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Buch der Woche

Der Rotary-Tag in Kleve auf Papier

Buch der Woche - Der Rotary-Tag in Kleve auf Papier

Am 14. und 15. Februar fand der Rotary Tag in Kleve statt. Auf der Tagung ging es um Ethik und Moral und die Frage, ob Führunsgkräfte als Vorbilder dazu dienen können. Jetzt ist ein Band mit allen Redebeiträgen erschienen. Wir veröffentlichen den Beitrag von Patrick Boland mit dem Titel "Das passive Gewissen und Führung" als Leseprobe.

16.05.2014

Wenn wir von "Gewissen" reden, wissen wir wirklich, wovon wir sprechen? Der heutige Gebrauch des Wortes ist unkritisch, undifferenziert und schmeichelhaft. Er ist einer Meinung verblüffend ähnlich. Das greift offensichtlich zu kurz und daneben.

Sigmund Freud, indem er "Gewissen" als etwas Passives, von Leitfiguren Internalisiertes kennzeichnete, hatte teilweise recht. Er nannte es deswegen "Über-Ich". Dieses unbewusste Erlernen oder Verinnerlichen ermöglicht eine bessere gesellschaftlich-kulturelle Anpassung und erzwingt vor allem eine gewisse Zügelung des Trieblebens. Diese einflussreiche Beschreibung ist auf fatale Weise unvollständig. Danach wäre das Gewissen fremdgeleitet. Ist das Gewissen nur der subjektive Pol einer Gesellschaft? Im klassischen Sinne ist es das genaue Gegenteil, nämlich die Fähigkeit, sich gerade von solchen übermächtigen Einflüssen zu distanzieren. Hier ist das Spezifische des Gewissens angesiedelt, das worauf es eigentlich ankommt. ln der Terminologie Freuds müsste es eine Ich-Funktion werden.

Die skeptisch, ironische Bemerkung Schopenhauers ist allgemein bekannt: "ein Fünftel Menschenfurcht, ein Fünftel Aberglaube, ein Fünftel Vorurteil, ein Fünftel Eitelkeit, ein Fünftel Gewohnheit". Obwohl hier viel Wahres enthalten ist, trotzdem verfehlt er das Eigentliche des Gewissens. Ida Görres hat vor Jahrzehnten geschrieben: "Wir suchen so gern in dem, was wir Gewissen nennen, den Verbündeten unserer Schwäche, den Anwalt unseres Versagens, den Schutzbrief unserer Leidenschaften, den Helfeshelfer der Versuchung" Gewissen kann kein Feigenblatt sein, hinter dem ich mich verstecke. Hier wird man der Sache nicht gerecht. Deswegen in Anlehnung an John Henry Newman (1801-1890) hat "der Mensch im Gewissen den Verbündeten seines höchsten Selbst, den Anker seiner Entschlüsse, den Wächter seiner reinsten Möglichkeit, den Mitwisser und Bürgen seiner Auserwählung: Wie der Same den Baum, so trägt der Mensch in sich einen Engel."1

Wir können sehen, was mit diesem "Engel" gemeint an einigen herausragenden Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts. Das Gewissen eines Mahatma Gandhi, Nelson Mandela, Mutter Teresa von Kalkutta, Martin Luther King usw. hob sie aus dem Gewöhnlichen heraus. Sie hatten irgendetwas, was wir normalerweise nicht finden: eine überdurchschnittliche Gewissensschärfe. Sie ging einher mit einer Gabe der Unterscheidung. Man kann zufällig gegen das Richtige sein! Das ist Kunst. Aber gegen das Richtige, zum passenden Zeit in der richtigen Art und Weise, das ist wahrlich eine Kunst.

