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Tennessee

Der Chattanooga-Champion

Tennessee - Der Chattanooga-Champion
Blick aus Germs Büro auf Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee, Spitzname: Scenic City, malerische Stadt © Alyce Henson

Wenn in seiner Heimatstadt Not am Mann ist, weiß John Germ stets Rat. So engagiert geht er auch sein neues Amt als RI-Präsident an.

Kevin Cook01.07.2016

Rick Youngblood atmet tief ein. John Germ ist auf dem Weg. „Man möchte seine Energie haben – aber mit John kann man einfach nicht mithalten.“ Youngblood muss es wissen, denn er ist Präsident und Vorstandschef von Blood Assurance, einer regionalen Blutbank in Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee. Germ hat sie 1972 mitgegründet. Und Youngblood hat recht.  Nach dem Besuch der Blutbank geht es weiter zum John F. Germ Recycling Center in Orange Grove, wo Germ durch Berge von Flaschen und Dosen spaziert und sich vom Betrieb der Fabrik überzeugt. Schließlich fahren wir zum Miracle League Spielfeld, auf dem behinderte Kinder Baseball spielen können. All das, kurz bevor es zu einem Flug nach Chicago und zum Rotary-Hauptquartier in Evanston geht, wo Germ in diesem Monat das Amt des Präsidenten von Rotary International antritt. Warum dieses halsbrecherische Tempo, frage ich. Die Antwort fällt eher lakonisch aus: „Ich habe halt keine Hobbys. Meine ehrenamtliche Tätigkeit ist meine Erholung.“

Germ (links) im Recycling Center mit  Kyle Hauth, Executive Director des Orange Grover Centers, dessen Klienten hier arbeiten. Germ kommt gelegentlich zu Besuch, er hat das Recycling Center gegründet

Germ (links) im Recycling Center mit  Kyle Hauth, Executive Director des Orange Grover Centers, dessen Klienten hier arbeiten. Germ kommt gelegentlich zu Besuch, er hat das Recycling Center gegründet © Alyce Henson

Vor kurzer Zeit verbrachte der 77-jährige Germ einen lärmend-fröhlichen Abend im Chattanooga Convention Center, wo die Scherze auf seine Kosten gingen. „John ist sehr einflussreich“, tönte zum Beispiel sein Freund Harry Fields vom Podium. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele Menschen versuchen, ihn zu kopieren – zu Halloween. Er ist doch der Inbegriff von groß, dunkel, gut aussehend. Ich wollte sagen: Er sieht gut aus – im Dunkeln.“ Niemand lacht lauter darüber als der Ehrengast selbst. Der Anlass: The Roast of John Germ, also eine Verulkung des Ehrengastes. Gefeiert werden seine Spendenleistungen – auch dieses Dinner bringt 75.000 Dollar für das Chattanooga State Community College ein. Freund Fields schließt seine Betrachtungen zu Germs wohltätigen Leistungen so: „100 Prozent von ihm selbst – und von jedem anderen, den er anhauen kann.“

Sein Ruf als Spendensammler ist legendär. So leitete Germ zum Beispiel die berühmte 200-Millionen-Dollar-Challenge, eine Kampagne, bei der es darum ging, ein Challenge Grant der Bill & Melinda Gates Foundation mit einem Betrag zu ergänzen. Die Rotarier übertrafen mit 228,7 Millionen Dollar ihr Spendenziel und begannen so eine höchst erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Gates Foundation im gemeinsamen Kampf gegen Polio.

Auch sonst hat der umtriebige Mann aus Tennessee viel für Rotary getan. Er diente Rotary als Vizepräsident und Director, für die Rotary Foundation als Vizevorsitzender und Trustee. Für seine Beiträge im Kampf gegen die Kinderlähmung wurde er 2013 gemeinsam mit zwölf anderen amerikanischen Rotariern im Weißen Haus als Champion of Change gewürdigt. Nun, als Präsident ist sein Motto schlicht und funktional: Rotary Serving Humanity – Rotary hilft Menschen.

