Fremde Federn - Handeln, bevor es zu spät ist

© C. Bibby / Financial Times-REA / LAIF

30.09.2015

Fremde Federn

Handeln, bevor es zu spät ist

Sally Dame Davies

Antimikrobielle Resistenzen bedrohen die moderne medizinische Praxis.

Als Rotarier sind Sie in einer Position, in der Sie dabei helfen können, eine sich anbahnende Katastrophe abzuwenden.Ich übertreibe nicht. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die antimikrobielle Resistenz
eines der größten Risiken für die öffentliche Gesundheit darstellt, und das auf globaler Ebene. Das Ausmaß dieser Bedrohung ist immens. Schätzungsweise 25.000 Menschen sterben in Europa pro Jahr an Infektionen, die durch resistente Bakterien verursacht werden, und die Krankenhauskosten sowie die gesellschaftlichen Kosten liegen bei 1,5 Milliarden Euro. Auf globaler Ebene können bis zum Jahr 2050 arznei­mittelresistente Infektionen zehn Millionen zusätzliche Todesfälle pro Jahr verursachen und kumulative Kosten von 100 Billionen US-Dollar zur Folge haben.

Bei einem Problem dieser Größenordnung sind wahrscheinlich auch Sie der Auffassung, dass schon zu einem früheren Zeitpunkt mehr hätte getan werden müssen, um dieses Problem anzugehen. Zu Recht. Doch die antimikrobielle Resistenz ist ein schleichendes Problem. Schließlich sprechen wir hier über etwas, das für uns über mehrere sorgenfreie Jahrzehnte selbstverständlich war – unser verschwenderischer Einsatz gewöhnlicher Antibiotika. Einige weitsichtige Menschen haben die Gefahren unseres hemmungslosen Handelns allerdings
vorausgesehen.


Eine Einfache OP wird zum hohen Risiko

Tatsächlich hat sich der Vater der Antibiotika, Alexander Fleming selbst, im Dezember 1945 wie folgt geäußert: „Es ist nicht schwierig, Mikroben im Labor gegen Penicillin resistent zu machen … und dasselbe geschieht auch im Körper. Die Zeit wird kommen, in der Penicillin von jedermann im Geschäft gekauft werden kann. Dann besteht die Gefahr, dass der Unwissende das Penicillin in zu niedrigen Dosen verwendet.

Indem er die Mikroben aber nicht tödlichen Mengen aussetzt, macht er sie resistent.“ Fleming hatte in beiden Punkten recht: Es ist zu einfach, Bakterien resistent zu machen und in vielen Teilen der Welt viel zu leicht, sich Antibiotika zu beschaffen und falsch anzuwenden. Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der die Art und Weise, wie wir die moderne Medizin praktizieren und von ihr profitieren, nicht länger möglich ist. Das wäre eine Welt, in der einfache Operationen und zahnmedizinische Eingriffe hochriskant wären und in der zum Beispiel routinemäßige zahnärztliche Versorgungen oder die Implantation von Hüftprothesen mit einem signifikanten Risiko für unbehandelbare Infektionen verbunden sind. Je komplexer die medizinischen Behandlungen oder Operationen, zum Beispiel Chemotherapie oder Transplantationsoperationen, desto größer sind natürlich auch die Risiken.

Die antimikrobielle Resistenz beschränkt sich nicht nur auf die Art und Weise, wie die moderne Medizin von uns praktiziert wird. Beim Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft wird viel zu häufig fahrlässig und verschwenderisch vorgegangen. Schätzungen zufolge werden zwei Drittel aller in den europäischen Ländern verwendeten Antibiotika Nutztieren verabreicht. Auf globaler Ebene ist der Anteil der in der Landwirtschaft eingesetzten Antibiotika noch viel höher. Es hat den Anschein, als wären wir nur zu häufig bereit, dem globalen Agrarsektor den routinemäßigen großflächigen Einsatz von Antibiotika zu erlauben, selbst dann, wenn keine Anzeichen für Erkrankungen vorliegen.

