07.02.2012

Die Bedeutung der Kulturwissenschaften

Rationalität und Geschichtsbewusstsein

Silvio Vietta

Zu den Paradoxien unserer Gegenwart gehört, dass diejenige Kraft, die am nachhaltigsten unsere Wirklichkeit bestimmt, zugleich ihre Spuren löscht: die Rationalität. Sie ist das Vermögen des Menschen zum kausallogischen, möglichst quantitativ berechnenden Denken, das evolutionsgeschichtlich vor allem im Frontalkortex unseres Gehirns lokalisiert ist und kulturgeschichtlich unsere heutige Weltzivilisation definiert. Aber solche Rationalität schließt nicht notwendig ein historisches Bewusstsein mit ein. Im Gegenteil produziert unsere heutige Weltzivilisation trotz großer Archive des Wissens eine eigene Form von Vergessen.


Dabei ist diese Weltzivilisation in ihren Grundzügen sehr alt. Man übertreibt nicht, wenn man von mindestens 2700 Jahren spricht. Denn im Zeitalter zwischen dem 8. und 6. Jahrhundert v. Chr. begann die Rationalität des Menschen eine neue Kultur zu formieren. Das war die Zeit der griechischen Antike, in der die Philosophie und Naturwissenschaft erfunden wurde wie auch das Münzgeld und Bankenwesen, die geometrische Berechnung und Verteilung des Raumes, die mathematische Berechnung der Zeit. Das ging einher mit einem neuen politischen Selbstbewusstsein, wie es sich in den griechischen Städten in jener Zeit herausbildete: Die Männer, die in neuen geometrisierten Schlachtverbänden kämpften (der Phalanx), erkämpften sich mit dieser rational überlegenen Schlachtordnung auch die Freiheit von Aristokratie und Fremdherrschaft (den Persern) und gründeten so auch eine neue politische Ordnung: die Demokratie.

Früchte des Denkens und der Kultur

Natürlich sind solche Früchte des Denkens und der Kultur nicht vom Himmel gefallen. Die Griechen haben vieles schon von den Ägyptern, Phöniziern und vor allem von den Babyloniern  gelernt. 585 v. Chr. sagte Thales von Milet die erste Sonnenfinsternis voraus (für den 28. Mai). Woher hatte er sein Wissen? Die Babylonier kannten bereits den Saroszyklus, einen Zyklus von 18,03 Jahren, nachdem sich vergleichbare Sonnenfinsternisse wiederholen. Das setzt also Langzeitbeobachtung voraus, wie sie die Babylonier bereits betrieben und nun auch die griechische Kultur von jenen lernte. Man sieht an diesem Beispiel rationaler Zeitberechnung, was Rationalisierung auch bedeutet: Säkularisierung, Verweltlichung. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, dass die  kämpfenden Lyder und Meder inne hielten, als sich die Sonne verfinsterte, weil man dies für ein Götterzeichen hielt. Auch der Gott des Alten Testamentes kann das: die Sonne und den Mond anhalten in ihrem Lauf, wenn er will, siehe Josua 10,12-13. Aber je tiefer die Einsicht in die rationale Ordnung des Kosmos, desto weniger Mythos und Theologie brauchte man, um ihren Ablauf zu erklären.


Der Rationalitätssschub der griechischen Kultur hat auch die Geschlechterrollen verändert: Dem Mann wurde die logoshafte, aktive und bestimmende Rolle zugeschrieben, der Frau die rein passiv empfangende, materiale Seite der Zeugung. Und weil Aristoteles, der diese Theorie entwickelte, dies nach dem damaligen Stand der Wissenschaft tat, war diese Rollenteilung über 2500 Jahre so wirksam.


Und das Geschichtsbewusstsein dieser Prozesse? Es findet sich nicht in erster Linie in der Historiographie, wie sie die Griechen auch schon erfanden. Es ist vielmehr das Drama, die Tragödie, in welcher der Epochenumbruch in der Kultur reflektiert wird. Das geschieht z. B. in dem Aischylos zugeschriebenen Drama „Der gefesselte Prometheus“ selbst noch in mythischer Form: Prometheus hat den Menschen das Feuer gebracht, sie sind jetzt „des Geistes mächtig“, ein Bild für die erwachende Rationalität. Sie lernen die Jahreszeiten erkennen („Der Sterne Aufgang“), die Astronomie, die Zeitrechnung, die Zahlen, die Wissenschaften. Durch Prometheus lernen sie, wie er selbst verkündet, die Schrift, den Ackerbau, die Domestizierung der Tiere, die Schifffahrt, die Heilkunde, den Bergbau. Durch ihn bekommt das Handeln der Menschen „Ordnung“ und „Zweck“: „Von mir, Prometheus, kommt den Menschen alle Kunst.“ Aber die eifersüchtigen Götter bestrafen ihn dafür und schmieden ihn an einen Felsen, wo ihm ein Adler täglich die immer wieder nachwachsende Leber heraushackt.