„Rotary war lange Zeit viel zu bescheiden“, sagt er. „Wir müssen unsere Anliegen besser öffentlich darstellen. Das ist unsere Herausforderung, aber ich sehe es nicht als ein Problem an. Ich glaube nicht an Probleme – nur an Möglichkeiten.“ Als Sohn eines Steinmetzes, der das Familienhaus eigenhändig erbaute und das Fundament selbst mit Schaufel und Schubkarre aushob, entwickelte Germ seine Arbeitsmoral frühzeitig. Geschenkt wurde ihm nichts. Andere Schulkinder hänselten ihn wegen seines Nachnamens und nannten ihn „Bazille“ (Germ steht im Englischen für Bakterie). Geld für das College hatten die Eltern nicht. So verdiente er sich sein Studium durch die Arbeit in einer Schlosserei und als Kellner. Nach dem Abschluss ging er zur Air Force. Hier wurde er bald zum Captain befördert und flog als Navigator in einer Douglas C-124.

Popcornduft
Das 50-Tonnen-Flugzeug brachte Truppen und Panzer nach Vietnam. „Und zurück flogen wir die Särge der Gefallenen“, erinnert er sich. 1965 transportierte Germs C-124 die Gemini-IV-Raumkapsel nach Cape Kennedy. Bei einer anderen Mission schließlich verlor das Flugzeug zwei Triebwerke und schrammte knapp über den Ozean, um es gerade noch zum Heimatflughafen zu schaffen. „Nach der Landung fanden wir Seetang auf den Tragflächen – so nah waren wir an einem Wassergrab.“

Nach dem Militärdienst trat er der Ingenieursfirma Campbell & Associates in seiner Heimatstadt bei. Der Besitzer, George Campbell, mochte die anpackende Art des jungen Fliegers. Und um Selbstbewusstsein war der nicht verlegen: „In zehn Jahren“, so sagte er seinem Boss, „gehört mir entweder ein Teil dieser Firma – oder ich bin ihr größter Konkurrent.“ Er irrte sich nicht, denn schließlich wurde er Chef der Firma, die unter anderem am Bau von Chattanoogas Airport, dem größten Krankenhaus am Ort, mehreren Hochhäusern im Stadtzentrum und dem Convention Center beteiligt war. Eine seiner Herausforderungen war der Bau eines Kinozentrums, bei dem ihn der Bauherr zunächst mit dem Auftrag verwirrte, die Klimaanlage nicht „zu gut“ zu konstruieren. „Warum nicht?“, wollte Germ wissen. „Weil die Besucher das Popcorn riechen müssen – damit machen wir unseren größten Umsatz“ war die Antwort.

Im übertragenen Sinn, so leitet Germ über, will er auch den „Popcornduft“ finden, der Menschen zu Rotary bringt. Und was wäre das? „Service“, meint er. „Wir haben eine nachrückende Generation, die sehr bereit ist zum humanitären Dienst. Die müssen wir mit unserer Botschaft erreichen – und zwar schnell!“

Ein Teil dieser Botschaft ist auch, dass die Kinderlähmung noch nicht ausgerottet ist. Auch wenn die Rotarier „so nah dran“ sind und sich dem Ziel beständig weiter nähern, so gab es letztes Jahr in Pakistan und Afghanistan noch 74 Fälle. Dass Germ das nicht aus dem Auge verliert, hat auch persönliche Gründe. Denn auch sein Vater erkrankte noch als Erwachsener an der Krankheit. „Wir waren auf einer Angeltour, und mein Bruder sagte auf einmal: Vater kann nicht mehr laufen. Wir trugen ihn zurück zum Auto“, erinnert sich Germ. „Die Ärzte sagten, dass er nie wieder stehen könne, doch er begann zu trainieren. Er band sich ein Eisengewicht ans Bein und versuchte, es zu heben. Und nach und nach kam er so weit, dass er tatsächlich das Gewicht anheben konnte. Er hinkte später etwas, aber er lernte, wieder zu laufen.“ Ein wenig habe er von dieser Dickköpfigkeit geerbt, meint der RI-Präsident: „Ich gebe nicht so leicht auf.“

