Standpunkt - Brauchen wir noch Banken?

Autor Ralf Beck © privat

01.10.2017

Standpunkt 

Brauchen wir noch Banken?

Ralf Beck

Fast alle Finanzdienstleistungen lassen sich mittlerweile auch ohne klassische Geldhäuser erledigen. Da stellt sich die Frage nach der Daseinsberechtigung von Bankinstituten.

In den letzten Jahren kamen vermehrt sogenannte FinTechs auf, junge innovative Finanzdienstleister, die keine Bank sind. Dazu gehören Crowdinvesting-Plattformen wie Companisto, Seedmatch und Exporo, Crowdlending-Plattformen wie Lending Club und Auxmoney oder Zahlungsanbieter wie PayPal und Sofortüberweisung.

Inzwischen gibt es allein in Deutschland weit mehr als 300 aktive Fintech-Unternehmen. Offenbar sind Banken nicht willens oder nicht in der Lage, bestimmte Finanzgeschäfte anzubieten. Oder sie warten mit vergleichsweise unattraktiven Konditionen auf, sodass ein gewisser Teil der Kunden zu anderen Anbietern wechselt.

FinTech-Unternehmen punkten durch Kundennähe, Transparenz, Flexibilität und kostengünstige Leistungen, also genau mit dem, wofür Banken nicht stehen. Banken arbeiten zumeist mit veralteten IT-Systemen, da ihnen ein Systemwechsel zu aufwendig erscheint und Risiken für das laufende Geschäft birgt. Nicht wenige FinTechs verfügen hingegen über gnadenlos gut automatisierte Abläufe. Ein weiterer Punkt: Eine erhöhte Transparenz würde es Banken erschweren, verdeckte Gebühren unterzubringen. Es wird ihnen widerstreben, bei den betroffenen Produkten auf Intransparenz zu verzichten.

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© Börsenbuch Verlag

Die Bankenlandschaft kommt nicht aus den negativen Schlagzeilen heraus, wobei das, was an die Oberfläche gelangt, wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs ist. Unseriöses Arbeiten erscheint trotz strenger Regulierung ein Teil des Geschäfts zu sein. Im Grunde werden Banken nur deshalb (noch) gebraucht, weil der Gesetzgeber festgelegt hat, dass viele Finanzgeschäfte nur durch Unternehmen erbracht werden, die über eine Banklizenz verfügen, was nichts anderes als eine öffentliche Genehmigung ist, ebendiese Geschäfte erledigen zu dürfen. Fintech-
Unternehmen nutzen allerdings nicht nur die „linzenzfreien“ Möglichkeiten, Finanzgeschäfte zu tätigen. Oftmals schalten sie Banken für diejenigen Teilleistungen ein, die einer Banklizenz bedürfen. Banken stehen manchmal nur noch im Hintergrund, sind lediglich ein Glied in der Wertschöpfungskette, während FinTechs beispielsweise das Frontend zum Kunden hin bilden.

Entwicklungsperspektiven
Angesichts der Leistungslücken, die von Banken offengelassen werden, ist mit einem verstärkten Aufkommen alternativer Finanzdienstleister zu rechnen. Inzwischen lassen sich fast alle Finanzdienstleistungen auch ohne Banken erledigen. Eine der ganz wenigen Ausnahmen ist das Girokonto. Zwar hatte sich das FinTech-Unternehmen Number26 (heute: N26) das Ziel gesetzt, ein bankenfreies Girokonto anzubieten, verfügt jedoch seit Juli 2016 über eine eigene Banklizenz. Wie N26 gibt es immer wieder FinTechs, die nicht um eine Banklizenz herumkommen. Die Leistungspalette der FinTech-Unternehmen weitet sich stetig aus. Oftmals sind es frische Ideen, mit denen sie Kunden gewinnen, während Banken auf den Vertrieb vorgegebener Produkte setzen. Verschwinden werden die Banken nicht. Dazu sind sie viel zu groß und zu einflussreich.

Alternativen testen
Die Bezieher von Finanzdienstleistungen haben es in der Hand, Banken durch ein Abwandern unter Druck zu setzen und dadurch bessere Leistungen und Konditionen herauszufordern. Eine Umgehung von Großbanken hat zudem einen handfesten volkswirtschaftlichen Nutzen: Je kleiner die Banken werden, umso geringer wird ihre Systemrelevanz sein und umso weniger ausgeprägt ihre Macht, Rettungsschirme auf Kosten der Bürger erzwingen zu können. Es ist zu bezweifeln, dass der Politik in Bezug auf den Banken-Sektor die Initiierung einer Positiventwicklung glückt. Verstärkte gesetzgeberische Aktivitäten gingen bislang ins Leere und führten vor allem zu mehr kostentreibendem Bürokratismus bei den Banken.

Was kann konkret getan werden? Vielleicht ließe sich als Leitmotiv verwenden: „Wenn es zwei Möglichkeiten gibt, dann nehme ich die ohne Bank.“ Aus Sicht der Nutzer von Finanzdienstleistungen stellt sich allerdings die Frage, ob es außerhalb der Banken vielleicht nicht noch schlimmer wird. Ein probates Mittel wäre es, sich über FinTechs und ihre Leistungen zu informieren und sie gegebenenfalls zunächst vorsichtig auszuprobieren. Vorreiter hinsichtlich der Inanspruchnahme alternativer Online-Finanzdienstleistungen ist in Europa mit weitem Abstand Großbritannien, gefolgt von Estland.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2017

Ralf Beck
Prof. Dr. Ralf Beck lehrt und forscht im Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Dortmund, ist Gründer der Crowdinvesting-Plattform Geldwerk1 sowie Autor der Bücher „Crowdinvesting – Die Investition der Vielen“ und „Wer braucht noch Banken? Wie Start-Ups die Finanzwelt verändern und was uns das nutzt“. geldwerk1.de

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