Die Ausstellung "Expedition Grimm" in Kassel verfolgt die Spuren von Jacob und Wilhelm Grimm © Archiv Ralph Schippan

15.03.2013

"Expedition Grimm"

Zwei Brüder auf der Suche nach den Märchen

Ralph Schippan

Aber aufmerksam auf alles, was von der Poesie wirklich noch da ist […], wuchs unsre Sammlung von Jahr zu Jahr, daß sie uns jetzt, nachdem etwa sechse verflossen, reich erscheint“.

So schrieben Jacob Grimm (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859) in der mit „Cassel, am 18ten October 1812“ datierten Vorrede zum Erstdruck ihrer Kinder- und Haus-Märchen. Daraus entnehmen wir, dass die Brüder Grimm etwa zum Jahreswechsel 1805/06 damit begonnen haben, Märchentexte zu sammeln. Diese wurden später in rund 170 Sprachen übersetzt und stellen die berühmteste Märchensammlung der Weltliteratur dar. Es mussten aber Jahrzehnte vergehen, bis die Texte mit dem heute bekannten Märchenton und in ihrer bildlichen Ausschmückung Kinder und Erwachsene gleichermaßen ansprechen und begeistern konnten. Der spannende Weg begann damit, dass sich die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm – beide noch keine 20 Jahre alt – mit den Romantik-Dichtern Clemens Brentano und Achim von Arnim anfreundeten und mit diesen gemeinsam in den Schriften „Des Knaben Wunderhorn“ und „Zeitung für Einsiedler“ wichtige Grundsteine für die deutsche Literatur legten.

Wertvolle Erstdrucke der literarischen Werke, die diesen Weg zeigen, werden im Rahmen der Hessischen Landesausstellung „Expedition Grimm“ vom 27. April bis 8. September 2013 in der documenta-Halle Kassel präsentiert. Die Schau widmet sich dem vielfältigen Wirken und Leben der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Neben einer Präsentation der Manuskripte und persönlicher Erinnerungsstücke laden Erlebnispfade zu einer interaktiven Auseinandersetzung mit den Werken der Grimms ein.

Zentrale Exponate der Ausstellung sind Erstausgaben der wichtigsten Werke, die die Brüder Grimm bei ihrem Schaffen begleitet haben und die ihre geniale Lebensleistung dokumentieren. Diese bibliophilen Sammlerstücke erhalten somit einen individuellen Wert als lebendige Zeugnisse ihrer eigenen Geistesepoche. Dies untermauert gerade in der heutigen, durch die Zunahme digitaler Lesemedien geprägten Zeit die Bedeutung des Mediums Buch als Kulturträger.

Literarisches Projekt

Die programmatische Aufforderung der Grimms „Es war vielleicht gerade Zeit, diese Märchen festzuhalten“, ebenfalls aus der oben genannten Vorrede, ist das Motiv, dass es gerade jetzt – zum 200. Jahrestag des Erscheinens des Erstdruckes – an der Zeit ist festzuhalten, welcher Bogen sich von den Ursprüngen der Kinder- und Haus-Märchen in der Volkspoesie über die Ausformung des besonderen Grimmschen Märchentones als einer eigenen Literaturform bis hin zu ihren medialen Wandlungen in der heutigen Zeit spannt.

Von ihrem Lehrer Carl von Savigny früh in historisch-wissenschaftlicher Denkungsweise unterrichtet, erfahren die Brüder ein „Freiwerden ihrer geistigen Kräfte“. Als Clemens Brentano und Achim von Arnim 1805 den ersten Band von „Des Knaben Wunderhorn“ zur Herausgabe vorbereiten, sind die Grimms schon davon begeistert, sich mit der Dichtung aus dem Mittelalter sowie mit der einige Jahrzehnte zuvor von Herder so bezeichneten Volkspoesie zu beschäftigen. Über dieses Projekt gewinnen Jacob und Wilhelm große Erfahrung mit dem Sammeln und Aufbereiten alter literarischer Texte sowie von volksläufigen Überlieferungen. Ohne darin namentlich erwähnt zu werden, haben die Grimms zum zweiten und dritten Teil des Wunderhorns mindestens 28 Lieder beigesteuert.

