Warum wir weiter Fernsehen werden - Zurück in die Zukunft

In der gefühlten Dauerkrise unserer Zeit bietet das klassische Fernsehen Orientierung und Halt. © Picture-alliance

14.05.2012

Warum wir weiter Fernsehen werden

Zurück in die Zukunft

Sebastian Buggert

Die Zahl der Internet-User in Deutschland wächst stetig. Darüber hinaus steigt die tägliche Nutzungsdauer des Internets deutlich an, fast 90 Minuten täglich waren es bereits 2010. Dennoch sind die Verkaufszahlen von Fernsehgeräten vor allem in den letzten drei Jahren ebenfalls gestiegen. Es stellt sich die Frage, wie und warum das Fernsehen nach wie vor seine Rolle als Leitmedium halten kann, obwohl der Abgesang auf das Medium seit Jahren im Gange ist. Auf der anderen Seite ist davon auszugehen, dass die zunehmende Verbreitung und Mobilisierung des Internets Folgen für die Nutzung des Fernsehens haben wird.

Eine psychologische Analyse erklärt die Stärken des Fernsehens gegenüber dem Internet und die Erfolgsaussichten des Medienkanals für die Zukunft. Nach Freud haben wir alle mit dem „Unbehagen in der Kultur“ zu kämpfen. Jede Kultur kann nur einen bestimmten Weg einschlagen. Alles, was hier ausgeschlossen wird und nicht in Umsatz kommt, erfüllt uns zumindest unbewusst mit einem Unbehagen. Dieses Unbehagen spüren wir als Gesellschaft, aber auch jeder Einzelne fühlt den Stachel der unerfüllten Wünsche, Ambitionen und Träume. Die Medien sind insofern Alltagstherapeuten, als sie die resultierende innere Unruhe zu behandeln helfen. Fernsehen, Radio oder Internet vermitteln Erlebnisse, in denen unsere alltäglichen Befindlichkeiten, Unsicherheit, Enttäuschung, Wut und Sehnsucht untergebracht werden können.
Eine jede Kultur und Zeit hat ihr ganz spezielles Unbehagen. In den Zeiten der Schwarz-Weiß-Fernseher bestand das Behandlungsversprechen darin, Bewegung und Abwechslung in die Leben der Menschen zu zaubern. Der Alltag folgte damals noch festen, ritualisierten Strukturen, und abends wurde sich vor der Flimmerkiste versammelt, um ein Stück Glanz, Drama oder Auflockerung zu erfahren. Bis Ende des 20. Jahrhunderts flimmerte das Fernsehen immer bunter und vielfältiger, bis es wie eine Art Gefühlsapotheke für jede individuelle Regung ein Format im Angebot hatte.

Heute sieht die Ausgangslage vollkommen anders aus: Seit „9/11“ leben wir in einem Zustand der Dauerkrise. Vertraute Instanzen, Währungen und Werte erscheinen unsicher und brüchig. Es resultiert ein starkes Gefühl von Unsicherheit, Desorientierung und Überforderung. In diesem kulturellen Spannungsfeld bedienen die klassischen Medien vor allem die Bedürfnisse nach Stabilität, Orientierung und Beruhigung. In dieser Hinsicht bietet das Fernsehen aktuell Erlebnisse und Nutzungsverfassungen, die das Internet (bisher) nicht zu bieten vermag. „Online“ bedeutet heute noch in erster Linie lean forward, denn der User muss sein „Programm“ selbst gestalten. Er wird zur Aktivität, Interaktivität und damit zur Performance aufgefordert. Das Internet hat sozusagen sein eigenes Unbehagen, denn im Hintergrund einer jeden Anwendung lauern im Grunde unzählige Alternativen, das ganze World Wide Web. Allein die „Fixierung“ auf die Fernsehcouch in Verbindung mit der „Auslieferung“ an einen vorgegebenen Programmfluss hat dagegen eine entlastende, beruhigende Wirkung.

Kompass in unsicherer Zeit

Das Fernsehen ist immer noch unser Leitmedium, weil es eine Kompassfunktion erfüllt. Eine große Rolle spielen hier die Nachrichten- und Informationsformate, insbesondere der öffentlich-rechtlichen Sender, die für die fast „amtliche“ Aufbereitung des Tagesgeschehens stehen. Alles, was tagsüber im Internet an Informationsschnipseln auf uns eindringt, wird am Abend im Fernsehen selektiert, hierarchisiert und strukturiert. Der ungemein wertvolle Effekt ist eine beruhigende Ordnung, das chaotische Allerlei ist zumindest für den Abend geklärt, was das Einschlafen deutlich erleichtert.
Über diese ordnende Funktion hinaus verwickelt das Fernsehen emotionale Erlebnisse, in denen die Zuschauer sich getragen, versöhnt oder besänftigt fühlen können. Vor allem in harmonischen und weich zeichnenden TV-Formaten, wie einige Soaps und Telenovelas, aber auch Dokus und Infotainment finden die Menschen mediale Schutzräume, in die sie sich zeitweise zurückziehen und von den Härten des Alltags abschotten können. Dies entspricht dem Mechanismus einer psychischen Impfung – die Zuschauer wollen das Unbehagen der Welt latent verspüren, aber mit der Botschaft entlassen werden, dass eigentlich alles gut ist, bzw. wird.

