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Cham

Mehr Internationalität

Cham - Mehr Internationalität
Der Bezirkstagspräsident und Chamer Landrat Franz Löffler (links) im Gespräch mit District Governor Wilhelm Dietl und dessen Nachfolger im Amt, Gerwig Argow vom Rotary Club Meißen (rechts). © Holder Hierl

60 Jahre Garnison in Cham – und mittendrin in der Jubiläumsfeier der Bundeswehr die Distriktkonferenz von 1880. Vor allem die Beziehung zwischen Deutschland und Tschechien früher, heute und in Zukunft standen im Fokus der Beratungen.

Kerstin Dolde04.07.2019

Auch eine Ära ging zu Ende - die von District Governor Wilhelm Dietl, der sein Amt an Gerwig Argow vom Rotary Club Meißen übergab, verbunden mit dem Wunsch, weiter politisch aktiv zu sein und die Internationalität und Weltoffenheit  der Vereinigung in den Vordergrund zu stellen und immer wieder zu thematisieren.

Draußen vor der Chamer Stadthalle standen Bundeswehrfahrzeuge und auf einer großen Leinwand wurde für die deutschen Streitkräfte geworben, drinnen ging es  an zwei Tagen um die Werte, die von der Bundeswehr verteidigt werden sollen, nach Ansicht des scheidenden DG Wilhelm Dietl war das Frieden, der nicht auf Abschottung, sondern auf ein Aufeinanderzugehen der Völker und Staaten beruht. Solche positiven Entwicklungen im Verhältnis der Deutschen und der Tschechen zeigten verschiedene kompetente Referenten auf, ohne die Probleme dabei zu verschweigen oder zu verharmlosen. Auch Landrat und Bezirkstagspräsident Franz Löffler zeigte den Rotariern anhand des Landkreises Cham und der Oberpfalz, was die Öffnung einer Grenze und auch die Aufgabe von Schranken im Kopf Positives bewirken kann, wenn man es offensiv angeht und die Chancen sieht.

"Sei die Inspiration" war als Logo-Spruch von Rotary International im Konferenzraum der Stadthalle zu lesen und Governor Dietl sah die Aufgabe seiner Vereinigung darin, sich von der Offenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturen inspirieren zu lassen, ohne die eigenen Grundlagen zu verleugnen. So hatte er für seine Amtsperiode 2018/19 als Thema "Frieden schaffen" gewählt, denn Rotary sei international, es gehe um die Zusammenarbeit zum Wohl der Weltbevölkerung, nicht um nationale oder gar Distriktsalleingänge.

Die Konferenz wurde mit wunderbar leichten Klängen der "Klosterberg-Musikanten" um Rotarier Paul Windschüttl mit einer böhmischen Polka eingeleitet und Wilhelm Dietl betonte in seinem Dank an die Musikanten die grenzüberschreitende Zusammensetzung und Harmonie der Gruppe. Diese Internationalität passe wunderbar zum  Thema der deutsch-tschechischen Beziehungen. So war auch der Governor des Distrikts 2240, der Tschechien und die Slowakei umfasst, Zdeňek Michálek aus Ostrava, gekommen. Dietl erinnerte aber auch an ein Mitglied, das als Unternehmer viel für die Völkerverständigung getan hat und auch beim Aufbau von Rotaract mitgewirkt hat: Max Schierer jun.

DG Zdeňek Michálek hielt sein Grußwort auf Englisch und dankte dabei vor allem den Partnerdistrikten in der Oberpfalz und Sachsen für die Hilfen beim Aufbau und der Festigung des tschechisch-slowakischen Distrikts. Er sei das erste Mal bei einer Distriktkonferenz in Deutschland und wolle dabei vor allem lernen, seinen eigenen Bereich auszubauen, aber auch nachbarschaftliche Beziehungen zu den deutschen und österreichischen Clubs aufzubauen. In seinem Distrikt gebe es derzeit 74 Clubs. Deutsche und Tschechen hätten eine gemeinsame Geschichte und das Bewusstsein über die Vergangenheit sei wichtig, um gute und realistische Beziehungen aufzubauen. „Rotary is our inspiration“, bekräftigte Michálek und überreichte an Wilhelm Dietl einen Wimpel und eine Broschüre seines Distrikts, eine Sitzungsglocke und eine süße Verführung.