Neben dem Wunderhorn stellt die „Zeitung für Einsiedler“ das zweite wichtige Manifest der Heidelberger Romantik dar. Wie der Herausgeber Achim von Arnim schreibt, besteht die Zielsetzung dieses Projektes in der Wiederbelebung der alten Volkspoesie: „denn wir suchen alle etwas Höheres, das Goldne Vlies, das allen gehört […] das Gewebe langer Zeit […] was sie begleitet in Lust und Tod: Lieder, Sagen, Kunden […] und Melodien“. Die Brüder Grimm werden erstmalig als Autoren öffentlich benannt: Wilhelm gibt Heldenlieder, Romanzen und Legenden aus dem Dänischen in deutscher Sprache wieder. In den Gedanken „Wie sich die Sagen zur Poesie und Geschichte verhalten“ erläutert Jacob seine Theorie, dass die Geschichte und die Poesie in den Anfängen zusammenfallen.

Gegen Ende dieser literarischen Projekte kühlt sich das Verhältnis zwischen den Dichtern Brentano und von Arnim und den jungen Sprachwissenschaftlern Jacob und Wilhelm Grimm ab. Es beginnt ein Wettlauf um die Publikation der Märchentexte. Brentano hatte den Grimms die Benutzung seiner umfangreichen Bibliothek gestattet, um im Gegenzug die von ihnen aufgefundenen Texte zu erhalten. Allerdings hält er ein wichtiges Werk vor ihnen zurück: Brentano war im Besitz eines Exemplars von Giambattista Basíles „Pentamerone“, auf dessen Grundlage er beabsichtigte, eine Umdichtung für seine geplanten italienischen Märchen zu verfassen. Die Grimms hingegen schlossen eine Textverfremdung gänzlich aus: „Wir haben uns bemüht, diese Märchen so rein als möglich wahr aufzufassen […] Kein Umstand ist hinzugedichtet oder verschönert und abgeändert worden“, schreiben sie später über ihre Arbeitsmethodik. Bevor sie ihre Texte an Brentano schicken, verabreden sich die Brüder daher, ihre Arbeitsergebnisse vorsichtshalber abzusichern: „Unsere Kindermärchen verlangt er [...] Das muss man gewiss thun, doch halte ich für nöthig, von unserem gesammelten vorher Abschrift zu nehmen, denn sonst gehts verloren.“ Diese Textabschriften verwenden sie später als Grundstock für die Ausgabe ihrer „Kinder- und Haus-Märchen“. Von den 51 Originalniederschriften des von den Grimms an Brentano übersandten Märchen-Konvoluts sind in Brentanos Nachlass 1842 noch fast alle Texte erhalten. Diese gelangten über die Bibliothek des Trappistenklosters Ölenberg (daher die Bezeichnung „Ölenberger Märchenhandschrift“) an ihren heutigen Platz in der Fondation Martin Bodmer in der Schweiz. Diese Handschrift ist das älteste  Zeugnis für die Urschriften von Grimms Märchen.

Im Jahre 1811 treiben die Brüder Grimm nun die eigene Publikation voran. Achim von Arnim vermittelt seinen Verleger Reimer in Berlin. Reimer liefert am 20. Dezember 1812 die ersten Druckexemplare an die Brüder Grimm nach Kassel. Die Auflage des ersten Bandes beträgt 700 Stück. Ein zweiter Band mit der gleichen Auflage erscheint zu Weihnachten 1814. Viele Exemplare wurden aber mit dem Erscheinen der zweiten Auflage im Jahre 1819 mangels Absatz makuliert.