Den Kampf gegen die Kinderlähmung ganz bestimmt nicht. Er ruft seine rotarischen Freunde auf, ebenso dabei zu bleiben. Unter seiner Führung sollen alle Clubs dazu bewegt werden, im Jubiläumsjahr der Foundation mindestens 2650 Dollar zu spenden. Denn das ist ein Vielfaches des Originalbetrages von 26 Dollar und 50 Cent, die der RC of Kansas City 1917 an die damals gegründete Foundation stiftete. Während der Convention 2017 ist eine Geburtstagsfeier für Arch Klumph geplant. Die Tickets dafür werden 26,50 Dollar kosten. Das mag etwas effekthascherisch erscheinen, aber das stört Germ nicht. Während er sich auf seine Präsidentschaft vorbereitete, blieb er stets in Kontakt mit seinen Freunden und Weggenossen. Oft geschieht dies von seinem zentralen Schalt- und Kontrollzentrum aus: einem rotbraunen Ledersessel Marke La-Z-Boy Recliner in seinem Heim am Tennessee River. Das Haus hat er selbst entworfen. An den Pappeln hinter dem Haus hängen Maiskolben für die Eichhörnchen. Auf seinem Schreibtisch steht ein Foto von ihm auf einer Distriktkonferenz – als Elvis Presley verkleidet. Daneben eine Plakette, die seine Frau Judy im Baumarkt Hobby Lobby erstanden hat. Darauf steht: Integrität heißt, auch das Richtige zu tun, wenn keiner hinschaut. „Das erinnerte mich an John“, sagt sie.

Ideengeber
Seit ihr Ehemann im letzten Jahr Präsident elect wurde, hat sich viel verändert. „Rotary hat unser Leben völlig vereinnahmt“, sagt sie. „Aber auf eine gute Art und Weise.“

Der RI-Präsident und seine Frau Judy in ihrem Haus in Soddy-Daisy, einem Vorort von Chattanooga. Das Haus hat er selbst entworfen

Der RI-Präsident und seine Frau Judy in ihrem Haus in Soddy-Daisy, einem Vorort von Chattanooga. Das Haus hat er selbst entworfen © Alyce Henson

Die Präsidentschaft ist der Höhepunkt eines dem humanitären Dienst gewidmeten Lebens. Bevor er 1976 dem RC Chattanooga beitrat, hatte Germ sich schon für die Jugendorganisation Jaycees engagiert. Als einer, der gerne Führungsrollen übernimmt und dabei sehr gewinnend sein kann, machte er sich mit seinen Spendenrekorden einen Namen. Das Blutbankprogramm Blood Assurance begann mit einer einzigen Blutspendenaktion und wuchs zu einem Regionalnetzwerk mit einem Budget von 29 Millionen Dollar an, das heute mehr als 70 Gesundheitszentren im Südosten der Vereinigten Staaten mit über 100.000 Bluteinheiten versorgen kann.

Auch Chef Youngblood muss den Mann loben, der nicht zurückschaut: „Für mich verkörpert er drei wichtige Aspekte der Menschenführung. Er ist immer ein Gentleman, er fühlt mit allen Menschen mit – und er ist ein Macher. Wenn John etwas nicht erreichen kann, dann muss es tatsächlich unmöglich sein.“

Seine Erfolge verdankt er dabei oft auch ungewöhnlichen Ideen. Fields erzählt, dass er in den 90er Jahren als Governor als „Mr. Chattanooga“ bekannt war. „Wir kauften ein ganzes Fass Jack Daniel’s Whiskey zu Ehren von Bill Sergeant (ein berühmter Rotarier aus Tennessee). Aus einem Fass bekommt man 266 Flaschen heraus, also gaben wir jedem eine Flasche, der 1000 Dollar gespendet hatte. So nahmen wir über eine Viertelmillion Spenden-Dollar ein.“ Die beiden haben sich oft für gute Zwecke als Bartender, Barmänner, verdingt, wobei beide stets die gleichen Schürzen trugen, mit der Aufschrift „Bar“ auf einer und „Tender“ auf der anderen.

