15.02.2011

Wikileaks und die Welt des Julian Assenge

Die Abschottung ist der Störfall

Matthias Matussek

Nun hat Wikileaks, die Enthüllungsplattform des Australiers Julian Assange, tatsächlich den ersten Volksaufstand zu verantworten. Einen völlig berechtigten und ganz sicher überfälligen.

Die Veröffentlichung der Depeschen aus der amerikanischen Botschaft über das verschwendungssüchtige Treiben des tunesischen Herrschers Ben Ali und seiner Familie war die Lunte am Pulverfass. Die gereizte Stimmung der Straße explodierte. Unten, in den Armenvierteln von Tunis grassieren Elend und Arbeitslosigkeit, oben in der Diktatoren-Villa überm Mittelmeer gab es Kaviar am Pool und Wasserfontänen aus antiken Löwenköpfen. Gleichzeitig wurden in den Gefängnissen Dissidenten gefoltert. Nun also wagte das Volk den Aufstand und vertrieb die Herrscherclique, und „Spiegel online“ textete dem geflüchteten Ben Ali die glänzende Headline hinterher: „Nach Diktatur verreist“.

Gespaltene Öffentlichkeit

Über das Treiben der Indiskretionsmaschine Wikileaks ist die Öffentlichkeit heftig gespalten. Hat der Volksaufstand nun denjenigen Recht gegeben, die grenzenlose Offenlegung für einen demokratischen Zugewinn halten, und Enthüllungen geradezu für eine Pflicht?

Diese Fraktion hatte bereits einige Monate zuvor heftig applaudiert. Da nämlich hatte Wikileaks Videos aus dem Afghanistan-Krieg veröffentlicht, die zweifelhafte, wenn nicht illegale Einsätze der amerikanischen Streitkräfte zeigten. Natürlich waren amerikanische Militärs und Politiker über diese Bloßstellung entsetzt. Doch für die große Öffentlichkeit schien der Zweck die Mittel zu heiligen, schließlich ging es hier um die Aufdeckung möglicher Kriegsverbrechen. Wikileaks-Chef Assange bekam die Konturen eines Freiheitshelden.

Als Wikileaks dann ein paar Wochen später einen Datenhaufen aus einer Viertelmillion Depeschen ins Netz stellte, Kabel aus dem US-Außenministerium und dessen Botschaften aus aller Welt, zum Teil durchaus drastische, war die Öffentlichkeit eher amüsiert als schockiert. Man konnte erfahren, dass Putin rücksichtslos ist und Westerwelle ein Leichtgewichtler und Merkel farblos. Man erfuhr von tschetschenischen Gangster-Hochzeiten und Nordkoreas Kims Schwäche für Brandy. Und konnte – von allen zunächst übersehen – über die Bizarrerien des Ben-Ali-Clans lesen. In den Beurteilungen der Diplomaten über ihre Gastländer und deren Regierungen wechselten sich Witz und Häme mit scharfsinnigen Analysen – die US-Außenministerin hatte viel zu telefonieren, um Beziehungen zu kitten und das Gesicht zu wahren.

Nun tauchten erste größere Widerstände auf. Die Regierung übte Druck aus. Das hatte Wirkung. Große Firmen wie Mastercard oder PayPal boykottierten das Finanzierungssystem von Wikileaks. Deren Unterstützer wiederum organisierten sich in digitalen Horden und legten deren Netzwerke lahm. Es folgte ein digitaler Krieg, der auch ein ideologischer Kampf war.

In der Optik der Wikileaks-Kämpfer war der Frontverlauf klar: Die anologe Welt setzte sich gegen die digitale zur Wehr, die Mächtigen gegen die Piraten, die Hüter schmutziger Geheimnisse gegen die, die ihnen das Handwerk legen wollten. In der Folge suchten amerikanische Regierungsstellen hektisch nach möglichen Anklagepunkten und benahmen sich aus Sicht der Netz-Piraten sozusagen „rollengerecht“. Als dann auch noch zwei Schwedinnen Vergewaltigungsvorwürfe gegen Julian Assange erhoben, weil er ungeschützten Sex mit ihnen gehabt haben soll, und der Australier, der per internationalem Haftbefehl gesucht wurde, in Großbritannien hinter Gitter kam, schienen all diese Puzzleteile einer Treibjagd in ein größeres Bild zu passen: Assange wird gehetzt von den Mächtigen, und soll, mit welchen Mitteln auch immer, zur Strecke gebracht werden.