Ein Blick in die Antike kann uns hier helfen. Den Kosmos sah man in den vier Himmelsrichtungen erfasst. Sie wurden in den folgenden Bildern dargestellt: Mensch, Löwe, Stier und Adler. Wir kennen sie Symbole für die vier Evangelisten. Hieronymus (347-419 n. Chr.) "findet sie die Seele des Menschen in ihrer von Platon gedachten Gliederung versinnbildlicht: Der Mensch steht für den vernünftigen Seelenteil des Menschen (das logikon), der Löwe für den muthaften von Zorn, Ehrgeiz und Hoffnung (das thymikon) und der Stier für das triebhafte Begehrungsvermögen (epithymetikon)." Eine besondere Rolle wies er dem Adler zu. Er steht über und außer diesen Dreien. "Es ist das, was die Griechen Synteresis nennen, der Gewissensfunke (scintilla, conscientia), der in Adams Brust auch nach der Vertreibung aus dem Paradies nicht ausgelöscht worden sei. Dieser Geistführer der Menschenseele korrigiere nicht bloß Zorn und Begierde, sondern auch die irrende Vernunft.

Hier ist es wichtig zu betonen: Ohne jenen "Adler", ohne die Seelenspitze wird die Vernunft "das willige, meist unbewusste Werkzeug der Verstockung"(3) und zugleich anfällig für alle Formen der ideologischen Unterwanderung. Pascal (1623-62) hat es etwas erschreckend auf den Punkt gebracht: "Niemals tut man so vollständig und so gut das Böse, als wenn man es mit gutem Gewissen tut."

Das Wort "Verstockung" ist in der Bibel beheimatet. Vielleicht darf man es so formulieren: Nicht im schlechten Gewissen lauert die Gefahr, sondern in dem vermeintlich guten Gewissen! Dieses Paradoxon wird im Neuen Testament mit der Gegenüberstellung zweier stilisierter Figuren thematisiert. Auf der einen Seite der "Pharisäer", als Inbegriff der moralischen und religiösen Anständigkeit und Korrektheit; auf der anderen Seite der "Zöllner", dessen Beruf gottwidrig galt. Das Sündhafte des Zöllners war wirklich Sünde. Er tat Schlechtes. Die guten und frommen Werke des Pharisäers waren gut und gottgefällig. Der Grund für die paradoxe Bevorzugung des Sünders durch Gott war der Schrei seines Gewissens nach Besserung, während der Pharisäer mit seinem Gewissen völlig im reinen war. Er sonnte sich in Selbstgerechtigkeit und verschloss sich damit den Zugang zum Höheren. Seine Logik gab ihm eine trügerische Selbstsicherheit. Die Gewissensschärfe war abgestumpft. Die Adlerfunktion war durch seine Logik, seinen (religiösen) Verstand überdeckt. (4)

Bei der ideologischen Unterwanderung wird das Gewissen förmlich umgebaut. Wie bei einem Mückenstich findet zuerst eine Betäubung statt, die über die Suggestivkraft einiger weniger Ideen ihre Wirkung erzeugt. Sie werden dann distanzlos und unkritisch absorbiert. Durch gegenseitige Zustimmung und Verstärkung entstehen "Piausibilitätsstrukturen": je mehr Zustimmung, umso stimmiger, plausibler. Umso wohler fühlen wir uns.

Im Dritten Reich hat es vorzüglich funktioniert. Angesichts so viel Menschenverachtung und spürbarem Unrecht ist die Frage mehr als berechtigt: Hatte die große Mehrheit kein Gewissen? Der sogenannte Widerstand war eigentlich minimal, auch wenn er aus heutiger Sicht nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. "Der historische Befund ist überraschend und verstörend zugleich, wie bei der Analyse der Täter: Die allermeisten Täter ... ob als kleiner Blockwart oder verantwortliche KZ-Aufseher, handelten nicht gegen, sondern im Einklang mit ihrem Gewissen. Weder Intelligenz, Religiosität oder bürgerliche Moral immunisierte. War nicht alles so plausibel? Können so viele falsch liegen? An Widerstand war nicht zu denken. Norbert Elias hat festgestellt, dass Hitler ‚die Auflösung der herkömmlichen, alltäglichen Form des Gewissens
... ' gelungen ist. Das Gewissen bröckelte ab ,und die Standards dessen, was als gut oder böse gilt‘ wurden neu geschrieben, bis Gewissen sich an ,neue Gebote und Verbote' gebunden fühlte und danach handelte." Wie erklären wir sonst die unsinnige Äußerung von Philip Lenard (Nobelpreis für Physik) "Wissenschaft ist, wie alles was Menschen hervorbringen, rassisch, blutsmäßig bedingt." Er gründete das Fach "Deutsche Physik" in Abgrenzung zur "Jüdischen Physik". Aus diesem Grund lehnte er die Relativitätstheorie von Einstein ab. Theodor Vahlen, Mathematiker, gründete mit der gleichen Argumentation das Fach "Deutsche Mathematik". (5)

