Über das klassische Fernsehen, die Fehler der Programmverantwortlichen und die Rolle des Internets - »Wir kommen in ein Zeitalter des bewegten Bildes«

Helmut Thoma gilt als erfolgreicher Pionier des Privatfernsehens in Deutschland.

14.05.2012

Über das klassische Fernsehen, die Fehler der Programmverantwortlichen und die Rolle des Internets

»Wir kommen in ein Zeitalter des bewegten Bildes«

Helmut Thoma

Herr Professor Thoma, wie finden Sie das deutsche Fernsehen in seiner gegenwärtigen Form?

Helmut Thoma: Es hat sich meiner Meinung nach sehr verschlechtert in den letzten Jahren, weil es ist im Wesentlichen zu „zwei Fernsehen“ geworden ist: eines für die älteren Mitbürger und eines für die jüngeren – unter Ausschluss der ganz jungen.

Woran macht sich das fest?
Wenn man die Reichweiten analysiert, stellt man fest, dass die Öffentlich-Rechtlichen faktisch ein Fernsehen für die Generation um die 60 Jahre herum geworden sind, und die großen Privaten senden für die 40- bis 50-jährigen. Für die Altersgruppen darunter gibt es im Fernsehen eigentlich kein Angebot mehr, wenn man von vielleicht den Musiksendern absieht, obwohl die auch schon ziemlich am Absterben sind, weil ihnen das Internet zu stark Konkurrenz macht. Für die 14- bis 29-jährigen gibt es faktisch auch kaum ein Angebot.

Liegt das an den Sendern oder eher an den Umständen – wie z.B. einem geänderten Konsumverhalten der Nutzer?
Es liegt an den Fernsehsendern. Deutschland hat zwar die aufwendigste, teuerste und vielfältigste Medienkontrolle der Welt und auch die größte Konzentration bei den elektronischen Medien überhaupt: Wir haben 14 öffentlich-rechtliche Medienanstalten mit Behördencharakter, die eigentlich für die Programmvielfalt zuständig sind, und daneben im privaten Bereich zwei Sendergruppen, die sich den übrigen Markt aufteilen (das ist RTL mit erheblichem Abstand und die Pro7/SAT.1-Gruppe, die seit Jahren Reichweite verliert, aber nicht Gewinne).
Doch wir haben aufgrund der geschilderten Zweiteilung des Marktes keine echte Konkurrenzsituation. Und da es an echtem Wettbewerb mangelt, werden die Sender zwar immer besser im Profit, aber nicht in der Qualität ihres Programms.

Was würden Sie ändern, damit das Fernsehen wieder interessanter würde für junge Menschen?
Wenn ich jetzt noch Verantwortung dafür hätte, würde ich mich schon um die Jungen kümmern. Die Verantwortlichen von heute haben z.B. den Fehler begangen, den Bereich des Social Media nicht ins Fernsehen zu integrieren. Vielleicht glaubte man, dass dies sowieso schon weniger Zuschauer sind und man sich deshalb auf kostengünstige Programme für die mittlere Generation konzentrieren müsse. Das spart zudem viel Geld, denn Fernsehen ist ja kein personalintensives Gewerbe, sondern ein Produktionsbetrieb.
Wo man nicht tausende Positionen streichen kann, geht es primär darum, dass die Produktionen billiger werden. Das erreicht man dadurch, dass man keine Serien mehr produziert; dass man möglichst wenig Fernsehspiele und Fernsehfilme macht, und dadurch, dass man hauptsächlich sogenannte Scripts dreht – Reality-TV, wie es Neu-Deutsch heißt. Da wird mit ganz billigen Schauspielern, die kurz einen Job kriegen, praktisch die Unterschicht in extremer Form dargestellt. Die Messies der Republik, die ihre Wohnung vermüllen, sind sozusagen ausgebucht.

Auf der anderen Seite erfahren die importierten amerikanischen TV-Produktionen sehr viel Lob, z.B. Serien, die mit viel Aufwand produziert werden und auch nicht nur von einzelnen Autoren geschrieben werden.
Das liegt daran, dass es in Amerika eine sehr starke Konkurrenz gibt, die weit über das hinausgeht, was wir in Deutschland haben. Auch in anderen europäischen Ländern wird viel mehr produziert. Doch in Deutschland muss man nichts produzieren. Es kümmert sich auch keiner darum.

