29.04.2011

Die Teilung Deutschlands und die tiefgefrorene Stabilität der Blöcke in Zeiten des Kalten Krieges

Das Zeitalter der Berliner Mauer

Frederick Taylor

Es ist schon erstaunlich, wenn man sich vorstellt, dass die Zeitspanne, die zwischen dem Baubeginn der Berliner Mauer und heute liegt – ein halbes Jahrhundert –, jetzt schon genauso lang ist wie die, die zwischen dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 und dem ersten Nummer-eins-Hit der Beatles in Amerika verstrichen ist. Die Berliner Mauer ist jetzt wirklich Geschichte. Ich stand gerade am Beginn meiner Teenager-Zeit, als ich den unscharfen Schwarzweißfilm über das Drama sah, das sich im August 1961 in Berlin anbahnte. Hässliche Stacheldrahtrollen, bewaffnete Männer in Uniform und die eingeschüchterten Arbeitertrupps, welche die ersten Absperrungen und Rohbauten dessen errichteten, was sich bald zu der Mauer entwickeln würde, die die Insel der Freiheit, die Westberlin gegenüber der anderen Hälfte der Stadt und ihrem Hinterland darstellte, abtrennte. Und dann die verzweifelten, mutigen Fluchtversuche, die Triumphe und Tragödien in der Bernauer Straße und am Checkpoint Charlie. Die ersten Opfer des Schießbefehls des ostdeutschen Regimes.


English man in Berlin

Ich besuchte Berlin erstmals im August 1965, dem vierten Jahr nach dem Mauerbau, im Rahmen einer Klassenreise meines englischen Provinzgymnasiums. Als Siebzehnjähriger entdeckte ich im Westteil der Stadt viele Gemeinsamkeiten mit meiner Heimat, obwohl dieser einen etwas rasanteren Lebensstil und interessantere Architektur zu bieten hatte; während Ostberlin – ganz offensichtlich dieselbe Stadt – schäbig, beengt und bedrückend wirkte. In einem Restaurant wurde ich von einem hochrangigen ostdeutschen Beamten für mein modisch langes Haar beschimpft. Er trug Militärstiefel und hatte einen kalten, aggressiven Blick. Es war kaum möglich, keine Vergleiche mit den uniformierten Schlägern zu ziehen, die zwanzig oder dreißig Jahre zuvor unter einem anderen diktatorischen Regime durch die Straßen derselben Stadt gezogen waren.

Der furchterregende Sicherheitsapparat der Mauer hinterließ einen zutiefst beunruhigenden Eindruck. Auch unsere Erleichterung, als wir endlich über den Checkpoint zurück nach Westberlin gelangten, hat sich mir deutlich eingeprägt. Als Gäste der Westberliner Regierung wurden wir zu verschiedenen Gesprächen und Vorlesungen eingeladen, die uns über die Situation in der Stadt aufklären sollten. Diese Veranstaltungen waren, trotz ihrer freundlichen Atmosphäre, Propagandainstrumente des Kalten Krieges, in Wirklichkeit jedoch überflüssig. Die Erfahrung der Mauer und Ostberlins reichte aus, um uns von der Überlegenheit des kapitalistischen Lebensstils gegenüber der kommunistischen Alternative zu überzeugen – trotz all seiner offensichtlichen Unvollkommenheiten. In vielerlei Hinsicht war dies die aussagekräftigste Botschaft der Mauer. Ihr Bau war eine Meisterleistung in Organisation und Technik. Die innerhalb einer Nacht vollzogene Teilung Berlins zeigte, wozu eine Planwirtschaft stalinistischer Prägung in der Lage war, wenn ihre politischen Führer etwas entschieden hatten. Sie war eine Machtdemonstration von finsterer Entschlossenheit. Gleichzeitig war es aber auch ein fatales Eingeständnis der Schwäche und Verzweiflung, das für 28 Jahre und knapp drei Monate Bestand haben würde. Die Mauer zeigte, dass das kommunistische Regime nur überleben konnte, wenn es seine Untertanen mit Gewalt an der Flucht in ein besseres Leben hinderte. Doch während das System Mauern und Grenzbefestigungen bauen konnte, war es nicht in der Lage, seinem Volk einen ordentlichen Lebensstandard zu bieten oder in ausreichender Menge brauchbare moderne Güter zu produzieren, um den Bedarf der Bevölkerung zu decken oder die Gebäude und Infrastruktur in akzeptablem Wartungszustand zu halten. In meinen jugendlichen Augen handelte es sich bei all dem schlicht um böse Menschen, die guten Menschen Böses antaten. Das war zwar grundlegend richtig, reichte aber, wie mir später klar wurde, nicht als umfassende Erklärung für alle Hintergründe der Geschehnisse aus, die sich vor 50 Jahren in Berlin ereigneten. Die Schäbigkeit Ostberlins war damals im Jahr 1965 das Erste, was mir auffiel – und daran hat sich im Verlauf der folgenden ca. 20 Jahre bei meinen recht häufigen Besuchen in der Stadt nicht viel geändert. Man hatte sich an die Mauer gewöhnt. Sie war eine Tatsache, eine brutale und beleidigende Tatsache, mit der sich jedermann in Berlin arrangieren musste, weil man keine andere Wahl hatte. Man kann die Situation mit dem Leiden an einer chronischen Krankheit vergleichen. Eine Veränderung jedoch, die sich allmählich entwickelte – und sich vollzog, als ich für mein Buch über die Berliner Mauer recherchierte –, war meine Erkenntnis, dass die Hintergrundumstände der Teilung Berlins, und somit auch Deutschlands, komplizierter waren, als ich zuerst angenommen hatte.

