RI Convention in Sao Paulo - Letzter Aufruf für Sampa Fotostrecke: Sao Paulo in Bildern

In der Bar Favela in Vila Madalena spielt regelmäßig die reine Frauengruppe Samba de Rainha („Samba-Königinnen“) © RI

12.05.2015

RI Convention in Sao Paulo 

Letzter Aufruf für Sampa

James Hider

Brasiliens größte Stadt ist Gastgeber der RI Convention 2015 vom 6. bis 9. Juni. Auf den folgenden Seiten kommt ein Vorgeschmack dessen, was die Teilnehmer in der lebendigen Stadt erwartet – und alle anderen verpassen. Eine Reportage.

Wo ist es schöner, in Rio de Janeiro oder in São Paulo? Das ist in Brasilien eine endlose Debatte.

Rio ist das Paradebeispiel für hedonistische Strandkultur, schöne und spärlich bekleidete Menschen vor einer eindrucksvollen Dschungelkulisse. Selbst die Bewohner von São Paul müssen das, wenn auch mürrisch, anerkennen. Doch dann kontern „paulistanos“ gleich mit einer Gegenfrage: „Und wo kann man dort bitte gut essen?“ Denn genau das rechnen sich die Bewohner von Sampa, so der Spitzname von São Paulo, an: Sie wohnen in der kulinarischen Hauptstadt Brasiliens.

Wirtschaftliches Zentrum
Zugleich ist die Stadt auch das wirtschaftliche Zentrum der siebtgrößten Industrienation der Welt, mit seinen Skyscrapern, die von einem Hochplateau aus die Küstenebene beherrschen. Hier sitzt das Geld, und das nicht nur in den Hochhausschluchten um die Avenida Paulista. Und die Geschäftsleute, darunter die größte japanische Enklave außerhalb Japans, beleben eine gastronomische Kultur, die ihresgleichen sucht. Die japanischen Einwanderer kamen um die Jahrhundertwende aus dem feudalen Japan und brachten ihre Kultur mit, sodass man im Stadtteil Liberdade ein Klein-Japan mit Shops, Festivals und hervorragenden Sushi-Restaurants findet.

Ein paar Blocks entfernt von Liberdade, an der riesigen Catedral da Sé und den bröckelnden Art-Nouveau-Fassaden von Apartmenthäusern aus der Zeit der Teeplantagen vorbei, kommt der Besucher zum Zentrum von São Paulo: einer Jesuitenmission aus dem 16. Jahrhundert. Dieses ländlich anmutende Relikt steht im seltsamen Kontrast zu den grandiosen Gründerzeitbauten und den gigantischen Hochhäusern von heute. Die Mönche sind schon lange nicht mehr hier, stattdessen kann man in einem kleinen Garten einen brasilianischen Kaffee und einen brasilianischen Kuchen namens „bolo“ zu sich nehmen und die Umgebung auf sich wirken lassen.

Shoppen – von Nuss bis Nagetier
Den richtigen Einstieg in die Gourmetwelt der Stadt bietet der Mercado Municipal in einer riesigen viktorianischen Markthalle, die von außen etwas an einen Londoner Bahnhof erinnert. Besucher der Rotary Convention sind nur eine kurze Taxistrecke über den Tietê-Fluss davon entfernt. Hier finden sie sich in einem Labyrinth von Verkaufsständen wieder, die alle brasilianischen Spezialitäten anbieten, von Früchten und Nüssen bis zu Stockfisch. Bei Porco Feliz kann man ein ganzes Schwein kaufen – oder einen „capybara“, ein fast so großes Nagetier! Eine Balkonterrasse mit vielen Cafés umrahmt den Hallenboden, sodass sie sich bequem bei einem Sandwich und einem eiskalten Bier, „chope“ genannt, niederlassen und das geschäftige Treiben unter sich beobachten können.

 Für den anspruchsvollen Restaurantbesucher bietet São Paulo einige der weltbesten Restaurants. Ganz oben ist da das D.O.M. im Jardim Paulista, mehrfach als das beste Restaurant Lateinamerikas gekrönt. Chefkoch Alex Atala (Foto nächste Seite) wurde 2013 vom Magazin Time auf ihre Liste der 100 einflussreichsten Menschen gesetzt. Seine Küche basiert auf den feinsten Biozutaten aus dem Amazonasgebiet, die er selbst aussucht und von Kleinbauern bezieht. Oft sind das Pflanzen und Fische mit für Europäer unaussprechlichen Namen, aber das Resultat sind heimelige Kreationen brasilianischer Haute Cuisine, die bis heute ihresgleichen suchen.

