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Titelthema „Nature Writing“

Der Abschied vom Pferd

Über das fast geräuschlose Ende einer Jahrtausende alten Partnerschaft

Ulrich Raulff30.04.2016

Lange Zeit haben die Menschen der westlichen Zivilisation mit den Tieren in enger Gemeinschaft gelebt. Erst mit dem Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert setzt eine Reihe von Trennungen ein. Nicht alle dieser Abschiede haben sich zur gleichen Zeit oder im gleichen Stil vollzogen. Von manchen Tierarten wie Hund und Katze haben sich die Menschen nie verabschiedet; die Straßen der Großstädte und die Seiten des Internet bezeugen ihre Gegenwart. Andere Tiere wie Schweine, Kälber, Schafe und Puten sind allmählich hinter den Mauern von Zuchtfarmen und Schlachthäusern verschwunden; ihren Überresten begegnet der Konsument im Supermarkt. Der Ochse, lange Zeit das wichtigste Zugtier in Europa, taucht gelegentlich noch auf Speisekarten auf. Esel existieren wie Einhörner als Gegenstände der Malerei in Museen, Ziegen wohnen im Streichelzoo, und irgendwo tief im Weltraum kreist unsichtbar ein Planet der flügellosen Hühnchen.

Verblasste Bilder
In dieser Geschichte der Abschiede, die allesamt Auszüge des Menschen aus der analogen Welt sind, bildet die Trennung von den Pferden ein besonderes Kapitel. Besonders ist sie deshalb, weil sie sich trotz ihrer unerhörten Dramatik fast geräuschlos vollzog, und weil sie heute, ganze drei Generationen später, vollkommen vergessen ist. Dabei hatte, wer heute über sechzig ist, gute Chancen, die letzte Phase dieses Trennungsprozesses bewusst zu erleben. Wer in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf dem Lande geboren wurde, sah noch die letzten Reste einer Welt, wie sie hundert Jahre früher ganz ähnlich ausgesehen hatte: eine Welt, wie auf den Bildern der Düsseldorfer Schule.

Gewiss hatte die Zahl der Mühlen, die sich an den Bächen drehten, abgenommen, nur selten traf man in der Tiefe der Wälder noch auf den Meiler eines Köhlers. Aber die Bauern zersägten ihre Obstbäume, die der Sturm gefällt hatte, noch mit einer altertümlichen Handsäge, die von zwei Männern geführt wurde. Im Herbst klappten die Buben die Schulbücher zu und gingen zum Kartoffellesen. Wenn sich im Juni der Himmel bezog, überluden die Männer ihre Wagen mit Heu, bevor sie das schwankende Gefährt eilig in die Scheuern ihres Hofes lenkten. Die beiden Tiere, die vor dem Wagen gingen, wirken im Rückblick fast gespenstisch: Wesen, deren historische Zeit abgelaufen war, auch wenn sie jetzt, in der gewittrigen Stunde eines Frühsommers vor sechzig Jahren, noch blutvoll und lebendig wirkten. „Die Pferde“, schreibt der französische Kunsthistoriker und Schriftsteller Jean Clair in einem kürzlich erschienen Buch, „waren die ersten, die gingen, Ende der fünfziger Jahre. Sie waren nutzlos geworden und verschwanden für immer.“

Verlust der ländlichen Welt
In einem traditionsreichen Agrarland wie Frankreich, das die alten Wurzeln seiner Kultur im Landbau nie vergessen hat, wird der Riss, der damals eintrat, als besonders schmerzlich empfunden. Der Abschied von den Pferden erscheint als ein Geschichtszeichen für den Verlust der ländlichen Welt: „Ich gehöre zu einem verschwundenen Volk“, so Jean Clair weiter. „Bei meiner Geburt machte es noch an die 60 Prozent der französischen Bevölkerung aus. Heute sind es keine 2 Prozent mehr. Eines Tages wird man anerkennen, dass das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts nicht der Aufstieg des Proletariats war, sondern das Verschwinden des Bauerntums.“

Gegen Ende der fünfziger Jahre befand sich die Zahl der Pferde in der Bundesrepublik im freien Fall. Grasten 1950 noch mehr als 1,5 Millionen Pferde im westlichen Deutschland, so waren es 1970 nur noch 250.000, ein Sechstel von ehedem. Noch tiefer war der Fall, wenn man sich vor Augen hält, dass vor dem Ersten Weltkrieg 4 Millionen Pferde in Deutschland lebten. Aber damals verteilten sie sich noch auf die Gesamtfläche eines Reiches, von dem nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr viel übrig geblieben war. Natürlich hat es auch nach diesen Jahren noch Pferde in Deutschland gegeben. Seit 1970 ist ihre Zahl sogar wieder angestiegen. Damals begann die zweite historische Karriere des Pferdes als Freizeitartikel, Prestigeobjekt und Seelsorger der weiblichen Pubertät. Heute wird die Zahl der Pferde in Deutschland auf über eine Million geschätzt. Und ebenfalls über eine Million Männer und Frauen in Deutschland treiben regelmäßig Pferdesport – mit einer bezeichnenden Asymmetrie zugunsten der Frauen und Mädchen.