Systemsturz mit digitalen Mitteln

Wenn das keine Verschwörungstheorie erhärtet. Die Pointe liegt allerdings darin, dass eine gewisse Paranoia schon zum Gründungsmythos von Wikileaks gehört. Nämlich die Annahme, dass jede Art von Geheimnis, sei es seitens der Regierung, sei es seitens der Banken, schmutzige Anteile enthält, die enthüllt werden müssen. So lag es auch in der Logik dieser Gefechte, dass Assange, sozusagen als Vergeltung für seine zeitweise Inhaftierung, die Offenlegung von Daten einer Großbank ankündigte.

Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider sieht paranoische Intelligenz bei Wikileaks am Werk. Schneider hat sich für sein Buch „Das Attentat“ mit der psychischen Innenausstattung von Attentätern beschäftigt. Die meisten von ihnen rastern die Welt auf verborgene Anzeichen und versteckte Botschaften, die sie dann auf ihre eigene Weise zusammensetzen – mit tödlichen Konsequenzen. Die Existenz von Wikileaks, so Schneider, verdanke sich einem „paranoischen Verlangen, bis in die äußersten Winkel Licht zu schicken und der Macht noch das letzte Geheimnis zu entreißen.“ Bei Assange kommt noch ein politisches Kampfziel hinzu. Er sagt: „Wir wollen keine transparente Gesellschaft, sondern eine gerechte Gesellschaft“. Man könnte also von der Fortsetzung des (systemstürzenden) revolutionären Kampfes mit digitalen Mitteln reden.

Nun, zunächst einmal werden die Indiskretionen durch Wikileaks dazu führen, dass sich der Staat (oder Unternehmen oder Banken) noch sorgfältiger um Geheimhaltung mühen werden. Die Sicherheitslücken werden gestopft, das Geheimnis wird undurchdringbar ummantelt. Also werden wir der paranoiden Vermutung auf dem nächsthöheren Sicherheitslevel begegnen, da für den Hacker und Code-Knacker und digitalen Geheimnispiraten gilt: Die Abschottung ist der Störfall. Und sie werden nicht ruhen, bis der behoben ist.

Folgen für die Politik

Nun gibt es aber keine erfolgreiche Politik ohne verschwiegene Diplomatie. Keinesfalls können etwa komplizierte Verhandlungen um Abrüstung oder Erleichterungen in Menschenrechtsfragen im hellen Tageslicht geführt werden, und Diktaturen werden sich hüten, ernsthaft ins Gespräch zu gehen, wenn sie nicht damit rechnen können, dass diese geheim bleiben. Die gläserne Diplomatie wäre gleichzeitig eine erfolglose.

Staaten brauchen Geheimnisse. Wie im übrigen auch Menschen. Wer ihnen die nicht lässt, endet mit seinem Durchleuchtungsfuror im Terror, und mich wundert, dass bisher keiner der basisdemokratischen Netzguerilleros auf die Idee gekommen ist, dass sie an der Fabrikation eines Orwellschen Beobachtungssystems arbeiten, welches jeder öffentlichkeitsabgewandten Kommunikation mit Misstrauen begegnet.

Die Abwurfstelle für Informationen auf der Wikileaks-Plattform heißt „Whistleblower“. Jeder kann dort Denunziationen hinterlegen, hinter diesen digitalen Klappen für Verrat. Das hatte bereits Folgen. Dem Manager eines Unternehmens wurde gekündigt, weil er sich in einem Gespräch verächtlich über dessen Produkt geäußert hatte. Wo ist die Grenze der Enthüllung? Bald ist auf Wikileaks nicht nur der Klatsch eines Ministers über einen anderen nachzulesen, sondern bald wird die „Enttarnung“ auf das Schlüsselloch-Niveau abgesunken sein, auf dem die anonymen Briefe zirkulieren, die jedes Jahr körbeweise anonym den Finanzämtern zugehen: der Nachbar hat ein verdächtig großes Auto etc. Daher: Nein, die Wikileaks-Plattform ist nicht von vornherein Fortschritt auf dem Weg der Demokratisierung. Sie könnte sich sogar als Rückschritt erweisen.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2011

Matthias Matussek
Matthias Matussek ist Journalist und Autor der Tageszeitung „Die Welt“. Zu seinen Büchern gehören u.a. „Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können“ (Fischer 2006) und „Das katholische Abenteuer“ (Goldmann 2012). www.matthias-matussek.de

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