15.10.2009

Architektur

Bauen für die Deutsche Einheit

Stephan Braunfels

Warum sind alle schönen Stadtplätze dieser Welt 100, 300 oder sogar 500 Jahre alt? Warum wurden in den letzten hundert Jahren viele tausend großartige Bauwerke erbaut, aber kein einziger Stadtplatz, der auch nur annähernd an den Campo in Siena, das Kapitol in Rom oder den Markusplatz von Venedig heranreicht? Die Philharmonie von Scharoun in Berlin oder das Guggenheim-Museum in Bilbao sind Meisterwerke der modernen Architektur, aber sie sind autonome Skulpturen, deren Umgebung Restflächen sind, keine Stadträume, in denen wir uns gerne aufhalten. Wir reisen nach Italien, nach Venedig, Florenz oder Rom, nach Siena, Lucca oder Pisa, wenn wir das Flair richtiger Stadtplätze erleben wollen.

Und wir genießen sie, sitzen stundenlang in ihren Cafés und reisen immer wieder hin. Auch die Plazas Major in Madrid, Barcelona oder Bilbao oder die Plätze von Paris, Lyon oder Nancy ziehen uns an. Sogar im kühlen Norden, in England oder Russland wurden bis vor 100 Jahren viele herrliche Stadtplätze gebaut: die Squares, Places und Crescents von London sind ohne Zahl, St. Petersburg hat Plätze von geradezu italienischem Flair, die Grand Place von Brüssel ist einer der schönsten europäischen Freiluft-„Salons“ überhaupt. Auch in Deutschland gibt es viele Plätze von Weltrang wie Königs-, Odeons- oder Max- Joseph-Platz in München, den Theaterplatz in Dresden oder den Gendarmenmarkt in Berlin, die sogar erst im 19. Jahrhundert entstanden sind oder vollendet wurden.

BRUCH MIT DER TRADITION

Die moderne Architektur hat mit der europäischen Stadt gebrochen, ja es oft sogar geschafft, diese größte kulturelle Gesamtleistung der letzten tausend Jahre in Europa zu zerstören. Straße und Platz galten als Relikte einer feudalen, unaufgeklärten Zeit – anstelle von Stadtraum sollte Freiraum entstehen. Die Architektur sollte nicht mehr städtische Räume bilden, sondern autonom und ohne Zwang frei „atmen“ können. Heraus kamen statt „erneuerter“ oder „neuer“ Städte nur Einkaufs- und Gewerbezentren mit Vorortsiedlungen und zersiedelte Landschaften. Dabei kann moderne Architektur großartig sein! Kaum ein Jahrhundert hat so viele Meisterwerke hervorgebracht wie das 20. Jahrhundert. Der öffentliche Raum ist aber viel wichtiger, jedes einzelne Gebäude, der Raum zwischen den Fassaden der Häuser für den Bürger wesentlicher als das, was sich hinter diesen abspielt. Erst, wenn der Außenraum Innenraum wird – so meine These – entsteht Öffentlichkeit, Gemeinschaftssinn, demokratisches Bewusstsein und friedliches Miteinander. Tausend Jahre lang hat man das gewusst – warum wurde es in 100 Jahren vergessen, ja geleugnet? Der Campo in Siena, heute einer der beliebtesten Plätze der Welt, war ursprünglich die Restfläche zwischen drei Teilstädten, die mit dieser „piazza publico“ zu einer neuen Stadtgemeinschaft zusammengeschweißt wurden. Auch das Kapitol in Rom war ursprünglich ein wüster Restraum hinter dem antiken Senatorenpalast, bis Michelangelo in genialer Weise die hier schon angelegten Raumqualitäten entdeckte und zu einem einzigartigen dynamischen Ensemble steigerte.

Es ist eine weitgehend unbekannte Regel: Das Beste in der Stadtbaukunst ist nie erfunden worden, sondern fast immer gefunden, also aus schon vorhandenen, aber versteckten Anlagen entwickelt worden. Kein Platz der Welt ist in wenigen Jahren entstanden, die besten brauchten viele Jahrzehnte. Der wohl schönste Platz der Welt, der Markusplatz in Venedig, hat viele Hundert Jahre gebraucht. Trotzdem gab es hier, wie bei fast allen berühmten Plätzen, einen entscheidenden Architekten, der aus dem Vorhandenen etwas Geniales schuf. Der entscheidende Geniestreich von Sansovino war, dass er durch die Schrägstellung der Neuen Prokturatien die Piazza aufweitete und den mittelalterlichen Campanile freistellte.