Welche Formate vermissen Sie denn?
Es gibt kaum mehr selbst produzierte Serien. RTL hat noch eine einzige, das ist die „Autobahnpolizei“, die rührt noch aus meiner Zeit. Die habe ich Anfang/Mitte der neunziger Jahre installiert, und die läuft heute noch gut. Ansonsten kommt fast alles nur noch aus dem Ausland. Was glauben Sie, wieviele Produktionsfirmen pleite gegangen sind, weil nichts mehr produziert wird; und wenn, dann nur ganz billige Sachen.
Auf der anderen Seite steht insbesondere RTL seit Jahren für Casting-Sendungen, die sehr erfolgreich laufen, z.B. „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Supertalent“.
Das ist ja auch in Ordnung, wenngleich das auch lauter ausländische Formate sind. Zudem sind diese Sendungen sehr preiswert; sie kommen aus einer Produktionsfirma von RTL, die in England sitzt, Fremantle & Grundy. Die vertreiben diese Produktionen weltweit, und bringen sie natürlich im eigenen Haus zuerst unter. Und diese Formate laufen ja auch gut, bzw. sind lange Zeit gut gelaufen. Jetzt lässt es allerdings auch nach, weil die Begeisterung für Castings mit der Zeit nachlässt. Jede Sendung ist einmal zu Ende, das ist keine Frage. Auch die Quiz-Shows haben ja stark nachgelassen. Die Gefahr ist allerdings, dass den Programmverantwortlichen danach noch etwas Billigeres einfällt.

Die ARD setzt seit dem letzten Herbst im Abendprogramm sehr stark auf die Talkshow-Schiene …
… das ist auch sehr preiswert.

Preiswert schon, aber die Verantwortlichen versprachen sich davon immerhin auch eine gewisse Popularität und hohe Einschaltquoten. Ist solch ein Format auch etwas für RTL, überhaupt für das private Fernsehen?
Ich glaube schon. Mir ist völlig unverständlich, warum man Günter Jauch zur ARD hat gehen lassen. Ich glaube, dass eine Talkshow zum richtigen Zeitpunkt – und da ist der Sonntag natürlich sehr geeignet – durchaus ein vernünftiges Programmangebot ist, weil es nicht viel kostet und durchaus attraktiv sein kann. Aber man hat sich wie der Teufel vor dem Weihwasser gefürchtet vor irgendwelchen Talkshows. Das wurde alles gestrichen. Ich fürchte, wenn ich nicht die Nachrichten in so einem guten Zustand zurückgelassen hätte, würden die auch schon gestrichen sein.
Vielleicht ist das bis zu einem gewissen Grad auch verständlich, denn wirtschaftlich bringt all das nicht allzu viel ein. Deswegen optimieren die Verantwortlichen lieber in Richtung „Wo kann ich noch streichen?“, „Was kann ich noch streichen?“ und „Wie mache ich mehr Populäres?“.

Die Idee, statt zu streichen lieber zu investieren, um mit einer gut gemachten Programmidee wieder Geld zu verdienen, ist tot?
Es geht ja kaum noch jemand ein Risiko ein. Wozu sollten sie auch? Alles, was irgendwo neu ist, trägt ein Risiko. Niemand hat das absolute Gespür dafür, was ein Erfolg wird. Aber man muss es wenigstens versuchen. Wenn man Gefühl und das Talent dafür hat – das habe ich Gott sei Dank gehabt – kann man einen relativ guten Prozentsatz an Erfolg erzielen. Aber man muss immer etwas versuchen. Wenn man nur Sendungen einsetzt, die a) nichts kosten und b) schon x-mal wiederholt wurden, bleiben logischerweise die Zuschauer weg.