Landrat Löffler, der anschließend gleich zur Bundeswehr und ihren politischen Vertretern musste, ging auf das Standort-Jubiläum ein, das zum Thema deutsch-tschechische Freundschaft passe. Denn als vor 60 Jahren die Bundeswehr in Cham stationiert wurde, da lag der Landkreis Cham an der Grenze zwischen zwei Staaten, vor allem aber zwischen zwei Militärblöcken und zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystem. Die Oberpfalz sei eine Region am Rand gewesen, die 50 Jahre lang von dieser Grenze geprägt war. Aber man könne nun auch zwei andere Jubiläen feiern: 30 Jahre Grenzöffnung und 15 Jahre EU-Osterweiterung mit dem Beitritt Tschechiens und der Slowakei zur EU. Diese beiden Ereignisse hätten die Region unheimlich positiv beeinflusst.

Die Situation vorher sei gewesen, dass Böhmen ein fremdes, unerreichbares Land war, das über fünf Jahrzehnte einfach nicht erlebbar war. Für ihn, 1961 geboren, seien die Erzählungen der Eltern vom freien Grenzverkehr nach Böhmen rüber nicht vorstellbar gewesen – und es habe auch keine Perspektiven auf eine Änderung gegeben. Noch 1968 habe es eine Grenzverstärkung gegeben, "das prägt", so der Referent. Genauso wie die Geschichte der Sudetendeutschen, wie seine Frau eine sei. Deren Erinnerungen hätten ihr ganzes Leben beeinflusst.

"Dann kommt das eigentlich Undenkbare: Die Grenze öffnet sich, bedingt durch die weltpolitische Entwicklung." Diese Öffnung sei ja eigentlich die Rückkehr zur Normalität gewesen, denn die undurchdringliche Grenze sei das Unnatürliche gewesen, seien doch in der Geschichte der Nachbarvölker eigentlich nur wenige Jahre gewesen, wo sie nicht freundschaftlich verbunden gewesen waren. Doch die starre Grenze habe die Bevölkerung in der Oberpfalz zu einer Orientierung nach Westen und auch zum Wegzug bewogen. Die Wirtschaft im Grenzgebiet war schwach, die Arbeitslosigkeit extrem hoch.

Und dann kam die Grenzöffnung, die für die Region ein "wirtschaftliches Förderprogramm ohnegleichen" gewesen und noch sei. Die Anfänge seien nicht einfach gewesen, dieses unvorhersehbare Aufeinanderprallen zweier Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme. "Wie gehen wir es an?", war die Frage. Die Ängste vor den Billigimporten und den billigen Arbeitskräften aus Tschechien seien groß gewesen, deshalb habe man die Freizügigkeit der Arbeitskräfte zunächst eingedämmt und erst langsam geöffnet. Dies habe auf beiden Seiten der Grenze, in Tschechien besonders in der Region Pilsen, zu einem unvorstellbaren Wirtschaftserfolg geführt und die Arbeitslosigkeit auf ein Rekordniveau gesenkt.

Natürlich gebe es weiter noch viel zu tun, besonders was die sprachliche Verständigung betrifft, aber auch Fachkräftemangel, Digitalisierung usw. sind heutige Probleme. Doch gebe es schon viele Bündnisse auf kommunaler Ebene, etwa bei den Schulen und Hochschulen oder in der Wirtschaft. Und ein grenzübergreifendes Projekt, die Donau-Moldau-Region, die die Regionen zwischen den großen Metropolen Prag, Wien, München und Nürnberg zusammenführt und ihnen ein eigenes Gesicht und damit Gewicht geben soll. Den Menschen solle gezeigt werden: Wenn sie in der Region bleiben, haben sie keine Nachteile gegenüber den Metropolen zu befürchten. "Daran müssen wir arbeiten und wollen wir arbeiten, hier im Herzen Europas", schloss der Landrat seine Analyse der Entwicklung im deutsch-tschechischen Verhältnis.

"Rotary ist international." – Diese Tatsache stellte Wilhelm Dietl bewusst an den Beginn seines Rückblicks über seine Arbeit als District Governor. Es sei das Ende eines spannenden rotarischen Jahres, fand er und kündigte an, nur das Wesentliche dieses Jahres aufzugreifen, auch wenn dies notwendigerweise subjektiv sei. Zwischen Juni und November 2017 habe er 69 Clubs besucht, teilweise seien dies Extremtouren gewesen. Trotzdem wolle er dieses Vorhaben seinen Nachfolgern empfehlen. Denn er habe ganz unterschiedliche Clubs erlebt, in Struktur, Ausrichtung, Aktivitäten.

Er habe sein Amt politischer aufgefasst als andere, bemerkte Dietl, und unter das Motto "Frieden schaffen" gestellt, international wie national. Einige Rotarier hätten sich über dieses Thema gefreut, da sie nur wenig oder gar nichts wussten über die Friedensarbeit der Rotarier weltweit, etwa die Mithilfe bei der Gründung der Vereinten Nationen oder der Kampf gegen die Polio-Krankheit (Kinderlähmung) in der Welt. Dies seien alles politische Faktoren. Denn Rotary sei nicht unpolitisch in seinem Handeln, aber strikt "unparteipolitisch".

