15.02.2011

Warum totale Veröffentlichung nicht zu mehr Freiheit führt

Der große Irrtum

Jaron Lanier

Ein ewig wiederkehrendes Problem bei Revolutionen besteht darin, dass die Revolutionäre niedlich sind, solange sie sich noch vor ihrem Sieg im Dschungel befinden, jedoch schnell heruntergekommene und sadistische Züge annehmen, sobald sie an die Macht gelangt sind. Der aufstrebende Che war sexy, der zur Macht gekommene Castro jedoch war grausam. Eigentlich war auch Che grausam, wie man hätte wissen können, aber zumindest war jedoch die Illusion möglich. Dies ist ein vertrautes Dilemma und es wird oft gemeint, dass die einzige Lösung in einer konstanten Revolution besteht. Thomas Jefferson erwägte periodisch wiederkehrende Amerikanische Revolutionen, jedoch nicht gewalttätiger Art. Ein in amerikanischen Komikerkreisen geläufiger Witz lautet: „Windeln und Politiker sollten häufig gewechselt werden – und das aus dem gleichen Grund.“ So ist es nur natürlich, Sympathien für Wikileaks zu hegen. Wir können die Plattform leicht als einen sexy Revolutionär im digitalen Dschungel betrachten. In unserem Hinterkopf könnten wir uns selbst versichern, dass wenn Revolutionäre für die digitale Offenheit die Hauptstadt stürmen und sich dann als Trottel herausstellen, immer eine andere Rebellenbande auftauchen kann, um sie zu stürzen.

Der digitale Dschungel ist jedoch anders und dies ist der Grund, weshalb ich gegenüber Wikileaks nicht mitfühlend sein kann. Ein Problem besteht darin, dass die Menschen gewöhnlich keine digitalen Revolutionen kommen sehen können. Facebook machte seinen Weg in nur wenigen Jahren von einer coolen Neuheit zu einer nahezu globalen universellen Notwendigkeit. Es war nicht so, dass die Roten und die Weißen Armeen in den Straßen gekämpft hätten, um einen Hinweis auf die zu erwartenden Veränderungen zu geben. Stattdessen hat sich das Problem herangeschlichen. Unabhängig davon, ob man Facebook mag oder nicht – der Punkt ist, dass die Wahlfreiheit schnell reduziert wurde.

Die Macht der Netze

Digitale Macht ist aufgrund von sogenannten „Netzwerk-Wirkungen” hartnäckig. Es ist schwer, Facebook zu verlassen, wegen all der Beziehungen, die verlorengehen würden, weil man zu den Daten keinen Zugang mehr hätte. Digitale Strukturen neigen dazu, eine Alles-oder-Nichts-Qualität zu haben, genau wie ein Digitales Bit. Eine Konstruktion wie Facebook bleibt entweder auf der Strecke oder wird zu einem universellen Standard. Und dieser ist schwerer als eine Regierung aus dem Amt zu heben.

Wenn man also ein digitales Phänomen in seiner Anfangsphase betrachtet, darf man es nicht wie einen niedlichen Che im Dschungel bewerten. Sie müssen von ihm denken, als wäre es das Politbüro. Wenn ein digitales System sich als Sieger erweist, hat es keine Zeit erwachsen zu werden, bevor es zur Macht gelangt.

Da Wikileaks relativ klein ist, hält man es auch für niedlich, und somit befindet es sich immer noch in seiner Dschungel-Phase. Aber was ist, wenn es sich zu einem Facebook entwickelt? Ich meine nicht, dass es sicher ist, dass es so einflussreich wird, aber das Potential besteht. Ich fürchte folgendes Szenario für Wikileaks: Die allgemeine Kommunikation in Regierungen und Unternehmen wird unecht und banal, wie dies auf Facebook der Fall ist, außer wenn die Aussagen nichtssagend gehässig und geschwätzig sind, wie es ebenfalls auf Facebook der Fall ist. Es wird jedoch keine diplomatische Kommunikation geben.