Gibt es eigentlich etwas, um das Sie die Öffentlich-Rechtlichen beneidet haben?
Geld eigentlich, sonst nichts. Denn im Grunde bieten die ja nichts mehr. Die Sender sind so erstarrt, dafür kann man sie nicht beneiden. Ich habe sie früher einmal beneidet um die Institution Tagesschau, weil es mühsam ist, im Nachrichtenbereich so etwas zu etablieren. Heute ist sie auch alt geworden und nicht mehr so Rating-stark gegenüber RTL, und wenn man die jüngeren Zuschauer sieht, liegt der Marktanteil schon wesentlich darunter. Die Tagesschau ist nicht mehr so, wie ich einmal gesagt habe, dass man sie vom Blatt in Latein ablesen könnte mit zwei brennenden Kerzen, und die Leute würden trotzdem zuschauen, weil sie es als Institution begreifen. Diejenigen, die die Tagesschau als Institution begriffen haben, sterben langsam weg; d.h. auch dort kann man von einem auslaufenden Modell sprechen.

Sind denn die Online-Strategien der Sender – und zwar nicht nur der öffentlich-rechtlichen, sondern aller – überzeugend?
Das sind zumeist hilflose Versuche. Ich habe das ganz am Anfang bei RTL einmal versucht, aber das ist dann nicht mehr fortgeführt worden. Bei uns gab es eigentlich keine Internet-Strategie, der Riesenkonzern Bertelsmann hat das Internet praktisch verschlafen. Springer macht einiges, aber das ist kein Sender.
Auch diese ganzen Versuche, für jüngere Zuschauer neue Sender wie z.B. ZDFneo zu etablieren, funktionieren nicht. Die Reichweite aller öffentlich-rechtlichen  Programme – also auch der Dritten, Phoenix, Alpha und wie immer die heißen – beträgt in der Zielgruppe von 14 bis 29 Jahren zusammen knapp 12 Prozent. Wenn Sie berücksichtigen, wieviel davon am Sport hängen, bleibt für das sonstige Programm nichts übrig. Das erklärt auch, warum z.B. die jüngeren Leute überhaupt nicht erreicht werden von den ganzen politischen Sendungen, die wir absetzen. Die schauen das nicht. Die Piratenpartei und ihre Mitglieder sind fast überhaupt nicht erfasst. Das gilt übrigens auch für die Zeitungen. Das liest doch kein jüngerer Mensch mehr. Das ist alles weg.

Wenn Sie selbst heute noch einmal 30 Jahre jünger wären, würden Sie sich dann eher im Internet engagieren oder würden Sie immer noch ins Fernsehen gehen?
Was heißt Fernsehen? Was heißt Internet? Ich entwickle gerade einen Sender, der sich Volks-TV nennt, und der beschäftigt sich auch mit Social Media. Ich denke, dass wir in ein Zeitalter des bewegten Bildes hineinkommen – und schon drinnen sind –, das das klassische Schriftenzeitalter, das Lesezeitalter komplett ablösen wird. Wie das Fernsehen lebt auch das Internet vom bewegten Bild. Allerdings ist das Internet zwar ein interaktives Forum, jedoch kein unabhängiges Medium, sondern wie das klassische Fernsehen ein Zuführungsweg für das bewegte Bild. Ich kann mir vorstellen, dass wir in Zukunft einen großen Bildschirm haben werden für den Unterhaltungsbereich und einen kleinen Bildschirm als Arbeitsgerät. Doch ändert dies nichts daran, dass das Internet lediglich Technik ist – die Frage, womit wir das Medium füllen, die bleibt.

Das Gespräch führte René Nehring.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2012

Helmut Thoma
Helmut Thoma war von 1975 an Geschäftsführer von Radio Luxemburg und wurde 1982 Programmdirektor des Senders. 1984 gründete er den privaten TV-Sender RTLplus in Luxemburg. Dieser wechselte 1988 nach Deutschland und wurde umbenannt in RTL Television. 1991 wurde der Sender unter Thomas Ägide zum Gesamtmarktführer in Deutschland. Nach seinem Ausscheiden bei RTL 1999 war Helmut Thoma bis 2002 Medienbeauftragter des Ministerpräsidenten von NRW, Wolfgang Clement. www.helmut-thoma.de

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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