01.05.2017

Bildung Spezial

Für jeden das Passende

Jörg Dräger

Wenn wir digitale Werkzeuge im Unterricht richtig nutzen, ist mehr Zeit für das Wesentliche: individuelle Förderung und Persönlichkeitsbildung.

Unterschiedliche Talente, Kenntnisse und Erfahrungen – so verschieden wie der Mensch ist, so individuell lernt er auch. Die heutigen Bildungssysteme können darauf aber zu wenig Rücksicht nehmen. Egal ob Schule, Hochschule oder Weiterbildung: Alles ist weitgehend standardisiert und vereinheitlicht.

Diese Standardisierung ist Konsequenz und Preis einer der größten Errungenschaften unserer Gesellschaft – des Bildungszugangs für alle. Bis Wilhelm von Humboldt die Bildung demokratisierte, ließen Adel und wohlhabende Bürger ihre Kinder von Privatlehrern erziehen, der Rest der Gesellschaft blieb unwissend. Die einen lernten somit äußerst personalisiert, die anderen gar nicht. Humboldt wollte mehr Gerechtigkeit: Das Modell des Privatlehrers ließ sich aber nicht für alle verwirklichen, weder gab es dazu genug Pädagogen, noch war das auch nur ansatzweise finanzierbar.

So entstand unser allgemeines Schulwesen. Die Schulpflicht führte jedoch zwangsläufig zu einer Vereinheitlichung der Inhalte, Lernwege und Vermittlung. Aus der einst persönlichen Förderung für wenige durch den Privatlehrer wurde notgedrungen eine Massenbildung für alle. Damit die damit einhergehende Heterogenität der Lerngruppen nicht zum Pro­blem wird, will die moderne Pädagogik individueller fördern: Jeder Schüler bekommt einen persönlichen Lernplan mit passend auf seine Fähigkeiten zugeschnittenen Aufgaben.

Das allerdings ist sehr aufwendig und geht meist einher mit Forderungen nach mehr Personal und kleineren Klassen. Ent­sprechend langsam setzt sich die individuelle Förderung in der analogen Welt durch.

Deswegen individualisieren Eltern das Ler­nen ihrer Kinder oft auf eigene Faust mit Nachhilfe, privaten Lernangeboten am Nachmittag, Sprachurlauben oder dem In­ternatsbesuch. Während sich die einen so ein besseres, persönlich zugeschnittenes Angebot verschaffen, bekommen andere weiterhin Bildung von der Stange.

Doch jetzt können digitale Hilfsmittel allen Schülern personalisiertes Lernen ermöglichen. Wie das konkret aussehen kann, zeigt die Initiative New Classrooms in den USA.

Weniger Wissensvermittlung
In einem riesigen Raum der New Yorker David-A.-Boody-Schule lernen etwa 90 Schüler jahrgangsübergreifend Mathematik an wechselnden Stationen. Die einen schauen Videos, die anderen nutzen Lern­software, andere arbeiten in Gruppen oder sprechen mit dem Lehrer. Jeder einzelne Schüler kann in seiner Lerngeschwindigkeit und auf seinem Leistungsniveau arbei­ten. Basierend auf den Leistungen errechnet Software nachts ein individuelles Curriculum für jeden Schüler. Ein Schüler kommt morgens in die Schule und sieht auf dem Bildschirm: „Aha, ich muss an Station 7 noch Bruchrechnen wiederholen“, während andere Schüler der Klasse schon viel weiter sind und an ganz an­deren Lektionen arbeiten. Kommt einer der Schüler mit dem Lernprogramm nicht weiter, erhält der Lehrer automatisch einen Hinweis und kann gezielt helfen. Das geht nicht für alle Schüler gleichzeitig, aber für die­je­nigen, die gerade Hilfe nötig haben. Leh­rer werden so zu Lernbegleitern. Sie verwenden weniger Zeit darauf, Standardwissen zu vermitteln, und mehr, auf den Einzelnen einzugehen.

Das Konzept „New Classrooms“ verbessert die Chancen von Schülern, wie an der David-A.-Boody-Schule, wo 80 Prozent der Schüler aus sozial schwachen Familien kommen. Bevor dort das Konzept Einzug hielt, lag die Leistung der Sechstklässler knapp unter dem Durchschnitt vergleichbarer Schulen. Als dieselben Kinder die achte Jahrgangsstufe absolvierten, waren ihre Prüfungsergebnisse bereits elf Prozent besser als der Durchschnitt. Heute lernen die Schüler von „New Classrooms“ beinahe anderthalbmal so viel pro Jahr wie Schüler im nationalen Mittel. Das gelingt durch den zielgerichteten Einsatz digitaler Werkzeuge als Hilfsmittel für ein pädagogisches Konzept, das sich am einzelnen Schüler orientiert.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2017

Jörg Dräger

Dr. Jörg Dräger ist Vorstand der Bertelsmann Stiftung für die Bereiche Bildung und Integration sowie Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Er begleitet im Rahmen der Founders Foundation junge Gründer und unterrichtet Public Management an der Hertie School of Governance.

 
www.bertelsmann-stiftung.de

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