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Betrug

„Ich wurde Opfer eines brutalen Schockanrufs“

Betrug - „Ich wurde Opfer eines brutalen Schockanrufs“
Prof. Dr. Christian Pfeiffer © Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) e.V.

Welche Rolle hat Rotary hierbei gespielt? Was ist zu tun?

07.09.2022

Kürzlich bin ich auf einen brutalen Schockanruf hereingefallen. Und dies, obwohl ich Kriminologe bin, über 30 Jahre hinweg das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen geleitet habe und als 78-Jähriger immer noch aktiv in Forschungsprojekten mitwirke. Aber all das hat mich nicht davor geschützt, einer Anruferin zu glauben, als sie mich mit einer fürchterlichen Horrornachricht überfiel.


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Freitag, 5. August, 10:30 Uhr. Mein Handy klingelt – eine unbekannte Hannoveraner Nummer. Dran ist Franziska – unsere 34-jährige Tochter – weinend, schreiend, völlig verzweifelt. "Papa, ich habe gerade ein siebenjähriges Mädchen totgefahren." Dann wird ihr der Hörer von einer Polizistin abgenommen – Frau Mertens. Sie informiert mich knapp über den Unfallhergang. "Eiliges Rechtsabbiegen – Ihre Tochter hat das Mädchen schlicht übersehen und es mit ihrem roten Auto voll erfasst. Danach versuchte Unfallflucht, dann Rückkehr. Eine Psychiaterin betreut sie jetzt wegen Suizidgefahr." Ich gerate in tiefstes Entsetzen.

So beginnt ein gut 20-minütiges Gespräch mit dieser Polizistin. Sie informiert mich, dass Franziska bald dem Haftrichter vorgeführt wird. Da drohe wegen der Kombination von fahrlässiger Tötung und Unfallflucht die Untersuchungshaft. Für Franziska wäre das extrem belastend. Deswegen komme es nun auf mich an. "Wenn es Ihnen gelingt, bis Mittag eine Kaution in Höhe von 55.000 Euro aufzubringen, können Sie Ihre Tochter sofort nach Hause mitnehmen." Das überzeugt mich. Ab jetzt gibt es nur dieses Ziel. Und Frau Mertens ermutigt mich: "Sie schaffen das."

Und so rufe ich über unsere Festnetznummer meinen alten Vertrauten aus der Sparkasse an. Frau Mertens hört auf meinem Handy mit, als er ankündigt, die Barauszahlung bis spätestens 13 Uhr zu organisieren. Er schließt mit dem Hinweis: "Auf einen Enkel-Trick würden Sie ja nicht hereinfallen." Ich bestätige das. Frau Mertens beglückwünscht mich. Aber auf einmal ist unser Gespräch unterbrochen. Ich wähle schnell die vorher notierte  Nummer aus Hannover und höre: "Kein Anschluss unter dieser Nummer". Jetzt bin ich erstmals irritiert. Ich rufe 110 an, erzähle meine Geschichte. So erfahre ich, dass ich hier einem Schockanruf aufgesessen bin und dass man sofort einen Streifenwagen zu mir schickt.

Aber dann ist Frau Mertens wieder am Handy. Sie verfolgt weiter ihr Ziel –  die Zahlung der Kaution.  Doch jetzt hat sich das Spiel gedreht. Jetzt möchte ich dazu beitragen, dass sie und ihre kriminellen Helfer hinter Gittern landen. Als der Streifenwagen eintrifft, melde ich mich bei Frau Mertens kurz ab, weil ich auf die Toilette müsste. Die beiden Polizisten stimmen mich auf mindestens zwei bis drei Stunden ein, bis die Geldübergabe gegenüber einem Mitglied der Bande klappen könnte. Mit Frau Mertens bespreche ich über das ständig eingeschaltete Handy, dass ich nun im Auto zur Sparkasse unterwegs bin. Dort zeige ich der Frau an der Kasse einen Zettel: "Betrug! 55.000 Euro Kaution". Sie bittet mich kurz in einen Nebenraum, während mein Handy an der Kasse bleibt und überreicht mir einen dicken mit Papier gefüllten Umschlag. Auf ihrem Handy vereinbare ich mit 110, dass mich von nun an zwei zivile Beamte zu meinem Schutz begleiten.

Die sind dann schnell da und folgen mir unauffällig in einem alten Golf. Frau Mertens überrascht mich plötzlich mit der Botschaft, die Kasse des Amtsgerichts Hannover habe um 13 Uhr geschlossen. Sie nennt das Amtsgericht Hildesheim als neues Ziel. Wieder brauche ich eine Ausrede für die Kontaktaufnahme zur Polizei. Dieses Mal ist es der kurze Stopp bei einer Bäckerei. Das Handy bleibt im Auto. Ich rede mit den beiden Zivilbeamten. Für eine solche Fahrt über Landstraße und Autobahn bräuchten sie zu meiner Sicherheit mindestens ein weiteres Polizeiteam. Aber das steht so schnell nicht zur Verfügung. Sie müssen unser Projekt abbrechen. Wieder im Auto sehe ich, dass auch Frau Mertens aufgegeben hat.