 

Schluss mit der Nachlässigkeit

Trotz der frühen Warnungen von Fleming und anderen und trotz der Tatsache, dass wir heute sehr viel mehr über die Mechanismen der Resistenzenbildung wissen, scheinen wir die Gefahren auszublenden oder die herannahenden Probleme nicht ernst zu nehmen. Nur zu häufig glauben wir, dass „sich etwas ergeben wird“, das sich als das „neue Penicillin“ erweist. Tatsächlich ist unser Optimismus unangebracht - aufgrund der Art und Weise, wie die Märkte für Arzneimittel funktionieren, werden nur sehr wenige neue Antibiotika auf den Markt gebracht.


Ich bin davon überzeugt, dass wir die drohende Katastrophe abwenden können. Doch wir müssen jetzt handeln und wir müssen bestimmt handeln, nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch global, denn Bakterien halten sich nicht an Landesgrenzen. Wir können jetzt in verschiedenen kritischen Bereichen aktiv werden:

  • Verbesserung unseres Bewusstseins undunseres Verständnisses der antimikrobiellen Resistenz;
  • Förderung der Kenntnisse durch Über­wachung und Forschung;
  • Reduzierung der Inzidenz von Infektionen und Optimierung der Anwendung von anti­mikrobiellen Präparaten; und
  • Entwicklung einer wirtschaftlichen Grund­lage für nachhaltige Investitionen in neue Medikamente und Diagnostik.

Und letztendlich gibt es einen Hoffnungsschimmer dafür, dass daran gearbeitet wird, den Trend der Nachlässigkeit umzukehren. Im Mai 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation zum Beispiel einen Beschluss verabschiedet, durch den die Mitgliedsstaaten zur Entwicklung nationaler Aktionspläne für den Kampf gegen antimikrobielle Resistenzen aufgefordert werden. Dieser Beschluss spiegelte sich auch in einem vergleichbaren Vorschlag der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) wider.

Für diese Vereinbarungen, die auf höchster Ebene getroffen wurden, sind Aktionen auf nationaler und lokaler Ebene notwendig, damit ein Umdenken im Hinblick auf Antibiotika stattfindet. Und das ist der Punkt, an dem Sie als wichtige Meinungsbildner und Meinungsführer helfen können. Als Rotarier genießen Sie ein gewisses Renommee für Ihre Arbeit und weil Sie dringliche Probleme in verschiedenen gesellschaftlichen Schichten ansprechen. Mir fallen nur wenige noch dringlichere Probleme unserer Gesellschaft ein als antimikrobielle
Resistenzen, und ich bitte Sie, Ihre guten Be­ziehungen zu nutzen, um die Problematik der Antibiotikaresistenz zu verbreiten.

Nichts zu tun ist keine Option. Wenn wir jetzt aber entschlossen handeln, können wir das Damoklesschwert, das über uns schwebt, abwenden und zweifellos Millionen von Leben retten. Und das ist ein ehrbares Unterfangen, das mit dem ehrenwerten Leitsatz der Rotarier „Selbstlos dienen“ in Einklang steht. 

Erschienen in Rotary Magazin 10/2015

Sally Davies
Professor Dame Sally Davies ist Chief Medical Officer von England, leitende Beraterin des Britischen Gesundheitsministeriums und Mitglied der Royal Society.

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

Titelthema

Aufstand gegen die Globalisierung

Die Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA kann schon jetzt als historisch gelten. Im Rotary Magazin werden die Ursachen der Entscheidung hinterfragt – und was der Ausgang der US-Präsidentenwahl…

Newsletter abonnieren



load   ...lade Newsletter Formular

Weitere Experten
aus der Rubrik Wissenschaft

Christoph Nonn Harald Meller Jens Bisky Ernst Peter Fischer Wolfgang Haber Insa Fölster

Was ist Rotary?

Lokal verankert -
global vernetzt

Rotary International ist die älteste Serviceclub-Organisation der Welt. Seit der Gründung des ersten Clubs durch vier Freunde vor 105 Jahren hat sich Rotary zu einem weltumspannenden Netzwerk entwickelt.

Clubsuche

Finden Sie den Club in Ihrer Nähe

Kontakt

Treten Sie mit uns in Kontakt

Anschrift:
Rotary Verlags GmbH
Raboisen 30
20095 Hamburg

Telefon: +49 40 34 99 97 0
Telefax: +49 40 34 99 97 17

Termine

Rotary-Meetings, Festspiele und Messen

...wird geladen