17.12.2014

Familie als gesellschaftliches Katastrophengebiet 

Zeit zur Umkehr

Matthias Matussek

Weihnachten ist das Fest der Familie – der bürgerlichen, wie der heiligen. Die Beiträge dieses Dezember-Titelthemas beschreiben die Rolle von Jesus, Maria und Joseph als abendländische Modell­gemeinschaft und widmen sich der Bedeutung der Institution Familie in einer Zeit, in der diese nicht mehr selbstverständlich ist.

Spätestens als der deutsche Ethikrat das Inzestverbot aufheben wollte, musste auch dem letzten klar werden, dass unsere durch- und neugegenderte Gesellschaft auf einen anthropologischen Nullpunkt zusteuert. Was bisher zweifelsfrei ein Tabu war – Inzest – und sowohl vom deutschen Strafgesetzbuch wie vom Europäischen Gerichtshof unter Strafe gestellt wird, soll zur Wiedervorlage kommen. Die Begründung für den Ethikrat: Man müsse die sexuelle Selbstverwirklichung höher bewerten als den Schutz der Familie oder mögliche erbliche Krankheiten. Oder in „gerechter Sprache“ ausgedrückt: Wenn es doch Liebe ist!

Natürlich fällt uns sofort ein, dass Inzest kulturell einherging mit Strafgerichten der Götter, und dass Ödipus, obwohl er tragischerweise seiner Mutter in Unkenntnis der verwandtschaftlichen Beziehung beischlief, nichtsdestotrotz auf Grausamste bestraft wurde. Das Inzest-Tabu sitzt tief, und es wird wieder und wieder von großen Künstlern benannt, umspielt, gewagt, in Tragische gewendet, ob bei Thomas Mann „Der Erwählte“) oder Richard Wagner („Die Walküre“). Warum nun diese Neuauflage?

Stoßtrupps in sexuelles Neuland

Wir haben ja nun einige Stoßtrupp-Unternehmungen in sexuelles Neuland hinter uns gebracht, das letzte war wohl der großangelegte Versuch interessierter Zirkel, die frühkindliche Sexualität zu erkennen und ihr die Freiräume zur Entfaltung zu schaffen. Besonders die Grünen mit ihren Kinderladen-Bewegungen taten sich darin hervor. Nun, das ist mittlerweile entschuldigt und gesühnt, aber es zeigte, dass sich das Niederreißen von Schambarrieren durchaus auf begeisterten Reformeifer stützen kann.

Nun also soll die Beziehung zwischen Vater und Tochter straffrei sein sowie die zwischen Mutter und Sohn – was für eine Bereicherung für unsere kompasslose Spätgesellschaft. Der Umbau geht zügig voran, in allen Bereichen. In den Schulen wollen, trotz massiven Protestes der Eltern, missionarische Latzhosenträger und grünlinke Pädagogen eine sogenannte Sexualerziehung verabreichen, die schon 7-jährigen das Grundlagenwissen über Dildos, Vaginalkugeln und Darkrooms vermitteln soll.

In allem aber soll der dominanten heterosexuellen Kultur energisch entgegengetreten werden mit anderen Spielarten, die es intensiv vorzustellen gilt. Zum Beispiel die homosexuellen Liebesformen, also die schwule und lesbische Liebe. Auch Transgender- und drittgeschlechtliche Formen der Liebe sollen ihre Chance erhalten. Mit anderen Worten: Die Abweichung von der Norm ist heute ebenso wichtig wie die Norm selber. Hier Hierarchien einzuziehen wäre diskriminierend!

Wie verwirrt unsere Gesellschaft unter dem Diktat des „anything goes“ ist, erlebte gerade die katholische Kirche, die eine Mitgliederbefragung durchführte und – wie sollte es auch anders sein – eine große Ablehnung der kirchlichen Sexualmoral diagnostizierte. Dass die Ehe zwischen Mann und Frau mittlerweile nicht mehr ein Bund fürs Leben ist, sondern eine Partnerschaft auf Zeit, zeigt einen bedauerlichen Verfall des Ehesakraments an. Besonders in unserer rasenden Scheidungsgesellschaft sollte doch eben dieses Sakrament wie ein Leuchtturm sein. Doch nicht wenige, vor allem die progressiven Bischöfe, plädierten leidenschaftlich dafür, die Wiederverheiratung mit dem kirchlichen Segen zu beschenken und damit die Kommunion der (bisher ausgesperrten) Wiederverheirateten zu ermöglichen.