Fast 6000 Jahre hat Bestand gehabt, was ich den „kentaurischen Pakt“ genannt habe: die schicksalhafte historische Arbeitsgemeinschaft von Menschen und Pferden. Auch wenn der Begriff „Pakt“ ein Ungleichgewicht kaschiert – wann hätte man jemals gehört, dass die Pferde diesen Pakt unterschrieben hätten? – so betont das „Kentaurische“ daran doch das Enge und historisch Zwingende der Verbindung. Mit keinem anderen Lebewesen außer Seinesgleichen hat der Mensch jemals in so intensiver und effektiver Weise Politik gemacht, Krieg geführt und Geschichte gemacht. Geschichte zu haben und sie zu machen, ist nicht das alleinige Privileg der schreibenden Völker, sondern auch das der reitenden Völker. Oswald Spengler hat das auf den Begriff gebracht, als er sagte, durch das Pferd komme das Tempo in die Geschichte – und mit dem Tempo die Möglichkeit, große Politik zu treiben. Mit Pferden ließen sich nicht nur weit ausgedehnte Territorien erobern, das so gewonnene Land ließ sich auch halten und beherrschen. Mittels Postenketten und Kurierdiensten war man in der Lage, ein schnelles und umfassendes Kommunikationsnetz zu unterhalten. Seitdem Menschen gelernt haben, Pferde zu zähmen, zu züchten und zu gebrauchen, wird politische Herrschaft zu einer Funktion der Geschwindigkeit.

Diese 6000 Jahre alte Beziehung von Menschen und Pferden löst sich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert innerhalb kurzer Zeit auf. Nachdem die Jahre zwischen 1880 und 1890 den Höhepunkt des Pferdezeitalters markierten, zeichnet sich schon um 1910 sein Ende deutlich ab. Die Weltkriege werden den Pferdeverbrauch noch einmal in ungeahnte Höhen treiben und das Pferdezeitalter um ein tragisches und blutiges Nachspiel verlängern. Im Prinzip aber ist die Sache kurz nach der Jahrhundertwende schon entschieden: Erstmals stehen jetzt Motoren, ob Elektro-, Otto- oder Dieselmotoren, in ausreichender Zahl und kompakter Bauweise zur Verfügung, um das Pferd als Hauptlieferanten kinetischer Energie zu ersetzen.

Agent und Opfer der Modernisierung
Durch das gesamte 19. Jahrhundert hindurch hatte der Verbrauch von Pferden in der westlichen Welt beständig zugenommen. Kein Jahrhundert zuvor hat so viele Pferde gebraucht, verbraucht und verschlissen wie das 19., keines hat ihm so viele Bilder, Denkmäler, Erzählungen und Romane gewidmet. Die landläufige Vorstellung von diesem Jahrhundert der Mechanisierung und Industrialisierung sieht eine Welt im Zeichen der Maschine. Sie übersieht den Anteil, den das Pferd an diesem Prozess hatte. Die Eisenbahn, um nur von ihr zu reden, ist ein mächtiges und potentes, aber auch ein grobmaschiges Netz. Um die Tiefe des Landes zu versorgen, bedarf es der Pferde, und je mehr Eisenbahnlinien entstehen, umso mehr Pferde werden gebraucht. Dasselbe gilt von den Transportnetzen des innerstädtischen Verkehrs, die mit Hunderten und Tausenden von Pferden betrieben werden, von der sich langsam mechanisierenden Landwirtschaft und von der Logistik der immer größeren und immer schwerer bewaffneten Armeen. So erweist sich durch das gesamte 19. Jahrhundert hindurch das Pferd als Agent der Modernisierung, bevor es gegen Ende des Jahrhunderts zu deren Opfer wird.

Das Schicksal des Pferdes erschöpft sich freilich nicht im Anstieg und Abfall von Kurven; weder in den Statistiken seines Verbrauchs noch in den Stammbäumen seiner Züchter bildet sich seine Geschichte richtig ab. Das Pferd ist ein objet total im Sinne der französischen Historiografie, ein Objekt der Realgeschichte ebenso wie der Wissensgeschichte, ein Gegenstand der Kunst, der Imagination und des Traums. Auch Vorstellungen seien Realitäten, hat der Historiker Jacob Burckhardt geschrieben, und in diesem Sinne sind die Pferde der Literatur, der bildenden Kunst und der Mythen ebenso ein integraler Teil der Realität wie die mit ihren Hufen klappernden und über ihren Futterbeuteln nickenden Tiere am Droschkenstandplatz einer europäischen Metropole des Jahres 1870.

Seit drei Jahrzehnten wiederholen wir Lektionen, die uns die Philologien des Poststrukturalismus und Konstruktivismus vermittelt haben: Um die Natur des Pferdes richtig zu erfassen, muss man es in seiner Kultur beschreiben. Man muss es in allen Bezügen menschlichen Wissens, Könnens und der Repräsentation sehen, in denen das symbolträchtige Tier seinen Platz hat. Was wir als „Natur“ bezeichnen, sind in Wahrheit kulturelle Konventionen. Es scheint an der Zeit, einen Blickwechsel zu wagen und die Laufrichtung der Beschreibung zu ändern. Wir werden unsere Kultur vollständiger und richtiger beschreiben, wenn wir von dem Anteil an Natur ausgehen, ohne den sie nicht denkbar gewesen wäre. Wir können die Geschichte der Menschen von ihren nicht-menschlichen Partnern her begreifen, den Pflanzen und den Tieren, dem Wind und der Technik. Wir können die Anthropologie um ihre verlorenen Teile ergänzen, die Geologie und die Zoologie.