In der Zwischenzeit wird echte und wichtige Kommunikation versteckt in einem Bunker erfolgen, nahe einem leistungsstarken Server, in den Außenstehende nicht eindringen können. Dies ist dann das neue Muster der Machtverteilung unter den Menschen. Die digitale Technologie hat den menschlichen Einfluss neu strukturiert.

Kommunikation im Geheimen

Bestimmte Großrechner im Internet sind zu alles erfassenden Augen geworden, die Unterlagen über den Rest der Welt zusammenstellen. Einige von diesen werden „Server für soziale Netzwerke“ genannt, während andere als „Server für Hedge-Fonds“ bezeichnet werden, und damit haben auch wir den geheimen verschlüsselten Kern des Wikileaks-Servers, mit dem zu kämpfen ist. In allen Fällen finden sich kleine Gruppen von Leuten in der Nähe dieser speziellen Server zusammen und sprechen im Geheimen.

Wenn dies stattfindet, werden Wohlstand und Macht durch die Nähe zum richtigen Computer bestimmt. Eine anständige Regierung scheint nur fortzubestehen, wenn es eine starke Mittelkasse gibt, und es ist traurigerweise der Fall, dass Computernetzwerke dazu genutzt wurden, Wohlstand und Macht von der Mittelklasse entfernt neu zu verteilen, zumindest in den USA und in Europa.

Die Mechanismen, mit denen die Mittelkasse in den USA untergraben wurde, beinhalteten gewöhnlich Computernetzwerke. Es begann mit Wal Mart, dem riesigen Einzelhändler, der Computernetzwerke dazu einsetzte, um Vertriebssysteme so zu perfektionieren, dass es keine Rolle mehr spielte, wo etwas hergestellt wurde. Es lässt sich schwerlich zu stark über diese Entwicklung aufregen, da sie gleichermaßen den Grundstein für den friedlichen Aufstieg von China legte; für einen Prozess, der, zumindest bis zum jetzigen Zeitpunkt, reibungsloser über die Bühne ging, als man zu hoffen wagte.

Aber dann wurden die gleichen Prinzipien direkt auf den Finanzbereich angewendet und dies gestattete es den Bankern, Profite ohne eigenes Risiko zu schaffen, was genau das Gleiche ist wie das Anhäufen von Reichtümern in einer neuen Aristokratie. Es gibt neue Aristokratien in der Finanzwelt, jedoch auch in der Kultur. Publizisten, Musikunternehmen und Filmstudios sind anderen Unternehmen geflissentlich zu Diensten, die die zentralen Computer im kulturellen Bereich betreiben, wie z.B. Apple, Facebook und Amazon.

(Dies ist vielleicht ein guter Augenblick, um meine Warnung vor Wikileaks zu unterbrechen, um darauf hinzuweisen, dass die Computertechnologie entscheidend für das menschliche Überleben ist, auch wenn sie oftmals in ungeeigneter Weise genutzt wird. Auch wenn es den Rahmen dieser kleinen Warnung überschreiten würde zu beschreiben, wie man die Dinge besser angehen könnte, möchte ich dem Leser versichern, dass die verständnisvolle Nutzung von Informationstechnologie existiert und weder geheimnisvoll noch obskur ist.)

Auswirkung auf die Politik

Wenn die durch Wikileaks geförderten Systeme wachsen und gedeihen, dann wird es eine ähnliche neue Art von Macht in der Politik geben. Welcher Art werden diese Aristokratien sein? Die einen meinen: intelligent, aber sozial unbeholfen und sonderlich. Die ganze Welt entwickelt sich zu einem Fall des Asperger-Syndroms. Ich bin ein solcher Sonderling und ich mag Sonderlinge; somit ist es verlockend, den Gedanken in Erwägung zu ziehen, dass eine von Sonderlingen geführte Welt gar nicht mal so schlecht wäre. Wenn es nur so wäre.