Als "Brandbeschleuniger" seiner politischen Diskussionsarbeit im Verband hätten die Ereignisse in Chemnitz und anderen Orten gewirkt. Als Reaktion auf sein Engagement für Weltoffenheit und gegen die nationalen Töne im Land habe er viele E-Mails bekommen, die ihm vor allem vorgeworfen haben, sich nicht in die Lage der Ostdeutschen versetzen zu können, die sich abgehängt und vom Westen bevormundet empfinden. Das habe ihm gezeigt, dass es noch viel Gesprächsbedarf gebe  im Land, aber eben auch, dass es die von ihm beschriebenen Differenzen zwischen Ost und West in Deutschland weiterhin gebe.

So habe er in Chemnitz eine Konferenz zum Thema "Frieden schaffen" organisiert mit namhaften Diskussionsteilnehmern. Dabei stellte der stellvertretende Bürgermeister von Chemnitz, Sven Schulze, die prekäre Situation in seiner Stadt dar, ein anderer Redner machte deutlich, dass die Doppelmoral in Wirtschaft und Politik kein Vorbild für die Bürger sein könne, ein Lehrer machte deutlich, dass Vielfalt in einer Schule Chance und Vorteil gegenüber anderen sein kann usw. Dieses Forum in Chemnitz sollte ein Leuchtturmprojekt der Rotarier sein, das sie wiederholen sollten.

Dazu seien in seiner Amtszeit die Pflichtübungen gekommen, wie drei Fortbildungen. Im März gab es eine Veranstaltung zur Suchtprävention in Dresden. Der Club Weiden-Max Reger habe im März eine Tagung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zum heiklen Thema "Rotary unterm Hakenkreuz" organisiert. "Es bot sich dabei an, den Bogen von damals ins Heute zu spannen", fand Dietl.

In Vorbereitung der Convention Hamburg hat sich indes ein Elbe-Charity-Boat-Team gebildet, das eine Tour zur World Convention vorbereitete, die einen "Querschnitt durch das rotarische Dasein" bot. In Regensburg wurde ein Gesprächsabend mit Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zum Thema "Der digitale Mensc" eingeladen. Daraus soll ein internationaler Jugendaustausch entstehen.

Durch solche Veranstaltungen könne sich Rotary profilieren, sie sollten Markenzeichen der Clubs werden. Rotary international sei um 28 Clubs reicher geworden, im Distrikt 1880 habe Markus Denzl den Club in Leipzig durch sein Engagement wieder zukunftsfähig gemacht, in Bayreuth sieht die Lage ähnlich gut aus. „Es sieht so einfach aus, aber die Nachwuchsgewinnung ist eine der schwierigsten Aufgaben für uns“, nannte Wilhelm Dietl einen der kommenden Schwerpunkte. Aber auch die Kontakte zu anderen Clubs und Distrikten sei wichtig, so seien von den 13 deutschen Clubs mit Partnern in Tschechien nur zwei bei deren Distriktversammlung vertreten gewesen. „Es gibt viele Gründe, unsere gesellschaftliche Arbeit fortzusetzen“, munterte DG Wilhelm Dietl zum Ende seiner Amtszeit die Delegierten zu andauerndem Engagement auf.

Die Tagung ging anschließend mit interessanten Vorträgen zum Thema „Deutschland und Tschechien heute“ von Jürgen Osterhage, ARD-Korrespondent a. D. in Prag, und Martin Kasler, Repräsentant der Hanns-Seidel-Stiftung in Prag, weiter. Am Nachmittag wurde Organisatorisches im Distrikt besprochen, die Jugendorganisation Rotaract stellte sich vor, die Regionalclubs Stiftland und Cheb (Eger) stellten ihr Partnerschaftsprojekt dar, Leuchtturmprojekte im Distrikt wurden erläutert und schließlich auf die World Convention in Hamburg Anfang Juni zurückgeblickt. Und dann übergab Wilhelm Dietl die Amtsgeschäfte des District Governors für die kommenden beiden Jahre an Gerwig Argow vom Rotary Club Meißen.  

Holder Hierl

Kerstin Dolde
Kerstin Dolde ist Journalistin und arbeitet zurzeit als Verantwortliche Redakteurin für Regionales bei der Frankenpost. Seit Januar 2011 steht sie zudem als Leseranwältin des oberfränkischen Medienhauses den Leserinnen und Lesern als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Seit 2005 ist sie als Distriktberichterstatterin für D 1880 unterwegs.