Wuppertal - Ein Mann bahnt sich seinen Radweg

Fast ein Jahr hat Carsten Gerhardt überlegt, ob er sich nicht übernimmt. Als er 2005 loslegte, folgten ihm mehr als 1000 Wuppertaler. Heute sind es mehr als 1300. © Wuppertal-Bewegung e.V., Rolf Dellenbusch

04.03.2016

Wuppertal 

Ein Mann bahnt sich seinen Radweg

Hermann Olbermann

Der Unternehmensberater und Rotarier Carsten Gerhardt stößt ein Millionenprojekt an und zeigt, wozu Büger imstande sind.

Die Idee kam Carsten Gerhardt an Karneval. Doch schnell keimten Zweifel auf. Ist das Projekt nicht zu groß, zu aufwendig, zu teuer? Monatelang grübelte der Unternehmensberater, entwarf Pläne und verwarf sie wieder, schwankte zwischen Euphorie und Frustration. An Weihnachten beschloss er: „Ich packe es an.“

Das war 2005. Heute, rund zehn Jahre später, ist fast vollendet, was er sich erträumt hat: Wo einst Züge fuhren, können sich nun Radfahrer, Skater und Fußgänger tummeln. Die Wuppertaler haben ihre Nordbahntrasse in einen Rad- und Wanderweg verwandelt. Die Strecke, 23 Kilometer lang und meist sechs Meter breit, führt durch sieben Tunnel, über vier Viadukte und 19 Brücken durch die Stadt. „Viele Ziele sind nun mit dem Rad schneller zu erreichen als mit dem Auto“, schwärmt Gerhardt, der seinen BMW schon mal stehen lässt und auf sein Mountainbike steigt. Am 11. März zeichnet ihn Oberbürgermeister Andreas Mucke mit dem Ehrenring der Stadt aus. Trotz allem, was vorgefallen ist.

Nicht immer waren Politiker und Mitarbeiter der Stadt von Gerhardts Vorhaben begeistert. Als er die erste Machbarkeitsstudie vorlegte, winkten sie ab. Auf zwölf bis 16 Millionen Euro hatte er die Kosten geschätzt. Das meiste Geld wollte er aus unterschiedlichen Fördertöpfen etwa des Landes Nordrhein-Westfalen oder der EU holen. Aber mindestens 20 Prozent der Summe hätte die Stadt als Eigenanteil aufbringen müssen. Doch die sperrte sich: kein Geld.

Gerhardt ließ sich nicht entmutigen. Schon im Februar 2006 hatte er den Verein Wuppertal-Bewegung gegründet. Binnen vier Monaten sammelte der rund drei Millionen Euro an Spenden ein, darunter viele von Rotariern und Unternehmen, die von Rotariern geleitet werden. Gerhardt selbst gehört dem RC Wuppertal an. Nun bat er die Stadt, wenigstens die Anträge für die Förderprogramme zu schreiben – vergebens.

Bürger pflastern den neuen Radweg

Hunderte Bürger fassten in ihrer Freizeit mit an und  pflasterten den neuen Radweg selbst

Die Stadt behauptete, sie habe dafür keine Kapazitäten. „Also haben wir die Anträge selbst geschrieben“, erzählt Gerhardt. Als sie genehmigt waren, ging er wieder zur Stadtverwaltung, damit sie mit dem Umbau beginnt. Ihre Antwort: keine Kapazitäten. Da gründeten die Initiatoren die gemeinnützige Firma Nordbahntrasse. Sie schloss mit der Stadt einen Vertrag, die Trasse umzuwandeln und dann 20 Jahre lang zu betreiben. Ende 2015, kurz vor Vollendung des Umbaus, wollte die Stadt den Vertrag ändern und den Betrieb selbst übernehmen; das Grundstück gehört ihr ohnehin.

