10.03.2013

Zeichen eines neuen Kulturkampfes

Ignoranz und Intoleranz

Matthias Matussek

Als Papst Benedikt überraschend seinen Rücktritt vom Amte Petri bekannt gab, verstummte der Lärm um die katholische Kirche. Für einen Moment. Kanzlerin Angela Merkel verneigte sich in ihrer Botschaft vor einem „der bedeutendsten religiösen Denker unserer Zeit“ und Bundespräsident Joachim Gauck, auch er Protestant, bekannte: „Sein Glaube, seine Weisheit und seine menschliche Bescheidenheit haben mich tief beeindruckt.“

Ja, für einen Moment schien es, als dränge der zarte kleine Professorenpapst durch und fände Gehör mit dem, was ihm wichtig war: dem Glauben und der Kirche. Doch der Schock verflüchtigte sich schnell. Kaum fanden die Kommentatoren ihre Sprache wieder, wurden in bekannter Monotonie die Punkte abgearbeitet, die sie auf ihren Listen hatten, um ein „verunglücktes“ Pontifikat zu zerreden. Missbrauchsskandal, Vati-Bank, Sexualmoral, Zölibat, Priestertum für Frauen. Wenn Leitartikler oder Fernsehmenschen in Deutschland über die Kirche reden, dann am liebsten darüber, dass sie nicht so ist, wie sie sie gerne hätten.

Eine Mängelliste, in der der Glaube nicht auftaucht. Aber fällt uns der Glaube an den Auferstandenen leichter, wenn er von Frauen gepredigt wird? Fallen uns die zehn Gebote leichter, ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn eindringlicher, ist das Angelus-Gebet für die Jungfrau Maria schöner, wenn wir uns vorher über die Pille danach geeinigt haben?

Ignorante Heimat

Dieser Papst war der große Kirchenlehrer im Amt. Er hat die Re-spiritualisierung zu seinem Anliegen gemacht, besser: die Frömmigkeit. Wer ihn erlebt hat auf dem Weltjugendtag in Madrid, den Jubel und die Andacht der Jugendlichen aus aller Welt, weiß, dass er verstanden und geliebt wurde. Nur nicht in seiner Heimat.

Da war seine Mahnung zur Toleranz dem Islam gegenüber, wohlgemerkt in einer akademischen Rede in Regensburg, in der er das Verhältnis von Glaube und Vernunft disputierte. Die gleichen Kritiker, die sich zuvor über die islamistischen Morddrohungen im Karikaturenstreit ereiferten und die Meinungsfreiheit einklagten, warfen ihm nun vor, dass er die muslimische Welt beleidigt habe – und das, obwohl über hundert muslimische Gelehrte ihm dankten für wichtige Impulse. Da waren seine ergriffenen Worte in Ausschwitz, die jedoch nicht den Erwartungen seiner deutschen Kritiker entsprachen und daher von ihnen verdammt wurden – und das, obwohl ihm der Rabbi in Jerusalem ganz besonders für die Gesten gegenüber dem Judentum dankbar war. Da war von der „Frustration“ der Protestanten die Rede, die der Präses der EKD allerdings erst nach hartnäckigem Nachsetzen durch den ZDF-Intendanten Frey bekannte.

Im Missbrauchsskandal fand der Papst Worte größter Scham und bat um Verzeihung vor Gott und den Menschen in seinen Karfreitagsfürbitten – was hartnäckig überhört wurde. Doch dann das Dauerthema, die „Sexualmoral“, denn nichts ist unserer Gesellschaft wichtiger als ein störungsfreies und möglichst promiskes Geschlechtsleben. Dabei schrieb Benedikt XVI. gleich in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ über das göttliche Geschenk und die Heiligkeit der körperlichen Liebe – war diese Einlassung in Zeiten des grassierenden pornografischen Totalschadens und der mit ihr einhergehenden seelischen Verkümmerung nicht ungleich wichtiger als all der Party-Lärm der Schwulenverbände, die mit Trillerpfeifen gegen ihn loszogen?

