskaladjunkten (Regierungsbeauftragter vornehmlich in Steuerangelegenheiten) im niederbayerischen Straubing. Dort lernte Moritz August Mark anno 1831 den Appellationsgerichtsassistenten Maximilian (Max) Freiherr von Pelkhoven5 kennen, angenehm im Umgang, klug, distinguiert und ein Mann mit besten Beziehungen. Außerdem als Ältester verantwortlich für eine siebzehnköpfige Geschwisterschar. Hervorgegangen aus den zwei Ehen des – damals gerade verstorbenen – Johann Nepomuk Freiherr von Pelkhoven,6 Königlich Bayerischer Kämmerer, Regierungs- und Kreisschulrat, Mitglied des Landtags, Publizist und Gelegenheitsdichter. Seine Witwe und Mutter der jüngeren Kinder, Hyazintha Freifrau von Pelkhoven,7 geborene Gräfin Spreti, kämpfte derzeit vergebens gegen massive, seit dem unerwarteten Tod des Gatten bestehende pekuniäre Probleme.

Am ärgsten betroffen waren ihre noch ledigen Töchter, da bar jeder Mitgift. Die Suche nach Ehemännern für die auf dem Heiratsmarkt des Adels schwer vermittelbaren Fräulein war also keine leichte Sache. Dass der bürgerliche Moritz August Mark, Christ zwar, aber jüdischer Abkunft, als Kandidat überhaupt eine Chance erhielt, hing mit dem zu erwartenden Mehrfachnutzen zusammen. Neben seiner charakterlichen Eignung zählte wohl vor allem sein Angebot, dem Freund und ersatzweisen Familienoberhaupt Max von Pelkhoven die Sorge um gleich zwei seiner unversorgten Schwestern abzunehmen: Pauline und Mechthilde. Pauline, auf Schloss Wildthurn bei Landau an der Isar geboren und auf Schloss Teising bei Neumarkt-Sankt Veit an der Rott aufgewachsen, war, als sie und Moritz August Mark einander 1832 das Jawort gaben, sechsundzwanzig und Mechthilde, künftig eine unentbehrliche Stütze der Hausfrau, neunzehn Jahre alt. Vermutlich sorgte, im Gegenzug, Max von Pelkhoven für das entscheidende Quäntchen Protektion. Tüchtigkeit allein hilft bekanntlich nicht notwendigerweise weiter. Faktisch gingen Heirat und dienstliches Fortkommen Hand in Hand. Zum Regierungsrat ernannt, wechselte Moritz August Mark ans Rentamt von Cham. In der oberpfälzischen Stadt gebar Ehefrau Pauline zwischen 1833 und 1837 vier ihrer Kinder: Wilhelmine (Minna), Marie Mechthilde (Marie), Franziska (Fanny) und Maximilian (Max).

Mit dem Aufstieg von Moritz August Mark zum Oberregierungsrat war ein Umzug der Familie nach Landshut verbunden. Hier kam am 9. Oktober 1839 Wilhelm Moritz Eduard (Wilhelm) zur Welt – Franz Marcs Vater. Das Schlusslicht der Kinderreihe bildete Theresia. Die Frage nach der Religionszugehörigkeit ihrer sechs Töchter und Söhne hatte sich den Eltern nicht gestellt. In Glaubensdingen hatten die erzkatholischen von Pelkhovens und von Spretis das Sagen. Vorerst jedenfalls. In Wilhelm Marks drittem Lebensjahr stand die nächste Ortsveränderung an. Des Vaters Versetzung in die Königliche Kammer der Finanzen führte die Familie in die bayerische Haupt- und Residenzstadt. Mit einer Adresse in der jüngst erbauten Maxvorstadt wurde ihr Ankommen im oberen Feld der Mittelschicht unterstrichen. In München starb dann 1843 Pauline Mark. Über die Todesursache der erst Sechsunddreißigjährigen ist nichts bekannt. Bevor er, einem neuerlichen Karrieresprung zufolge, nach Speyer, dem Verwaltungszentrum der bayerischen Pfalz, übersiedelte, heiratete der Witwer seine seit eh und je zum Haushalt gehörende Schwägerin. Den Kindern hätte er keinen größeren Gefallen tun können. Tante Mechthilde wurde von einem jeden uneingeschränkt geliebt. Sie wiederum hatte ihre Neffen und Nichten gleichermaßen in ihr Herz geschlossen.8 Niemals hatte Regierungsdirektor Mark Zweifel an seiner monarchistischen Gesinnung aufkommen lassen. Doch speziell im Revolutionsjahr 1848 bot sich ihm die Gelegenheit, seine unerschütterliche Loyalität unter Beweis zu stellen. Zum Dank bekam Moritz August von König Maximilian II . das Ritterkreuz des Verdienstordens vom Heiligen Michael verliehen.