Das Figueira Rubaiyat verfügt über das eindrucksvollste Ambiente, mitten in der glitzernden Rua Haddock Lobo im Jardim-Paulista-Viertel. Im Garten sind die Tische unter einem enormen Banyan-Baum angeordnet, dessen mächtige Arme sich sauriergleich über den Speisenden ausbreiten und schließlich im Glasdach verschwinden. Hier isst man am besten eines der brasilianischen oder argentinischen Rindfleischgerichte, doch muss ich sagen, dass ich hier auch eines der besten Lammgerichte meines Lebens serviert bekam – und die Auswahl an kräftig-aromatischen Fischen des Amazonas ist die beste außerhalb von Manaus.

Auch die japanischen Köche sind in die höheren kulinarischen Sphären aufgestiegen. Im winzigen Aizomê sitzt man an einer Holztheke und schaut bei der Zubereitung des traditionellen Sushi und Sashimi zu. Aber auch japanisch-brasilianische Fusion Cuisine findet man hier, zum Beispiel Grillaustern mit Maracujaglasur. Wer Herzhaftes in São Paulo bevorzugt, dem entgeht auch nichts. Die regionale Küche des Nordostens ist reichhaltig vertreten und bietet vor allem Meeresfrüchte und Fischgerichte. Der hierfür bekannteste Ort etwas außerhalb ist Mocotó in Vila Medeiros, etwa 40 Autominuten nördlich des Stadtzentrums und bestimmt den Ausflug wert. Hier begann José Oliveira de Almeida, ein Einwanderer aus Pernambuco, in einer winzigen Imbissküche mit Gerichten seiner Heimat, einschließlich seiner nach Geheimrezept hergestellten Bohnensuppe. Über die Jahre wurde sein Etablissement zu solch einem Publikumsmagneten, dass er in ein großes Restaurant umziehen musste. In Newsweek erschien er auf der Liste der 101 weltbesten Lokale.

Mocotó bietet auch den ersten Sommelier der Welt für Cachaça – Brasiliens gefeierten Nationaldrink aus Zuckerrohrschnaps. Leandro Batista gibt gerne eine Tour durch das breite Landesangebot. Seine Empfehlung ist unter anderem die Marke Havana, die es im samtigen Geschmack – und im Preis – mit guten schottischen Single-malt Whiskys aufnimmt. Aber auch Weber Haus, mit einem Hauch von Vanillegeschmack, eignet sich als Mitbringsel von der Reise.

Erst essen, dann die Religion: Fußball
Wenn der Bauch voll und der Geldbeutel geleert ist, dann ist es Zeit für die nächste Leidenschaft des Landes: Futebol. Spätestens seit der letzten Weltmeisterschaft weiß man, dass Fußball hier wie eine Religion zelebriert wird. Und São Paulo ist das Zentrum, denn hier begann alles: Charles Miller, der Sohn eines schottischen Eisenbahningenieurs und einer anglo-brasilianischen Mutter, wurde hier 1874 geboren. Er studierte in England, wo er begann, für die damaligen London Corinthians Fußball zu spielen. Nach seiner Rückkehr in seine Heimatstadt brachte er zwei Lederfußbälle, ein Paar Fußballschuhe und ein Regelbuch mit. Der Rest ist Geschichte.

Falls Sie ein Spiel besuchen wollen, so sind Sie nicht weit entfernt von mehreren hervorragenden Teams: São Paulo, Palmeiras, Portuguesa oder Santos (dem Heimatclub von Pelé). Sie können sogar den Sport mit dem Lukullischen verbinden, und zwar im Morumbi-Stadion in dem gleichnamigen, etwas edleren Stadtteil von São Paulo. Hier können Sie das Spiel von einem kleinen Restaurant namens Koji verfolgen – aber Vorsicht, der Zitronenlachs könnte Sie vom Spielgeschehen ablenken!