Bekenntnis eines schollentyps

„Wir reißen uns nicht darum, die Trasse zu betreiben“, entgegnete Gerhardt. Ihm geht es darum, Wuppertal lebenswerter zu machen. Weitere Attraktionen neben Schwebebahn, Zoo und Pina Bauschs Tanztheater kann die Stadt nach dem Niedergang der heimischen Textilindustrie durchaus gebrauchen. Denn sie schrumpft. Binnen zehn Jahren verlor sie rund 38.000 Einwohner. Heute leben dort nur noch 342.000 Menschen. Den Trend will Gerhardt stoppen. „Ich bin meiner Heimat verbunden“, sagt er. Er sei ein „Schollentyp“.

Beruflich reist der Unternehmensberater oft durch die Welt. Allein im vergangenen Jahr flog er 50-mal in die USA. Aber er freut sich immer, nach Hause zu kommen. Und sein Zuhause ist Wuppertal, die Stadt im Bergischen Land. Hier ist er geboren, hier hat er Abitur gemacht, hier hat er studiert. Als er nach dem Abschluss in Physik, Mathematik und Anglistik bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group anfing, arbeitete er zuerst im Münchner Büro, wechselte aber schnell ins Düsseldorfer Büro und suchte sich eine Wohnung in Wuppertal. Seit 2008 arbeitet er für die Beratungsgesellschaft A.T. Kearney in Düsseldorf und wohnt – natürlich - in Wuppertal. Von seiner Wohnung aus schaut er auf einen Teil der Nordbahntrasse. „Mein Baby“, sagt Gerhardt.


Ein Hingucker: Die Legobrücke an der Schwesterstraße in Wuppertal


 Rund 32 Millionen Euro hat das Projekt bisher verschlungen, mehr als anfangs kalkuliert. Das gemeinnützige Wichernhaus Wuppertal und die Gesellschaft für berufliche Aus- und Weiterbildung stellen Arbeitskräfte ab, die sonst erwerbslos wären. Sie gießen Beton, sanieren Mauern, pflanzen Sträucher an und richten entlang der Strecke Rastplätze ein. Mitarbeiter des Wichernhauses betreiben dort ein Café, und das Evangelische Missionswerk spendierte eine Holzeisenbahn für Kinder. Die Arbeitsgruppe Eisenbahngeschichte unterhält am ehemaligen Bahnhof Loh sogar eine Draisine, die Gäste mitnimmt.

Rund 32 Millionen Euro hat das Projekt bisher verschlungen, mehr als anfangs kalkuliert. Das gemeinnützige Wichernhaus Wuppertal und die Gesellschaft für berufliche Aus- und Weiterbildung stellen Arbeitskräfte ab, die sonst erwerbslos wären. Sie gießen Beton, sanieren Mauern, pflanzen Sträucher an und richten entlang der Strecke Rastplätze ein. Mitarbeiter des Wichernhauses betreiben dort ein Café, und das Evangelische Missionswerk spendierte eine Holzeisenbahn für Kinder. Die Arbeitsgruppe Eisenbahngeschichte unterhält am ehemaligen Bahnhof Loh sogar eine Draisine, die Gäste mitnimmt.

Auf einer Anhöhe am Rand der Nordbahntrasse möchte Gerhardt einen Park anlegen. 1000 Quadratmeter groß. Ein altes Teehaus steht dort schon, muss aber noch renoviert werden. Außerdem will er ein weiteres stillgelegtes Gleisstück umbauen und so den Rad- und Wanderweg verlängern. Fünf Millionen Euro kalkuliert Burkhard Clingen dafür ein, der Schatzmeister der Wuppertal-Bewegung und ebenfalls Rotarier (RC Wuppertal-Haspel).

Gerhardts Baby wächst. FDP und Grüne wollten ihn 2015 schon als Oberbürgermeister-Kandidaten aufstellen, aber er lehnte ab. Am 11. März ehrt ihn die ganze Stadt – auch die Verwaltung. Und das ist kein verspäteter Karnevalsscherz.

Rotary Magazin 7/2016

Rotary Magazin Heft 7/2016

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