Kurz nach dem Erscheinen des Erstdrucks macht sich Kritik breit, die Texte seien zu wissenschaftlich und zu wenig kinderfreundlich. Achim von Arnim regt bereits für den zweiten Band der Erstausgabe an, der „Ma­lerbruder“ Ludwig Emil Grimm solle Radierungen zu den Märchen anfertigen. Dieser Vorschlag wurde aber erst mit der zweiten Auflage umgesetzt, die 1819 – wiederum bei Reimer in Berlin – erscheint. Die zweite Auflage hat eine besondere Bedeutung, da mit ihr die Märchentexte überwiegend in ihrer heute noch üblichen sprachlichen Fassung vorliegen, also leserfreundlicher, vor allem kinderfreundlicher, aufgemacht sind. Wilhelm Grimm, der mit der zweiten Auflage fast vollständig die Redaktion übernimmt, lässt bei der Bearbeitung den Inhalt selbst zwar zumeist unangetastet, versucht jedoch, die Form zu glätten und zu verfeinern. Dies gelingt ihm durch Ausmalung von Schilderungen, Vertiefung von Motiven, Ersatz der indirekten durch direkte Rede und der Vermeidung von Nebensätzen. Auch werden die in der Erstausgabe noch den einzelnen Märchen zugeordneten wissenschaftlichen Anmerkungen in einen dritten Band ausgesondert, der 1822 als selbstständiger Anmerkungsband erscheint. Die zweite Auflage erhält zudem Radierungen von Ludwig Emil Grimm: eine Illustration zum Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“ sowie ein Porträt der Zwehrener „Märchenfrau“ Dorothea Viehmann.

Durchbruch

Wie schon die Erstausgabe war auch die zweite Auflage kein wirtschaftlicher Erfolg: Von den 1819 aufgelegten 1500 Exemplaren waren nach Auskunft des Verlegers 1833 „noch mehrere hundert“ vorhanden. Der Durchbruch findet statt, als sich Wilhelm Grimm 1825, angeregt durch die inzwischen erschienene und sehr erfolgreiche englische Übersetzung „German Household Stories“ mit den Illustrationen George Cruikshanks, entschließt, eine illustrierte Auswahlausgabe mit dem Untertitel „Kleine Ausgabe“ herauszugeben. Sie umfasst nun 50 der populärsten Märchen, zu denen so bekannte Texte wie „Dornröschen“, „Hänsel und Gretel“ oder „Rotkäppchen“ gehören. Die Ausgabe enthält auch sieben Kupfertafeln von Ludwig Emil Grimm. Erst diese bebilderte Ausgabe leitet die Erfolgsgeschichte der Kinder- und Haus-Märchen ein, die mit zahlreichen Nachauflagen bis heute ihre Fortsetzung findet.


Buch-Tipp

„Zeit, diese Märchen festzuhalten“
So lautet die Absicht der Brüder Grimm in der Vorrede zu ihren Kinder- und Hausmärchen 1812. Ralph Schippan präsentiert einen Blick in die zeitgenössischen Erstausgaben im literaturhistorischen Kontext zu dem Wirken von Jacob und Wilhelm Grimm auf ihrer Suche nach den Märchentexten. Damit zeichnet er den Weg der Märchen nach von ihren Quellen in der Volkspoesie bis hin zum internationalen Durchbruch dank des einzigartigen Grimmschen Märchentones.

      „Zeit, diese Märchen festzuhalten“
      Puntillo Verlag
      Düsseldorf 2013
      84 Seiten
      ISBN 978-3-9814074-1-9
      23,00 Euro


Erschienen in Rotary Magazin 3/2013

Ralph Schippan
Dr. Ralph Schippan, Sammler von Erstausgaben und Vorzugsausgaben der Deutschen Literatur in der Tradition seiner Familienbibliothek in Dritter Generation. 2013 erschien im Puntillo Verlag sein Buch "Zeit, diese Märchen festzuhalten". www.puntillo.de

Rotary Magazin 12/2016

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