Mehr Fußball gibt es im Museu do Futebol im Estadio Paulo Machado de Carvalho aus den 40er Jahren an einem Hügel von Higienópolis. Neben vielen anderen unterhaltsamen Ausstellungsstücken finden Sie hier auch Artefakte, mit denen spätere Größen des Sports das Kicken lernten – von Puppenköpfen bis zu Bällen aus Socken. Von dem einstigen historischen São Paulo und dem eleganten europäischen Kolonialstil ist heute nicht mehr viel übrig, zu sehr wurde die Stadt von einem frenetischen Wachstum fortgerissen. In seinem Roman „Heliopolis“ von 2010 beschreibt der britische Autor James Scudamore die Stadt folgendermaßen: „Eine Städteplanung fand hier nie statt. Die Stadt überfiel ihre Bewohner, explodierte in aufeinanderfolgenden Booms, die von Kaffee, Zucker und Gummi erzeugt wurden, und die so schnell aufeinanderfolgten, dass niemand dazwischen Atem holen und sagen konnte, was wohin soll. Und die Stadt expandiert weiterhin, mit der gleichen wilden Energie.“ Ein Gang durch die Straßen bestätigt das – und doch, hier und da erhascht man noch einen Hauch Nos­talgie, ein fernes Echo aus vergangenen Zeiten, einen Eindruck wie von einem Schwarz-Weiß-Foto aus dem New York der 50er Jahre …

Problemlos fahren von A nach B
Navigieren lässt sich durch die City sehr einfach: Die gut ausgebaute Metro ist sicher und sauber. Es gibt genügend Taxis und diese zu einem anständigen Preis. Zu vermeiden sind Busse – sie sind in der Regel völlig chaotisch und überfüllt und fahren absolut zu schnell.

Was für den New Yorker der Central Park ist, ist für Paulistanos der Ibirapuera-Park. Wenn Ihnen in der 20-Millionen-Metropole nach etwas Ruhe ist, dann finden Sie hier ein einladendes Areal aus Seen, Gärten und Spazier- und Wanderwegen durch Wälder mit Bäumen, deren Namen relativ unaussprechlich sind. Auch nach Einbruch der Dunkelheit ist es hier noch schön, wenn die Hitze des Tages weicht und die Brunnen rot und orange angeleuchtet werden.

Ein Schatz, der nicht den Baulöwen zum Opfer gefallen ist, ist das wunderbare, 1895 erbaute Museu Paulista. Einst ein Naturkundemuseum, beherbergt es heute die Geschichte der Stadt und ist malerisch in einem Park gelegen. Einen anderen Ausflug weg von der Hektik bietet das Instituto
Butantan, ein sehr ungewöhnliches Gebäude im Stil der Belle Époque. Es entstand vor hundert Jahren als medizinisches Forschungsinstitut, heute ist es das Zuhause einer der größten Giftschlangen- und Spinnensammlungen der Welt. Das Institut stellt Gegengifte für so ziemlich jedes weltweit bekannte Schlangen- und Spinnengift her. Nach einem Gang durch die umfangreichen Terrarien warnt ein Schild am Eingang des Parks vor dem Betreten des Waldes – nach dem Besuch der Schlangen- und Spinnenausstellung eine fast schon überflüssige Warnung.

Die Musikszene von São Paulo ist lebendig und pulsiert hauptsächlich zum Takt des Samba. In der City ist die Bar Você Vai Se Quiser auf dem modischen Praça Roosevelt ein Magnet für Musikliebhaber. In der Bar
Favela in Vila Madalena spielt sonntags die Frauengruppe Samba de Rainha vor einem vollgepackten Haus auf. Und in der Tanzbar Grazie a Dio! kann man sich den Hüftschwung von den lokalen Besuchern abschauen. Nach Einbruch der Dunkelheit sollte man der Altstadt nahe dem Sé fernbleiben, doch die Restaurant- und Barviertel wie Jardim Paulista und Pinheiros sind auch nachts sicher.

Mit Caipi zum Paulistano werden
Am besten beendet man einen Tag in São Paulo mit einem Caipirinha, dem leckeren Cocktail aus Cachaça (Zuckerrohrschnaps), Limette und Zucker. Und wenn man dann auch noch den Abend auf einer der lebendigsten Straßen, der Rua Aspicuelta im Bohemienviertel Vila Madalena, inmitten der Nachtbummler ausklingen lässt, macht man es genau wie die jungen Paulistanos und genießt die Stadt.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2015

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