Weltmeister der Rationalitätsentwicklung

Die um 1500 einsetzende Neuzeit knüpfte an das Wissen der Antike an. Man wusste damals schon, dass die Erde Kugelgestalt habe und daher auf dem Seeweg zu umrunden sei. Kolumbus, der mit dieser im Prinzip richtigen Hypothese Indien finden wollte, entdeckte bekanntlich nicht dieses, sondern Amerika. Leider ist die Geschichte der Neuzeit mit ihren Entdeckungen und Eroberungen überschattet von jener Ausbeutung und auch Vernichtung indigener Kulturen, welche die Geschichte des Kolonialismus prägte. Die überlegene westliche Rationalität mit ihren Techniken des Schiffsbaus, der Navigation, des Kartenwesens und vor allem mit ihren Feuerwaffen diente einem sehr irrationalen Verlangen: Nämlich nach Gold und immer mehr Gold, wie dies insbesondere den spanischen Kolonialismus prägte. Wie denn überhaupt diese Mischung von Rationalität und Irrationalität für die europäische Kulturgeschichte charakteristisch ist.


Das gilt insbesondere für Deutschland. Das Deutsche Reich ist um 1900 Weltmeister in Sachen Rationalitätsentwicklung. Es besetzt in den Naturwissenschaften Spitzenplätze in Physik, Chemie, Medizin, Maschinentechnik sowie den darauf fußenden Industrien. Aber es besetzt auch einen Spitzenplatz im Bereich des Irrationalen. Im deutschen Sprachraum schossen parallel zur Industrialisierung und zugleich gegen sie die Ideologien ins Kraut, formierte sich ein blutrünstiger Antisemitismus – die Juden waren vielfach Eliten der Rationalität –, verband sich also rationale Klarheit mit dumpfen Ressentiments. Das hat zu den bekannten Katastrophen geführt. Die Rationalitätsentwicklung wurde nicht wirklich begriffen und noch weniger politisch beherrscht, darum konnte sie so vernichtend sich in zwei Weltkriegen entladen.


Wo stehen wir heute: Das Imperium der Rationalität hat sich ausgebreitet und dies schon äußerlich in der globalen Verähnlichung der Großstadtlandschaften, der rationalen Verkehrsformen, der Technologien der Produktion, des Vertriebs und Handels, der Warenästhetik. Man kann sagen: Nur diejenigen Kulturen, die sich mit der „okzidentalen Rationalität“, wie sie Max Weber genannt hat, verbünden, erringen einen Spitzenplatz in diesem Imperium, wem das nicht gelingt, eben nicht. China mit einer Bevölkerung von über 1,3 Milliarden und Afrika mit ca. 1 Milliarden Menschen stellen vergleichbare Größen dar, aber das eine Land kommt aus sicher vielerlei Gründen mit den Anforderungen der westlichen Rationalität deutlich besser zurecht als der große Kontinent.


Heute stößt die Rationalität, die über ihre ganze Geschichte hinweg expansiv verlief, an Grenzen. Das zwingt sie selbst zum Nachdenken. Ich sehe eine Zukunft der rationalen Erdgesellschaft nur  in einer reflexiven, nachhaltigen und auch im globalen Rahmen geschichtsbewussten Form von Rationalität. Das heißt gerade nicht, sich in eine Verweigerungshaltung zu begeben, die nur Stagnation erzeugt. Aber es heißt, bei allen politischen Entscheidungen auch die Folgelasten von Handlungsformen mitzubedenken,  die die Erde als unseren Lebensraum betrifft.    

Prof. em. Dr. Silvio Vietta lehrt Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Hildesheim. Im März 2012 erscheint „Rationalität. Eine Weltgeschichte. Europäische Kulturgeschichte und die Globalisierung“ (Wilhelm Fink Verlag).

Erschienen in Rotary Magazin 2/2012

Silvio Vietta
Professor em. Dr. Silvio Vietta lehrt Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Hildesheim. Im März 2012 erscheint „Rationalität. Eine Weltgeschichte. Europäische Kulturgeschichte und die Globalisierung“ (Wilhelm Fink Verlag). http://www.uni-hildesheim.de

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