Spiele der großen Politik

Letztendlich wurde mir klar, dass die Befürwortung der deutschen Wiedervereinigung durch die westlichen Alliierten, insbesondere seitens der Briten und Franzosen, wohl nur ein Lippenbekenntnis war und ihnen die Nachkriegsteilung Berlins und Deutschlands in Wirklichkeit nicht ungelegen kam. Wie aus den Dokumenten der britischen Archive zu entnehmen ist, reagierte die Londoner Regierung 1961 mit vollkommener Gleichgültigkeit auf den Bau der Mauer. Die britischen Amtsträger waren hauptsächlich darum besorgt, dass die Amerikaner nichts „Dummes“ taten – zum Beispiel die noch neue Barriere niederzureißen. Frankreichs Verteidigungsminister äußerte im privaten Kreis, dass keiner seiner Soldaten „für Berlin sterben“ würde. In den frühen Nachkriegsjahren hatte Paris versucht, eine dauerhafte Aufspaltung des eroberten „Reichs“ in Kleinstaaten zu organisieren – eine Art Wiederherstellung des Deutschlands des 18. Jahrhunderts. Obwohl die Beziehungen zwischen Frankreich und Westdeutschland recht bald einen freundschaftlichen Charakter annahmen, war es für die meisten Franzosen, insbesondere in höheren Positionen, klar, dass die Ost-West-Teilung Deutschlands und somit die Schwächung des alten Feindes insgeheim begrüßt wurde. Der Nobelpreisgewinner und Autor, Freund und Biograf von Präsident de Gaulle, dem unterstellt wurde, dass er nach wie vor eine antideutsche Gesinnung hatte, scherzte zynisch: „Im Gegenteil, ich liebe Deutschland so sehr, dass ich mir zwei davon wünsche!“

Plötzlicher Fall

Daher war die Berliner Mauer nicht nur der dauerhafteste Ausdruck des Kalten Krieges und der Teilung der Welt in einen kommunistischen und ein kapitalistischen Block, sondern auch, selbst unter den Westalliierten, Sinnbild für die alten Ängste und Ressentiments, die während der vergangenen Jahrhunderte so viel Gewalt und Leid über Europa gebracht hatten. Einige Menschen im Westen hatten den Bau der Mauer toleriert und indirekt sogar unterstützt. Als die Mauer im November 1989 fiel und schließlich der Zusammenbruch des Kommunismus folgte, kam dieses Ereignis plötzlich und unerwartet. Amerika unterstützte das Ende der DDR und die Wiedervereinigung des deutschen Volkes. Die politischen Führer Frankreichs und Großbritanniens hingegen reagierten auf diese Aussicht fast schon mit Panik – insbesondere die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher. Uralte Ängste vor einem vereinten starken Deutschland kamen wieder zum Vorschein. Diese konnten zwar überwunden werden – aber das brauchte Zeit. Das Zeitalter der Berliner Mauer war von einer gewissen Stabilität begleitet – einer tiefgefrorenen Stabilität. Als die Mauer fiel und das Eis des Kalten Krieges schmolz, trat die Menschheit in eine neue, positive Zeit voller globaler Möglichkeiten ein. So schien es zumindest. In Wirklichkeit jedoch waren nicht alle Möglichkeiten positiv. Das Ende des Kalten Krieges legte alle Arten von anderen, uralten Verwerfungslinien – religiösen, kulturellen und nationalen – frei, die von seinem eisigen Panzer überdeckt worden waren. Während die Mauer nun Geschichte ist, haben wir immer noch mit diesem simplen und unangenehmen Sachverhalt zu kämpfen. Trotzdem bleiben die meisten Folgen des Mauerfalls ein Grund zur Freude. Der Prozess der Wiedervereinigung dauerte länger, als viele Menschen glaubten, ist heute aber zweifellos eine Realität. Schließlich kann man Menschen nur durch Mauern oder politische Systeme der Unterdrückung so lange Zeit einsperren. Einst schien es, dass die Berliner Mauer für immer bestehen würde: Auch Nordafrika sowie dem Nahen und Fernen Osten sollte die aus dem Mauerfall gelernte Lektion Hoffnung geben.

Erschienen in Rotary Magazin 7/2011

Frederick Taylor
Frederick Taylor Britischer Historiker und Publizist. 2009 erschien bei Siedler "Die Mauer". 13. August 1961 bis 9. November 1989". Im Berlin Verlag erschien 2011 "Zwischen Krieg unf Frieden. Die Besetzung und Deutschlands 1944-1946". www.fredericktaylorhistory.com

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