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Spaziergang mit „Dinosaurier“

Titelthema  - Spaziergang mit „Dinosaurier“
Damals wie heute zeigt sich Porquerolles vielfältig: üppige Vegetation, wildromantische Steilküsten und ruhige Buchten. © Michel Cavalier/hemis.fr/laif

Die kleine Insel östlich von Marseille galt vielen Dichtern, Literaten und anderen Lebenskünstlern als unbedingter Sehnsuchtsort. Ein Streifzug

Manfred Hammes01.08.2019

Sie sei der „Dinosaurier“ von Porquerolles, sagte Camille Bondy von sich. Sie war fast neunzig Jahre alt, als ich sie zu einem Spaziergang traf – es waren nicht mehr als ein paar Schritte. Ganz hätte sie den Weg um ihre gut sieben Kilometer lange und maximal drei Kilometer breite Insel nicht mehr geschafft, dafür war sie inzwischen doch zu zittrig. Es war im November und dann leben vielleicht 400 Menschen auf der kleinen südfranzösischen Insel östlich von Marseille. Fast jeden hat sie gekannt, alle Älteren mit Namen, und man spürte den Respekt, den sie ihr entgegenbrachten. Nicht selbstverständlich gegenüber jemanden, der sich 1932, da hieß sie noch Berton, in einen dreißig Jahre älteren deutschen Maler verliebte. Mit Walter Bondy arbeitete sie als Fotografin und Malerin in Sanary-sur-Mer, als der Ort von Ludwig Marcuse zur „Hauptstadt der deutschen Literatur“ gemacht wurde. Heinrich Mann, René Schickele, Feuchtwanger, Brecht, Zweig und viele andere hat sie da kennengelernt – und die meisten Geschichten für sich behalten. Nur eines hat sie bis zu ihrem Tode geärgert, dass ihr Mann nämlich die zwei van Gogh-Gemälde, die er ganz früh und sehr preiswert bei einem Wirt in Meulan an der Seine gekauft hatte, viel zu früh und viel zu preiswert wieder abgegeben hat. An wen? Sie lächelt, wie nur eine alte Dame lächeln kann, die diese Antwort garantiert nicht geben wird. Nur noch: „Und ich weiß, wo die Bilder jetzt hängen.“

Ein Gärtchen von 180 Hektar
Porquerolles war lange eine Fraueninsel. Für Madame Fournier war sie das Hochzeitsgeschenk ihres Mannes François Joseph, der mit seinen Schürfrechten an mexikanischen Goldminen reich geworden war. Fournier machte aus Porquerolles ein kleines Königreich, engagierte italienische Landarbeiter, die Weinberge und Olivenhaine anlegten, Orangen und Mandarinen pflanzten, und holte einen Arzt, Lehrer und Nonnen auf die Insel. Abends waren Camille und ich im „Mas du Langoustier“ zum Essen, der Lélia Le Ber gehört, einer der sechs Töchter der Familie Fournier.

Ausgerechnet Lélia, die so eine Art schwarzes Schaf der Familie gewesen war. „Ich sehe schwarz für dich“, sagte die Gouvernante zu ihr, „du bist dumm, du bist hässlich, aus dir wird nichts.“ Später gehört Lélia nicht nur der „Mas du Langoustier“, in den man sich aus Cannes, Antibes oder Monaco mit dem Hubschrauber hinbringen lässt, sondern ringsum auch noch ein, wie sie sagt, „Gärtchen“ von 180 Hektar.

Basketball mit George Simenon
Ähnlich verliebt in die Insel wie Lélia war George Simenon, mit dem sie als Mädchen noch Basketball auf dem abfallenden Platz am Hafen spielte. Simenon fühlte sich wohl auf der Insel und war noch produktiver als sonst: „Wasser und Himmel wirkten auf mich wie ein Feuerwerk, dessen Funken durch die Augen in meinen Kopf eindrangen.“ Insgesamt 16 Romane schrieb er auf Porquerolles. „Mein Freund Maigret“ ist meine Lieblingsgeschichte, weil Sie deren Spuren noch heute auf der Insel folgen können. Wie Maigret können Sie Ihr Hauptquartier gleich am Hafen im „Arche de Noé“ aufschlagen, können den Tatort am Hafen noch einmal auf Spuren untersuchen und in Simenons bevorzugter Bäckerei einkaufen. Ob den Spuren Simenons tatsächlich vollständig nachgegangen werden soll, bleibt jedem selbst überlassen. Denn dann müssten auch die ihm nachgesagten Bordell-Besuche in Giens oder Hyères dazu gehören. Wenn Maigret, Simenon und die Tagestouristen alle wieder weg sind, hat man die Hafenmole für sich alleine. Eine junge Frau flickt die Netze, aus der Ferne sieht sie aus wie Camille Berton.

Camille ist 2009, Lélia sechs Jahre später gestorben. Erbschaftsstreitigkeiten brachten einen Großteil der Insel in den Besitz des französischen Staates, der ein absolutes Bauverbot aussprach.

Manfred Hammes
Manfred Hammes, RC Offenburg-Ortenau, lebt und arbeitet die Hälfte des Jahres als Autor und Filmemacher in Südfrankreich – viel zu selten auf seiner Sehnsuchtsinsel Porquerolles. Anfang 2019 erschien sein Buch „Durch den Süden Frankreichs“, ein literarisch-kulturhistorischer und gastronomischer Führer durch den Midi, Nimbus, 704 Seiten, 29,80 Euro. lustaufprovence.de