Dem gleichen Phänomen begegnete man auch im Bolschewismus: eine rational schwer fassbare Brutalisierung, die große Teile der Gesellschaft durchdrang. Oder, wie erklären wir die Umwandlung von so vielen Klöstern in Gulags. Ich habe die Zahl 474 gehört, kann sie aber nicht bestätigen. Eine ähnliche mentale Unterwanderung, wo Werte umgedeutet und moralische Parameter geschleift werden, finden wir heute bei Extremisten jeglicher Couleur. Wir brauchen nur an unsere damalige "RAF" zu denken, oder heutige Selbstmordattentäter.

Sollte das immer noch zu weit von unserer Gegenwart sein, verweise ich auf den Beitrag von Prof. Franz Walter in "Rotary Magazin" (6). Es geht um die ideologischen Wegbereiter der sog. "Sexualrevolution" der späten 60er Jahre. Im Bestreben, das Sexualstrafrecht aus den Fängen eines vermeintlichen Puritanismus zu befreien, war die Verharmlosung und Befürwortung der Pädophilie ein wichtiger Haftpunkt. Namhafte Juristen, Pädagogen und Feuilletonisten nahmen beherzt an diesem Tabubruch teil. "Das Finale einer verstörenden Entwicklung" hat uns alle in den letzten Jahren elektrifiziert und angewidert.

Es geht darum, eine fundamentale Herausforderung so klar wie möglich zu umschreiben. J. Splett formuliert es so: "Prinzipiell soll der Mensch sich ein Gewissen daraus machen, ein Gewissen zu haben und sich ihm gemäß zu verhalten".(7) Gewissen entsteht nicht passiv als subjektiver Pol einer Gesellschaft. Es bedarf Formung, Bildung, Sensibilisierung, um hinter dem feinmaschigen der Abwehrmechanismen und dem Nebel des jeweiligen Zeitgeistes jenes Organ zu finden, welches Platon "das im Schlamm verborgene Auge der Seele" nannte.

Ob wir bildlich von "Engel", ,Adler" oder "Auge" der Seele sprechen, das Gleiche ist gemeint.

Genügt es, unserer alltäglichen moralischen Intuition zu trauen? ln der Regel ist sie zuverlässig, "es sei denn, dass das ,mächtige Gegengewicht' (so Kant) der individuellen Interessen dem entgegensteht, was wir bei unparteiischer Betrachtung leicht als unsere Pflicht erkennen würden. Es gibt in uns ,einen Hang', ,wider jene strengen Gesetze der Pflicht zu vernünfteln'.(8) Mit anderen Worten, wenn Geld, Macht, Sex usw. im Spiele sind, ist die Sicht getrübt. Oder wie Kant es treffend formulierte: "Gewissenlosigkeit ist nicht Mangel (= Fehlen) des Gewissens, sondern Hang, sich an dessen Urteil nicht zu kehren." Wenn aber genügend Abstand da ist, steigt jener Adler auf und stachelt. Wir erkennen sofort die eigene Schwäche und Verführbarkeit, kurzum, den Mangel an Tugend. Diese ist die alltägliche Erfahrung eines alltäglichen Gewissens. Genügt das? Ich behaupte, nein!

Die meisten Mitglieder von Rotary sind Führungskräfte unterschiedlicher Art. Über Führung ist unendlich viel gesagt und geschrieben worden. Aber nur eines scheint mir bleibend wichtig zu sein: Man führt mit seiner Persönlichkeit. Führung ist etwas Ganzheitliches und nicht eine Summe von Gesprächstechniken und Effizienzsteigerungen. Auch die Modebegriffe "Sozialintelligenz", "emotional intelligence" greifen an dem Punkt zu kurz, wo es auf die Gewissensschärfe ankommt. Auch "moral intelligence", die im Wesentlichen die Fähigkeit, Rücksicht zu üben, umfasst, ist nicht virulent genug.