Danach organisiert Polizeipräsident Volker Kluwe auf meinen Vorschlag hin eine große Pressekonferenz. Es ist mir wichtig, die Botschaft nach draußen zu tragen, dass jeder auf so einen Schockanruf reinfallen kann. Experten der Polizei berichten, dass es allein in diesem Jahr in der Region Hannover fast 700 solcher primär über das Telefon laufenden Versuche gegeben hat, die Menschen durch Panik und Täuschung zur Zahlung von hohen Beträgen zu veranlassen. In den 28 Fällen, von denen die Polizei erfahren hat, sei ein Schaden von ca. 500.000 Euro entstanden. Es gäbe aber ein sehr großes Dunkelfeld, weil viele Opfer sich schämten, dass sie gezahlt haben. An den nächsten Tagen melden sich viele Menschen aus ganz Deutschland bei mir, die alle Opfer solcher Verbrechen geworden waren. Und viele waren Rotary-Mitglieder.

Ich hatte diese These schon in der Pressekonferenz aufgestellt. Unser Mitgliederverzeichnis ist offensichtlich eine ideale Quelle für geeignete Adressen. Ein hohes Durchschnittsalter und die Vermutung eines gewissen Wohlstands prädestinieren uns für solche Angriffe. Freund Heiner Winker, Pastgovernor des Distrikts 1950, hat mich sehr ermutigt, zu berichten, dass auch er Opfer eines solchen Schockanrufes war. Beide empfehlen wir hierzu engagierte Aufklärung in den Clubs durch Einladung von Experten der Polizei.

Doch was ist zu tun? Gegen den weiteren Anstieg solcher Taten empfehle ich zunächst drei Schritte:

  • Es sollte durch eine Repräsentativbefragung von etwa 10.000 Senioren (65- bis 80-Jährige) aufgeklärt werden, in welchem Ausmaß sie in den letzten fünf Jahren Opfer von Gewaltkriminalität und hier insbesondere von kriminellen Schockanrufen geworden sind.
  • Die Polizei sollte gleich nach Bekanntwerden eines solchen Schockanrufes bei der Staatsanwaltschaft eine sofortige Telefonüberwachung beantragen, damit sie gestützt auf das laufende Gespräch zwischen Opfer und Täter die Geldübergabe verhindern und das Bandenmitglied festnehmen kann. Bei mir gab es diese Festnahme auch deshalb nicht, weil die Polizei mein Gespräch mit Frau Mertens nicht mitverfolgen konnte.
  • Die Einstufung solcher Taten als Betrug wird dem Tatbestand nicht gerecht, dass derartige Schockanrufe eine schwere Form psychischer Gewalt darstellen. Dem sollte im Tatbestand des Betruges durch einen neuen, die Strafe deutlich verschärfenden Absatz Rechnung getragen werden.

Christian Pfeiffer
Kriminologe, ehemaliger Justizminister des Landes Niedersachsen
RC Hannover-Luisenhof


Prof. Pfeiffer hat dargestellt, wie er Opfer eines brutalen Schockanrufs wurde und warum er davon ausgeht, dass die hinter solchen Angriffen stehenden Banden hierfür auf das Mitgliederverzeichnis zurückgreifen. Damit die Polizei gegen solche in diesem Jahr drastisch angestiegenen Terror-Anrufe erfolgreich ermitteln kann, benötigt sie dringend mehr Erkenntnisse. Sie möchte erfahren, wie die Täter genau vorgehen und wie die Opfer das selber erlebt haben. Deshalb wäre es großartig, wenn sich möglichst viele persönlich betroffene Rotary-Mitglieder anonym an der von ihm demnächst organisierten Befragung beteiligen. Wer hieran Interesse hat, den/die bittet er, wie folgt vorzugehen:

 

  1. Teilen Sie mir an die nachfolgende, nur für diesen Zweck eingerichtete Mailadresse chpfeiffer@kfn.de ihre eigene Mailadresse mit. Die Nachricht soll lediglich dokumentieren, dass Sie in 8-10 Wochen den Fragebogen erhalten möchten. Angesichts der hier zwangsläufig nicht bestehenden Anonymität bitte ich Sie, mir in dieser Mail noch keine Informationen über das mitzuteilen, was später Gegenstand unserer Untersuchung sein soll.
  2. In der Zwischenzeit werde ich klären, ob auch Lions-Freunde an der Aktion mitwirken möchten. Meine bisherige Recherche hat gezeigt, dass offenkundig auch deren Mitgliederverzeichnis von den Banden genutzt wird.
  3. Ferner bemühe ich mich darum, eine/n Doktorand/in zu finden, der/die Interesse daran hat, mit mir gemeinsam dieses Forschungsprojekt in Gang zu bringen, den Fragebogen für die Datenerhebung zu entwickeln und später die eigentliche Untersuchung durchzuführen.
  4. Sobald der Fragebogen bei Ihnen eingegangen ist, wäre ich dankbar, wenn Sie die Fragen möglichst vollständig durch das Ankreuzen der vorgegebenen Alternativen beantworten. Zum anderen können Sie ergänzend dazu am Ende des Fragebogens in eigenen Worten schildern, wie sie die Geschichte erlebt und verarbeitet haben.
  5. Beachten Sie bitte, dass Sie bei der Rücksendung keinen Absender angeben. Die Befragung soll streng anonym erfolgen.
  6. Über das Ergebnis der Untersuchung werde ich selbstverständlich ausführlich in der Zeitschrift Rotary berichten.“

Weitere Informationen zu Betrugsmaschen, bei denen 2021 und 2022 Rotarier Opfer wurden: