01.12.2016

Ausstellung: "Die Gabe/The Gift" 

Grundlagen einer Erfolgsgeschichte

Ulrich Raulff

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach dankt mit der ­Ausstellung „Die Gabe/The Gift“ seinen wichtigsten Förderern: den Mäzenen, Autoren und Sammlern.

Do ut des. So einfach und klar sah ein Römer die Sache: Gib, damit dir gegeben werde. Im Kern der einfachen Zirkularökonomie steht eine Erwartung: dass dem Gebenden tatsächlich zurückgegeben werde. Immer wieder haben die Theoretiker des Gabentauschs dieses Moment der Erwartung betont, das sich mit jeder Gabe verbindet. Auch kulturelle Institutionen, große Einrichtungen des Gedächtnissses wie die Sammlungen des Marbacher Literatur­archivs, sind aus Gaben entstanden. Aus zahllosen Stiftungen, Vermächtnissen, mä­zenatischen Akten, die alle von der Erwartung begleitet waren, dass etwas zurückgegeben werde. Vieles von dem, was sie waren, was sie wurden und was sie sind, verdanken die Institute von Marbach dem Engagement gebildeter Bürger und großzügiger Mäzene. Es wurde Zeit, dieses Kapitel unserer Geschichte einmal seinem ganzen historischen Umfang nach aufzublättern. Es wurde Zeit, sich an den Beitrag der Stifter und Mäzene Marbachs zu erinnern. Es wurde Zeit, Dank zu sagen.

Dank an Stifter und Mäzene

Es wurde auch Zeit, sich daran zu erinnern, wie viele Einzelne – Autoren, Erben, Samm­ler – und bedeutende Stiftungen an „Marbach“ mitgebaut haben. Man versteht das Zustandekommen solcher großen Sammlungen nicht, wenn man nicht das stille Wirken von Tausenden von Bürgern und Stiftern sieht, die den Sammlungen Inhalt, Richtung und Farbe gegeben haben. Auch dies ist, um es mit einem derzeit beliebten Begriff zu bezeichnen, Provenienzgeschichte: Eine große sammelnde Institution der kulturellen Überlieferung macht sich klar, woher sie kommt und wer zu ihrem Ent­ste­hen beigetragen hat. Ein Ort des Gedächtnisses erinnert sich seiner eigenen Geschichte.

Die Kuratorinnen der Ausstellung „Die Gabe/The Gift“ haben als deren Sinnbild den Apfel gewählt, vielleicht das älteste Bild der Gabe schlechthin. Überreich an symbolischen Bezügen, auch an Ambivalenzen, steht der Apfel für weite Teile von Schillers Welt. War nicht Schillers Vater ein bedeutender Pomologe, ein theoretisch wie praktisch forschender Apfelkundler gewesen? Für das Deutsche Literaturarchiv repräsentiert der Apfel einen Teil, und möglicherweise den besten, seiner Geschichte. Er erinnert daran, dass „Marbach“ nicht nur das Werk weitsichtiger Kulturpolitiker, bedeutender Wissenschaftler und großer Autoren gewesen ist. In der Ausstellung ist der Apfel allgegenwärtig, als Aquarell von Schillers Lieblingsschwester Christophine, als Zielobjekt im Wilhelm Tell, als Briefbeigabe der Mutter von Franz Kafka, im Gedicht Schneewittchen von Gertrud von le Fort oder in Günter Eichs „Äpfel“.

Kronen der Ausstellung

Einige der gezeigten Stücke sind schon früher einmal präsentiert worden – so das in der Anfangszeit gestiftete „Hyperion“-­Exemplar Friedrich Hölderlins mit seiner berühmten Widmung „Wem sonst als Dir“. Ein längerer Dornröschenschlaf war dagegen jenem märchenhaft anmutenden Juwel vergönnt, das der Ausstellung buchstäblich die Krone aufsetzt. Das silberne Krönchen wurde Mary Tucholsky, die den Ruf genießt, ihr Leben auch nach der Schei­dung und dem Tod von Kurt Tucholsky ganz dessen Werk verschrieben zu haben, vom Schriftsteller Ernst Toller verehrt. Kein Stern am Dramatiker-Himmel der Weimarer Republik strahlte heller als derjenige Ernst Tollers, dem der Verleger Fritz Landshoff neben einer geheimen Liebe zum Luxus den Hang zu schönen Frauen nachgesagt hat. Wenige Jahre vor ihrem Tod verschließt Mary Tucholsky die Gabe in einem Kuvert, das bereits die Adresse eines Seniorenstifts am Tegernsee trägt, und notiert über dem Datum des 8. April 1984 „Krone von Ernst Toller mir zum Geburtstag in den dreissiger Jahren geschenkt Mary Tucholsky“.

Sucht man unter der Vielzahl guter Geister, die das institutionelle Gedeihen auf der Schillerhöhe in seinem ersten halben Jahrhundert gefördert haben, stößt man unweigerlich auf die von Kilian Steiner und Theodor Heuss.

Bildungsnaher Wirtschaftsbürger der eine, wirtschaftsnaher Bildungsbürger der andere, verbindet den wichtigsten Bankier des Königreichs Württemberg und den ersten Präsidenten der Bundesrepublik neben der Liebe zur Literatur das Bewusstsein ihrer schwäbischen Herkunft. Miteinander betrachtet, decken sie das gesamte Spektrum der für ein Literaturarchiv und -museum entscheidenden Formen der Gabe ab, indem sie in unterschiedlicher Verteilung und zu unterschiedlicher Zeit als Gründer, Stifter und Fürsprecher, aber auch als Ideengeber, Festredner und Autor wirkten.

Seit ihren Anfängen um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden die Marbacher Einrichtungen vom Land, damals noch Königreich Württemberg, gefördert. Bereits im zweiten Jahrzehnt ihres Bestehens trat das Reich hinzu, das später durch den Bund abgelöst wurde. Innerhalb Deutschlands gilt heute die Grundfinanzierung der kulturellen Einrichtungen durch ihre „Zuwendungsgeber“ als das Übliche. Andere Länder erblicken darin zu Recht eine beneidenswerte nationale Errungenschaft. Deutsche Amerikareisende wiederum schwärmen oft von der beeindruckenden Stifterkultur jenseits des Atlantiks und übersehen dabei, dass auch hierzulande kaum eine kulturelle Institution ohne die erheblichen Anstrengungen von Gebern und Stiftern auskommt. Viele der Schätze, die unsere Sammlungen hüten und unsere Museen zeigen, sind, was unserer Ausstellung den Titel gab: nicht Ausfluss erzwungener und anonymer Fiskalabgaben, sondern individuell und großzügig gegebene Gaben.

Freunde der Kunst

Es gibt Voraussetzungen erfolgreichen kul­turellen Handelns, die tief im geistigen Humus eines Landes oder einer Region liegen. Tatsächlich ist die Erfolgsgeschichte Marbachs aufs Engste mit der intellektuellen und moralischen Geschichte seiner Region und ihres Bürgertums verbunden. Dass ein Archiv für Literatur in Baden-­Württemberg einen optimalen Standort besitzt, liegt nämlich nicht nur an der ungewöhnlich reichen und dichten litera­rischen Geschichte dieses Landes, sondern auch an der besonderen mäzenatischen Zuwendung, die diese Kunst und ihre Sachwalter hier erfahren. Ihren stärksten und konzentriertesten Ausdruck findet diese geistige Haltung im Wirken des Freundeskreises, der die Marbacher Institute seit mehr als zwanzig Jahren begleitet, eine knappe Hundertschaft von Mäzenen beiderlei Geschlechts. Fünfzehn Jahre lang, bis zum vergangenen Sommer, hat Berthold Leibinger, der Ingenieur, Erfinder und Kenner der Literatur, diesem Kreis vorgestanden und ihn mit seinem Witz, seinem Genie der Freundschaft und seiner tiefen menschlichen Klugheit inspiriert. Ihm ist diese Ausstellung gewidmet.

Mitarbeit: Susanna Brogi, Magdalena Schanz und Jan Eike Dunkhase

Erschienen in Rotary Magazin 12/2016

Ulrich  Raulff

Prof. Dr. Ulrich Raulff ist Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Zu seinen Büchern gehört u.a. „Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben“
(C.H.Beck 2009).

 

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