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Vulkanausbruch La Palma

„Es ist total surreal!“

Vulkanausbruch La Palma - „Es ist total surreal!“
Ziemlich nahe an den Häuser schossen erste Lavaströme hinunter zum Meer. Später "fraß" die Lava ganze Orte. © Vera Rogowski (alle Fotos)

Mitte September brach auf der Kanareninsel La Palma ein Vulkan der Kette Cumbre Vieja aus. Vera Rogowski, freie Mitarbeiterin bei rotary.de, wohnt seit Jahren auf der Insel – und wurde wie viele Palmeros ziemlich überrascht von dem Naturereignis. Inzwischen hat die Lava ihren Wohnort verschluckt.

10.11.2021

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Bleibt hoffnungsfroh, dass sie wieder nach La Palma zurück kann - auch wenn der Vulkan ihr Wohnhaus geschluckt hat.

Vera, wo erreicht Dich unser Anruf?

Ich bin mit meinem Freund gerade von der Insel geflüchtet. Das Haus, in dem wir wohnten, ist ja nun von Lava bedeckt... Auch in den benachbarten Orten, steht gar nichts mehr. Eine komische Vorstellung, dass alles meterhoch unter einer schwarzen Masse liegt.

Vulkanologen hatten ja schon vorher seismische Aktivitäten festgestellt – nach 50 Jahren das erste Mal auf der Insel. Hast Du oder haben die Bewohner von La Palma mit so einem Ereignis gerechnet?

Nein, nach einem halben Jahrhundert seit dem letzten Vulkanausbruch hofften die Palmeros, dass nun Ruhe ist. Einen Tag vor dem Ausbruch gab es eine Warnung. Jeder sollte ein Köfferchen mit dem Nötigsten packen für den Fall des Falles. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit meinem Freund aber zum Familienbesuch auf dem spanischen Festland. Wir konnten also nicht wirklich etwas machen. Unsere Nachbarn haben dann wenigstens unser Auto und das Wohnmobil aus der Gefahrenzone gebracht.

Ab dem 19. September schauten alle auf den Feuer speienden Vulkan, manche fasziniert, andere mit Entsetzen. Denn schnell war klar: Die Lava frisst ganze Dörfer. Wie war das, als Ihr wieder auf der Insel gelandet seid?

Im Norden merkt man nicht so viel. Aber rings um die Ausbruchstelle ist es total surreal. Diese ungeheure Masse an Lava konnte ich mir nicht vorstellen. Meterhoch nur diese Gesteinsmasse... Damals waren Lavaströme relativ nahe an unserem Haus, wir konnten daher nur kurz in die Wohnung und das Wichtigste retten.

Und es war komisch: Von unserem Haus aus konnte man immer die Kirche im Nachbarort Todoque sehen. Plötzlich war es in der Richtung nur noch schwarz; kein Dach, kein Turm war mehr zu sehen — alles begraben unter Lava.

Du bist dennoch erst mal auf der Insel geblieben. Wie ging es weiter?

Wir haben unseren Camper genutzt, unsere Nachbarn und andere Betroffene fanden Unterschlupf bei Bekannten oder den Inselbewohnern im Norden, manche in Hotels. Ungefähr 7.000 Menschen haben ihr Zuhause und ihren Besitz verloren, aber es gibt eine große Hilfsbereitschaft. Im Norden der Insel, wo, wir zunächst mit unserem Wohnmobil standen, schien auch vieles ganz normal weiterzugehen.

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Puerto Naos: Einst beliebtes Urlaubsziel - unter anderem wegen des schwarzen Strandes aus feinstem Vulkansand. Jetzt sind hier keine Urlaube mehr möglich.

Dennoch: Man spürt den Vulkan immerzu. Jeden Tag gibt es Erdstöße und seismische Aktivität – 30, 50 oder bis zu 90 kleine Erdbeben am Tag, eines sogar bis zur Stärke von 5,0. Manchmal bin ich nachts hochgeschreckt, weil ich es gespürt habe. Das alles ist heftig, man fühlt sich komplett hilflos und ausgeliefert.

Ist dennoch ein normales Leben möglich?

Viele sind noch damit beschäftigt zu retten, was zu retten ist. Aber die Asche ist ein Problem. Ständig fällt sie vom Himmel und weht von überall heran. Sie begräbt ganze Landstriche. Geht man mal zehn Minuten nach draußen, hat man hinterher oft schwarze Haare. Für die Atmung und die Augen ist die Asche zudem sehr schädlich. Es werden FFP2-Masken empfohlen – und wer hat, trägt so was wie Skibrillen, um sich zu schützen.

Insgesamt wird die Menge der Asche langsam zum Problem. Nahe an den Vulkanschloten und wenn man in Windrichtung liegt, schippt man schnell mal 30 riesige Eimer täglich weg, um noch einen Weg durch den Garten zu haben. Und mit unserem vollbeladenen Auto sind wir auf einer bergigen Straße hängengeblieben. Wegen der Asche drehten die Reifen durch.

Inzwischen ist die Insel Ziel einiger Katastrophen-Touristen...

Ja, für die wurden sogar Shuttle Services eingerichtet. Aber ihre Zahl ist relativ klein – die weggebrochenen Tourismuseinnahmen können sie nicht wettmachen.

Und was sehen sie? Wer in die betroffenen Regionen kommt und nicht direkt auf rotglühende Lava schaut, registriert als erstes, wie schwarz, still und karg die Landschaft auf einmal ist. Wo früher das satte Grün der Wälder und Bananenplantagen überwog, herrscht jetzt Endzeitstimmung. Kein Vogel zwitschert, keine Eidechse raschelt irgendwo... Und ganze Urlaubsorte wie Puerto Naos sind tot.

Früher galt die Insel ja auch als beliebtes Wanderziel. Das wird in dem Teil der Insel mit den Vulkan-Auswirkungen wohl erst mal vorbei sein.

Stimmt, auch wenn Lava als fruchtbar gilt – das dauert einige Jahre, ehe sich dort wieder Leben zeigt. Wir haben übrigens riesiges Glück gehabt. Anfang September waren wir am Cabeza de Vaca, wo heute der Vulkanschlot ist, wandern. Genau dort, wo der Vulkan ausgebrochen ist. Schon damals hab ich bemerkt, dass dort kein einziger Vogel sang – das war vorher nie so.

Wie geht es jetzt weiter? — Geht es weiter?

Mit dem Wenigen, was wir noch haben, können wir gut leben. Wir sind vor ein paar Tagen auf die Fähre Richtung Spanien gegangen. Die Familie meines Freundes wohnt hier und wir werden erst mal bis Mai auf dem Festland bleiben und beobachten, wie die Situation sich entwickelt. Ob es dann schon vorbei ist? Ich möchte schon gern zurück, auch wenn es ein totaler Neuanfang wird, denn La Palma ist inzwischen wirklich mein Zuhause.

Das Interview führte Sabine Meinert.