Einen vertrauten Rahmen vermitteln auch die Sendermarken, deren Präsenz bereits eine beruhigende Wirkung auf die Zuschauer haben. Das führt dazu, dass das Fernsehen auch dann wirkt, wenn man gar nicht hinschaut oder es nur nebenbei laufen lässt. Zum einen setzt es der Vielfalt der alltäglichen Anforderungen eine einheitliche Klammer entgehen, zum anderen eröffnet es im Hintergrund ein Fenster zur „großen“ Welt, wodurch die Enge der eigenen (Haus-)Arbeit leichter zu ertragen ist.
Über Filme und Serien ist es zudem möglich, in Wirkungswelten einzutreten, in denen komplette Spannungsbögen über 90 Minuten oder eine ganze Staffel erfahren werden können. Erfolgreichen Formaten gelingt es, die Zuschauer in eine Schicksalsspiegelung zu verwickeln, indem sie die seelischen Konflikte aufgreifen, welche die Menschen aus ihren eigenen Lebenszusammenhängen kennen. Die Zuschauer können dann im TV-Sessel probeweise erleben, wie Durchsetzung, Vereinigung oder Trennung, Treue und Verrat, Veränderung oder Konstanz einmal anders gelebt werden können. Das Seelenkino ist eine Domäne des Big Screen und damit auch des Fernsehens. Allerdings passen solche längeren Nutzungsformen immer weniger in unsere fragmentierten Alltagsverläufe, so dass oft entweder flexiblere Dareichungsformen gewählt (DVD) oder gleich kürzere Formate bevorzugt werden (Serien).

Public Viewing

Schließlich ist das Fernsehen als Gemeinschaftserlebnis einzigartig. Es versammelt allabendlich und vor allem am Wochenende ein Millionenpublikum vor medialen Großevents. Vor allem Sportereignisse aber auch Shows wie DSDS oder „Schlag den Raab“ sind hier zu nennen. Mit Millionen anderen die Nationalmannschaft anzufeuern vermittelt das Gefühl einer Volksbewegung, an deren Größe und Dynamik jeder Einzelne teilnimmt.

Die Castingsshows sind erfolgreich, weil sie die Zuschauer in ihren Träumen und Sehnsüchten abholen und sie auf eine fantastische Reise voller Verwandlungen mitnehmen, um am Ende die große Erfüllung oder das große Scheitern mitzuerleben. Sie setzen sich mit den Kandidaten einem unerbittlichen Wirklichkeitsabgleich in Form einer Jury aus, die ihnen dabei hilft, ein eigenes Maß zu finden. Die Zuschauer sind dann am Ende oft mit der eigenen Lebenssituation ausgesöhnt und zufrieden. In dieser Fernsehverfassung wird mit-gefiebert, mit-gelitten, zuweilen mit-geheult. Man schaut entweder alleine und will nicht gestört werden oder veranstaltet eine Art Public Viewing daraus.

Die Stärke des Fernsehens liegt in der Kombination aus der stärkeren inhaltlichen Verwicklung durch die größere Fesselungskompetenz und der parallelen Mobilisierung eines mehr oder weniger großen Massenpublikums. Dem Zuschauer ermöglicht es Erlebnisse echter Besänftigung und Beruhigung, wie sie das Internet bisher nicht bieten kann. Ferner strahlt das Fernsehen eine größere Autorität aus, weshalb es in höherem Maße Orientierung, Vor- und Leitbilder vermittelt. Im Endeffekt bedient das Fernsehen insbesondere die Sehnsüchte, die durch die zunehmende Digitalisierung unserer Welt entstehen. Von daher gelangen wir mit dem Fernsehen zurück in die Zukunft.

Soziale Netzwerke wie Facebook erfüllen die immens wichtige Funktion der Vergemeinschaftung des Internets. Das zuvor unendliche und dadurch bedrohlich flüchtige Netz wird personalisiert und auf überschaubare Maße reduziert. Die anonyme Masse der User wird zur „Community“ und damit stärker zum Orientierungspunkt (wem folge ich?). Ferner wird das Internet über Facebook mehr zu einem Lean Back-Medium, da sich die User die Inhalte über ihre „Likes“ und Abos auf ihre Wall holen können.

Fernsehen und Internet wachsen – zumindest technisch – zunehmend zusammen (Hybrid, VoD, Mediatheken, IPTV etc.). Im Hinblick auf das Erlebnis „Bewegtbild“ werden Big- und Small Screen sowie Lean Back und Lean Forward die entscheidenden Kategorien sein, d. h. differenzierend werden der Grad der Verwicklung sowie das Ausmaß der eigenen Aktivität sein. Es geht nicht mehr darum, die Kanäle zu differenzieren, sondern Anbieter-Marken, die für die Menschen die oben beschriebenen Bedürfnisse und Sehnsüchte bedienen. Dazu gehören dann auch tragende Offline-Erlebnisse eben ohne die Option auf Interaktion und Feedback, aber auch die Möglichkeit der Teilhabe an Gemeinschaftsevents, einschließlich persönlichen Einflusses auf das Geschehen (Social Media TV).

Erschienen in Rotary Magazin 5/2012

Sebastian Buggert
Sebastian Buggert ist Mitarbeiter und Autor des Medieninstituts RheingoldMedia. www.rheingold-online.de

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