Immer wieder hob der Heilige Vater die enorme Bedeutung der Frauen in der Kirchengeschichte hervor und ihr Gewicht für das alltägliche Gemeindeleben – doch nichts scheint unserer Gesellschaft wichtiger als eine Frauenquote auch fürs katholische Priesteramt. Warum nur kommt bei uns keiner darauf, das gleiche vom Islam zu fordern?

Antikatholische Affekte

Zu den merkwürdigsten Phänomenen unserer Zeit gehört wohl, dass die katholische Kirche stört in ihrer Gestalt, obwohl sich die meisten von ihr bereits abgewendet haben, besonders hier in Deutschland. Sie stört sozusagen im Rückspiegel. Sie löst selbst bei denen, die nicht das Geringste mit ihr zu tun haben, immer noch Affekte. Da qualmen die Köpfe, da fliegen Stühle, da schwillt der Lärm an. Jede Ungeschicklichkeit, jeder Anflug von Ratlosigkeit wie in jenem Einzelfall in Köln, als ein katholisches Krankenhaus sich weigerte, einer Frau in Not die Pille danach zu verabreichen, wird zur entscheidenden Frage der Weltkirche hochgejazzt. Hinter all den aufgeregten Debatten schwelt Vernichtungs-Wut. Als wolle man das ganze Haus abreißen, weil man mit den Kacheln im Badezimmer nicht einverstanden ist.

Sicher, die katholische Kirche in Deutschland ist scheinbar mächtig und sicherlich reich, aber von den über 20 Millionen Kirchensteuer zahlende Katholiken gehen gerade mal zehn Prozent in die Kirche. Austritte werden von der Dauertalkshow unserer Partygesellschaft bejubelt nach dem Motto: Willkommen im Club. Dass die Zahlen bei den Protestanten noch verheerender sind, bleibt zumeist unbesprochen. Der Soziologe Andreas Püttmann hat wohl recht, wenn er in der „Tagespost“ feststellt: „Einen transzendenzverdünnten Kulturprotestantismus mit zeitgeistsynchronisierter Moral mag so ein Land als Zivilreligion noch dulden, einen römischen Katholizismus mit strenger Norm und Form nicht mehr.“

Der Konformitätsdruck der säkularen Gesellschaft ist so gewaltig, dass von einem neuen Kulturkampf geredet werden muss. Diese Gesellschaft duldet das Andere nicht. Erstaunlich, denn unsere multikulturelle Gesellschaft überschlägt sich geradezu, wenn es um die Toleranz und Respekt für Muslime geht. Hier wird jede Aufforderung, unsere Gesetze zu respektieren, als Zumutung verstanden.

Doch mit den Sittengesetzen der katholischen Kirche und ihren ethischen und moralischen Forderungen geht man anders ins Gericht. Lebensschützer etwa werden von vornherein zu düsteren Militanten gezählt. Aus katholisch wird in der Regel „erzkatholisch“. Und von dort zu „dunkel“ zu „reaktionär“ oder „rechtsradikal“ ist es nur ein kleiner Schritt. Wo immer katholische Kirchenvertreter in Talkshows auftreten, wird ihnen der Prozess gemacht.

Mittlerweile sprechen auch Bischöfe von „Modernisierung“. Wie das wohl in der Weltkirche, in Nigeria oder Neuseeland oder Brasilien gesehen wird, wenn die zölibatäre Priesterfigur mit ihrer eschatologischen Aura abgeschafft werden soll, nur weil sie Kreisen in deutschen Landen nicht mehr gefällt? Weil das, was da an ehrwürdiger Tradition 2000 Jahre gelebt wurde, nicht mehr modern ist? Ja, die romkritischen und papstskeptischen „Reformer“ unter den Bischöfen sprechen davon, dass sich die Kirche „vermenschlichen“ müsse, als sei sie bisher eine Organisation von Außerirdischen gewesen.