Die klassische Ethik ist Tugendethik, und Rotary beherzigt sie auch: Wahrheit, Fairness (Sekundärtugend der Gerechtigkeit), Freundschaft, AllgemeinwohL Und jeder weiß, wie schwer ein tugendhaftes Leben ist.

Aber ich will es provokant formulieren: Haben wir eine Krise des Berufsethos? Stichwörter wie Finanzkrise oder Steuerhinterziehung im großen Stil fallen einem spontan ein.

Wie sieht es mit der Standesethik aus? Stichwörter: Betrug am Patienten oder Klienten. Die Organtransplantation ist deswegen in eine Krise geraten. Inwieweit ist die Mitgliedschaft von Rotary ein Stück "ruhiges Gewissen" anstelle eines persönlichen Engagements? Das Motto lautet: Ich tue sowieso genug.

Habe ich genügend kritische Distanz zu den modernen Ideologien? Zum Beispiel Qualitätsmanagement, "Political Correctness", Gender Streaming, die veröffentlichte Meinung dazu usw.

Wir alle unterliegen Irrtümern und sind in Täuschungen und Selbsttäuschungen befangen. Wir müssen auf der Hut sein, dass uns nicht jene Tragik ereilt, die der dänische Philosoph Kierkegaard so eindrücklich beschrieb: "Ein Denker errichtet ein ungeheures Gebäude, ein System, welches das ganze Dasein und die Weltgeschichte usw. umfaßt – und wenn man sein persönliches Leben betrachtet, dann entdeckt man mit Erstaunen das Entsetzliche und Lächerliche, daß er selbst diesen ungeheuren, hochgewölbten Palast nicht persönlich bewohnt, sondern eine Hundehütte". (op.cit.)

An anderer Stelle brachte er es schön auf den Es kommt auf ein Verständnis dessen an, "was es heißt, Mensch zu sein, und zwar nicht was es heißt, überhaupt Mensch zu sein, sondern was es heißt, daß du und ich und er und sie, daß wir jeder für sich Menschen sind". (zit. N. Wesche," Die Zeit", 19/2013, 5.88)

1. zitiert nach H-8. Geri-Falkowitz in "Tagespost", 22.Febr. 2001.
2. Jörg Splett: "Der Mensch ist Person", 5.42. Verlag Knecht, Fr./M, 1978.
3. H-8. Geri-Falkowitz, "Was weiß das Gewissen mit Gewissheit". "Vatikan", 10/2013, 5.74
4. Lk. 18/9-14. Dazu J. Ratzinger, "Der Glaube der Kirche". Arbeitshilfen Nr. 248, Deutsche Bischofskonferenz, Sonn 2011, 5.64-65.
5. Markus Günther, "Die letzte Instanz: Das Gewissen jedes Einzelnen." Dieser fulminante Festvortrag (Titel: Hitler und Wir) an lässlich des achtzigsten Jahrestag der "Machtergreifung" ist in "Vatikan", 10/2013, S. 36- 44 abgedruckt. Der ganze Absatz ist von ihm abhängig.
6. Rotary Magazin, 11/2013, S. 41-45.
7. J. Splett: "Spiel- Ernst". Verlag Knecht, Fr./M. 2003.
8. R. Spaemann, "Grenzen. Zur ethischen Dimension des Handelns." KlettCotta, Stg. 2001, S. 516 9. Seide Zitate nach N. Wesche, "Die Zeit", 19/2013, S. 88.

Quelle: Rotary Distrikt 1870, Joachim Reuter (Hrsg.): Rotary-Tag in Kleve. Ethik und Moral in Saat, Wirtschaft und Geselllschaft. Führungskräfte als Vorbilder für Ethik und Moral. Edition Virgines, Lingen 2014. 222 Seiten, 9 Euro. Der Auszug stammt von den Seiten 61 bis 66.

Das Buch kann auch beim Rotary Verlag bestellt werden.

Patrick Boland ist Prälat und Mitglied im Rotary Club Lübeck-Burgtor.