14.10.2013

Katastrophe in Syrien 

Gibt es einen gerechten Krieg?

Matthias Matussek

«Manchmal hilft auch die überzeugende Drohung» – Gedanken von Matthias Matussek.

Sie boten ein imposantes Bild, diese gut hunderttausend Gläubigen auf dem Petersplatz, die sich um Papst Franziskus geschart hatten, um mit ihm zu beten und zu fasten. Sie beteten gegen den Krieg, genauer: gegen die drohende Intervention der Vereinigten Staaten in Syrien, die womöglich weitere Unschuldige das Leben kosten, ja eventuell die gesamte Region in einer kaum berechenbaren Reaktion in Brand setzen würde.

Rückblende: Ein paar Wochen zuvor hatten Bilder die Weltöffentlichkeit erreicht, die in ihrem Horror kaum erträglich waren. Man sah zuckende Leiber, vergiftete Kinder, totenbleich, verkrümmt, Bilder aus einem Krieg, den Diktator Assad seit rund zwei Jahren gegen die eigene Bevölkerung auskämpfen lässt. Doch nun war eine neue Eskalationsstufe erreicht. Nun war tatsächlich Giftgas eingesetzt worden, eine in der Genfer Konvention geächtete Massenvernichtungswaffe. Präsident Obama, der bis dahin vor einer Verstrickung in den unübersichtlichen Konflikt zurückgescheut hatte, hatte genau einen solchen Chemiewaffeneinsatz als „rote Linie“ bezeichnet, die nicht überschritten werden dürfe. Nun stand er im Wort. Ein Militärschlag war in der Logik des Konflikts unvermeidbar. Man sprach von Tagen, wenn nicht Stunden. Bis zu jener ominösen Pressekonferenz, in der US-Außenminister John Kerry sagte, ein Militärschlag lasse sich nur verhindern, wenn Präsident Assad seine Chemiewaffen sofort ausliefere.

Was weder er noch die Anwesenden ahnen konnten, war die Reaktionsschnelligkeit der Russen, mit der sie ihre syrischen Alliierten drängten, der Forderung Kerrys nachzukommen. Nämlich das internationale Abkommen zum Chemiewaffenverbot zu unterzeichnen und die eigenen Depots zur Vernichtung freizugeben. Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass die russisch-syrische Bereitwilligkeit zur Kooperation ohne den amerikanischen Countdown zum Militärschlag nicht zustande gekommen wäre. Damit hätte die Drohung mit Gewalt tatsächlich Schlimmeres verhindert.

Doch die Frage bleibt: Kann es in unserer Zeit noch gerechte Kriege geben? Für die Kirche gab es sie in ihrer Geschichte. Die Kreuzzüge waren befeuert von einem frommen Rechtsgefühl, sie waren vom Papst abgesegnet und wurden geführt in dem Bewusstsein, Gottes Willen zu erfüllen, indem man den islamischen Okkupatoren die heiligen Stätten, die sie verwüstet hatten, wieder entwand. Damals wurde tatsächlich für den Krieg gebetet.

Normen eines gerechten Krieges

Komplizierter wurde der Fall, als im Dreißigjährigen Krieg die beiden christlichen Religionen übereinander herfielen und auf beiden Seiten im Namen Gottes gemetzelt wurde. Allerdings diente das Glaubensbekenntnis zunehmend nur als Vorwand, um in einer Epoche, in der sich die Territorialstaaten herausbildeten, Machtkalküle religiös auszukleiden.

Vielleicht müssen wir an die Wurzel der Überlegungen. Der Kirchenlehrer Augustinus definiert die Bedingungen für einen bellum justum, einen gerechten Krieg sehr genau. Zu ihnen gehört, dass er das letzte Mittel zur Wiederherstellung des Rechts bildet. Darüber hinaus muss er verhältnismäßig sein. Und er muss die Aussicht auf den Frieden befördern. Damit sind klare Kontrastkategorien zum Dschihad beschrieben, zum heiligen Krieg der Moslems. Verhältnismäßigkeit kennt dieser Krieg nicht. Er kann Terror einschließen, den Anschlag auf Unschuldige, den heimtückischen asymmetrischen Krieg. Auch die Aussicht auf Frieden ist nicht gegeben, denn er wird nach Anweisung des Propheten solange geführt, bis auch der letzte Ungläubige bekehrt ist.

Nun sind die meisten Konflikte in den letzten Jahren asymmetrischer Natur. Armeen kämpfen nicht gegen Armeen, sondern gegen Selbstmordattentäter, die sich hinter den feindlichen Reihen, oft mitten in der Zivilbevölkerung, in die Luft sprengen und den „Märtyrertod“ sterben. Die militärischen Fiaskos des Westens im Irak oder in Afghanistan haben gezeigt, dass solche Kriege auf Dauer nicht gewonnen werden können. Selbst der Sieg der vom Westen unterstützten Rebellen in Libyen hat nur einen mehr als prekären Frieden hinterlassen und ein von Clans kontrolliertes Territorium, das gefährlich nahe an dem liegt, was man als „failed state“ bezeichnen kann, einen gescheiterten Staat ohne jede Rechtssicherheit. Im Nachhinein ist also der aus dem Votum des Sicherheitsrat ausscherende Guido Westerwelle bestätigt worden – in Libyen ist das von Augustinus geforderte Gute, die Wiederherstellung des Rechts, nicht erreicht worden.

Vielleicht die letzte erfolgreiche humanitär sinnvolle Intervention – einen bellum justum – habe ich im Kosovo-Krieg erlebt, in dem die Nato einen Genozid verhindert hat. Viele der Flüchtlinge, die ich in den Zeltlagern bei Blace an der Grenze zu Montenegro gesprochen habe, wären ohne die militärische Hilfe des Westens dem sicheren Tod durch die serbischen Milizen preisgegeben gewesen. Auch hier übrigens war die Hintergrundmusik von Religionen eingespeist worden, diesmal versuchten serbische Christlich-Orthodoxe albanische Moslems zu morden. Damals standen die Deutschen an der Seite ihrer Verbündeten, und es war ausgerechnet eine rot-grüne Bundesregierung, die dafür sorgte.

In der Vorbereitung einer Militäraktion in Syrien dagegen stand die deutsche Politik wieder auf der Bremse, und die deutsche Öffentlichkeit, die gerne ihren bequemen Pazifismus pflegt, erst recht. Nun aber haben sich die Russen, die ewigen Quertreiber im Sicherheitsrat, wider Erwarten mit den Vereinigten Staaten auf eine Resolution zur Beseitigung der Chemiewaffen geeinigt. Damit ist das Schlachten in Syrien, das bisher über hunderttausend Menschenleben gekostet hat, längst nicht vorbei. Auch die Christen dort unten, die mittlerweile verstärkt im Fadenkreuz muslimischer Terrororganisationen liegen, müssen weiter um ihr Leben zittern. Doch der Interventionsgrund, der Chemiewaffeneinsatz, scheint in letzter Minute friedlich aus der Welt geschafft werden zu können.

Gottes Wege sind unergründlich. Manchmal helfen Gebete. Manchmal aber hilft auch die überzeugende Drohung.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2013

Matthias Matussek
Matthias Matussek ist Journalist und Autor der Tageszeitung „Die Welt“. Zu seinen Büchern gehören u.a. „Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können“ (Fischer 2006) und „Das katholische Abenteuer“ (Goldmann 2012). www.matthias-matussek.de

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