Eine Bildungsrepublik ist möglich - Gute Bildung scheitert nicht am Geld

Chancenlos aufgrund der Abstammung? Die Fehlsteuerung der Bildungsfinanzierung hat für die Kinder fatale Folgen.

08.06.2012

Eine Bildungsrepublik ist möglich

Gute Bildung scheitert nicht am Geld

Jörg Dräger

Sonntags ist Bildung immer wichtig. Zumindest in den üblichen Reden. Nur ist montags selten das Geld vorhanden, um die nötigen Reformen umzusetzen. Und so hinkt die Politik beim Ausbau des Bildungssystems hinterher. Die Begründung, es mangle an Geld, ist aber lediglich vorgeschoben. Geld ist da, es wird nur falsch ausgegeben.

Die heutige Fehlsteuerung der Bildungsfinanzierung hat fatale Folgen. So stocken derzeit zwei der wichtigsten Vorhaben: der Ausbau der Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige und das bundesweite Angebot von Ganztagsschulen. Nur gut 20 Prozent der Grundschulkinder besuchen in Westdeutschland auch nachmittags Schule oder Hort. Der Anteil der unter Dreijährigen, die eine Kita nutzen, liegt im Westen sogar nur bei 17 Prozent, in Dänemark hingegen bei über 70 Prozent. Dabei wirken sich Kita und Ganztagsschule nachgewiesen positiv auf die Leistungen der Kinder und deren Schullaufbahn aus – und am stärksten profitieren diejenigen, die in bildungsfernen Familien aufwachsen.

Gerade für diese Kinder wäre eine bessere Förderung von hoher Bedeutung. Denn sie gehören oftmals zu den sogenannten Bildungsverlierern, die unser Bildungssystem seit Jahrzehnten in gleichbleibend hoher Zahl produziert. Jeder fünfte Fünfzehnjährige kann nicht richtig lesen, schreiben, rechnen. Viel zu viele verlassen die Schule ohne jeden Abschluss und sind damit auf dem Arbeitsmarkt faktisch chancenlos. Staat und Gesellschaft bezahlen dafür mit teuren Nachqualifizierungen, steigenden Sozialausgaben, höherer Kriminalität sowie geringerem Wirtschaftswachstum.
Anders ausgedrückt: Deutschland repariert zu viel und investiert zu wenig. Sozialleistungen versuchen auszugleichen, was mangelnde Bildungschancen verursacht haben. Mehr als jeder zweite Euro der Haushalte von Bund, Ländern und Kommunen fließt in die Sozialetats. Für die Bildung, für faire Chancen in der Zukunft bleiben gerade einmal neun Prozent der Staatsausgaben übrig – ein fataler Teufelskreis, denn die geringen Bildungsausgaben führen wieder zu hohen Sozialausgaben.

Dabei geben wir an anderer Stelle zweifellos viel Geld aus, nur verfehlt es häufig sein Ziel: Die jüngste Erhöhung des Kindergeldes kostet zwar jährlich vier Milliarden Euro, positive Effekte für eine geringere Kinderarmut oder bessere Bildungschancen sind jedoch nicht bekannt. Kinder von Gutverdienern würden auch ohne Elterngeld (1,5 Milliarden Euro im Jahr) geboren und gebildet. Und die sieben Milliarden Euro jährlich, die kinderlose Ehepaare dank Ehegattensplitting erhalten, kommen per se Kindern nicht zugute. Allein diese drei staatlichen Transferleistungen summieren sich jährlich auf 12,5 Milliarden Euro.

Fehlende Betreuungsangebote
Das ist ziemlich genau der Betrag, mit dem flächendeckende Kindertagesbetreuung und Ganztagsschulen zu bezahlen wäre: 2,3 Milliarden Euro pro Jahr würde es kosten, dem ab 2013 geltenden Rechtsanspruch auf einen Krippen-Platz nachzukommen. Alle Schulen ganztags zu betreiben, wird mit Zusatzkosten von jährlich zehn Milliarden Euro veranschlagt. Im Interesse von besserer und gerechterer Bildung muss Deutschland sich das leisten, und Deutschland kann sich das auch leisten. Dazu bedarf es allerdings Mut umzuschichten. Denn mehr Geld für Bildung gibt es kaum. Die Schuldenbremse und die Krise der Staatsfinanzen werden den ohnehin engen Spielraum der Länder weiter verkleinern.

Statt die direkten Finanzhilfen für Familien auf ihre Wirkung zu prüfen und entsprechend umzuschichten, plant die Bunderegierung mit der Einführung des Betreuungsgeldes allerdings genau das Gegenteil. Diese pauschale Finanzhilfe für Eltern, die auf einen Kita-Besuch ihrer Kinder verzichten, würde nicht nur jährlich mindestens 1,4 Milliarden Euro kosten und so den Spielraum für den Ausbau von Bildungseinrichtungen verengen. Schlimmer noch: Das Betreuungsgeld setzt falsche Anreize. So zeigt ein Blick nach Norwegen, dass gerade bildungsferne Eltern und Zuwanderer – deren Kinder am meisten von einer guten Kita-Erziehung profitieren – das dortige Betreuungsgeld in Anspruch nehmen. Statt die Fehlsteuerung in der Bildungsfinanzierung zu zementieren, sollten wir sicherstellen, dass das Geld auch bei den Kindern ankommt.

Leistungen überprüfen
Für eine zielgerichtete Bildungsfinanzierung muss deshalb gelten: Transferleistungen auf den Prüfstand stellen und dort kürzen, wo sie ihre Wirkung verfehlen. In frühkindliche Bildung investieren und dadurch später Reparaturkosten einsparen. Kitas und Ganztagsschulen ausbauen, weil dort Chancengerechtigkeit geschaffen wird. Die Bildungsfinanzierung neu zu ordnen, muss oberstes Anliegen der Politik werden. Denn für den Umbau unseres Bildungssystems mangelt es nicht an Geld. Wir müssen es nur richtig ausgeben. Darüber sollte debattiert werden. Auch sonntags.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2012

Jörg Dräger

Dr. Jörg Dräger ist Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung für die Bereiche Bildung, Integration und Demokratie sowie Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Anfang 2012 wurde Dräger zudem als assoziiertes Fakultätsmitglied der Hertie School of Governance berufen und lehrt dort Public Management.

www.bertelsmann-stiftung.de

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