Zurück zu den Quellen

Und in dieser Lage fand der Papst kaum noch Gehör. Er sprach während seines Deutschlandbesuches in seiner mittlerweile berühmt gewordenen Freiburger Rede von seinem Wunsch nach einer „Entweltlichung“ der Kirche, gerade der kirchensteuersatten in Deutschland. Kaum war er weg, meinten manche Bischöfe, der Papst habe die Sache nicht so gemeint. Und wie er sie gemeint hat. Er mahnte eine Neubesinnung auf den Glauben an, und er hatte guten Grund dazu. Die überwiegende Mehrheit der Kartei-Katholiken glaubt nicht mehr an die Auferstehung, an die Wunder der Evangelien, an die heilige Dreifaltigkeit, aber sie ist mit der säkularen Moderne der Meinung, dass die Kirche – modern sein sollte. Der Papst aber sprach vom Glauben, auch vor unseren Parlamentariern im Reichstag. Er sprach von einer Wahrheit, die nicht an Mehrheiten gebunden ist. Auch sprach er von der Ökologie der Schöpfung, vom Schutz des Lebens. Ganz offensichtlich sprach man aneinander vorbei.

Dabei konnte doch der Papst in seiner Konzentration auf das, was wichtig sein sollte, auf das von den Modernisierungsstürmern so oft beschworene Zweite Vatikanische Konzil zurückgreifen, nämlich auf die Konstitution zur „Offenbarung“. In ihr wurde, nach langen und intensiven Auseinandersetzungen, formuliert, wie sich Gott heute den Menschen offenbaren könne. Nämlich nicht nur in der Eucharistie, sondern auch in der Heiligen Schrift. Nicht nur im Opfer, sondern auch in den Evangelien. Zurück zu den Quellen, das war das heimliche, das fast lutherische Thema des Pontifikats. Nicht von ungefähr galten die Buchveröffentlichungen des Professors auf dem Petri-Stuhl „Jesus Christus“, der zentralen Gestalt des Glaubens. Dass er die Evangelien immer wieder zum Ausgang seiner Mission gemacht hat, war signifikant. Es ist kein Zufall, dass besonders die protestantischen Freien Kirchen oft genauer und inniger Notiz von ihm nahmen, als es in katholischen Kreisen geschah.

Benedikts Anliegen war die „Neuevangelisierung“, vor allem in Europa und in Deutschland. Dass das „Jahr des Glaubens“, das er zum 50.Jahrestag des Zweiten Vatikanischen Konzils ausgerufen hatte, im deutschen Episkopat und in den Gemeinden ohne nennenswertes Echo geblieben ist, spricht Bände.

Nein, in seiner Heimat, die sich einst mit der Zeile „Wir sind Papst“ feierte, hatte es der Pontifex aus Bayern immer schwer. Seine Popularität sank, um im Jargon der Casting-Shows zu sprechen. In einer Umfrage von 2010, in der gefragt wurde „Wer verkörpert ein Deutschland, wie Sie es sich wünschen?“, rangierte der Papst abgeschlagen hinter Stefan Raab und Günter Grass, und nur knapp vor Mario Barth.

Die Weltkirche hat diesen Papst geliebt. Bei uns wurde er zur Spottfigur, an der sich pennälerhafte Satire-Magazine abarbeiten durften. Dass diesen deutschen Papst der Mut verließ, daran sind auch wir Deutschen schuld. Wir haben ihn, buchstäblich, auf dem Gewissen.

Erschienen in Rotary Magazin 3/2013

Matthias Matussek
Matthias Matussek ist Journalist und Autor der Tageszeitung „Die Welt“. Zu seinen Büchern gehören u.a. „Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können“ (Fischer 2006) und „Das katholische Abenteuer“ (Goldmann 2012). www.matthias-matussek.de

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