So wurde das weithin sichtbare Symbol von Venedig auch Dreh- und Angelpunkt dieser einzigartigen Stadtraum-Komposition aus Piazza und Piazzetta, dem wohl schönsten Platz am Wasser überhaupt. Wie der Markusplatz so zeigen auch die genialen stadträumlichen Einfügungen von Vasari und Bernini – die Uffizien in Florenz und der Petersplatz in Rom –, dass die besten Plätze der Welt – immer auch „politische“ Plätze – nicht axial gerastert oder rechteckig langweilig sind, sondern immer spannungsvoll dynamisch angelegt. Gibt es modernere Stadträume als die Uffizien von Florenz, die das alte römische Raster bewusst sprengen, um den spannungsvollen Dialog der Kuppel von Brunelleschi mit dem Turm des Palazzo della Signora überhaupt erst erkennbar werden zu lassen, also den jahrhundertealten Konflikt zwischen Kirche und Staat ins stadträumliche Bewusstsein zu rücken? Erst durch – auch geistig – gestaltete Plätze, durch das Schaffen von – auch politischem – öffentlichem Raum kann sich städtisches, gesellschaftliches Leben entfalten. Der Außenraum muss Innenraum werden, damit er uns etwas bedeutet! Erst wenn die Fassaden der Gebäude bewusst Raumwände bilden oder in einen erkennbaren Dialog mit allen anderen Gebäuden des Platzraums treten, entsteht öffentlicher Innenraum. Je bewusster die Fassaden als Innenwände des Platzes statt als Außenwände des Gebäude-Inneren gestaltet sind, desto kräftiger wirkt ein Platz als Raum.

EIN NEUER PLATZ AN HISTORISCHEM ORT

Ich habe schon viele Plätze geplant – in München den Marschallplatz, den Marienhof, den Platz der Opfer des Nationalsozialismus, in Dresden den Wiederaufbau von Alt- und Neumarkt, den Bahnhofsplatz und den Georgplatz, in Berlin den neuen Schlossplatz, den Philharmonieplatz im Kulturforum und einen neuen Museumsplatz vor der Museumsinsel, in Köln den neuen Messeplatz, in Braunschweig den Kennedy- und den Schlossplatz. Viele dieser Entwürfe haben in Wettbewerben erste Preise gewonnen – aber keiner wurde bisher realisiert. In Berlin konnte ich meinen ersten Stadtplatz realisieren: Der „Spreeplatz“ zwischen Paul-Löbe- Haus und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestages ist allerdings ein außergewöhnlicher Platz. Es ist der einzige Platz der Welt, durch den ein Fluss mittendurch fließt, die Spree … Darüber hinaus ist er voller Symbolik: An dieser Stelle durchbrach die Spree die ehemalige Ost-West- Grenze, hier war die Mauer also unterbrochen.

Das führte zu tragisch vielen Toten, die beim Versuch, die scheinbar leichter „untertauchbare“ Mauer zu überwinden, erschossen wurden. Die Symbolik von Trennung und Wiedervereinigung wollte ich vielfältig gestalten: mit zwei gegenüberliegenden Wassertreppen, die die Spree friedlich „durchschreitbar“ erscheinen lassen, mit den beiden korrespondierenden Flugdächern, die exakt die Uferkanten der Spree aufnehmen, also das Stück „blutiger“ Spree in den Himmel projizieren und die sich wie zwei Magnete anzuziehen scheinen, also die Wiedervereinigung konkret darstellen. Last but not least sollten die beiden Brücken beide Hälften des Gesamtkomplexes auch real verbinden. Nur die Ränder des neuen Spreeplatzes sind begehbar, die Mitte bildet das hier einst vom unfreien Osten in den freien Westen fließende Wasser der Spree. Auch wenn man von der Westseite viele spektakuläre Blicke auf das Marie-Elisabeth- Lüders-Haus hat, so ist die Ostseite vielleicht noch aufregender: Der Blick durch die riesige Halle des Paul-Löbe-Hauses hindurch aufs Kanzleramt, das hier überraschend nah erscheint, zeigt, dass die Idee des Ost und West verbindenden Bandes des Bundes keine Kopfgeburt war, sondern mit Händen zu greifende, räumlich faszinierende Wirklichkeit wurde. Genauso sensationell sind die Blicke auf den Reichstag – schon Christo hat gewusst, warum er von diesem Ufer aus alle Fernsehinterviews zu seinem „wrapped Reichstag“ gab.

Auch die neue Spree-„Piazza“ hat eine „Piazzetta“: die große Treppe, im Volksmund schon „Spanische Treppe“ genannt. Ihre wahren Vorbilder sind jedoch die großen Treppen von Le Notre im Park von Versailles oder auch die Treppe zur Brühlschen Terrasse in Dresden, die auch „Balkon Europas“ genannt wurde. Tatsächlich hat man von dem neuen „Balkon Berlins“, der ganztägig in der Sonne liegt, die schönste Aussicht auf die Reichstagskuppel und das ganze Regierungsviertel. Öffentliche Treppen gehören zu Plätzen. Dass ganze Plätze als Treppe gebaut wurden, verbindet die Spanische Treppe in Rom allerdings mit dieser Berliner „Piazzetta“ in Form einer Treppe. Das Besondere am Spreeplatz ist das politischhistorische Raumerlebnis und auch der Nachweis, dass moderne Architektur und europäischer Stadtraum keine unversöhnlichen Gegner sein müssen. Der Spreeplatz will also auch ein Beispiel geben und Ermutigung und Anregung sein: „Baut wieder Plätze“! Der Raum zwischen den Gebäuden macht die Stadt aus! Raum verbindet, und Stadtraum ist politischer Raum!

Erschienen in Rotary Magazin 10/2009

Stephan Braunfels
Professor Dipl. Ing. Stephan Braunfels wurde 1950 geboren, studierte Architektur an der TU München, gründete 1978 ein Architekturbüro in München, eine Niederlassung 1996 in Berlin und lehrt seot 2004 mit einer Professur für Städtebau und Entwerfen an der Beuth Hochschule Berlin.

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