Doch führte die Aussprache, die erbittert geführt wurde, zumindest die Tiefendimension, die Heiligkeit, ja: das katholische Menschenbild vor Augen, auf dem das Sakrament gegründet ist. Wenn Jesus bei Matt 19,1 sagt: „Was durch Gott im Himmel zusammengefügt wird, soll der Mensch nicht lösen“, tut er das auf einer ehrwürdigen Grundlage: der Genesis. Hier, im Frühdämmer der Schöpfungsgeschichte, werden Urbilder gemalt. Hier legt Gott das Grundmuster des Lebens fest. Er schafft Mann und Frau, und beide nach seinem Ebenbild. Mann und Frau werden ein Fleisch und sorgen dadurch für Nachkommen. Das Männliche und das Weibliche sind, wie Ying und Yan, in allen Kulturen als schöpferische Polarität erkannt. In der Tora sind Mann und Frau mit Gott im Bunde. Jesus, der gesetzestreue Jude, sieht darin das Elementarste überhaupt: dass Mann und Frau zusammen sind und zusammenbleiben, bis dass der Tod sie scheide.

Wir leben in Zerfallszeiten. Wir leben in Scheidungsgesellschaften. Und in Zeiten der biochemischen Allmacht. Heute ist es möglich, die Schwangerschaft zu planen wie einen Feldzug. Meistens wird sie relativ spät „unternommen“, zwischen zwei Karriereschritten. Ja, wir alternden Deutschen scheinen das natürliche Kinderkriegen verlernt zu haben, bei einer Geburtenrate von 1,3 pro Paar, Schlusslicht in Europa.

Biochemische Allmacht

Kinder bedeuten Probleme, Einschränkungen, Gefährdungen des Wohlstands und des individualistischen Glücks. Über 750 Millionen Euro geben die Deutschen für Erziehungsratgeber aus. Und wenn dann das Kind dann dort liegt in der Designer-Krippe, wird es mit unverhohlenem Misstrauen beäugt wie ein Außerirdischer. „Warum spricht es nicht? Warum hat es keine Haare? Kommt es in friedlicher Absicht?“. Mittlerweile bieten Firmen den Frauen an, ihre Eizellen einzufrieren, um die produktivsten Jahre ganz der Arbeit für die Firma widmen zu können – das Kind wird spätes Beiwerk.

Die Familie ist längst zum Katastrophengebiet geworden, ein Dürregebiet wie die Sahelzone, alle Bewässerungen vergeblich. Nach den meisten Scheidungen werden die Väter ausgegrenzt und kommen nur noch als Witzfiguren vor, die zahlen sollen. Die Demontage der Väter ist bedenklich. Die Demontage der Männer ist bedenklich. In der Werbung sind Männer die Trottel und Frauen diejenigen, die sich um die Erde und die Klimakatastrophe kümmern.

In diesen Zerrbildern und wachsenden Verfremdungen ist das, was wir Mann und Frau und Familie nennen, nur noch als blasser Abglanz der ursprünglichen Bestimmung zu erleben. Vielleicht wird es Zeit, statt eines Sexualkundeunterrichts, in dem Pennäler ein Bordell einzurichten haben, das Grundwissen über das zu erneuern, was früher Mann und Frau und Familie genannt wurde. Dazu gehört auch der Glanz, der über ihnen liegt. Die Heiligkeit, die von weit her kommt.

Und hier läge die große Aufgabe der Kirche. Sie sollte kein Wunschkonzert bieten. Sie sollte nicht dem nachrennen, was eine verunglückte Moderne mit ihren elementaren Glaubensartikeln anstellt. Sie sollte sagen: „Stopp, wir sind ganz anderer Meinung als der Zeitgeist. Aus diesem Grund sind wir Kirche.“ Die Kirche sollte nicht dem Volke hinterherlaufen – das wird ihr nicht honoriert. Wer sich so anbiedert, hat nichts zu bieten, denkt sich da die Kundschaft. Nein, die Kirche sollte das Volk auffordern, ihren Geboten zu folgen, den himmlischen Geboten. Nur dann ist sie den Menschen von Nutzen. Nur dann kann sie ihnen Orientierung und Halt geben. Nur dann bringt sie das verloren gegangene Heilige zurück in die Beziehung zwischen Mann und Frau.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2014

Matthias Matussek
Matthias Matussek ist Journalist und Autor der Tageszeitung „Die Welt“. Zu seinen Büchern gehören u.a. „Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können“ (Fischer 2006) und „Das katholische Abenteuer“ (Goldmann 2012). www.matthias-matussek.de

Rotary Magazin 9/2016

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