Im Gespräch mit Wilhelm v. Boddien - »?Die Stadt wird  einfach nur schön?«

Privat

15.07.2013

Im Gespräch mit Wilhelm v. Boddien 

»?Die Stadt wird einfach nur schön?«

René Nehring

Am 12. Juni 2013 fand nach über zwanzigjähriger Diskussion um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses und die Neugestaltung der historischen Mitte der deutschen Hauptstadt die Grundsteinlegung des neuen Humboldtforums statt. Das Rotary Magazin sprach mit dem Mann, der in all den Jahren der entschiedenste Streiter für die Wiedererrichtung war.Über die Grundsteinlegung für das neue Berliner Schloss, den aktuellen Stand der Planungen und die künftige Bedeutung des Baus für die Hauptstadt

Herr von Boddien, was haben Sie empfunden, als Bundespräsident Gauck mit dem Hammer auf den Grundstein des neuen Berliner Schlosses/Humboldtforum schlug?

Ein großes Gefühl von Glück und Dankbarkeit, weil wir nach zwanzigjähriger Tätigkeit das wichtigste Zwischenziel, den Baubeginn, erreicht haben. Und ich habe an die Hunderte Freunde des Schlossnetzwerks gedacht, die allesamt auf ihre Weise wichtige Beiträge geleistet haben, um das Projekt zum Erfolg zu bringen.


Haben Sie auch ein bisschen Genugtuung empfunden angesichts der unzähligen, zum Teil auch sehr persönlichen Attacken, die Sie in all den Jahren erfahren haben?

Ich halte nichts von dem Wort Genugtuung, weil sich das so anhört, als hätte man irgendwelche Leute niedergemacht. Uns ging und geht es nur um das Objekt. Und deshalb treffen es Dankbarkeit und Freude besser.

Die Kritik an dem Wiederaufbau hat eigentlich nie aufgehört: auch nachdem der Bundestag das Projekt beschlossen hatte, auch nach der Gründung der Stiftung Humboldtforum (die die Eigentümerin des Schlosses ist) – und sie hält auch jetzt, nach der Grundsteinlegung an. Woher rührt Ihrer Meinung nach die Aversion gegen Ihr Projekt?

Die Ursache dafür sind ideologische Ressentiments. Schon Walter Ulbricht hatte das Schloss ja sprengen lassen, um damit symbolisch das Ende Preußens zu markieren. Dieser Preußen-Hass ist bei einigen Leuten bis heute latent. Das kann ich im Prinzip akzeptieren, denn in einer Demokratie geht es nun einmal um Mehrheitsentscheidungen. Und wenn im Jahre 2011 der Deutsche Bundestag mit den Stimmen aller Parteien, bis auf die Linke, also mit weit über zwei Dritteln Mehrheit die Mittel freigibt für den Wiederaufbau, dann sollten diejenigen, die ihr Ziel nicht erreicht haben, endlich auch die demokratischen Spielregeln beherzigen, und sich damit abfinden, dass eben nicht alles und immer nur nach ihrem Gusto geht. Stattdessen missbrauchen z.B. einige Journalisten die Macht, über die die Presse nun einmal verfügt, um unter der Vorgabe, Nachrichten zu verbreiten, ihre persönliche Meinung wiedergegeben. Was mich bekümmert ist, dass sich die Kritiker gar nicht mit dem Konzept des Humboldtforums auseinandersetzen, sondern immer wieder nur einen neuen Fassadenstreit anzetteln. Dabei ist der Entwurf des Humboldtforums grandios. Die Berliner Museumsinsel zeigt bislang „nur“ die Kunst der Antike, des Islam und des europäischen Abendlandes bis in das späte 19. Jahrhundert hinein. Dadurch, dass die weltberühmten Dahlemer Sammlungen der Kunst der außereuropäischen Kontinente und Ozeaniens in das Schloss einziehen werden, entsteht in unserer Hauptstadt eines der spannendsten Zentren der Weltkultur, die es überhaupt gibt. Neil McGregor, der Direktor des British Museum, hat davon gesprochen, dass sich hier ein Weltwunder der Künste anbahnt. Die Wahrnehmung im Ausland ist also eine ganz andere als es hierzulande manche Kritiker wahrhaben wollen.


Neben den „ideologischen Kritikern“ gibt es viele, die sich nach den Problemen mit Stuttgart 21, dem neuen Berliner Flughafen und der Hamburger Elbphilharmonie fragen, ob unser Land wirklich noch eine weitere Großbaustelle braucht, die wieder nur hohe Kosten verursacht und nie fertig wird.

Ich kann diese Sorgen verstehen. Andererseits gibt es ja nicht nur die genannten Problembaustellen, sondern auch zahlreiche erfolgreiche Projekte. So verlief z.B. der Umbau der Staatsbibliothek Unter den Linden lautlos und weitgehend im Kostenplan, obwohl hier ein historisches Gebäude mit ganz anderen Herausforderungen umgebaut werden musste. Und beim Wechsel des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin wurde ohne große Verzögerungen und unter dem Kostenansatz der Umzug tausender Mitarbeiter und der Neu- und Umbau von etlichen Ministerien bewältigt. Die in der Kritik stehenden Großprojekte hatten mit jeweils sehr spezifischen Problemen zu kämpfen, vor allem mit mehrfachen Planungsänderungen durch Interventionen aus der Politik oder aufgrund von Bürgerklagen. Die Planung des Schlosses steht jedoch bis in kleinste Details fest, und sie wird sich auch nicht mehr ändern. Und an die Spitze der Bauträgerin, der Stiftung Berliner Schloss Humboldtforum, wurde mit Manfred Rettich ein exzellenter Baufachmann gesetzt, der als Bundesbeauftragter für den Umzug des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin schon einmal für einen reibungslosen Ablauf gesorgt hat.