Für die Recyclingfirma baute Germ 1989 eine alte Molkerei um. Hier arbeiten jetzt behinderte Erwachsene, die sonst kaum Aussichten auf einen Job hätten. Sie trennen die Recyclingmaterialien wie Glas und Aluminium zur späteren Wiederverwertung. Tera Roberts, Direktorin der Erwachsenenbetreuung des Centers, betont, dass jedes Detail des Betriebs von Germ geplant wurde, vom Umbau des Gebäudes bis zur Verhandlung der Verträge mit der Stadt.

Vorbild
Um das Spielfeld der Miracle League (Wunderliga) zu einem der am besten ausgestatteten Baseball-Felder des Landes zu machen, besorgte sich Germ Sponsoren, nicht zuletzt seinen eigenen Rotary Club Chattanooga. „Jedes Kind sollte einen Sport treiben können“, meint er dazu. „Das ist nicht nur für das Kind, sondern auch für die ganze Familie wichtig.“

Eine weitere seiner Initiativen, das Programm First in the Family am Chattanooga State College, bietet Stipendien für Studenten, die sich sonst kein Studium leisten könnten. Für Präsidentin Flora Tydings ist der Stifter Germ ein „hervorragendes Vorbild für alle, die wie er als Erste in ihrer Familie die Chance bekommen, ein College zu besuchen“.

Navigator für Rotary
Mit Germs neuen Aufgaben ändert sich auch sein Terminplan, manchmal stündlich. Auf seiner Agenda für Rotary steht unter anderem, Rotary mehr wie ein „Business“ zu leiten. „Wir haben uns schlanker gemacht in den letzten Jahren, das würde ich gerne weiterführen. Im Januar zum Beispiel halten wir unser Board Meeting in Chicago ab statt in San Diego. Das bedeutet, dass wir nicht mehrere Dutzend Mitarbeiter dorthin fliegen und unterbringen müssen.“ Er möchte auch die Board-Sitzungen verkürzen, einige Ausschüsse schrumpfen und auf diese Weise Geld für Rotary einsparen.

Ein halbes Jahrhundert nachdem er das letzte Mal seine C-124 sicher aufsetzte, sieht sich John Germ auch als Navigator für Rotary. Und er will einen Kurs in eine helle Zukunft vorgeben. Dass das nur mit Teamarbeit möglich ist, weiß er sehr wohl. Nach dem Sieg über die Kinderlähmung ist sein Hauptanliegen die stagnierende Mitgliedschaft. Er will erreichen, dass die Mitglieder sich aufraffen, in die Öffentlichkeit zu gehen. Der Fehler sei, dass nicht genügend Menschen zur Mitgliedschaft eingeladen würden. „Aus Angst vor Ablehnung. Das müssen wir überwinden.“

Um attraktiver für jüngere Mitglieder zu werden, unterstützt er eine neue Regelung, die der Council on Legislation auf seiner Konferenz im April ausdrücklich bestätigt hat. Sie ermögicht eine gleichzeitige Mitgliedschaft bei Rotaract und Rotary. „Ich bin voll dafür“, bekräftigt Germ.

Doch damit nicht genug. Germ unterstützt Flexibilität in vielen Bereichen von Rotary, um Clubs mehr Entscheidungsraum zu geben. „Unsere Clubs waren immer um Mahlzeiten herum organisiert. Das Essen war Teil unserer Beiträge, und das System funktionierte gut. Doch die Gesellschaft hat sich verändert“, sagt der IR-Präsident. „Wie können wir es also einem 30-jährigen, im Beruf stehenden Mitglied mit junger Familie leichter machen, an Rotary teilzuhaben? Wir könnten damit beginnen, uns nicht so sehr auf die Präsenz zu konzentrieren. Meine Frage ist daher nicht: Bei wie vielen Meetings warst du anwesend? – Sondern: Wie engagierst du dich in deinem Gemeinwesen und bewegst dort Dinge? “


John F. Germ ist seit 1976 Mitglied des RC Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Ingenieurberatung Campell and Associates ist verheiratet mit Judy. Die beiden haben vier Kinder und sechs Enkel. Im Jahr 2011 leitete der RI-Präsident die 200-Millionen-Dollar-Challenge von Rotary International. Sein Jahresmotto 2016/17: „Rotary hilft Menschen“.