Was tatsächlich passiert, wenn Computer dazu genutzt werden, um Macht zu konzentrieren, ist, dass eine zu starke Machtkonzentration stattfindet. Die einzigen Bremsmechanismen für die Ansammlung von Reichtümern durch Finanzcomputer bestanden in der jeweils zu versagen drohenden Unterstützung der Währungen durch die Länder. Also hört man jetzt absonderliche Banker sich untereinander darüber unterhalten, neue außerstaatliche Währungen zu erschaffen.

Darüber hinaus wird es so sein, dass Menschen, die sich sonst nicht wie Sonderlinge verhalten haben, lernen müssen, sich wie solche zu verhalten, um in der Welt zurechtzukommen. Teenager lernen, sich als Daten auf den Seiten sozialer Netzwerke zu präsentieren und ihr Leben so zu leben, dass es in die im System eingebetteten Kategorien passt. Der Begriff „Werbung“ wird verwendet, um den Prozess von Zugang zu und Einfluss auf Kaufverhalten in einer Welt computerisierter Macht zu beschreiben. Während man mühsam versucht, sein eigenes vorgebliches Image auf Facebook zu wahren, stellen die Unternehmen ein geheimes Dossier über einen selbst und jeden anderen zusammen, sodass der Zugang zu Ihnen an politische Kampagnen, Zahnweiss oder Finanzhöker verkauft werden kann. Sie sind das Produkt, nicht der Kunde. In der Zwischenzeit werden die evtl. von Ihnen online angebotenen Dinge – Ihre kreative Arbeitsleistung, Ihre Meinungen, Ihr Rat – im Sinne von echtem Geld völlig wertlos gemacht.

All dies soll nur darauf hinweisen, dass das Wikileaks-System, wenn es richtig groß wird, KEINE Offenheit fördern würde, sondern es würde eine Neuverteilung der Stellen stattfinden, an denen Geheimnisse bewahrt werden. Auch würde es Geheimnisse in stärkerem Maße geheim machen. In einer von Wikileaks geschaffenen Welt wären die Regierungs- und Unternehmensaktivitäten, die man aufgrund der gefeierten Offenheit sehen könnte, ähnlich der Offenheit bei den sozialen Dynamiken, die sich bei Facebook feststellen lassen: manchmal interessant, gelegentlich bewegend und beachtlich, jedoch im Großen und Ganzen banal. Die echten Neuigkeiten, die reale Macht, wären in einem Nachfahren von Julian Assanges verschlüsselten Server verborgen. Computer immunisieren die Menschen, die sie für Machtzwecke nutzen. Wenn Banker Computer verwenden, um Reichtümer ohne Risiken anzuhäufen, gehen sie nicht ins Gefängnis. Digitale Informationen sind in perfekter Weise steril, ersetzbar, löschbar und verschleierbar.

Wikileaks ist als kleine rebellische Gruppe eine Sache, als Prototyp für größere Ereignisse jedoch, erschafft es den Prototypen für eine digitale Immunisierung in der Politik. Die Diktatoren der Welt beobachten Wikileaks und auch wenn sie vielleicht keinen Gefallen an den gelegentlichen Facebook-artigen Peinlichkeiten finden, die über sie in diesen frühen Phasen ans Licht gelangen, lernen sie hier jedoch auch neue Tricks. Wenn jemand wie Assange Macht mit einer digitalen Strategie ansammeln kann, was ließe sich darüber hinaus noch daraus machen? Ich fürchte die Antworten auf diese Frage.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2011

Jaron Lanier
Jaron Lanier ist Informatiker, Künstler und Autor. Als Internetpionier gilt er als Erfinder des Begriffs "Virtuelle Realität". Zuletzt erschien "Gadget. Warum uns die Zukunft noch braucht" (Suhrkamp 2010) www.jaronlanier.com

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