Um ein Vielfaches schmückender aber war seine und seiner Frau Erhebung in den nichterblichen Adelsstand. Nichterblich hieß, den Nachkommen blieb das noble »von« verwehrt. Für die in nämlicher Zeit vollzogene Abwandlung der Schreibweise des Nachnamens von Mark in Marc gibt es keine schlüssige Erklärung. Wilhelm Marc, nunmehr, und sein älterer Bruder Max besuchten in Speyer das humanistische Gymnasium. Überhaupt häuften die beiden Knaben reichlich Schulwissen an. Und deren Schwestern? Sie waren, wie anders, auf weibliche Etikettierungen abonniert: fromm, sittsam, verträglich, verlässlich, allenfalls belesen und genial vorzugsweise hinsichtlich Handarbeiten und Hauswirtschaft. Bald fiel erneut ein Schatten auf die Familie. Moritz August von Marc kränkelte. Versuche, mit Hilfe von Kuren seine Gesundheit wiederherzustellen, schlugen fehl. »Geschwüre der Halsdrüsen linkerseits « lautete die überlieferte ärztliche Diagnose.9 Symptome einer Infektion, einer Tuberkulose, einer Krebserkrankung?

Am 5. Oktober 1852 starb er im Alter von dreiundfünfzig Jahren. Seine Witwe, durch eine Pension finanziell abgesichert, kehrte nach München zurück. Gemeinsam mit ihren Schutzbefohlenen lebte sie forthin unter einem Dach mit dem alleinstehenden Max von Pelkhoven – zum Vormund bestimmt, übernahm er die Vaterrolle. Mechthilde von Marc hatte auch insofern klug gehandelt, als das von ihr bevorzugte anregende Umfeld eine nicht zu unterschätzende Bereicherung bedeutete. Ihr Halbbruder führte am Hundskugelplatz ein großes Haus. Aus dem einstigen Gerichtsassistenten war eine Persönlichkeit von allerhöchstem Rang geworden. Immerhin stand Staatsrat Max von Pelkhoven kurz vor seiner Berufung zum Leiter mehrerer Ministerien.10 Im Haus des Politikers und Schöngeists gaben sich Honoratioren die Klinke in die Hand. Einer seiner vielen Freunde war der katholische Geistliche und Publizist Christian Brentano.11 Als Wilhelm Marc fünfzehn war, heiratete seine Schwester Fanny in St. Petersburg den Cousin Eduard Bohnstedt. Dafür kehrte Tante Julia, kürzlich verwitwete Schwester des verstorbenen Moritz August von Marc, in den Schoß der Familie zurück. In ihrer Jugend Blüte eine Schönheit, hatte sie einst den Schriftsteller und Komponisten E. T. A. Hoffmann betört. Aus der geplanten Verbindung war jedoch nichts geworden.

Brigitte Roßbeck: Franz Marc. Die Träume und das Leben - Biographie. Siedler, 2015. 352 Seiten, 24, 99 Euro.

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