Liegen Sie denn ganz aktuell in der Zeit?

Wir liegen nicht nur in der Zeit, wir haben auch die z.T. vorhergesagten Fundamentprobleme längst hinter uns. Die Dichtsohle, die in 8 Metern Tiefe unter dem eigentlichen Fundament liegt, war auf Anhieb dicht. Auch der unter dem Schloss entlang laufende neue U-Bahn-Tunnel ist damit gesichert. Schon im März 2015 soll dann das Richtfest sein. Auch bei den Kosten liegen wir zum heutigen Zeitpunkt – nach der Herstellung und Abdichtung der Baugrube und der Fundamentlegung – voll im Plan, sogar etwas darunter.


Wann wird man denn die ersten Baufortschritte sehen?

Wir gehen davon aus, dass Ende des Jahres das Kellergeschoss bereits fertig und die erste Geschossdecke eingezogen ist. Dann wächst im Laufe des Jahres 2014 Stockwerk für Stockwerk aus dem Bau. Dabei handelt es sich um das Tragwerk aus Beton, das eine Grundvoraussetzung dafür ist, um einen Bau, in dem sich Tausende von Menschen aufhalten, mit der nötigen Stabilität und Feuersicherheit zu versehen. Ab Mitte bis Ende 2014 wächst dann an den Außenfassaden des Schlosses das 60 Zentimeter dicke gemauerte Ziegelmauerwerk, in das dann – aus Sandstein gefertigt – die Gesimse angelegt werden, die Portalelemente und schließlich die Säulen, Kapitelle und Verdachungen, Fenster und ähnliches mehr. So wird dann nach und nach die ganze Schönheit des Gebäudes zu sehen sein.


Sie hatten in der Diskussionsphase angekündigt, mit Ihrem Förderverein 80 Millionen Euro Spenden einwerben zu wollen, damit die historischen Fassaden wiederhergestellt werden können. Bis jetzt sind jedoch nur 20 Millionen da. Waren Sie zu euphorisch?

Auch dieser Punkt gehört zu der Miesmacherei einiger Medien. Wir haben bisher schon mehr als das Zehnfache dessen abgeliefert, was die Dresdner Frauenkirche zum gleichen Zeitpunkt hatte! Als dort die Ruine enttrümmert und der Grundstein gelegt war, lagen damals 3 Millionen D-Mark vor. Wir haben bereits 20 Millionen Euro gesammelt und weitere Zusagen in Höhe von 15 Millionen vorliegen, die nach und nach gezahlt werden, sobald der Baufortschritt eintritt. Und das alles, ohne dass bisher auch nur ein Stein zu sehen ist! Da die Bürger erst jetzt, nach der Grundsteinlegung, überhaupt erst sehen, dass das Schloss wirklich gebaut wird, bin ich mit meinen Mitstreitern vom Förderverein auch sicher, dass wir unser Spendenziel erreichen werden.


Erfahren Sie auch aus der rotarischen Gemeinschaft Unterstützung?
Wir haben bisher von zahlreichen Rotary Clubs eine wunderbare Unterstützung bekommen, und zwar zumeist dort, wo ich die Gelegenheit hatte, einen Vortrag zu halten (wofür ich als Rotarier natürlich auch weiterhin gern und reisekostenfrei zur Verfügung stehe). Was ich ausdrücklich nicht möchte ist, in Konkurrenz mit den Wohltätigkeitsprojekten der Rotarier zu treten. Denkbar ist jedoch z.B. die Sammlung über die Tischkasse, die viele Clubs für Unvorhergesehenes haben. Wir brauchen die Rotarier jedoch nicht nur als Spender, sondern auch als Botschafter für dieses große Kulturvorhaben. Und deshalb freue ich mich zu sehen, wie viele an dem Wiederaufbau Beteiligte auch Rotarier sind, z.B. Klaus-Dieter Lehmann, der jetzige Präsident des Goethe-Instituts, der ja der Ideengeber für das Humboldtforum war, oder Hermann Parzinger, sein Nachfolger als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, oder auch Richard Schröder, der Vorsitzende unseres Fördervereins.


Sie und die meisten Schlossbefürworter haben stets mit der Bedeutung des Baus für die historische Mitte Berlins argumentiert. Was wird denn nun das neue Berliner Schloss Humboldtforum sein, wenn es eines Tages fertig ist?

Es wird wieder der Mittelpunkt der Stadt. Das 1443 errichtete Schloss war ja überhaupt erst der Ausgangspunkt der langen Entwicklung Berlins zur europäischen Metropole. Als wir 1993 unsere Simulation auf dem Schlossplatz errichtet hatten, sagte Marianne von Weizsäcker, die Frau des damaligen Bundespräsidenten, nachdem sie den Anblick zunächst sensationell fand, dass das, was da stand, auf einmal so normal aussieht, als ob dort nie etwas anderes gewesen wäre. Und genau dieser Moment wird eintreten, wenn das neue Schloss wieder steht: Die Stadt wird ruhiger und harmonischer, sie wird einfach wieder schön.

Erschienen in Rotary Magazin 7/2013

Rotary Magazin 9/2016

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